In der DDR existierte keine freie Medienlandschaft. Eine Berichterstattung über die pogromartigen Ausschreitungen fand nicht statt. Nur der besagte Prozess führte zu den einzigen DDR-Veröffentlichungen, so in der Thüringer Landeszeitung vom 22. August und in Das Volk vom 21. August, die sehr kurz und nichtssagend gehalten wurden. Wie ein Dokument des MfS zeigt, waren sie offenbar durch die Geheimpolizei vorbereitet oder redigiert worden (Entwürfe einer Presseveröffentlichung, o.D. BArch, MfS, BV Erfurt, AU 1507/75, Bd. 3, o. Bl. PDF).
Aufgrund der fehlenden Medienberichte konnten sich die Menschen kein differenziertes Bild von den Ereignissen machen und glaubten offenbar den kursierenden Gerüchten mit übertriebenem oder erfundenem Inhalt. Die Reaktionen in der Bevölkerung richteten sich vornehmlich gegen die Algerier, wie auch der Bericht eines IM zeigt (Bericht, 20.8.1975. BArch, MfS, ZAIG, Nr. 30554, Bl. 39 f. PDF).
Die Stasi schrieb von häufigen verbalen Angriffen „in gemeiner Weise“ gegen die algerischen Arbeitskräfte. So sei den Algeriern im Wohngebiet neben rassistischen Beleidigungen zugerufen worden, sie sollten „nach Hause“ abhauen. An den Arbeitsstellen wären sie verächtlich gemacht worden mit „alles faule Hunde“. In der Diskothek Freundschaft seien Algerier gezwungen worden, ihre Plätze für Deutsche frei zu machen (Information, 12.8.1975. Ebenda, Bl. 80).
In einem Herren-WC des VEB Verkehrskombinats Erfurt (in dem keine Algerier tätig waren) stellte die Stasi eine rassistisch motivierte Schrift fest. Die Stasi konnte den Urheber ermitteln und verhaften (Schmiererei, 20.8.1975. Ebenda, Bl. 131 f. PDF).
Die Staatssicherheit fasste schon nach den Ereignissen vom 12. August zusammen, dass es zweckmäßig sei, „innerhalb der Betriebe und besonders unter der DDR-Bevölkerung politisch-ideologisch stärker wirksam zu werden und den Einsatz dieser algerischen Staatsbürger entsprechend zu begründen.“ (Information, 14.8.1975. BArch, MfS, ZAIG, Nr. 2420, S. 21).
Die SED-Bezirksleitung Erfurt verteilte an ihre Betriebsparteileitungen ein Papier („Argumentation“) über den Hintergrund des Einsatzes der algerischen Arbeiter und die „Versuche rowdyhafter [DDR-]Elemente zur Störung der öffentlichen Sicherheit und Ordnung“ (BArch, MfS, ZAIG, Nr. 30554, Bl. 35–37 PDF).
Weiterhin fanden in Erfurt am 18. und 19. August „Aktivtagungen“ der SED und ihrer Massenorganisation Freie Deutsche Jugend (FDJ) (Monatliche persönliche Information [Auszug], 4.9.1975. BArch, DY 24/9236 unpag. PDF) sowie Gespräche mit Funktionsträgern statt, um Multiplikatoren für die eigene Sichtweise zu schulen. Hier wurden westliche Einflüsse auf die Tatausübenden betont, der Rassismus also externalisiert. Die Stasi glaubte danach erkennen zu können, dass die folgenden Betriebsversammlungen einen „grundlegenden Stimmungsumschwung“ gebracht hätten (HA VII: Bericht, 9.9.1975. BArch, MfS, ZAIG, Nr. 30554, Bl. 22). Weitere rassistische Vorfälle in Thüringen und darüber hinaus, weisen, wenn überhaupt, jedoch auf einen nur begrenzten Erfolg hin.