Fall 1: Geschwister Liefmann
HOST
Nach dem zweiten Weltkrieg bot die noch junge Bundesrepublik den
Opfern und Verfolgten des Naziregimes so genannte
“Wiedergutmachungszahlungen”. Doch nicht nur der Begriff war
problematisch, auch der Prozess, eine solche Zahlung zu
erhalten, gestaltete sich häufig als äusserst schwierig. Denn
die Sachbearbeiter, die über die Zahlungen entschieden,
urteilten sehr unterschiedlich. Teilweise mit äusserster Härte,
manchmal voller Verständnis. Aber stets nach geltender
Gesetzeslage.
Das Landesarchiv Baden-Württemberg möchte diesen Teil deutscher
Historie mit diesem Podcast wieder sichtbar machen und hat
einige Entschädigungsakten ausgesucht, die nicht nur zeigen,
welche Geschichten sich hinter den bürokratischen Verfahren
verbergen, sondern auch, wie chaotisch die Regelungen teilweise
waren. Und wie ein Land versucht hat, das Grauen aufzuarbeiten,
dass es gerade erst begangen hat.
Geschichte wird wieder lebendig, durch “Sprechende Akten”.
<Titelmusik>
HOST
Willkommen zu einer neuen Folge unserer sprechenden Akten. Im
heutigen Fall erzählen wir die Geschichte der Geschwister
Liefmann, Robert, Martha und Else, die zwar, in weiser
Voraussicht ihrer vormals jüdischen Eltern, evangelisch
getauft waren, aber trotzdem deportiert wurden. Und mit was
für einer bewundernswerten Hartnäckigkeit die jüngste
Schwester Else das geschehene Leid und Unrecht nicht einfach
hinnehmen wollte und die Wiedergutmachungs-Behörden damit
zeit ihres Lebens beschäftigte.
Hamburg, in den 1870er Jahren. Der Wittenberger Semmy trifft
die kölsche Auguste. Und die beiden beschliessen zu heiraten.
Semmy ist zu dem Zeitpunkt ein erfolgreicher Geschäftsmann in
Hamburg. Doch eines bereitet den beiden Kopfzerbrechen: Der
schon damals aufkeimende Antisemitismus. Denn Semmy und
Auguste sind jüdisch. Deswegen beschliessen sie einen
radikalen Schritt...
<Wir sind in einer Wohnung, entfernt sind Hafengeräusche zu
hören, es ist Abend>
SEMMY
Auguste, wir müssen es tun.
2.
AUGUSTE
Semmy, ich weiß. <schluchzt ein bisschen>
<Sie treten in ein Zimmer ein>
PFARRER
Ah, die Eheleute Liefmann. Ich freue mich, Sie zu sehen.
Haben Sie sich das auch gut überlegt? Wir wollen hier ja
niemanden missionieren...(lacht unsicher)
SEMMY
Ja, Herr Pfarrer, es ist besser so. Schon alleine für unsere
Kinder.
PFARRER
Nun gut. Dann wollen wir mal. Das gute ist doch, dass Sie
unter Gottes Obhut bleiben.
HOST
Semmy und Auguste Liefmann sind zum evangelischen Glauben
konvertiert. In Hamburg zu der Zeit die verbreitetste Form
des Christentums. Und so gründeten sie ihre Familie in
Hamburg. Und die wuchs und wuchs. Am 4. Februar 1874 kam
Robert zur Welt.
<Babyschrei>
HOST
Am 13. Mai 1875, nur ein Jahr später, erblickte Alfred das
Licht der Welt.
<Babyschrei>
HOST
Wieder nur ein gutes Jahr später, am 19. Juni 1876, kam das
erste Mädchen in die Liefmann-Familie: Martha.
<Babyschrei>
HOST
Am 7. August 1877, sie ahnen es bereits, stand wieder
Nachwuchs ins Haus: Harri kam auf die Welt.
<Babyschrei>
HOST
Und da dachten alle, die Familienplanung sei abgeschlossen.
Aber nicht mit Semmy und Auguste: Vier Jahre später, am 27.
Mai 1881, - andere Quellen sagen übrigens am 25. Mai, der
exakte Tag ist anscheinend ein wenig unklar - kam dann das
letzte Liefmann-Kind: Else.
<Babyschrei - endet mit Hall>
(MORE)
3.
HOST
Die Liefmanns waren eine tüchtige, angesehene, gebildete
Kaufmannsfamilie. Der Älteste zum Beispiel, Robert, studierte
in Berlin, Brüssel, München und Freiburg Nationalökonomie und
Rechtswissenschaften. Nach einem Studienaufenthalt in
Großbritannien, wurde er 1904 Professor für Nationalökonomie.
Im selben Jahr konnte Else endlich ihr Studium der Medizin
aufnehmen - sie musste erst, das war für Frauen damals so
üblich, Primarschullehrerin werden - welches sie 1908 mit dem
Staatsexamen abschloss. Da war die Familie aber schon lang
nicht mehr in Hamburg. Sondern in...
<Eine Straße im Sommer, Vogelgezwitscher, Menschen laufen
vorbei, man hört vereinzelt Kutschen, Fahrräder, Passanten>
ELSE
Vater, warum ausgerechnet Freiburg?
SEMMY
...im Breisgau! So viel Zeit muss sein. Wartets nur ab,
Kinder, das wird euch gefallen. So, wenn ihr euch einmal
umdrehen mögt...?
<mehrere Leute drehen sich um, alle stossen Laute des
Erstaunens aus - ausser Semmy>
SEMMY
Na? Hab ich euch zu viel versprochen? Herzlich Willkommen im
neuen Heim der Familie Liefmann!
AUGUSTE
(fasst sich als erstes) Es ist wunderschön, Semmy.
SEMMY
(leise) Und vor allem weit weg von dieser vermaledeiten
Cholera.
HOST
In den 1880ern hatte die Cholera noch deutsche Städte im
Griff, so auch Hamburg. Es muss zu dieser Zeit gewesen sein,
als Semmy beschloss, mit seiner Familie weit weg von dort zu
ziehen. Und so zog er mit Sack und Pack 1885 nach Freiburg
und baute ein paar Jahre später, 1894, das Haus in der
Goethestr.33, um seiner Familie ein prachtvolles Zuhause
bieten zu können. Doch kaum in der neuen Stadt angekommen,
suchte sie das erste Unglück heim: Vater Semmy starb nur ein
Jahr später. Nun war Auguste allein mit den Kindern.
Andererseits: Was heißt hier “Kinder”? Else war mit 14 die
jüngste, aber der zweitjüngste, Harri, war schon 18. Alfred
wurde Bankbeamter und zog nach Berlin, wo er eine eigene
Familie gründete. Harri studierte in München und wurde
Privatdozent für Bakteriologie und Hygiene an der Universität
in Halle.
HOST (CONT’D)
4.
Und war nebenbei sogar noch ein sehr ambitionierter und
starker Fussballer, weswegen er kurz nach dessen Gründing
sogar zum Vorsitzenden des Freiburger FC gewählt wurde! Diese
Liefmann-Kinder waren jedenfalls aus dem Haus. Robert
studierte zu Anfang noch in Freiburg, bevor auch er die Welt
eroberte. Blieben nur noch Martha und die junge Else. Martha
begann Gedichte zu schreiben und sich um den Haushalt zu
kümmern. Und Else durfte, wie gesagt, nach Umwegen endlich
studieren. Medizin in Freiburg. Sie lernte in verschiedenen
Kliniken, bis es 1915 endlich so weit war.
<Gläser klimpern, Menschen reden, festliche Stimmung, jemand
klimpert an sein Glas um eine Rede zu halten>
ELSE
Ich freue mich, dass ihr alle heute hier seid. Mutter,
Robert, Martha und meine ganzen Freunde und Kollegen. Es sind
schwierige Zeiten da draussen. Deswegen kann auch mein lieber
Bruder Harri nicht bei uns sein, weil er an der Front hilft.
Aber das soll uns nicht daran hindern, dafür zu sorgen, dass
es den jüngsten in unserer Gesellschaft hier bei uns gut
geht. Dass wir sie nicht vergessen oder übersehen. Deswegen
heiße ich euch alle Willkommen, hier, in der Gartenstraße 30,
in der Praxis für Säuglings- und Kinderkrankheiten und
ärztliche Erziehungsberatung von <kichert, reisst sich aber
schnell wieder zusammen> Dr. Else Liefmann! Prost! Lachaim!
Auf das Leben!
<Alle prosten zu, gute Stimmung, verhallt plötzlich>
HOST
Am 30. Oktober desselben Jahres fällt Harri Liefmann an
vorderster Front. Er wurde 38 Jahre alt. Und nur fünf Jahre
später stirbt Alfred in Leipzig, am 22. März 1920. Er wurde
44.
<Musik>
HOST
In Freiburg waren jetzt Martha, Else und Robert, der
mittlerweile an der Uni Freiburg lehrte und deswegen wieder
zurück war, allein mit Mutter Auguste im Haus. Die Mutter
passte ihr Testament dementsprechend an und sollte sie
sterben, würden die drei Kinder das Haus erben. Und die
erlebten durchaus abwechslungsreiche 20er Jahre, voller Hochs
und Tiefs:
Else, noch nicht ausgelastet mit ihrer Ärztinnen- und
Lehrerinnen-Tätigkeit, begann sich politisch zu engagieren
und wurde Stadtverordnete für die liberale “Deutsche
Demokratische Partei” im Freiburger Stadtrat. Ausserdem war
sie Mitgründerin des Deutschen Ärztinnenbunds.
5.
Martha hatte zwischenzeitlich Kunstgeschichte studiert und
schrieb nun entsprechende Abhandlungen und Robert führte
seine Professorentätigkeit aus - nachdem er in den 20ern
sogar eine Zeit lang im Rollstuhl verbringen musste, weil er
an Muskelschwäche litt. Vermutlich eine Nachwirkung seines
Einsatzes im ersten Weltkrieg als Ballonführer über den
Vogesen. Aber auch, als er wieder laufen und seine
Lehrtätigkeit aufnehmen konnte - etwas hatte sich verändert.
<Abendessen am Esstisch der Familie Liefmann. Besteck
klimpert, es wird aufgetischt. Getränke werden eingeschüttet>
AUGUSTE
Kommt, Kinder, das Essen ist fertig.
MARTHA
Ja, kommt, das wird doch alles kalt!
<Else und Robert kommen ins Zimmer>
ELSE
Schon gut, wir sind doch schon da.
ROBERT
Iat doch sowieso gut, wenn das etwas abkühlt. Du servierst ja
immer Lava, liebe Martha. <lacht>
MARTHA
Nicht frech werden, Brüderchen! Aber hier, ich puste es ein
bisschen, für das empfindliche Proffessörchen. <pustet, alle
lachen>
AUGUSTE
Jetzt ist aber gut, setzt euch, Kinder. Ich hab einen
Bärenhunger und will endlich anfangen.
<Alle setzen sich, tun sich auf, beginnen zu esssen>
ROBERT
Ich muss euch was erzählen: Heute hat mich ein Student hinter
meinem Rücken “Drecksjude” genannt. Ich habs gehört, aber ich
hab mir nichts anmerken lassen.
ELSE
Hör auf!
ROBERT
Wirklich wahr. Diese verdammten Hitlerleute sind mittlerweile
überall. Dreckspack.
AUGUSTE
Robert, bitte! Wir essen gerade! Ich will solche Ausdrücke
nicht am Abendbrot-Tisch hören. Ich will sie eigentlich
überhaupt nicht hören!
6.
ROBERT
Entschuldige Mutter.
ELSE
Aber es stimmt, was er sagt.
AUGUSTE
Das ist mir egal, ich will diese Gossensprache nicht an
diesem Tisch!
ELSE
Natürlich Mutter, entschuldige bitte.
<Alle essen schweigend weiter, nach einiger Zeit>
MARTHA
Wusstet ihr, dass Hitler ein äusserst bescheidener
Landschaftsmaler war? Ich hab an der Uni ein paar seiner
Bilder gesehen...für die Kunstwelt ist es jedenfalls kein
Verlust.
<Stille, dann prusten Else und Robert los, alle lachen -
vielleicht auch als Erlösung - Szene fadet aus>
HOST
Am 26. Juli 1931 stirbt Auguste im Alter von 80 Jahren.
Robert, Martha und Else erben das Haus und alles, was dazu
gehört. Nur gute eineinhalb Jahre später, wird Hitler zum
Reichskanzler ernannt. Und damit geraten die Liefmanns ins
Visier der Nazis.
<Roberts Büro an der Uni, eine Uhr tickt, dumpfe
Frühlingsgeräusche klingen von draussen herein, ein Telefon
klingelt, Robert geht ran>
ROBERT
Profesor Robert Liefmann, mit wem hab ich das Vergnügen? ...
Ach, Else! Schwesterherz! Was gibts?...Die haben was?...Die
können dir doch nicht einfach so...wir sind doch gar keine
Juden, wir sind doch Protestanten!...Was?...
<Es klopft>
ROBERT
Du, ich muss auflegen, hier will jemand mit mir sprechen. Wir
besprechen das alles heute beim Abendessen. Ja, bis nachher.
<er legt auf>. <zur Tür, laut> Ja, bitte?
<Die Tür geht auf>
DEKAN
Herr Professor, ich muss dringend mit Ihnen sprechen.
(MORE)
7.
ROBERT
Was gibts denn, Herr Dekan?
DEKAN
Nun, ich weiß nicht, wie ich Ihnen das schonend beibringen
kann. Es fällt mir auch schwer...nur...mir sind die Hände
gebunden, das müssen Sie verstehen...die neue Regierung
Hitler...nun ja.
ROBERT
Ich weiß wirklich nicht, worauf Sie hinaus wollen, werter
Dekan.
DEKAN
Ja...also...nun. Sie sind entlassen. Ihnen wird der Lehrstuhl
entzogen.
ROBERT
Das muss ein Scherz sein!
DEKAN
Ich fürchte nicht. Laut Berufsbeamtengesetz dürfen wir Sie
nicht mehr beschäftigen. Hören Sie, ich will das ja auch
nicht. Sie sind unbestitten eine Koryphäe auf Ihrem Gebiet,
aber..
ROBERT
Ich bin nicht mal Jude, ich bin Protestant! Ich bin
evangelisch getauft!
DEKAN
Das spielt wohl keine Rolle. Ihre Eltern...
ROBERT
...waren auch Protestanten!
DEKAN
Ja, aber wohl nur konvertiert, nicht wahr? Wie dem auch sei.
Ich lasse Sie in Ruhe packen und dann müssten Sie noch heute
das Büro räumen. Es tut mir aufrichtig leid.
<verlässt schnell das Büro>
ROBERT
Was passiert hier, was passiert hier?!?!
HOST
Robert verlor seine Professur, Else ihre Kassenzulassung und
damit ihre Praxis - die Liefmann-Kinder waren plötzlich
arbeitslos. Dass sie evangelisch getauft wurden, ihr ganzes
Leben lang evangelisch gelebt haben, spielte alles keine
Rolle in Nazi-Deutschland. Durch das Rassegesetz von 1935
galten sie dann schlussendlich als sogenannte “Volljuden”.
HOST (CONT’D)
8.
Und das führte fünf Jahre später auch in Freiburg für sie zu
einer weiteren Eskalation.
(Bei dem Wort “Eskalation” wird alles langsamer, so als ob
ein Band stoppt und es endet mit einem Tastengeräusch, als
würde jemand an einem Tonbandgerät die Pausetaste drücken)
HOST
An dieser Stelle mal ein kleiner Einschub, weil das
vielleicht nicht jeder so genau weiß, was es mit diesen
Rassegesetzen und der Bezeichnung “Volljuden” auf sich hat.
Also: Am 15. September 1935 erließ der Reichstag, der
eigentlich nur noch eine Art Scheinparlament war, die
sogenannten “Nürnberger Gesetze”. Die waren der mehr oder
weniger juristische Beginn der Diskriminierung jüdischen
Lebens und die Vorstufe zum Holocaust. In ihnen wurde
geregelt, wie sich Deutsche Jüdinnen und Juden gegenüber zu
verhalten haben und sie degradierten Juden zu Menschen
zweiter Klasse, mit denen keine Beziehungen eingegangen
werden durften. Das war das “Gesetz zum Schutze des deutschen
Blutes und der deutschen Ehre“. Ebenfalls geregelt wurde die
Unterteilung in Volljude, Dreiviertel-, Halb- und
Vierteljude, je nach Religion der Vorfahren. Es war ein
perfides, kaum zu durchblickendes System, das nur dazu
diente, jüdisches Leben zu vernichten. Zurück zu den
Liefmanns nach Freiburg. Am Morgen des 22. Oktober 1940.
(Die Pausetaste wird wieder gelöst, das Tonband läuft wieder
an, aus dem langsamen Geleier werden die folgenden
Naturgeräusche:)
<Morgenstunde, vereinzelte Vögel, vielleicht ein Kuckuck,
vielleicht eine letzte Eule, schnelle und strenge Schritte
auf Kies, dann ein lautes Klopfen>
GESTAPO MANN
Aufmachen, Familie Liefmann, wohnhaft in der Goethestr 33,
machen Sie sofort die Tür auf!
<ein verschlafener Robert öffnet>
ROBERT
Was machen Sie um diese Zeit denn hier? Wer sind Sie? Was
wollen Sie?
GESTAPO MANN
Gestapo Freiburg, Sie werden e-va-ku-iert (sehr gestelzt
betont). Packen Sie, was Sie tragen können, Sie haben eine
Stunde Zeit.
ROBERT
Bitte? Evakuiert? Wovor denn? Wir sind doch nicht in Gefahr!
9.
GESTAPO MANN
<scharf> Sie haben mich ganz genau verstanden, Jude. Sie und
Ihre Schwestern haben eine Stunde Zeit zu packen, dann
bringen wir Sie von hier fort.
ROBERT
Aber wohin?
GESTAPO MANN
Ich bin nicht befugt, Ihnen darüber Auskunft zu erteilen. Und
nun, sputen Sie sich!
ELSE
<kommt aus dem Hintergrund> Was ist denn los, Robert?
ROBERT
Else, pack deine Sachen. Wir müssen weg.
HOST
Am Morgen des 22. Oktobers 1940 wurden aus Freiburg 350
Jüdinnen und Juden, im Zuge der sogenannten Wagner-Bürckel-
Aktion, ins südfranzösische KZ Gurs deportiert - was die
Nazis übrigens mit dem Wort “evakuiert” versucht haben
freundlich klingend zu verschleiern. Unter den Verschleppten
waren eben auch die Geschwister Liefmann. Else schrieb über
die Deportation später folgendes:
ELSE
Für uns persönlich verlief die zwei Tage und Nächte währende
Reise relativ gut. Die Begleitmannschaft im Zug waren SSLeute.
Fragt mich nicht, wie sie sich benahmen in diesen
letzten Stunden, bis sie in Lyon verschwanden, nachdem sie
ihre diebischen und sadistischen Instinkte an den Wehrlosen
ausgelassen hatten.
HOST
In Gurs wurden die Geschwister dann nach Geschlecht getrennt
untergebracht. So konnten immerhin Else und Martha im Lager
zusammenbleiben.
<Musik>
HOST
Das Leben im Lager in Gurs war grausam. Else schrieb:
ELSE
Unsere Lage ist schrecklich. Die Anzahl der Dysenterien ist
groß und keine Möglichkeit der Desinfektion. In Roberts
Bezirk herrscht Typhus.
10.
HOST
Aber die Liefmanns versuchten die Zeit zu nutzen: So haben
sich Else und Martha sehr engagiert, vor allem Else als
Ärztin, um die Mitgefangenen zu trösten und zu versorgen.
Laure Schindler war als 13-jähriges Mädchen inhaftiert und
hat viele Jahre später über ihre Begegnung mit den Liefmann-
Schwestern in Gurs folgendes geschrieben:
LAURE
Sie haben es mir nicht nur ermöglicht, körperlich gesund zu
überleben, sondern sie haben auch in gewisser Weise die Seele
dieses kleinen Mädchens gerettet, indem sie sich mit mir
beschäftigt und mir beigebracht haben, vor allem die
Schönheit der umliegenden Berge und der eindrucksvollen
Sonnenuntergänge schätzen zu lernen – einen Anblick, den uns
hinter unseren Stacheldrahtzäunen niemand nehmen konnte. So
hatten wir insbesondere unseren ganz eigenen Berg. Seine
beeindruckende Schönheit, wie majestätisch er vor allem bei
Sonnenuntergang da lag, gab mir die nötige Kraft sowie ein
Gefühl von Stabilität, Unerschütterlichkeit und innerem
Frieden, so dass ich für einen Augenblick den Ort ganz
vergessen konnte, wo ich zu leben gezwungen war. Ich denke
auch, dass meine Leidenschaft für die Berge von jenem Ort
herrührt, wo ich hinter Stacheldraht, der magere Körper
bedeckt mit Läusen, eingeschlossen war und oft schreckliche
Angst empfand. Martha und Elsie haben mir geholfen, dass ich
den Boden nicht unter den Füßen verloren habe.
HOST
Über Umwege schafften es die Liefmanns nach nur ca einem
halben Jahr schon Hafturlaub zu beantragen und das Lager zu
verlassen. In ihrer Situation einerseits ein Glücksfall, denn
diese Hafturlaube wurden nur sehr selten genehmigt.
Andererseits kamen sie aber auch nur bei besonders schweren
Erkrankungen zustande. In ihrem Fall hatte es Robert
getroffen - es sah nicht gut aus. Aber immerhin: Raus aus dem
Lager. Wenn sie auch nicht weit gekommen sind: Ihr Hafturlaub
fand in Morlaas statt, ein Dorf, keine 60 km von Gurs
entfernt. Auch dort waren sie unter ständiger Beobachtung
durch die Nazis. Aber das Blatt schien sich für die
Geschwister zu wenden... Robert, der ja auch in den USA
angesehen war, hatte vor einiger Zeit die Universität in New
York kontaktiert, die sich daraufhin für seine Ausreise
engagierte und sie nun tatsächlich ermöglichte. Vielleicht
würde Robert in die USA auswandern können! Und vielleicht
sogar seine Schwestern mitnehmen können!
<es klopft hektisch an Elses Tür>
ELSE
Herein!
11.
MARTHA
<kommt ins Zimmer gestürmt> Else! Schwesterchen! Robert!
ELSE
Was ist mit Robert?
MARTHA
<schluchzend> Er...hat es nicht geschafft, Elschen. Robert,
unser Robert...ist tot!
HOST
Am 20.3.1941 starb Robert Liefmann in Morlaas, vermutlich an
einer Blutvergiftung, die er sich im Lager in Gurs zugezogen
hat. Er wurde 67 Jahre alt. Die Nachricht über seine
Ausreisegenehmigung in die USA erreichte die Schwestern nur
wenige Tage nach seinem Tod.
Was folgte war ein anstrengender Prozess und Kampf um die
Ausreisegenehmigungen. Zuerst schaffte es Martha, die
begehrte Sondergenehmigung zu bekommen. Am 8. April bekam sie
die Erlaubins, am 25. April verliss sie Deutschland in
Richtung der Schweiz und ging nach Genf. Für Else lief es
nicht so problemlos. Sie schaffte es zuerst nur innerhalb
Frankreichs verlegt zu werden, nach Dieulefit, im Dezember
1941. Von dort aus gelang es ihr, im September 1942 dank der
Unterstützung von Fluchthelfern ebenfalls in die Schweiz zu
fliehen. Über die Berge Savoyens.
<Wind pfeift, ein Auto bahnt sich seinen Weg, es regnet, das
Auto ächzt sich einen Weg hoch, der Motor gibt alles>
FLUCHTHELFER
<klopft aufs Armaturenbrett> Komm schon, alte Mühle, das
schaffst du!
ELSE
Ich hab noch nie jemanden gesehen, der mit seinem Automobil
spricht! Und ich hab schon einiges gesehen!
FLUCHTHELFER
Manchmal hilfts! Ich war schon mal in einem Unf- oh, da kommt
jemand den Berg runter! Schnell, Else, versteck dich unter
der Decke! Du musst jetzt ganz still sein!
<Der Wagen wird langsamer, ihm gegenüber hält ebenfalls ein
Auto, die Fahrer rufen sich aus ihren geöffneten Fenstern zu>
SOLDAT
Guten Abend, wo wollen Sie hin?
FLUCHTHELFER
Guten Abend, Monsieur. Ich muss nur eben noch ein bisschen
Holz auf die Hütte, oben in den Bergen bringen. Geht ganz
schnell!
(MORE)
12.
SOLDAT
Hmm <überlegt>. Na gut. Aber fahren Sie vorsichtig! Der Regen
hat die ganze Straße aufgeweicht!
FLUCHTHELFER
Natürlich! Danke Ihnen! Ich bin ganz vorsichtig!
SOLDAT
Heil Hitler!
FLUCHTHELFER
<fährt los> Ja, äh, Heil...Hitler! <Der Wagen fährt los und
fährt ein gutes Stück> So, ich glaube die Luft ist rein. Du
kannst wieder rauskommen, Else.
ELSE
Ein Glück! Ich dachte schon, ich muss in der alten Decke
ersticken
FLUCHTHELFER
Also, wir fahren bis zu dem Waldstück da vorne. Ab dort
müssen wir zu Fuß weiter, aber da kommt ein Stück, das so gut
wie nicht kontrolliert wird. Wenn wir da rüber kommen, haben
wir es geschafft! Dann bist du in der Schweiz.
ELSE
Endlich! Ich kann es kaum erwarten!
HOST
Else gelingt die Flucht. Wohl auch weil ihr, wie sie später
schreibt, die Gefahr, die damit verbunden war, gar nicht so
bewusst gewesen ist. Sie und Martha lassen sich in Zürich
nieder. Von dort aus beobachteten sie, wie Nazideutschland
sich erst noch einmal aufbäumt und dann, endlich, untergeht.
Hitler war tot und die deutsche Wehrmacht erklärt am 8.Mai
1945 ihre bedingungslose Kapitulation. Aber mit diesem Moment
sollte, vor allem für Else, ein Kampf losgehen, in dem sie
vor allem Anerkennung einforderte, für das Unrecht, dass ein
ganzer Staatsapparat ihr und ihrer Familie angetan hat.
<Musik>
HOST
An den Polizeipräsidenten der Stadt Freiburg erging am
19.11.1940 ein Brief des “Amts für Volkswohlfahrt” der NSDAP.
Nur gute zwei Wochen nachdem sämtliche Jüdinnen und Juden und
die, die von den Nazis als solche markiert wurden, allesamt
aus der Stadt deportiert worden waren.
NAZISTIMME
Betreff: Judenhäuser. Für folgende Wohnungen und Häuser haben
wir für unsere Zwecke Interesse: 1. Holbeinstr.5, 2.Kirchstr
45 (zwei Stockwerke), 3. Sternwaldstr.5 (wenn der zweite
Stock mit dem ersten Stock getauscht werden kann), 4.
NAZISTIMME (CONT’D)
13.
Zasiusstr.119 sowie 5. Zasiusstr.53, 6. Das Haus
Rempartstr.8, 7. Die Räume Erbprinzenstr.1, 8. Die Räume
Eisenbahnstr.6, 9. Münchhoftsr.4 ferner die ganzen Häuser 10.
Holbeinstr.5, 11. Goethestr.33 Und 12. Schöneckstr.6. Wir
bitten Sie uns die Möglichkeit zu geben, die Räume in den
nächsten Tagen zu besichtigen. Heil Hitler! Der Leiter der
Wohnfahrtsabteilung, in Vertretung gezeichnet Albrecht.
HOST
Sie konnten es also kaum erwarten, sich die Filetstücke unter
den Nagel zu reissen. Sich an den Enteignungen zu bereichern.
Und es kam sogar noch schlimmer: Die Goethestr.33, das Heim
der deportierten Familie Liefmann, wurde ihnen nicht nur
entrissen, es wurde auch noch, 1941, angemietet von der
Gestapo! Ausgerechnet jener Nazi-Polizei, die die Familie am
Morgen abgeholt hat. Und es ist fein säuberlich dokumentiert,
wie sie die ganzen lokalen Gewerke die Liefmann-Villa für
ihre Zwecke haben umbauen lassen.
<Collage: Die ganzen Sätze gehen ineinander über, “fliegen”
durch den Raum, verschiedene Stimmen (müssen ja keine prof
Sprecher sein, in dem Fall), werden immer kürzer, zu einem
übereinander lappenden Stimmgewirr>
STIMMGEWIRR
Willi Schmitz, Schlossermeister. Haus Goethestr 33,
Luftschutzraum, Kellerfenstergitter raus gehauen, 2
Reichsmark 80. An den Holzladen ein Riegelschloß mit zwei
Schlüssel und Schließblech angebracht, 4 Reichsmark 60...
Jakob Rottler, Rolladenfabrik. Rolläden in Ordnung gebracht,
1 Reichsmark 75
Valentin Schneider, Gipser- und Stukkateurgeschäft. Sechs
Gipserstunden a 1 Reichsmark 40: 8 Reichsmark 40. Ein Kübel
Mörtel, 0 Reichsmark 85. Ein halber Kübel Rheinsandmörtel a
eine Reichsmark: 0 Reichsmark 50. Insgesamt 9 Reichsmark 75
Emil Feinigner, Werkstatt für Malerei. Wandfläche an der
hinteren Fassade abbürsten, neue Putzstellen vorstreichen,
teilweise vorspachteln und zweimal Ölfarbe: 115,56
Quadratmeter a 1 Reichsmark 35 ergibt: 156 Reichsmark.
Spiegelhalter und Schneider, Elektrotechnisches
Installationsbüro.
Alois Göhr, Schornsteinfegermeister.
August Boll, Zentralheizungen.
<abruptes Ende>
14.
HOST
Und am Ende all dieser Arbeiten hatte die Gestapo eine neue
Zentrale in Freiburg.
<Musik>
HOST
Zurück zum Kriegsende. Else und Martha sassen also in Zürich
und erlebten von dort, wie ein Land versuchte wieder auf die
Beine zu kommen, nachdem es so viel Leid in der Welt
verursacht hat. Und natürlich wollten sie Gerechtigkeit. Für
das, was ihnen angetan wurde. Für das, was ihrem Bruder
angetan wurde. Gerechtigkeit und Vergeltung für die ganzen
Verbrechen. Am 17. Dezember 1946 ging deswegen ein Brief beim
Badischen Landesamt für kontrollierte Vermögen ein. Da es
noch keine offizielle Wiedergutmachungsbehörde gab, wandte
man sich an diese Adresse, wenn man Schadensersatz forderte.
Der Brief war von einem Freiburger Anwalt namens Willy
Heynen. Und er schrieb:
WILLY HEYNEN
Betrifft Anwesen Goethestr.33. Wiedergutmachung für 1.) Frau
Dr.med.et phil.Else Liefmann, 2.) Fräulein Martha Liefmann,
beide Zürich/Schweiz, 3.) Prof. Dr. Robert Liefmann,
gestorben am 21.3.41 in Morlaas bei Pau, Frankreich, dessen
Erbinnen die zu 1.) Und 2.) Bezeichneten sind. Gemäß
Verfügung Nr. 24 melde ich folgende
Wiedergutmachungsansprüche meiner oben bezeichneten
Mandantinnen an: Gesamtvermögen rund eine Million Reichsmark.
HOST
Danach schlüsselt Anwalt Heynen auf, wie sich diese Summe
zusammensetzt. Es ist eine Mischung aus Zwangsabgaben,
Grundstückswert, Hausrat, Wertgegenständen und
Schadensersatzforderungen. Das Amt gibt sich in seiner
Antwort, zu Beginn des neuen Jahres, etwas verschnupft über
diese Forderung. Erst zählen sie auf, was sie der Familie
schon erstattet haben und erwähnen, dass sie bereits im
Prozess der Wiedergutmachung sind, vor allem für die
Zwangsabgaben. Und dann, am Ende des Briefs, schreiben sie
noch:
AMT
Die weiteren Ansprüche, die sie in ihrem Schreiben vom 13.12.
geltend machen, bitte ich zu beziffern und so weit wie
möglich mit der Angabe von Beweismitteln zu versehen.
HOST
Aber so leicht liess sich Willy Heynen nicht entmutigen. In
seiner Antwort schrieb er:
15.
WILLY HEYNEN
Infolge der Maßnahmen bei der Deportation sind meinen
Mandantinnen jedoch sämtliche Unterlagen und Belege über die
Zahlung der betreffenden Abgaben abhanden gekommen. Ich bitte
daher um Prüfung der bei ihnen vorhandenen Vorgänge über die
Abgabe von Judenvermögen, Reichsfluchtsteuern, über die
Einziehung von Deportiertenvermögen u.ähnl. um mir
gegebenenfalls Auskunft über die Zahlungen mein er
Mandantinnen bzw. des verstorbenen Prof. Liefmann zu geben.
Ich lege vor allen Dingen Wert auf die Beantwortung folgender
Fragen:
1.) Wie hoch belief sich die Judenvermögensabgabe, die meine
Mandantinnen bzw. Prof. Liefmann zu entrichten hatten?
2.) Wie hoch belief sich die Reichsfluchtsteuer?
3.) Was ist an Vermögen meiner Mandantinnen nach ihrer
Deportation im Oktober 40 als beschlagnahmt dem Finanzamt
zugeflossen?
HOST
Was dann folgt, ist der formelle “Antrag auf Ersatz von
Schäden en Eigentum und Vermögen”, im Dezember 1950 gestellt,
da das “Gesetz über die Entschädigung der Opfer des
Nationalsozialismus” erst seit Mai 1950 in Baden überhaupt
gültig war. Alles als Einzelanträge, also Else, Martha und in
Vertretung auch für Robert. In diesen Anträgen werden die
sogenannten Vermögensverluste akkurat aufgezählt. Dabei lernt
man auch, in was für einem Wohlstand die Liefmanns gelebt
haben:
ELSE
Das Haus in der Goethestr.33 Freiburg im Breisgau bestand aus
7 Zimmern, 5 Mandsarden als Wohnräume, ein Nähzimmer im
Kellen, Küche und Anrichtezimmer, Baezimmer, Kofferkammer und
Speicher, Veranda.
HOST
Danach wird das gesamte Mobiliar aufgezählt, sämtlicher
Schmuck, alle Kunstgegenstände und die Sammlungen der
Familie, als da wäre eine Spitzensammlung mit Brüsseler und
holländischen Spitzen, eine Porzellansammlung, eine
Münzsammlung und eine besonders wertvolle
Briefmarkensammlung. Am Ende dieser Aufzählung, wird Else
dann auch nochmal deutlich.
ELSE
Am 25 Februar 1941 hat eine sogenannte Auktion des Hausrates
stattgefunden. Aus dem sehr oberflächlich geführten Protokoll
ersieht man, dass die Gegenstände geradezu verschleudert
worden sind. Die guten Sachen sind überhaupt nicht
aufgeführt, sie scheinen schon vorher von Liebhabern
gestohlen worden zu sein.
16.
HOST
Else sieht anscheinend keine Notwendigkeit mehr, noch
besonders höflich zu sein. Warum auch? Ihre Kommunikation mit
den Behörden bezüglich ihrer Entschädigung, nutzt sie, um
Tacheles zu reden. Es ist ja auch schon recht dreist wenn man
sich überlegt, dass zum Beispiel das enteignete Elternhaus,
vom Vater selbst errichtet, auch nach dem Krieg noch unter
den Behörden munter weitergereicht wird, aber alles versucht
wird, es nicht der Familie zurückzugeben. Eine Farce.
<Musik>
HOST
Die Jahre ziehen dahin. Else und Martha wird die deutsche
Staatsbürgerschaft angeboten, die sie aber dankend ablehnen.
1952 stirbt Martha in Zürich. Nun muss Else auch noch für
deren Wiedergutmachung mitkämpfen. Der lange, zähe Kampf über
die Entschädigung, die Else und ihren Geschwistern zusteht,
geht in die nächste Runde. Zeit ihres Lebens wird sie mit den
Behörden in Austausch stehen. Mal wird ihr Geld bewilligt,
dann will man es wieder ganz genau wissen. Und Elses Briefe
deuten immer mehr darauf hin, dass es ihr nicht oder nicht
nur um das verlorene und gestohlene Geld geht. In einem Brief
aus dem Jahr 1960 an den für Else verantwortlichen
Sachbearbeiter im Amt, ein Herr Behrens, geht es um eine
Rückzahlung von Unterhalt, den sie in der Schweiz benötigt
hat. Sie fordert dieses Geld vom deutschen Staat ein, auch
rückwirkend. Empört berichtet sie, wie gut sie vom ersten Tag
an in der Schweiz behandelt wurde.
ELSE
Diesen Unterhalt bezahlten die Flüchtlingshilfen aus den
Spenden des Schweizer Volkes in erster Linie. Mit 200 Franken
monatlich habe ich 11 Jahre hier mehr schlecht als recht
gelebt, bis man sich endlich in Deutschland entschloss
"wiedergutzumachen." Das sind 2400 Franken pro Jahr, also im
Ganzen über 24000 Franken. Welche Anständigkeit von den
Schweizern, diese Summen “a fond perdu”...
HOST
Ein kleiner Einschub: “A fond perdu”, ein schweizer Begriff,
bedeutet kurz gesagt, eine Zahlung ohne Rückzahlungspflicht.
Weiter gehts mit Elses Brief...
ELSE
...gegeben zu haben, für Menschen, an deren Elend sie nicht
schuld waren. Und die Deutschen?
Ich wollte Ihnen das doch noch einmal sagen, weil ich den
Eindruck habe, dass Sie alle miteinander gar nicht einsehen, was
das Wort “Wiedergutmachung” eigentlich beinhaltet resp
beinhalten sollte.
(MORE)
17.
HOST
Herr Behrens sieht das dennoch nicht ein und verweigert Else
die Zahlung der von ihr geforderten 5000 Franken. Eine Summe,
die sie vermutlich einfach überschlagen hat. Und die schreibt
ihm eine Antwort, die sich gewaschen hat.
ELSE
Ich kenne ihre Behauptung, dass ich doch durch meine
Wiedergutmachungszahlungen Schadenersatz erhalten habe. Nach
meiner Auffassung sollen aber nicht nur die Kosten
“wiedergutgemacht” werden, sondern die ganze Situatiuon, in
die uns damals die Deutschen gebracht haben, die Situation
von Menschen, die als armengenössich von der Mildtätigkeit
anderer Menschen leben mussten, auf der untersten sozialen
Stufe und mit allen Einschränkungen, die derjenige erfährt,
der gerade das Minimum der Existenz erhält. Das bedenken sie
niemals, wenn sie das Wort “Wiedergutmachung” gebrauchen, das
ich als Verfolgte des Nazismus geradezu als einen Hohn
empfinde.
Wo hat es je einen Prozess gegeben, in dem der Schuldner
bestimmt, was er zurückzahlen will und wo er selbst Gesetze
macht, um seine Wiedergutmachung zu verdecken? Man brüstet
sich in Deutschland wegen den Entschädigungen an Israel,
verschweigt aber die individuelle “Wiedergutmachung” mit der
sich die deutsche Justiz kein Ruhmesblatt erworben hat. Für
mich ist diese Angelegenheit nicht abgeschlossen.
HOST
Und das war sie absolut nicht. Als eine Rentenerhöhung für
Else, ein Jahr später, ewig auf sich warten lässt, weil das
Amt in Karlsruhe bei den Anträgen nicht hinterher kommt,
schreibt sie wieder einen Brief, in dem sie dem Land und dem
ganzen Prozess ordentlich die Leviten liest.
ELSE
Ich stehe jetzt in meinem 81. Lebensjahr und noch immer hält
man mir einen Teil meines Vermögens in meinem früheren
Heimatland zurück. Ist es da ein Wunder, dass wir schlecht
von diesen Menschen denken? Die sich der “Wiedergutmachung”
rühmen, aber ihre Versprechen seit Jahr und Tag nicht
einlösen? Ich kenne Ihre Antwort: Sie sagen, Sie wären daran
unschuldig. So sagen alle. Wer ist es denn, der daran
schuldig ist? Es bleibt nur übrig anzunehmen, dass es der
böse Geist ist, der noch immer in Deutschland sein Wesen
treibt. Man denkt schlecht hier in der Schweiz über den
Charakter der “Wirtschaftswunderkinder”, die nur an ihre
eigene Bereicherung denken, aber nicht an die Schulden, die
sie zu bezahlen haben. Es ist traurig, dass ich als alte
Frau, Ihnen dies zu sagen habe, aber schämt man sich in der
deutschen Bundesrepublik?
ELSE (CONT’D)
18.
Hitler hat einmal gesagt, dass das Gewissen eine “jüdische
Erfindung” sei - Wir haben den Eindruck, dass es nicht sehr
wenige sind, die sich zu dieser Meinung bekennen. Mit
vorzüglicher Hochachtung, Prof. Dr. E. Liefmann.
HOST
Ein Brief wie ein Paukenschlag. In einem internen Vermerk des
Amtes, liest man, wie sehr der Brief gesessen hat. Die
Mitarbeitenden der Behörde geben sich sehr empört. Da steht
wirklich:
AMT
In der Beantwortung des Schreibens der Anstragstellerin mag
darauf hingewiesen werden, dass nach dem kürzlich
veröffentlichten Haushaltsplan des Landes Baden-Württemberg
der für die Wiedergutmachung festgelegte Betrag höher ist als
die gesamten Ausgaben für die Landespolizei und fast doppelt
so hoch als die Ausgaben für die 4 Hochschulen des Landes und
das die Ausgaben für sämtliche Volksschulen nicht sehr viel
höher sind.
HOST
Doch damit nicht genug. In diesem internen Vermerk steht auch
nebenbei der kleine Satz:
AMT
Nach Mitteilung des JA Hein wohnt die Antragstellerin in
Zürich in einem auffallend schönen Haus nahe am See unweit
der Stadtmitte.
HOST
Oder anders gesagt: Was will sie denn noch? Das ist schon
besonders haarsträubend. Zum Glück blieb dieser Vermerk
intern. Als Else ihre höhere Rente zugesprochen bekommt, aber
man noch um ein wenig Geduld bittet, in einem Brief 1962,
antwortet sie Dr Behrens vom Amt und erklärt, worum es ihr
eigentlich geht.
ELSE
Ich hoffe, dass nun im Jahre 1962 meine Angelegenheit endlich
durch Zahlungen abgeschlossen wird. Natürlich könnte ich ohne
diese Gelder leben- Es wäre aber sehr oberflächlich, wollte
man in Karlsruhe mir das unter die Nase reiben, wie man das
so gern tut. Meine Schwester, die im April 1952 hier starb,
hat damals diese besseren Zeiten nicht mehr erlebt. Das habe
ich der sogenannten Wiedergutmachung bis heute nicht
verzeihen können. Wahrscheinlich wissen Sie von dem allen
nichts. Aber uns Alten ist all das unvergesslich.
HOST
Im September 1969 legt Else nach. Schließlich hat man ihr
nicht nur ihr Vermögen geraubt, sondern auch ihre Laufbahn
als Ärztin zunichte gemacht. Der nachträgliche
Professorentitel schient sie nicht zu besänftigen.
19.
ELSE
Der Professorentitel allein, der ja die Behörde nichts
gekostet hat, war gewiss kein Entgeld. Immerhin ist
zuzugeben, dass ich mit der sogenannten Wiedergutmachung noch
weit bessere Erfahrungen gemacht habe, als manch andere
Verfolgte. Die ganze Sache ist ein unerfreuliches Kapitel und
am unerfreulichsten ist das Wort Wiedergutmachung, das eine
Lüge beinhaltet.
HOST
Sie erwähnt noch, dass sie die deutsche Staatsbürgerschaft
abgelehnt habe, weil sie nichts gutes für die Zukunft des
Landes erwarte. Das bespricht sie auch mit ihrem langjährigen
Freund und Vetter, dem Pfarrer Adolf Freudenberg...
<Ein Sommertag im Park, Kinder spielen, eine Glocke läutet,
Vögel zwitschern. Else und Adolf sitzen auf einer Bank und
unterhalten sich>
ELSE
Ach, Adi. Es ist schon ein rechtes Mistland, dieses
Deutschland. Was es uns angetan hat und wie sehr es sich
dagegen sträubt, dies anzuerkennen.
ADOLF FREUDENBERG
Ja, Else, es hat uns übel mitgespielt, dieses Deutschland.
Die Menschen verdrängen, was hier noch vor kurzem geschah. Es
ist ungeheuerlich. Sie tun, als wäre nie etwas geschehen.
ELSE
Und stell dir vor, das Buch, dass ich mit Martha geschrieben
hab? Über unsere Zeit in Gurs? Nicht ein Laden in Freiburg
bietet es an, Adi, nicht einer! Und ich hab sie alle
angerufen und gefragt!
ADOLF FREUDENBERG
Ungeheuerlich.
ELSE
Ich habe nicht ein Interview zum Buch gegeben. Niemand
interessiert es. Da muss ich mich doch schwer wundern, Adi,
über dieses massive Desintersse.
ADOLF FREUDENBERG
Mich wundert es leider gar nicht, Elschen. Das ist die
heutige Mentalität in Deutschland. Vergessen, vergessen,
vergessen. Wer über die Nazizeit reden will, stört.
HOST
Nach dieser Schilderung, schreibt Else Herrn Behrens in einem
ihrer letzten Briefe noch das:
20.
ELSE
Es würde mich interessieren, was Sie darüber denken? Was wird
die Zukunft bringen? Mit bestem Gruße, Prof Dr Else Liefmann.
HOST
Am 24. Mai 1970 um 4 Uhr 8 ist Prof Dr Else Liefmann in der
Klinik Lindenegg in Zürich gestorben. Sie wurde 89 Jahre alt.
Die Stolpersteine in der Goethestr.33 vor dem ehemaligen Haus
der Familie Liefmann, für Martha, Robert und Else, waren die
ersten Stolpersteine, die in Freiburg verlegt wurden.
Wir hören uns nächstes Mal wieder, hier, bei den Sprechenden
Akten.