Podcast

Die hier vorgestellten Podcasts „The German Wiedergutmachung“, „Sprechende Akten: NS-Opfer und ihr Ringen um Entschädigung“ und "2x(Un)Recht?" beschäftigen sich aus unterschiedlichen Blickwinkeln mit der Geschichte der Wiedergutmachung. Sie sind auch über die gängigen Podcastplattformen abrufbar. Unter „Weitere Podcasts“ sind Links zu anderen Podcasts zu finden, die sich ebenfalls mit der Wiedergutmachung nationalsozialistischen Unrechts beschäftigen.

Letzte Aktualisierung : 21.04.2026

Über den Podcast

Der Podcast „The German Wiedergutmachung“ lässt die Geschichte der Wiedergutmachung lebendig werden. Mit Hilfe von Interviewpartnern aus Wissenschaft und Gesellschaft sowie anhand spannender Dokumente des Bundesarchivs werden die vielfältigen Facetten der Wiedergutmachung deutlich und die Schicksale der Betroffenen erfahrbar. 

In den ersten drei Folgen gibt es Geschichte und Geschichten rund um die Rückerstattung von geraubtem Eigentum, die Entschädigung von NS-Verfolgten in Westeuropa und die Wiedergutmachung ehemals verfolgter Sinti*zze und Rom*nja.

Der Podcast „The German Wiedergutmachung“ ist eine Produktion für das Themenportal „Wiedergutmachung nationalsozialistischen Unrechts“ – der Online-Plattform für Wiedergutmachungsakten, konzipiert und in Auftrag gegeben vom Bundesarchiv. Die Umsetzung gestaltete Escucha – Kultur fürs Ohr. Die Finanzierung erfolgte durch das Bundesministerium der Finanzen.

Podcast bei Podigee, Spotify, ApplePodcast, Deezer, Castbox, PodcastAddict, PodcastRepublic, PocketCasts.

Folge 1: Eine Frage des Eigentums – Zwischen Raub und Recht

Cover zum Podcast "The German Wkiedergutmachung"
Moderation: Nora Hespers, Redaktion: Lukas Fleischmann, Jörn Petrick, Ralph Würschinger und Mirjam Sprau. Skript und Produktion: Escucha - Kultur fürs Ohr. Cover: Kreativagentur Atelier Hauer+Dörfler GmbH. Coverbild: Antragsteller bei der URO (© bpk) | Bundesarchiv

Wem gehört eigentlich was nach dem Untergang eines Terrorregimes? Dieser Frage gehen wir in der ersten Folge von „The German Wiedergutmachung“ nach. 

Dazu schauen wir uns vor allem an, warum die Rückerstattung von Häusern und sonstigen Gütern an Betroffene nationalsozialistischer Verbrechen essenziell war, um aus einer Diktatur eine rechtsstaatliche Demokratie zu machen. Und wir blicken natürlich auch auf die damit einhergehenden Herausforderungen und Unzulänglichkeiten. Die Rückerstattung war in dieser Dimension bis dahin einmalig in der Geschichte und mit vielfältigen Hürden und Problemen verbunden. 

Wir schlagen dazu Akten aus dem Bundesarchiv auf, sprechen mit dem Historiker Jürgen Lillteicher über den Beginn der Wiedergutmachung und schauen mit dem Juristen Benjamin Lahusen in die damaligen Gerichtssäle. Von den Provenienzforscherinnen Susanne Kiel und Kathrin Kleibl erfahren wir, was mit dem Umzugsgut von Verfolgten geschah, das bei Kriegsausbruch in deutschen Häfen beschlagnahmt wurde.

Interviewpartner

Dr. Sebastian Gleixner, Leiter der Edition „Die Kabinettsprotokolle der Bundesregierung“ im Bundesarchiv

Dr. Jürgen Lillteicher, Direktor des AlliiertenMuseums in Berlin 

Prof. Dr. Benjamin Lahusen, Inhaber des Lehrstuhls für Bürgerliches Recht und Neuere Rechtsgeschichte an der Europa-Universität Viadrina Frankfurt an der Oder, Leiter des EVZ-Projektes „Recht ohne Recht. Geschichte und Gegenwart der Rückerstattung von NS-Raubgut“

Susanne Kiel, Projektleiterin des Bremer Teils der „LostLift-Datenbank“ am Deutschen Schifffahrtsmuseum Leibniz-Institut für Maritime Geschichte in Bremerhaven

Dr. Kathrin Kleibl, Projektleiterin des Hamburger Teils der „LostLift-Datenbank“ am Deutschen Schifffahrtsmuseum Leibniz-Institut für Maritime Geschichte in Bremerhaven 

 

Ereignisse und Personen

Zur Kabinettssitzung am 21. Dezember 1949

Zu Familie Kloppstock 

 

Dokumente zur Kabinettssitzung am 21. Dezember 1949

Kurzprotokoll über die 32. Kabinettssitzung der Bundesregierung am 21. Dezember 1949, 22. Dezember 1949 (BArch, B 136/36088 PDF)

Note des Bundesministers der Justiz, Thomas Dehler, zum Tagungsordnungspunkt 6 der Sitzung des Bundeskabinetts am 21. Dezember 1949, 21. Dezember 1949 (BArch, B 141/407, Bl. 19 PDF)

Schreiben des Bundesministers der Justiz, Thomas Dehler, an den Staatssekretär des Innern im Bundeskanzleramt, 1. Mai 1950 (BArch, B 141/408, Bl. 19–22 PDF)

 

Gesetze

Alliierte Rückerstattungsregelungen in den drei westlichen Besatzungszonen und in Berlin (West)

  • Amerikanische Besatzungszone: Gesetz Nr. 59 „Rückerstattung feststellbarer Vermögensgegenstände an Opfer der nationalsozialistischen Unterdrückungsmaßnahmen“ (USREG) vom 10. November 1947 (ABl. Am MilReg 1947 G, S. 1–25 PDF)
  • Britische Besatzungszone: Gesetz Nr. 59 „Rückerstattung feststellbarer Vermögensgegenstände an Opfer der nationalsozialistischen Unterdrückungsmaßnahmen“ (BREG) vom 12. Mai 1949 (Abl. Brit MilReg 1949, S. 1169–1187 PDF)
  • Französische Besatzungszone und mit Abweichungen im Saarland: Verordnung Nr. 120 „Über die Rückerstattung geraubter Vermögensobjekte“ (RüVO) vom 10. November 1947 (Journal officiel 1947, S. 1219–1221 PDF)
  • Westsektoren von Berlin: BK/O (49) 180 „Rückerstattung feststellbarer Vermögensgegenstände an Opfer der nationalsozialistischen Unterdrückungsmaßnahmen“ (REAO) vom 26. Juli 1949 (VOBl. Berlin [West], 1949 I, S. 221–231 PDF)

Das Rückerstattungsgesetz auf Bundesebene

„Bundesgesetz zur Regelung der rückerstattungsrechtlichen Geldverbindlichkeiten des Deutschen Reichs und gleichgestellter Rechtsträger (Bundesrückerstattungsgesetz)“ vom 19. Juli 1957 (BGBl. 1957 I, S. 734–742 PDF)

 

Links

AlliiertenMuseum

Bundesarchiv 

EVZ-Projekt „Recht ohne Raub. Geschichte und Gegenwart der Rückerstattung von NS-Raubgut“

LostLift-Datenbank 

Online Edition „Die Kabinettsprotokolle der Bundesregierung 

 

Verwendete Akten des Bundesarchivs

BArch, B 136/36088 (Kabinettsprotokolle 20. bis 39. Sitzung (8. November 1949 bis 27. Januar 1950)

BArch, B 141/407 (Akte des Bundesministeriums der Justiz „Entschädigung ausländischer Staatsangehöriger wegen nationalsozialistischer Verfolgungsmaßnahmen“ 1949–1950)

BArch, B 141/408 (Akte des Bundesministeriums der Justiz zur „Entschädigung ausländischer Staatsangehöriger wegen nationalsozialistischer Verfolgungsmaßnahmen“ 1950–1951)

 

Literatur

Bundesministerium der Finanzen (Hg.): Kalendarium zur Wiedergutmachung von NS-Unrecht. Gesetzliche und außergesetzliche Regelungen sowie Richtlinien im Bereich der Wiedergutmachung nationalsozialistischen Unrechts. Stand 1. August 2022, Berlin 2022. Online-Version

Bundesministerium der Finanzen (Hg.): Wiedergutmachung. Regelungen zur Entschädigung. Stand 2. Juni 2023, Berlin 2023. Online-Version

Goschler, Constantin / Lillteicher, Jürgen (Hg.): „Arisierung“ und Restitution. Die Rückerstattung jüdischen Eigentums in Deutschland und Österreich nach 1945 und 1989, Göttingen 2002.

Leisner, Hans-Dieter: Von Entrechteten zu Berechtigten? Die Restitution des Juden in Bremen entzogenen Umzugsguts aus der Perspektive der Opfer, in: Osterloh, Jörg / Wixforth, Harald (Hg.): Unternehmer und NS-Verbrechen. Wirtschaftseliten im „Dritten Reich“ und in der Bundesrepublik Deutschland, Frankfurt / New York 2014, S. 87–107.

Lillteicher, Jürgen: Die Rückerstattung jüdischen Eigentums in Westdeutschland nach dem Zweiten Weltkrieg. Eine Studie über Verfolgungserfahrung, Rechtsstaatlichkeit und Vergangenheitspolitik 1945–1971. Dissertation Universität Freiburg Wintersemester 2002/2003. Online-Version

Lillteicher, Jürgen: Raub, Recht und Restitution. Die Rückerstattung jüdischen Eigentums in der frühen Bundesrepublik, Göttingen 2007.

Schleier, Bettina: Das Umzugsgut jüdischer Auswanderer – von der Enteignung zur Rückerstattung, in: Bremisches Jahrbuch 77 (1998), S. 247–265. Online-Version

Folge 2: Eine Frage des Territoriums – Der Blick nach Westen

Cover Podcast "The German Wiedergutmachung"
Moderation: Nora Hespers, Redaktion: Lukas Fleischmann, Jörn Petrick, Ralph Würschinger und Mirjam Sprau. Skript und Produktion: Escucha - Kultur fürs Ohr. Cover: Kreativagentur Atelier Hauer+Dörfler GmbH. Coverbild: Antragsteller bei der URO (© bpk) | Bundesarchiv |

Podcast „The German Wiedergutmachung“
Episode 2: Eine Frage des Territoriums – Der Blick nach Westen
Atmo: Saarburger Wasserfall / Touristen im Zentrum]
Saarburg ist eine kleine Stadt in Rheinland-Pfalz. Im Zentrum ein berühmter Wasserfall, malerische
Fachwerkhäuser, Touristen-Idylle. Ein wenig abseits des Zentrums steht ein Haus, das wie eine alte
Grundschule aus dem vergangenen Jahrhundert aussieht. Aber der erste Blick täuscht. In diesem
Haus wird das dunkelste Kapitel der deutschen Geschichte aufgearbeitet.
[Quietschende Schuhe, hallende leere Gänge]
[Britta Weizenegger:]
„So, das waren früher auch alles Büros. Teilweise auch Wohnungen von Amtsleitern. Das ist mir
erspart geblieben. Und Sie sehen jetzt wir haben versucht alles unterzubringen, was hier noch im
Haus untergebracht werden kann.“
Britta Weizenegger steht im vierten Stock dieses alten Hauses. Hallende, lange Gänge, breite
Treppenhäuser. Aber Britta Weizenegger ist keine Lehrerin, sondern Dezernentin des rheinland-
pfälzischen Landesamts für Finanzen und Leiterin des Amtes für Wiedergutmachung in Saarburg. Ein
solches Amt gibt es in jedem der sogenannten alten Bundesländer, es kümmert sich um Menschen,
die Renten nach dem Bundesentschädigungsgesetz (BEG) erhalten, weil sie im Nationalsozialismus
verfolgt wurden. Im Schnitt sind diese Rentenempfänger heute 92 Jahre alt.
[Britta Weizenegger:]
„Wir haben derzeit noch 2.309 laufende Rentenfälle und davon sind circa 1.200 Personen in Israel
wohnhaft. Der Rest verteilt sich dann auf die USA, auf Kanada und andere Länder. In Deutschland
leben nur noch zirka 50 Personen von BEG-Renten-Empfängern, die wir betreuen.“
Aber wie wird es weitergehen? In absehbarer Zeit werden keine Überlebenden der NS-Verfolgung
mehr unter uns sein.
[Britta Weizenegger:]
„Also wenn früher die Hauptaufgabe eben die Rentenbearbeitung war, die Rentenbetreuung, dann ist
es heute zu 50 % auch der Kontakt zu Forschern, Historikern usw. Natürlich ist uns klar und das ist
auch allen Mitarbeitern hier klar, dass irgendwann der letzte Fall geschlossen sein wird. Das war aber
absehbar. Interessanterweise dauert es doch länger, als man immer erwartet hat und ich mache das
hier mit großer Freude.“
[Musik, Tonaler Übergang]
Fast 80 Jahre nach dem Ende der NS-Diktatur gibt es immer noch Menschen auf der ganzen Welt, die
Entschädigung für das bekommen, was ihnen die Nazis angetan haben. Als Teil unserer
Verantwortung. Wiedergutmachung heißt es offiziell. Das ist ein aus vielerlei Gründen schwieriger,
aber allgemein gebräuchlicher Begriff, u.a. für Zahlungen, die die Bundesrepublik an Opfer der NS-
Diktatur geleistet hat und weiterhin leistet. Der jahrzehntelange Versuch der Wiedergutmachung
spiegelt sich als zäher Prozess in den Akten, die hundert Kilometer füllen. Diese Akten sind oft auch
die einzige Quelle, die Familienangehörigen Auskunft über die Verfolgungsschicksale ihrer nahen und
fernen Verwandten geben können. Diese Unterlagen werden nun über das Themenportal
„Wiedergutmachung nationalsozialistischen Unrechts“ im Archivportal-D zugänglich gemacht.
In der vergangenen Folge haben wir darüber gesprochen, was eigentlich mit dem Eigentum von
Menschen passiert ist, das von den Nazis geraubt wurde. Und wir haben einen kleinen Ausflug in die
Welt der Kunstrestitution gemacht. Wenn ihr diese Folge noch nicht gehört habt, würde ich euch
empfehlen, diese zuerst zu hören.
In dieser Folge blicken wir auf das Thema Wiedergutmachung aus internationaler Perspektive, aber
mit einem Schwerpunkt auf westliche Länder, und fragen, wie die Menschen in diesen Ländern – als
direkt Verfolgte oder später Hinzugezogene – die deutsche Wiedergutmachungspolitik erlebten.
Dazu öffnen wir wieder eine Akte aus dem Bundesarchiv. Die dabei besprochenen Dokumente
verlinken wir euch übrigens auch in den Shownotes.
[neutrale Doku-Musik]
Also, Wiedergutmachung international: Was heißt das? Ein Beispielfall: Zwei Menschen waren im KZ
inhaftiert, einer kommt aus Deutschland, der andere aus Dänemark. Beide Menschen erleben die
gleichen Abscheulichkeiten, der Deutsche wird nach Kriegsende dafür finanziell entschädigt. Der
Däne aber geht erst einmal leer aus.
Klingt ungerecht, oder? Aber tatsächlich ist das zunächst so gewesen. Und in dieser Folge klären wir,
wie es dazu kam, und wie das schließlich geändert wurde.
Dazu werfen wir wieder einen Blick in die Akten des Bundesarchivs. Wir sprechen mit dem Historiker
Tim Geiger über die außenpolitische Geschichte der Wiedergutmachung und erfahren von Nicole
Immler aus Utrecht in den Niederlanden, wie das im Ausland wahrgenommen wurde. Und nach
Saarburg kehren wir auch noch mal zurück.
[Intro Audio ID: Podcast Title TBA]
Ich bin Nora Hespers, Journalistin, und das ist „The German Wiedergutmachung“ – Ein Podcast des
Themenportal „Wiedergutmachung nationalsozialistischen Unrechts“
Folge 2: „Eine Frage des Territoriums: Der Blick nach Westen“
[Akten werden aufgeschlagen]
[Elke Hammer:]
„Wir haben ausgesucht eine Verbalnote aus dem Jahr 1956.1 Eine Verbalnote ist ein Schreiben einer
ausländischen Botschaft, in dem Fall der dänischen Botschaft an das Auswärtige Amt, sozusagen das
Außenministerium, wie man auch sagt, der Bundesrepublik. Und die dänische Botschaft teilt hier die
Auffassung der dänischen Regierung in Sachen Wiedergutmachung gegenüber dänischen Verfolgten
des NS-Regimes mit, die nach Auffassung der Dänen in dieser Zeit vom Bundesentschädigungsgesetz
nicht ausreichend berücksichtigt werden.“
Das ist Elke Hammer. Sie arbeitet als Archivarin im Bundesarchiv in Koblenz und hat eine dicke Akte
aus den 50ern vor sich auf einem großen Tisch liegen. Ein Umschlag aus Karton, darin wiederum
Mappen, die ganz dünne, abgeheftete Papiere enthalten. Sie sind vergilbt und eng mit
Schreibmaschine beschrieben.
Diese Verbalnote vom 21. Juni 1956, wie sie Elke Hammer beschreibt, gibt es aber nicht nur aus
Dänemark, sondern aus insgesamt zwölf westlichen europäischen Ländern.2 Sie haben eine
gemeinsame Forderung an die Bundesrepublik Deutschland:
[Elke Hammer:]
„Sie verweisen darauf, dass auch für ihre Staatsbürger eine Entschädigung aufgrund des erlittenen
Unrechts zustehen muss, analog zu denen, die in der Bundesrepublik leben.“
Heißt also: Wenn Deutsche Wiedergutmachungsleistungen bekommen, sollen diese auch die
Menschen erhalten, die nicht in der Bundesrepublik Deutschland leben, aber dennoch von den Nazis
verfolgt wurden.
Oft regelt man solche Ansprüche ausländischer Staatsbürger über Reparationen. Das sind
völkerrechtliche Zahlungen, die ein besiegter Staat Siegern für Kriegsschäden und -verbrechen zahlen
1 Verbalnote Dänemarks an die Bundesregierung, 21. Juni 1956, in: BArch, B 136/3306, Bl. 8–9.
2 Vgl. dazu Schreiben des Auswärtigen Amts an das Bundeskanzleramt, 4. September 1957, in: BArch, B 136/3306, Bl. 39–50.
muss. Die deutschen NS-Verfolgten hingegen erhielten Zahlungen aufgrund deutscher
Wiedergutmachungsgesetze, die aber – grob gesagt – nicht für Ausländer galten.
Die Forderung Dänemarks geht nun an das Auswärtige Amt, also an das Außenministerium der
Bundesregierung. Davon erfährt auch der Bundeskanzler aufgrund der hohen diplomatischen
Bedeutung.
Wenn Vorgänge zur Chefsache werden, also sich der Bundeskanzler einschaltet, passieren sie das
Bundeskanzleramt und landen in einer Akte. Und diese Akte findet sich dann im Bundesarchiv. Das ist
auch in diesem Fall so. Elke Hammer:
[Elke Hammer:]
„Sie können natürlich jetzt hingehen und Sie können die Akte von vorne bis hinten lesen und
sozusagen nur den gedruckten Text zur Kenntnis nehmen. Dann wären Sie informiert, was in etwa
geschehen ist, aber das eigentlich Spannende ist, wenn Sie wirklich wissen wollen, was ist geschehen,
was ist im Detail passiert, dann bleibt es nicht aus, dass Sie sich auch die handschriftlichen
Randvermerke durchlesen müssen. Welche von diesen Vermerken sind für mich wichtig? Also
manchmal steht da nur – in Anführungsstrichen – ‚zum Vorgang nehmen‘.“
Elke Hammer blättert weiter in den Dokumenten und hat eine Passage gefunden.
[Elke Hammer:]
„Hier geht es um eine Besprechung zwischen dem Finanzministerium und dem Außenministerium 3,
wo man sich über die Möglichkeiten unterhält, diesen ausländischen, diesen westeuropäischen
Forderungen entgegenzukommen bzw. den Grenzen, die dem Entgegenstehen. (…) Es geht hier um
den Bundesfinanzminister. Der Bundesfinanzminister hob hervor, dass praktisch an den übersetzten
Forderungen des Auslands nach 1918 der deutsche Staat zerbrochen und in die Arme des
Nationalsozialismus getrieben worden ist. Und außerdem möchte man gegen die völlig falsche These
ankämpfen, dass wir angesichts des Devisenschatzes unserer Notenbank ein reiches Volk seien. Es
gibt noch andere Passagen, die dann auch explizit ansprechen, dass man auf jeden Fall verhüten
möchte, wenn man den westlichen Staaten entgegenkommt, den westeuropäischen Staaten, die ja
nun Bundesgenossen sind. Dass dann auch die osteuropäischen Staaten mit ihren viel größeren
Belastungen, Schädigungen durch den Nationalsozialismus, also Ukraine, vor allem auch die Staaten
der damaligen UdSSR, dann Forderungen erheben können.“
Der Bundesfinanzminister befürchtet, dass ein gefährlicher Präzedenzfall geschaffen würde, wenn
man den Forderungen einzelner Staaten nachgibt. Er sagt: Die Bundesrepublik kann das dann
eventuell finanziell nicht bewältigen, der Bundeshaushalt gibt das nicht her. Aber: Das
Außenministerium und schließlich auch das Bundeskanzleramt sehen das etwas anders. In den
folgenden Jahren entbrennt deshalb eine lebhafte Diskussion darüber, wie und an wen die
Bundesrepublik schließlich auch international zahlen wird.
[Musik und tonaler Übergang]
[Tim Geiger:]
„Na, die 50er sind schon ein wesentlicher Einschnitt. Beginnend mit dem Luxemburger Abkommen4 ,
also die Regelung der Entschädigung mit dem Staat Israel, wo Wiederaufbauhilfen für Israel,
Wiedereingliederungshilfen in Form von Sachleistungen gezahlt werden, vorgesehener Zeitraum von
zwölf Jahren, und eben zusätzlich, ich glaube es waren 3 Milliarden zusätzlich eben noch 450
Millionen für die Jewish Claims Conference, die für eben die heimatlosen jüdischen Verfolgten die
Gelder verwalten soll.“
3 Vermerk des Unterabteilungsleiters V B im Bundesministerium der Finanzen, Ernst Féaux de la Croix, über das Gespräch
des Bundesminister der Finanzen, Franz Etzel, mit dem Bundesministers des Auswärtigen, Heinrich von Brentano, am 28.
Oktober 1958 in Bonn, 28. Oktober 1958, in: BArch, B 126/3306, Bl. 116–118.
4 Abkommen zwischen der Bundesrepublik Deutschland und dem Staate Israel, 10. September 1952, in: BGBl. 1953 II, S.
35–97.
Ihr hört hier Tim Geiger. Er ist Historiker am Institut für Zeitgeschichte und arbeitet im Auswärtigen
Amt an der Edition „Akten zur auswärtigen Politik der Bundesrepublik Deutschland“.
Tim Geiger hat gerade das Luxemburger Abkommen erwähnt. Das ist ein ganz zentrales Abkommen.
Die Bundesrepublik Deutschland verpflichtet sich darin 1952, dem Staat Israel, der hunderttausende
jüdische Überlebende des Holocaust aufgenommen hat und diese nun auch versorgen muss, und der
Jewish Claims Conference, Geld zu zahlen. Insgesamt 3,45 Milliarden Mark.
Die Jewish Claims Conference ist eine internationale Dachorganisation jüdischer Verbände, die sich
um Entschädigungsansprüche jüdischer Opfer des Holocaust kümmert.
Zur gleichen Zeit geht es in London um die Begleichung der Vorkriegsschulden und alliierter
Unterstützungszahlungen nach dem Krieg. Eine Vielzahl von Gläubigerstaaten schließt dort ein
Abkommen mit der Bundesrepublik, das sog. Londoner Schuldenabkommen 5, darin wird zum Beispiel
geklärt, wie mit Reparationen verfahren wird, die üblicherweise nach Kriegsende die Verlierer an die
Gewinner zahlen müssen und da ist besonders ein Punkt wichtig, sagt Tim Geiger:
[Tim Geiger:]
„Der berühmt gewordene Artikel fünf Absatz zwei des Londoner Schuldenabkommens sah vor, dass
sämtliche Reparationszahlungen bis zur endgültigen Lösung der Deutschlandfrage in einem
Friedensvertrag zurückgestellt werden.“
[kurzer Ping-Ton, der einen Einschub ankündigt]
Diese Deutschlandfrage meint die Teilung Deutschlands in die Bundesrepublik Deutschland und die
Deutsche Demokratische Republik, die DDR. Das ist hier ganz wichtig, denn nochmal: Reparationen,
also staatliche Zahlungen des Verlierers an den Sieger, konnten in einem Friedensvertrag nur von
dem „gesamten Verliererstaat“, also von einem ungeteilten Deutschland geregelt werden. Und eine
Wiedervereinigung Deutschlands und damit ein Friedensvertrag stand 1953 noch in den Sternen…
[Tim Geiger:]
„Das wurde gewissermaßen zu einem sehr, auch sehr bequemen Schutzschild der Bundesrepublik,
mit der Ansprüche ausländischer NS-Geschädigter eigentlich immer abgewiesen wurden.“
Die Bundesrepublik kann so also sagen: Wir können gar nicht zahlen, weil wir ja noch nicht
wiedervereinigt sind. Vom Ausland wird diese Argumentation natürlich gar nicht gern gehört,
insbesondere da ab Ende der 1950er Jahre die westdeutsche Wirtschaft so offensichtlich brummt,
dass man sich mit der als Ausrede angesehenen Formulierung nicht abfinden will.
[Tim Geiger:]
„Die Bundesrepublik kann sonst wirtschaftlich vor Kraft strotzend kaum noch gehen. Aber sagt
immer aus Geldgründen können wir euch keine Entschädigung zahlen. Das ist ein gewisser
Widerspruch. Und auch den greifen natürlich die westeuropäischen Verbündeten auf, die das
Problem haben, da aber nicht die USA an ihrer Seite zu sehen, als der wirklichen, entscheidenden
Hegemonialmacht im westlichen Lager. Es ist die Zeit der Wiederaufrüstung, der Wiederbewaffnung,
was auch ein immenser Kostenfaktor ist.“
Aufgrund des Kalten Krieges halten sich die USA zurück. Sie habe die Haltung: Eine wirtschaftlich
starke Bundesrepublik hat für uns erst einmal Priorität.
Die westeuropäischen Staaten hoffen trotzdem auf einen Ausweg, nämlich auf die Änderung des
Bundesentschädigungsgesetzes. Sie wollen, dass auch Personen eine Entschädigung erhalten können,
die keinen territorialen Bezug zu Deutschland hatten. Was genau meine ich hier mit territorialem
Bezug?
5 Abkommen über deutsche Auslandsschulden vom 27. Februar 1953, in: BGBl. 1953 II, S. 331–485.
Hintergrund ist hier das Bundesentschädigungsgesetz, in dem die Regeln für Entschädigungen
geklärt werden. Dieses Gesetz folgt einem Prinzip, das sich Territorialitätsprinzip nennt, von
Territorium, also Hoheitsgebiet.
Das bedeutet, dass nur Menschen Anspruch auf Entschädigung haben, die einen Bezug zu
Deutschland und dessen Territorium besitzen. Damit sind Menschen gemeint, die zu einem Stichtag
1952 in der Bundesrepublik lebten oder vor dem Stichtag verstorben sind und im Gebiet der
Bundesrepublik gelebt hatten oder aus dem Deutschen Reich in den Grenzen vom 31. Dezember
1937 emigriert, ausgewiesen oder deportiert worden sind.
[neutrale Doku-Musik]
Erinnert ihr euch noch an den Vergleich zwischen dem dänischen und dem deutschen KZ-Häftling zu
Beginn dieser Folge? Der Däne hat nie in Deutschland gelebt – ein Aufenthalt in einem deutschen KZ
galt nicht als „Leben in Deutschland“ – und er ist nie aus Deutschland vertrieben worden. Daher kann
er laut Gesetz also nicht entschädigt werden. Wäre dieser Däne nach dem Krieg aber zum Beispiel
nach Frankfurt am Main oder Oberammergau gezogen, dann wäre er anspruchsberechtigt gewesen.
Es ist also vollkommen nachvollziehbar, warum Länder wie Dänemark nun eine Novellierung fordern,
denn verstehen kann man sowas als Überlebender nur schwer.
Doch genau diese Hoffnung auf eine Gesetzesänderung wird enttäuscht, weil hierdurch schwer
lösbare Überschneidungen zur Reparationsfrage geschaffen worden wären. Den übrigen westlichen
Staaten bleibt nur die Möglichkeit, sich zusammenzuschließen und gemeinsam an die Bundesrepublik
Deutschland heranzutreten. Die Folge sind eben genau diese Verbalnoten, die Elke Hammer zu
Beginn der Folge vorgestellt hat. Im Wortlaut sind sie fast alle gleich: Deutschland soll für die
Verbrechen an den Menschen Verantwortung übernehmen und individuelle Entschädigungen
ermöglichen.
[Tim Geiger:]
„Und natürlich steht die Bundesrepublik, wen wundert es nach diesen Verbrechen der NS-Zeit, noch
immer unter einem gewissen Verdacht. Das wissen die Diplomaten, teils durchaus einschlägig selbst
NS-belastet. Aber sie kriegen eben in ihrer neuen bundesrepublikanischen Gegenwart angekommen
mit, dass es notwendig ist, dass die Bundesrepublik sich erkennbar von ihrer NS-Vergangenheit aktiv
distanziert, auch durch praktisch tätige Reue und insofern ein kategorisches Nein politisch eigentlich
verkehrt ist.“
Die Reaktion aus Bonn ist aber erstmal zurückhaltend: Man bietet Geld für Härtefälle an, oder
möchte aus caritativen Gründen Kur- und Krankenhausaufenthalte bezahlen. Vor allem für die
internationale Presse und Verfolgtenverbände ist das ein Skandal. Denn die Sicht der Betroffenen ist:
wir fordern keine Almosen, sondern eine gerechte Entschädigung.
Nach zahlreichen schwierigen und jahrelangen Verhandlungen mit den jeweiligen westlichen Staaten
können sogenannte Globalabkommen einzeln mit den zwölf Staaten abgeschlossen werden. „Global“
deshalb, weil eine „Globalsumme“, also eine Gesamtsumme, die alle individuellen Forderungen
umfasst, vereinbart wurde. Die Bundesrepublik sagt dabei ganz klar: Das sind keine Reparationen,
sondern außerordentliche Zahlungen, die für die einzelnen Betroffenen vorgesehen sind, aufgrund
der Einmaligkeit des NS-Unrechts. Die Verteilung oblag dann den jeweiligen Vertragsstaaten.
Dazu nochmal Tim Geiger:
[Tim Geiger:]
„Es ist vielleicht auch ganz bezeichnend, dass die entscheidenden Durchbrüche gerade auch bei
diesen Globalabkommen, die die Folgen dieser Verbalnote von 1956 sind, immer im politischen
Zusammenhängen stehen. Letztlich war es keine Frage des Rechts auf die Höhe der Entschädigung,
sondern der Fragen des politischen Drucks.“
Fast eine Milliarde Mark zahlt die Bundesrepublik, aufgeteilt auf die zwölf Staaten, mit denen sie
zwischen 1959 und 1964 entsprechende Abkommen abschließt. Frankreich bekommt zum Beispiel
400 Millionen, Dänemark 16 Millionen. Die Verteilung der Summen sagt weniger über die Anzahl der
betroffenen Menschen im Land aus, sondern vielmehr etwas über die jeweiligen diplomatischen
Gewichtsverhältnisse. Bis auf Luxemburg behalten sich auch alle Länder vor, gegebenenfalls noch
einmal neu zu verhandeln. Damals werden die Globalabkommen auch im Bundestag debattiert. Hier
hören wir mal rein in die Debatte über das Abkommen mit Norwegen. Es äußert sich der damalige
stellvertretende SPD-Vorsitzende und Oppositionspolitiker Herbert Wehner am 11. März 1960. Dabei
kündigt er an, dass sich seine Fraktion bei der Abstimmung enthalten wird:
[Herbert Wehner (Aufnahme vom 11.03.1960):]
„Entschuldigen Sie, ich will hier bei dieser Gelegenheit nicht auf Zahlen zurückgreifen. Ich will nur
zusammenfassend sagen: Die Summen, die mit diesen Verträgen als unsere
Wiedergutmachungsleistungen gegenüber Dänemark und Norwegen angesetzt worden sind, machen
nur einen Bruchteil der Schäden aus, die dort an Menschen angerichtet worden sind. Das Wort, das
wir auch hier wieder gehört haben, dass man nicht alles mit Geld gut machen kann, ist ein richtiges
Wort. Andererseits sollte man mit dem, was man auf dem Gebiet tun kann, bis an die uns mögliche
äußerste Grenze gegangen sein. Das ist hier leider nicht der Fall. Wir liegen mit diesen Zahlen weit
unter dem, was in beiden Ländern dort aus eigener Kraft, aus eigenen Mitteln hat in den Jahren, die
seit dem Krieg vergangen sind, aufgebracht werden müssen, um Opfern des nationalsozialistischen
Regimes in diesen beiden Ländern zu helfen.“
[neutrale Doku-Musik]
Wichtig ist bei diesen Globalabkommen, dass die BRD zwar das Geld zur Verfügung stellt, die
Verteilung an die Verfolgten aber den jeweiligen Staaten überlassen wird. Das letzte dieser
Abkommen wird 1964 mit Schweden unterzeichnet.
Viele Staaten, in denen die Nazis gewütet haben, erhalten nun Zahlungen nach den Globalabkommen
und geben diese jeweils auf ihre Art und Weise an Betroffene weiter.
Aber ehemalige Verfolgte in osteuropäischen Staaten haben keine Chance auf entsprechende
Entschädigungen, obwohl dort viel mehr betroffene Personen leben. Das liegt zum einen am bereits
erwähnten Territorialitätsprinzip und der Reparationsfrage und zum anderen am Kalten Krieg.
Zahlungen in Länder des Sowjetblocks gelten als politisch ausgeschlossen, weil man aus
bündnispolitischer Sicht keine westlichen Devisen liefern will. Zudem befürchtet die Bundesrepublik
natürlich auch sehr hohe Forderungen. Wir werden auch hierauf nochmal in einer gesonderten Folge
eingehen.
[Tim Geiger:]
„Die Osteuropäer waren tatsächlich immer diejenigen, die ins Nichts fielen. Davor wurden sie
abgewiesen, auch immer unter Verweis entweder noch keine diplomatischen Beziehungen und dann
mit dem Argument, na, das sind letztlich Reparationszahlungen und die sind allenfalls fällig, wenn es
eine Friedensvertrag-Regelung gab. Und letztlich war es 1990 natürlich auch einer der Gründe,
warum wir keinen Friedensvertrag bei der deutschen Einheit bekommen haben, sondern einen Zwei-
plus-Vier-Vertrag 6, einen Ersatzvertrag, eine abschließende Regelung in Bezug auf Deutschland, wie
es heißt, weil man eben gerade das Fass der Reparationen nicht aufmachen wollte. Das war klug
gedacht, führt aber faktisch daran, dass die moralische Schuld und auch die moralische Verpflichtung
natürlich blieb und die ganzen Entschädigungsdebatten, die in den 90er Jahren entstehen, sind
letztlich eine Folge dieses gewissermaßen Erfolgs, die Reparationsfrage außen vorgehalten zu
haben.“
Die internationale Dimension der deutschen Wiedergutmachungspolitik hat damit also auch
Auswirkungen auf unsere jüngste Vergangenheit.
Doch trotz alledem ist viel passiert bei der Wiedergutmachung im westlichen Ausland, auch
außerhalb der Globalabkommen: Denn es gibt ja noch die Menschen, die eben nicht durch das
6 Vertrag über die abschließende Regelung in bezug auf Deutschland vom 12. September 1990 (BGBl. 1990 II, S. 1317–1329.
Territorialitätsprinzip ausgeschlossen sind und nach dem Krieg im westlichen Ausland leben. Ein
solches Beispiel habt ihr ja mit Eva Evans in der ersten Folge dieses Podcast gehört. Sie lebte 1937 in
den Grenzen des Deutschen Reichs und ist dann aufgrund der Verfolgung nach England geflohen. In
diesem Falle ist sie also anspruchsberechtigt nach dem Bundesentschädigungsgesetz.
Um zu verstehen, wie das genau funktioniert hat, müssen wir noch einmal zurück ins Landesamt für
Wiedergutmachung nach Saarburg.
[Musik und tonaler Übergang]
Neben dem eigentlichen Hauptgebäude, das wie eine alte Grundschule aussieht, hat das Landesamt
für Wiedergutmachung eine zweite Immobilie mieten müssen. Denn bei 910.000 Akten, die sich im
Laufe der Jahrzehnte gesammelt haben, ist irgendwann mal der Platz ausgegangen.
[Schritte auf Gängen]
[Britta Weizenegger:]
„Wir haben hier sehr schmale Gänge, allerdings kommen noch Personen einigermaßen gut durch.
Und wir haben hier Holzregale bis zur Decke und die sind alle bestückt, sechs Regalböden und da
liegen jeweils bis zu 10 Akten drin. Da kann man sich vorstellen, wie viele Akten hier ungefähr
untergebracht sind. Ich persönlich kann sagen, ich habe angefangen, da war ich gerade eine Woche
hier und natürlich zur Bearbeitung einer Akte gehört auch dazu, die Akte intensiv zu studieren. Und
dann liest man natürlich auch die Aussage des Verfolgten. Man liest auch die Zeugenaussagen, und
da habe ich dann ganz am Anfang eine Akte von einem Mann in der Hand gehabt, er und sein
Zwillingsbruder waren, ja Opfer der Experimente von Mengele. Und ich sage mal, selbst wenn man
aus diesem Bereich nicht kommt, ist Mengele natürlich ein Begriff. Und das noch mal so zu lesen, war
schon sehr erschreckend. Zumal dieser Mann überlebt hat und der Zwillingsbruder nicht. Schlimm
auch, dass gerade die Überlebenden sehr darunter leiden, dass sie überlebt haben und eben nicht die
Angehörigen. Und was einen eher positiv prägt: Wir haben ein sehr gutes Verhältnis mit den noch
wenigen Rentenempfängern.“
[neutrale Doku-Musik]
Weil die Durchführung des Bundentschädigungsgesetzes durch die Bundesländer erfolgt, gibt es in
jedem der sogenannten alten Bundesländer entsprechende Entschädigungsämter zum Beispiel in
Düsseldorf, München und Berlin.
Manche Ämter haben dazu zusätzlich noch Sonderzuständigkeiten. In Saarburg zum Beispiel
kümmert man sich um die Antragsteller mit Wohnsitz außerhalb Europas – also zum Beispiel in den
USA und Israel. Aus diesem Grund laufen auch heute noch in Saarburg viele Anfragen auf, die aus der
ganzen Welt kommen, weshalb man sich im kleinen Städtchen durchaus globaler sieht, als der Blick
auf die Landkarte vermuten lässt. Britta Weizenegger beschreibt das Verfahren:
[Britta Weizenegger:]
„Man muss sich das so vorstellen, um das mal zu verkürzen: Man hat von dieser Antragsmöglichkeit
erfahren entweder durch jüdische Organisationen, durch die Bundesregierung, wie auch immer, und
hat dann eben in Deutschland meist dann in einer Entschädigungsbehörde, wenn das nicht die
richtige war, wurde an die zuständige verwiesen, einen Antrag geltend gemacht und die bekamen
dann einen sogenannten Mantel-Bogen. In den konnten sie erst mal Name, Geburtsdatum usw.
eintragen, also Grunddaten und ankreuzen, welche Schäden sie geltend machen. Es gibt nämlich
mehrere Schäden. Es gibt zum Beispiel Lebensschäden, weil sie einen Ehemann, Kinder im
Nationalsozialismus verloren haben. Es gibt Gesundheitsschäden, Körperschäden, Freiheitschäden,
das heißt, weil sie zum Beispiel einen Judenstern tragen mussten oder auch in einem Ghetto
inhaftiert waren oder generell in Haft.“
Ok, Mantelbogen, Grunddaten, Schadensfall ankreuzen – das klingt mehr nach der Bearbeitung eines
Versicherungsfalls als nach Wiedergutmachung. Für die Betroffenen war diese Vorgehensweise teils
unerträglich und zudem noch höchst kompliziert. Britta Weizenegger deutet das auch an:
[Britta Weizenegger:]
„Die Herausforderung ist zum einen, das muss man ganz klar sagen, da ist ja die Verfolgung ist ja an
diesen Menschen sehr hart, hat massiv in deren Leben eingegriffen. Die haben Angehörige verloren,
die haben teilweise komplette Familien verloren, die sind aus ihren Heimatländern geflohen, nach
dem Krieg und haben all das erlitten. Also da gab es häufig auch die Problematik, dass man gar nicht
mit dem sogenannten damals für die sehr deutlichen Täterstaat agieren wollte.“
Die Behörden in Deutschland mussten die Anträge also irgendwie bearbeiten können und brauchten
hierfür entsprechende Angaben der Überlebenden oder ihrer Verwandten. Für die aber stellte dies
verständlicherweise häufig eine sehr große emotionale Belastung dar, gegenüber einer deutschen
Verwaltung erst einmal in endlosen, unpersönlichen Formblättern Eintragungen machen zu müssen.
Tosia Schneider, eine in die USA emigrierte Holocaust-Überlebende berichtet für das Zeitzeugen-
Projekt „Zwangsarbeit 1939 – 45“, wie traumatisierend der Kontakt mit deutschen Behörden war und
dass sie die Wiedergutmachung als unzureichendes und beleidigendes „Blutgeld“ empfand:
[Tosia Schneider:]
“I have a very strange relationship with that. When I was in Germany, they had formulars. They had
papers that told you if you lost a mother, you will get compensated so much for a father, so much for
a brother, whatever. And I remember seeing that and being so infuriated and saying: ‚You don’t have
enough money to pay for all of that.‘ And I never wanted any compensation for family.”
Die reine Antragstellung war für Viele ein sehr schmerzhafter Prozess, weil hier natürlich die Trauer
über die großen Verluste wieder an die Oberfläche geholt wurde. Zudem ist so ein Prozess auch sehr
unpersönlich und Überlebende hatten häufig das Gefühl, dass ihnen „die Wahrheit“, also das, was sie
erlebt hatten, nicht wirklich geglaubt wurde. In den ersten Jahren wurden Anträge in sehr vielen
Fällen auch einfach direkt abgelehnt – es braucht nicht viel, um sich die Wirkung vorzustellen. Die
Überlebenden trafen auf eine in vielen Fällen „unbarmherzige“ Bürokratie, es gab auch durchaus „alte
Nazis“ in den Behörden.
Der gesamte Prozess der Entschädigung dauert Jahre und wird auch von Gesetzesnovellierungen und
außerpolitischen Entscheidungen beeinflusst. Deutlich ist aber, im Laufe dieses Prozesses werden
mehr und mehr Anträge bewilligt und v.a. auch mehr Schäden anerkannt. Insgesamt sind bis heute
nach offiziellen Zahlen des Bundesfinanzministeriums 4,4 Millionen Anträge aus der ganzen Welt
nach dem Bundesentschädigungsgesetz eingegangen. 1,2 Millionen wurden nicht anerkannt. 7 Hinzu
kommen viele hunderttausende Fälle, in denen Menschen über außergesetzliche Leistungen
entschädigt worden sind. Und so kommt es, dass Britta Weizenegger, die nun heute ein
Wiedergutmachungsamt leitet, schildert:
[Britta Weizenegger:]
„Ich höre häufiger mal, dass diese Personen im Endeffekt zweimal verfolgt wurden, einmal eben im
Nationalsozialismus und später bei der Beantragung. Das kann ich aus meinen Berührungen mit den
Rentenempfängern und auch mit den Akteninhalten nicht ganz nachvollziehen. Man hatte schon das
Gefühl, es wurde sehr viel getan. Es gibt sicherlich Punkte im Bundesentschädigungsgesetz, die
hätten möglicherweise angepasst werden können. Da kann man aber auch drüber diskutieren. Aber
ich würde sagen, dass das eine schon recht fortschrittliches Gesetz war und das auch immer die
politische und auch die medizinische Welt mit eingeflossen ist. Nehmen wir mal den Anfang, da
wurden psychische Erkrankungen gar nicht so in den Fokus gerückt, weil die auch teilweise gar nicht
geltend gemacht wurden. In den 80er Jahren wurde dann festgestellt, dass natürlich ein
Konzentrationslager, eine Zwangssterilisation wahnsinnig viel aus Menschen macht und deren Leben
nachhaltig verändert. Und dann wurden aber auch sehr schnell diese Sachen umgesetzt.“
7 Bundesministerium der Finanzen (Hg.): Leistungen der öffentlichen Hand auf dem Gebiet der Wiedergutmachung. Stand:
31. Dezember 2022.
Ja, aber diese „Einsicht“ kommt natürlich für viele, viele Betroffene viel zu spät. Und auch aus Sicht
der Antragstellerinnen und Antragsteller sieht das natürlich häufig anders aus.
Imre Gönczi ist Auschwitz-Überlebender und berichtet von seinen Erfahrungen für das Zeitzeugen-
Projekt. Seinen Blick auf das Bundesentschädigungsgesetz fasst er so zusammen:
[Imre Gönczi:]
„Das war ein sehr schlechtes, schlechtes Gesetz. Er wollte nur die Deutschen entschädigen.“
Und genauso gibt es auch die Fälle, bei denen es für die Überlebenden ganz gut funktioniert hat. Hier
spricht die ehemals in Auschwitz inhaftierte Jutta Pelz-Bergt. Sie lehnt den Begriff
Wiedergutmachung zwar kategorisch ab, hat aber im Kontakt mit den Behörden nicht nur schlechte
Erfahrungen gemacht:
[Jutta Pelz-Bergt:]
„Die haben gesagt, naja, haben sie denn nicht Ihren Gesundheitsschaden anerkannt? Nee, sag’ ich.
Das ist ja erst ´48 rausgekommen. Also los. Der wird sofort beantragt. Auch wenn’s erst ´48... Sie sind
ja vorher nicht untersucht worden. Und nach zwei Monaten hatte ich das durch und bekam dann eine
Rentennachzahlung von viertausend Mark und das war damals unheimlich viel Geld. Heute ist das ja
nix, aber damals war das wirklich wahnsinnig viel Geld und da hab’ ich dann mir leisten können,
meine Arbeit in Berlin aufzugeben und bin erstmal nach Israel gefahren.“
Zu Hochzeiten der Anträge nach dem BEG Mitte der 1960er Jahre, bearbeiten allein in Rheinland-
Pfalz 760 Menschen die Akten der Antragsstellerinnen und Antragsteller. Auch in den anderen
Bundesländern entsteht so über die Jahre ein enormer Bürokratie-Apparat, um den vielen Anträgen
der Überlebenden gerecht werden zu können.
[Musikpause, kurzer tonaler Übergang]
Heute sind es noch neun Menschen, die in Saarburg diesen Dienst verrichten. Weil die
Rentenempfänger immer weniger werden, haben die Beamten im Landesamt für Wiedergutmachung
in Saarburg sehr viel persönlichen Kontakt zu jedem ihrer Antragstellerinnen und Antragsteller.
[Britta Weizenegger:]
„Und wir haben eine Dame aus Düsseldorf, die uns eigentlich jede Woche anruft und das sind immer
nette Gespräche, auch wenn natürlich viel über die schlimme Vergangenheit gesprochen wird, wohl
aber auch immer einen Blick auf das, was in Deutschland jetzt passiert. Also viele unserer
Rentenempfänger machen sich, gerade was die Demokratie in Deutschland betrifft, viele Sorgen.“
Wir haben jetzt viel darüber gehört, wie das Antragsprozedere aus dem Ausland gelaufen ist.
Interessant ist aber auch, was Menschen außerhalb Deutschlands über die
Wiedergutmachungspolitik denken. Und dazu geht’s nach Utrecht in die Niederlande.
[Musik und tonaler Übergang]
Vielleicht habt ihr schonmal den Begriff „Transitional Justice“ gehört. Der fasst, grob gesagt, Prozesse
und Praktiken zusammen, die den Übergang von einem gewaltsamen diktatorischen System in eine
rechtsstaatliche Demokratie beschreiben. Dabei geht es u.a. auch um die Frage, wie erinnert wird und
an wen erinnert wird. Die nach dem Krieg stattfindenden Prozesse gegen NS-Kriegsverbrecher und
andere NS-Täter und auch Aspekte der deutschen Wiedergutmachungspolitik sind vereinfacht gesagt
eine Art Startschuss für diese Disziplin. Dazu forscht zum Beispiel Nicole Immler, Professorin für
Historical Memory und Transformative Justice an der Universität Utrecht in den Niederlanden.
[Nicole Immler:]
„Und da muss man ja sagen, dass in diesem Feld, also gerade die deutsche
Wiedergutmachungspolitik einen großen Stellenwert hat und oft sehr als Ideal zirkuliert, weil
sozusagen die Nürnberger Trials, das Luxemburger Abkommen, die individuellen, aber auch
kollektiven Entschädigungsmaßnahmen, die sind halt sehr oft ein Referenzpunkt in Diskussionen, vor
allem im Ausland. Also ich habe lange in Österreich gelebt und jetzt in den Niederlanden und dort in
Ländern, wo eigentlich solche Maßnahmen relativ spät kamen und dann doch auch immer nach
Deutschland geschaut wurde.“
Gerade im westlichen Ausland ist die deutsche Wiedergutmachungspolitik also durchaus ein
Referenzpunkt, der heute noch herangezogen wird.
[Nicole Immler:]
„Ich glaube, grundsätzlich steht die Wiedergutmachungspolitik und die Maßnahmen dafür, dass ein
Staat eigentlich viel versucht hat, um sich sozusagen dem Unrecht zu stellen und damit umzugehen,
da auch Maßnahmen zu finden und zu implementieren und das auch alles praktisch gesehen wird mit
der Idee, es ist sozusagen eine Annäherung ist an, ja es ist sozusagen ein Angebot.“
[Musik und tonaler Übergang]
Fassen wir noch einmal kurz zusammen:
Zu Beginn dieser Folge sind wir auf die Akten im Bundesarchiv eingegangen. Ihr erinnert euch an die
Globalabkommen mit den zwölf westeuropäischen Ländern, die Entschädigungen für ihre
Staatsbürger fordern. Da war ein wichtiger und strittiger Punkt das sogenannte Territorialitätsprinzip,
also dass vereinfacht gesagt rechtlich nur die Menschen entschädigt werden konnten, die aus dem
Deutschen Reich stammten oder zu einem Stichtag in der Bundesrepublik Deutschland gelebt haben.
Da hat Tim Geiger vom Institut für Zeitgeschichte zu dieser Entstehung erläutert: Die Bundesrepublik
hat diesbezüglich vor allem dann Zugeständnisse gemacht, wenn es aus außenpolitischen Gründen
sinnvoll war.
Über die Gründe hierzu sagen die Akten aus dem Bundesarchiv viel aus. Hier nochmal Elke Hammer
mit einer beispielhaften Passage:
[Elke Hammer:]
„Und hier geht es auch wieder um Bedenken des Finanzministeriums. Das sagt, wenn man jetzt
diesen Artikel Fünf des Londoner Schuldenabkommens, den man so ein bisschen als Schutzschild
nutzt, um erst mal nicht diese Entschädigungen zahlen zu müssen, wenn man den preisgibt, dann, so
steht es hier, geht es, gibt es, ich zitiere mal wörtlich: ‚[…] keinen Damm mehr gegen die gewaltigen
Ansprüche, die von der Sowjetunion und den Ostblockstaaten zu erwarten seien.‘“
Letztlich war man hier also fast gar nicht eigeninitiativ und reagierte auf Druck von außen. Für
Betroffene, also Überlebende und ihre Angehörigen, war der Prozess der Beantragung und das
bürokratische Verfahren häufig extrem belastend. Das konnte anfangs auch durchaus an den
Mitarbeitern der Behörden liegen. Gleichzeitig hat die Erfahrung in Saarburg bei Britta Weizenegger
gezeigt: Es ist trotzdem ziemlich viel passiert. 910.000 bearbeitete Akten nur in diesem einen
Landesamt zeigen, dass sich über die Jahrzehnte eine Entwicklung mit – vorsichtig ausgedrückt –
„positiver Tendenz“ eingestellt hat.
Und auch die Außenperspektive zeigt, dass die deutsche Wiedergutmachungspolitik mit großem
Interesse über die Jahrzehnte von anderen Ländern verfolgt wurde und hier vielfältigen
Einschätzungen und Bewertungen unterlag.“
Wie passen diese Wahrnehmungen zusammen? Wie kann es sein, dass die Politik der
Wiedergutmachung so unterschiedlich bewertet wird: Nicole Immler von der Universität Utrecht hat
eine Erklärung dafür. Sie glaubt, dass das davon abhängt, welche Ebene wir betrachten, wie der
Prozess wahrgenommen wird und wer der Betrachter ist.
[Nicole Immler:]
„Gerade im Detail in der Erfahrung sind die Unzulänglichkeiten, und das ist doch eigentlich fast in
allen Menschen, mit denen ich gesprochen habe in den letzten Jahren, dass das im individuellen
Bereich die Entschädigungen doch sehr mühsam waren, sehr viele Verletzungen verursacht haben
und es also ein langer Prozess ist. Und wir wissen eigentlich, es geht nicht nur darum, was Leute
bekommen. Also sowieso geht es fast nie ums Geld. Es geht darum auch, wie der Prozess gestaltet ist.
Wenn dieser Prozess zu lange dauert, zu undurchsichtig ist, Ungerechtigkeiten enthält und so, dann
ist dieser Prozess, der wird mit bewertet, der steht lose von dem, was zum Schluss herauskommt, als
Entschädigungszahlung, als Pension.“
Auch wenn dies sich über Jahre etwas verbessert haben mag: Die Überlebenden empfanden die
Antragsprozesse teils als traumatisch. Und es gab auch Überlebende, die überhaupt nie wieder in
irgendeinen Kontakt mit Deutschland treten wollten – auch nicht, um Entschädigung zu beantragen.
Hier nochmal einmal Tosia Schneider aus den USA:
[Tosia Schneider:]
„I just could not want a letter coming with a German stamp, from a German place to me after the
war. I just wanted to cut that off completely. It was not very wise, because we struggled. We didn’t
have any money when we were young, but I couldn’t deal with it.“
[Musik und tonaler Übergang]
In dieser Folge haben wir jetzt viel über die internationale Dimension der Wiedergutmachung
gesprochen. In der kommenden Folge reden wir über und mit Menschen, deren Leid häufig
jahrzehntelang ignoriert oder ihnen sogar abgesprochen wurde: über die sogenannten Vergessenen
Opfer.
[Markus Metz:]
„Die Gesellschaft hat sich eher dadurch ausgezeichnet, dass ihr das Schicksal der Sinti und Roma
völlig egal war, dass da keine Empathie für die Belange der Minderheit herrschte und soweit auch
kein öffentlicher Druck auf die staatlichen Entscheidungsträger entstanden ist.“
Mehr dazu in der nächsten Folge von „The German Wiedergutmachung.“
Wenn euch dieser Podcast gefällt, freuen wir uns über eine Fünf-Sterne-Bewertung und empfehlt
uns gerne weiter! Ihr habt Fragen zu dem Thema oder wollt nun selbst in den Akten stöbern? Den
Kontakt dazu gibt’s in den Shownotes.
„The German Wiedergutmachung“ – Ein Podcast des Themenportal „Wiedergutmachung
nationalsozialistischen Unrechts“. Das Themenportal ist ein Kooperationsprojekt vom Bundesarchiv,
dem Landesarchiv Baden-Württemberg und FIZ Karlsruhe im Archivportal-D. Initiiert wurde und
finanziert wird es vom Bundesministerium der Finanzen.
The German Wiedergutmachung ist eine Produktion von Escucha - Kultur fürs Ohr im Auftrag des
Bundesarchivs. Ich bin Nora Hespers. Redaktion: Lukas Fleischmann, Jörn Petrick, Ralph Würschinger
und Mirjam Sprau. Skript und Produktion: Escucha - Kultur fürs Ohr. Cover: Hauer + Dörfler.

In dieser Folge schauen wir auf die internationale Seite der Wiedergutmachung und nehmen die westlichen Staaten in den Blick. Wir fragen, wie die Menschen in diesen Ländern – als direkt Verfolgte oder später Hinzugezogene – die deutsche Wiedergutmachungspolitik erlebten. 

Dazu öffnen wir wieder eine Akte aus dem Bundesarchiv, sprechen mit dem Historiker Tim Geiger über die außenpolitische Geschichte der Wiedergutmachung und erfahren von Nicole Immler aus Utrecht in den Niederlanden, wie die Wiedergutmachung im Ausland wahrgenommen wurde. 

Außerdem berichtet uns Britta Weizenegger aus Saarburg, wie heute noch ein Amt für Wiedergutmachung arbeitet und wie die deutsche Bürokratie und die Betroffenen jeweils die Wiedergutmachungsverfahren erlebten.

Interviewpartner

Britta Weizenegger, Dezernentin des Landesamts für Finanzen Rheinland-Pfalz und Leiterin des Amtes für Wiedergutmachung in Saarburg

Dr. Elke Hammer, Referatsleiterin im Bundesarchiv

Dr. Tim Geiger, Wissenschaftlicher Mitarbeiter des Instituts für Zeitgeschichte München-Berlin, Abteilung Auswärtiges Amt Berlin, Edition „Akten zur Auswärtigen Politik der Bundesrepublik Deutschland (AAPD)“

Prof. Dr. Nicole Immler, Professorin für Historical Memory und Transformative Justice an der University of Humanistic Studies in Utrecht

 

Ereignisse und Personen

Zum Luxemburger Abkommen zwischen der Bundesrepublik Deutschland und Israel vom 10. September 1952

Zur Rede Herbert Wehners im Bundestag am 11. März 1960 

 

Dokumente zum Notenwechsel

Verbalnote Dänemarks an die Bundesregierung, 21. Juni 1956 (BArch, B 136/3306, Bl. 8–9 PDF)

Schreiben des Auswärtigen Amts an das Bundeskanzleramt, 4. September 1957 (BArch, B 136/3306, Bl. 39–50 PDF)

Vermerk des Unterabteilungsleiters V B im Bundesministerium der Finanzen, Ernst Féaux de la Croix, über das Gespräch des Bundesminister der Finanzen, Franz Etzel, mit dem Bundesministers des Auswärtigen, Heinrich von Brentano, am 28. Oktober 1958 in Bonn, 28. Oktober 1958 (BArch, B 126/3306, Bl. 116–118 PDF)

Vorlage des Leiters der Unterabteilung C, Kriele, an Bundeskanzler Adenauer (Durchschlag), 3. November 1958 (BArch, B 136/3306, Bl. 119–123 PDF)

Kabinettsvorlage des Auswärtigen Amts zur Antwort der Bundesregierung auf die Demarche der Weststaaten zur Frage der Entschädigung der vom Bundesentschädigungsgesetz nicht erfassten Opfer der nationalsozialistischen Verfolgung, 27. November 1958 (BArch, B 126/117664, Bl. 145–150 PDF)

Ergänzung des Auswärtigen Amts zu seiner Kabinettsvorlage zur Antwort der Bundesregierung auf die Demarche der Weststaaten zur Frage der Entschädigung der vom Bundesentschädigungsgesetz nicht erfassten Opfer der nationalsozialistischen Verfolgung vom 27. November 1958, 2. Dezember 1958 (BArch, B 126/117664, Bl. 159–161 PDF)

Rundschreiben des Bundeskanzleramtes an die Bundesministerien zum Beschluss der Kabinettsvorlage des Auswärtigen Amts vom 27. November und 2. Dezember 1958, 8. Dezember 1958 (BArch, B 126/117664, Bl. 163 PDF

 

Abkommen und Gesetze

Luxemburger Abkommen 

Abkommen zwischen der Bundesrepublik Deutschland und dem Staate Israel vom 10. September 1952 (BGBl. 1953 II, S. 35–97 PDF)

Londoner Schuldenabkommen

Abkommen über deutsche Auslandsschulden vom 27. Februar 1953 (BGBl. 1953 II, S. 331–485 PDF)

Globalabkommen

  • mit Luxemburg vom 11. Juli 1959 (BGBl. 1960 II, S. 2077–2108 PDF)
  • mit Norwegen vom 7. August 1959 (BGBl. 1960 II, S. 1336–1338 PDF)
  • mit Dänemark vom 24. August 1959 (BGBl. 1960 II, S. 1233–1335 PDF)
  • mit Griechenland vom 18. März 1960 (BGBl. 1961 II, S. 1596–1598 PDF)
  • mit den Niederlanden vom 8. April 1960, (BGBl. 1963 II, S. 629–645 PDF; BGBl. 1963 II, S. 663–665 PDF)
  • mit Frankreich vom 15. Juli 1960 (BGBl. 1961 II, S. 1029–1033 PDF)
  • mit Belgien vom 28. September 1960 (BGBl. 1961 II, S. 1037–1039 PDF)
  • mit Italien vom 2. Juni 1961 (BGBl. 1963 II, S. 791–797 PDF)
  • mit der Schweiz vom 29. Juni 1961, (BGBl. 1963 II, S. 155 f. PDF)
  • mit Österreich vom 27. November 1961 (BGBl. 1962 II, S. 1041–1063 PDF)
  • mit Großbritannien vom 9. Juni 1964 (BGBl. 1964 II, S. 1032–1036 PDF)
  • mit Schweden vom 3. August 1964 (BGBl. 1964 II, S. 1402–1404 PDF)

Zwei-plus-Vier-Vertrag

Vertrag über die abschließende Regelung in bezug auf Deutschland vom 12. September 1990 (BGBl. 1990 II, S. 1317–1329 PDF, Faksimile)

Bundesentschädigungsgesetz

Die Gesetzgebung erfolgte in drei Stufen: 

  • Bundesergänzungsgesetz 1953 (Bundesergänzungsgesetz zur Entschädigung für Opfer der nationalsozialistischen Verfolgung (BEG), 18. September 1953, in: BGBl. 1953 I, S. 1387–1408 PDF)
  • Bundesentschädigungsgesetz 1956 (Bundesgesetz zur Entschädigung für Opfer der nationalsozialistischen Verfolgung (= Drittes Gesetz zur Änderung des Bundesergänzungsgesetzes; Bundesentschädigungsgesetz), 29. Juni 1956, in: BGBl. 1956 I, S. 559–596 PDF)
  • Bundesentschädigungs-Schlussgesetz 1965 (Zweites Gesetz zur Änderung des Bundesentschädigungsgesetzes (BEG-Schlussgesetz), 14. September 1965, in: BGBl. 1965 I, S. 1315–1340 PDF).

 

Links

Akten zur Auswärtigen Politik der Bundesrepublik Deutschland (AAPD)

Amt für Wiedergutmachung in Saarburg

Bundesarchiv

Zeitzeugenprojekt „Zwangsarbeit 1939-45“ 

 

Verwendete Akten des Bundesarchivs

BArch, B 136/3306 (Akte des Bundeskanzleramtes „Wiedergutmachung im Ausland - Allgemeines“ 1957–1965)

BArch, B 126/117664 (Akte des Bundesministeriums der Finanzen „Wiedergutmachung nationalsozialistischen Unrechts - Demarche der Weststaaten zur Frage der Entschädigung der durch das Bundesentschädigungsgesetz nicht erfassten ausländischen Opfer des Nationalsozialismus“ 1958–1961)

 

Literatur

Bundesministerium der Finanzen (Hg.): Kalendarium zur Wiedergutmachung von NS-Unrecht. Gesetzliche und außergesetzliche Regelungen sowie Richtlinien im Bereich der Wiedergutmachung nationalsozialistischen Unrechts. Stand 1. August 2022, Berlin 2022. Online-Version

Bundesministerium der Finanzen (Hg.): Leistungen der öffentlichen Hand auf dem Gebiet der Wiedergutmachung. Stand: 31. Dezember 2024. Online-Version

Bundesministerium der Finanzen (Hg.): Wiedergutmachung. Regelungen zur Entschädigung. Stand 2. Juni 2023, Berlin 2023. Online-Version

Evans, Eva: Once a Refugee – Always a Refugee, Oxford 2023.

Hockerts, Hans Günter / Moisel, Claudia / Winstel, Tobias (Hg.): Grenzen der Wiedergutmachung. Die Entschädigung für NS-Verfolgte in West- und Osteuropa 1945–2000, Göttingen 2006.

Müller, Rudolf: Das Amt für Wiedergutmachung. Seit 20 Jahren in Saarburg ansässig, in: Jahrbuch Kreis Trier-Saarburg (1995), S. 193–198.

Pauly, Jürgen: Die Verwaltungsakten beim Amt für Wiedergutmachung in Saarburg als historische Quelle, in: Landeszentrale für Politische Bildung Rheinland-Pfalz (Hg.): 80. Jahrestag der Zerschlagung der Gewerkschaften, Mainz 2014, S. 132–144.

Reuveni, Gideon: The Phantom Giant, the No-Key Gate, and the Beauty Salon of History. The German-Jewish Reparation Settlement and the Holocaust, in: S:I.M.O.N. Shoah: Intervention. Methods. Documentation 10 (2023) 3, S. 86–103. Online-Version

Schrafstetter, Susanna: The Diplomacy of Wiedergutmachung: Memory, the Cold War, and the Western European Victims of Nazism, 1956–1964, in: Holocaust and Genocide Studies 17 (2003) 3, S. 459–479. Online-Version

Folge 3: Kampf um Anerkennung

Cover Podcast "The German Wiedergutmachung"
Moderation: Nora Hespers, Redaktion: Lukas Fleischmann, Jörn Petrick, Ralph Würschinger und Mirjam Sprau. Skript und Produktion: Escucha - Kultur fürs Ohr. Cover: Kreativagentur Atelier Hauer+Dörfler GmbH. Coverbild: Antragsteller bei der URO (© bpk) | Bundesarchiv |

Podcast „The German Wiedergutmachung“
Folge 3: Kampf um Anerkennung
Bevor es losgeht ein kurzer Hinweis: In dieser Folge sprechen wir viel über die Geschichte der
Diskriminierung von Sinti*zze und Rom*nja. Weil wir viele historische Quellen und Aussagen
verwenden, wird häufiger mal das Z-Wort fallen. Das ist eine rassistische Fremdbezeichnung. Du
wirst es auch direkt in einem bitterbösen, satirischen Lied von Duo Z hören.
[Musik: Duo Z – Lustig wär das Zigeunerleben:]
„Lustig wär‘ das Zigeunerleben, faria, faria, ho. Würd‘ ihm der Staat seine Rechte geben, faria, faria,
ho. Schön wär‘ es in einem Staat, der aller Menschen Rechte wahrt, faria, faria, faria, faria, faria, faria.“
Diese Satire auf ein ebenso bekanntes wie beliebtes Volkslied wurde von Rudko Krawczynski und
Tornado Rosenberg im Jahr 1981 veröffentlicht. Mit ihrem Album „Ganz anders“ produzierte das
Duo Z Lieder, die mit bissigen Texten auf die Situation ihrer Minderheiten aufmerksam machten. Und
mehr noch: Als Bürgerrechtsaktivisten setzten sie sich immer wieder an die Spitze von Protesten und
Hungerstreiks, um die Rechte von Sinti*zze und Rom*nja gegenüber dem deutschen Staat
einzufordern.
[Musik: Duo Z – Zigeuner sollte man nicht sein:]
„Sie haben uns fast ausgerottet und ich Idiot ich leb‘ noch immer hier. Ein Zigeuner sollte man nicht
sein. So einer der die anderen doch bloß stört.
In dieser Folge von „The German Wiedergutmachung“ wollen wir diese Perspektive erzählen.
Sinti*zze und Rom*nja stehen für die sogenannten „Vergessenen Opfer“. Dazu zählen auch zum
Beispiel Homosexuelle, Zwangsarbeiterinnen und -arbeiter, Zwangssterilisierte und
Euthanasiegeschädigte sowie von den Nazis als sogenannte „Asoziale“, „Berufsverbrecher“ oder
„Wehrkraftzersetzer“ Verfolgte. Bis diese Verfolgtengruppen eine Anerkennung durch die
Bundesrepublik erfahren haben, war es ein langer, harter Weg, der nur durch viele gesellschaftliche
und politische Veränderungen möglich war. Weshalb die Betroffenen selbst inzwischen als
„Verleugnete Opfer“ von sich sprechen. Davon wollen wir euch heute am Beispiel der Sinti*zze und
Rom*nja erzählen.
Auch dieses Mal schlagen wir wieder Akten aus dem Bundesarchiv auf, die ihr im neuen
Themenportal „Wiedergutmachung nationalsozialistischen Unrechts“ entdecken könnt.
Es geht um ein Gespräch aus dem Jahr 1982 zwischen Bundeskanzler Helmut Schmidt und Romani
Rose, Vorsitzender des Zentralrats der Sinti und Roma, Zeitzeuge und Betroffener.
[Romani Rose:]
„Wir alle waren natürlich sehr angespannt, sehr innerlich, sehr aufgeregt und aufgewühlt, weil der
Nationalsozialismus hat einen Bruch entstehen lassen zwischen unserer Minderheit und dem
Selbstverständnis, Deutsche zu sein.“
Außerdem sprechen wir mit der Präsidentin des Bundesgerichtshofs Bettina Limperg über ein
Skandalurteil des Gerichts, das Sinti*zze und Rom*nja ein weiteres Mal in die Nähe von Kriminellen
rückt.
[Bettina Limperg:]
„Die Rolle der Justiz ist gewesen und wäre gewesen für die betroffenen Gruppen, ich würde sagen
möglichst großzügig die Entschädigungsgesetze umzusetzen. Das ist nicht geschehen.“
Und wir reden mit Markus Metz. Er ist wissenschaftlicher Mitarbeiter beim Verband Deutscher Sinti
und Roma, Landesverband Bayern. Er berichtet vom steinigen Weg zur Anerkennung von Unrecht
und die wichtige Rolle, die Akten und ihre Verfügbarkeit dabei spielen.
[Markus Metz:]
„Ja, Sinti und Roma waren erst einmal auf sich selbst gestellt. Die einzige Unterstützung eben durch
Rechtsanwälte, die sie bezahlen mussten, die dann auch aus der Wiedergutmachung ihr Honorar zum
Großteil dann eben abgezogen haben.“
Ich bin Nora Hespers, Journalistin, und das ist „The German Wiedergutmachung“ – Ein Podcast des
Themenportals „Wiedergutmachung nationalsozialistischen Unrechts“.
Folge 3: „Kampf um Anerkennung“.
[Akten werden aufgeschlagen]
[Anette Mertens:]
„Wir haben jetzt hier eine Akte, die stammt aus dem Jahr 1982 und stammt aus der Abteilung für
innere Angelegenheiten. Genau genommen aus dem Referat, was unter anderem für Minderheiten in
der Bundesrepublik Deutschland zuständig war. Die schaut sehr viel bunter aus, als man sich das
möglicherweise vorstellen würde. Das ist also nicht nur einfach schwarz auf weiß, sondern wir sehen
hier jede Menge, ja tatsächlich farbige Spuren, Filzschreiber und Ähnliches. Und diese Farben haben
eine ganz besondere Bedeutung so innerhalb der Verwaltung. Mit dem grünen Stift darf immer nur
der Behördenleiter unterzeichnen und schreiben. Das ist in dem Fall der Bundeskanzler. Und was ich
Ihnen hier mitgebracht habe, sind Unterlagen zu einem Gespräch zwischen dem Vorsitzenden des
Zentralrats der Deutschen Sinti und Roma, Romani Rose, mit dem damaligen Bundeskanzler Helmut
Schmidt.“
Das ist Annette Mertens. Sie ist Archivarin im Bundesarchiv und zuständig für Akten der
Bundesverwaltung. Vor ihr liegen zwei dicke Papp-Ordner mit einem Einband, der ein wenig an
künstliches Schlangenleder erinnert. Sie alle tragen die Signatur B 136, die Bezeichnung für Akten aus
dem Bundeskanzleramt, also von ganz oben.
Es ist ein siebenseitiges Briefing, eine sogenannte Vorlage, geschrieben mit Schreibmaschine, das den
damaligen Kanzler Helmut Schmidt auf ein Treffen mit dem neu gegründeten Zentralrat der Sinti und
Roma vorbereiten soll. 1
[Anette Mertens:]
„Und hier wird jetzt zunächst noch mal skizziert: Wer sind überhaupt die Teilnehmer? Also wen hat
Schmidt zu erwarten, wer wird ihn da besuchen? Das war nicht Romani Rose allein, sondern noch
mehr Vertreter des Zentralrats. Dann fasst er noch mal, der Verfasser des Vermerks noch einmal kurz
die Vorgeschichte zusammen. Hier steht der Gesprächswunsch wird seit 1978 vorgebracht, also
erläutert noch mal wie waren die Abläufe, wie kam es zu diesem Gespräch. Warum hat es so lange
gedauert, bis diese Vertreter zugelassen wurden? Dann listet er auf, welche Gespräche vorher schon
stattgefunden haben, beispielsweise, und bringt einfach die, die wichtigsten Informationen auch
inhaltlich, die wichtigsten Wünsche, von denen man erwarten kann, dass sie vorgetragen werden,
listet er hier auf, um den Kanzler eben bestmöglich auf das Gespräch vorzubereiten.“
Und auch im Anschluss an das Treffen vom März 1982 finden sich Vermerke in den Akten.
[Anette Mertens:]
„Also es sind überwiegend Absichtserklärungen, wichtige Themen für die Sinti und Roma waren ja,
dass sie nicht so sehr als Minderheit behandelt werden wollten, dass sie vor allem bei der
Wiedergutmachung stärker berücksichtigt werden wollten, als das bisher der Fall war, fühlten sich
also sozusagen doppelt benachteiligt, einmal durch ihre Verfolgung im Dritten Reich und durch die
zweite Diskriminierung, die dann durch die Wiedergutmachung dadurch entstand, dass sie eben ja
1 Vorlage des Leiters der Gruppe 32 im Bundesdeskanzleramt, Melzer, für das Gespräch von Bundeskanzler Helmut Schmidt
mit Vertretern des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma im Bundeskanzleramt in Bonn am 17. März 1982, 10. März 1982,
in: BArch, B 136/28311.
zunächst mal nicht zum Opfer-Kreis gehörten und erst im Nachhinein sozusagen in die
Wiedergutmachung einbezogen wurden.“
Was sich in den Akten zunächst wie ein normales Arbeitstreffen zwischen dem Bundeskanzler und
einer Gruppe von Interessenvertretern liest, hat Geschichte geschrieben. Denn ein Bundeskanzler
erkennt hier erstmals die nationalsozialistischen Verbrechen gegenüber den Sinti*zze und Rom*nja
als Völkermord an. Die Ermordung europäischer Sinti*zze und Rom*nja ist trauriger Höhepunkt einer
Geschichte von Verfolgung und Diskriminierung während der gesamten NS-Zeit, die sich auf einen
ethnischen und sozialen Rassismus stützte. Die Anerkennung dieser Verbrechen erfolgte erst fast vier
Jahrzehnte später!
Wie kann es sein, dass die Verfolgung und Ermordung mehrerer hunderttausend Menschen für die
deutsche Regierung keine Rolle gespielt hat? Dafür müssen wir zum Beginn der Nachkriegszeit.
[Musik, Tonaler Übergang]
Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs und der nationalsozialistischen Terrorherrschaft arbeiten die
einzelnen Bundesländer auf Druck der Besatzungsmächte an den ersten Rückerstattungsgesetzen –
ihr erinnert euch, das hatten wir in Folge 1. Unter den Überlebenden sind mehrere Tausend Sinti*zze
und Rom*nja aus Deutschland und Österreich. Sehr viele von ihnen wurden zwangssterilisiert, waren
Häftlinge in Konzentrationslagern, mussten Zwangsarbeit leisten. Sie kehren schwer traumatisiert an
ihre Heimatorte zurück. Willkommen sind sie nicht. Weder bei der örtlichen Gesellschaft noch beim
Staat, sagt Markus Metz, wissenschaftlicher Mitarbeiter beim Zentralrat der Sinti und Roma Bayern.
[Markus Metz:]
„Viele sprechen von zweiter Verfolgung. Man muss aufpassen, dass man die NS-Verfolgung dadurch
nicht relativiert, aber eine staatlich gewollte Benachteiligung der Minderheiten, der systematische
Ausschluss aus vielen gesellschaftlichen Bereichen ist zu beklagen gewesen und hat vielen den Start
in ein Leben nach der Verfolgung im Dritten Reich enorm erschwert. Viele konnten keine
Schulausbildung durchlaufen, weil sie von den Nationalsozialisten, noch bevor die Familien in die
Konzentrationslager deportiert worden sind, aus der Schule ausgeschlossen worden sind. Das hat
ihnen enorme Startschwierigkeiten natürlich nach dem Krieg bereitet und ist nach dem Krieg auch in
keinster Weise kompensiert worden.“
Eine Minderheit, die auch vor dem Krieg in großen Teilen verarmt war, trifft auf eine in der Regel
feindselig eingestellte Mehrheitsgesellschaft.
Der Alltag von Sinti*zze und Rom*nja ist durch Ausgrenzung und Stigmatisierung und teils durch
offene Gewalt gekennzeichnet. Es kommt immer wieder zu Überfällen, auch zu Fällen tödlicher
Polizeigewalt und zu schweren Sachbeschädigungen, die Sinti*zze und Rom*nja ihre
Lebensgrundlage nehmen.
[Markus Metz:]
„Die Gesellschaft hat sich eher dadurch ausgezeichnet, dass ihr das Schicksal der Sinti und Roma
völlig egal war, dass da keine Empathie für die Belange der Minderheit herrschte und soweit auch
kein öffentlicher Druck auf die staatlichen Entscheidungsträger entstanden ist.“
Zusätzlich gibt es auch ganz klare staatliche Repressionen. Viele derartige Regelungen stammen noch
aus der Kaiserzeit und der Weimarer Republik und sind bislang einfach nicht angetastet worden. 1953
kommt eine ganz neue bayerisches Verordnung hinzu, die selbst aus Sicht der 50er Jahre wenig mit
Rechtsstaatlichkeit zu tun hat: die Landfahrerordnung von 1953. 2
[Markus Metz:]
„Dann hat man flugs diese Landfahrerordnung erlassen und das Bayerische Landeskriminalamt hat im
Grunde alle Familien von Sinti und Roma völlig verdachtsunabhängig erfasst, systematisch in Polizei-
Akten überführt, im Übrigen Aktenbestände des Reichssicherheitshauptamtes, also der
2 Landfahrerordnung, 22. Dezember 1953, in: BayGVBl. 1953, S. 197–198.
Verfolgungsbehörde, wenn man so will, des Dritten Reichs, weitergeführt. Einfach einen anderen
Aktendeckel oben drauf geklebt und dann die gesamte Minderheit weiter systematisch erfasst und
insoweit einem Generalverdacht ausgesetzt. Und das ist das Ungeheuerliche.“
Man hat also einfach die Akten und Karteien der NS-Zeit weitergeführt. Klingt erst einmal nach
Verwaltungskontinuität. Aber dahinter steht ein hochpolitischer Vorgang, der an den Unterlagen mit
Händen zu greifen ist. Die systematische Erfassung war bei den Nazis die Voraussetzung der
systematischen Verfolgung. Sie beruhte auf einem tödlichen, pseudowissenschaftlich begründeten
Rassismus. Die Akten einfach weiterzuführen, heißt, die gesellschaftliche, politische und juristische
Wahrnehmung dieser Menschen als eine unter Beobachtung stehende Gruppen fortzuschreiben. Und
das ist die Voraussetzung für eine ungerechte Behandlung. Diese Praxis gab es in einer ganzen Reihe
von Bundesländern.
Das Vorhaben wird von Menschen bei Polizei und Sicherheitsbehörden unterstützt. Es sind häufig die
Menschen, die früher für die Deportation von Sinti*zze und Rom*nja nach Auschwitz verantwortlich
gewesen sind.
Erst 1970 wird diese Regelung abgeschafft.
[Musik]
In Sachen Entschädigung und Wiedergutmachungsleistungen spielen diese Dinge eine wesentliche
Rolle in der Nachkriegszeit. Denn mit Klischees und Vorurteilen werden Sinti*zze und Rom*nja
Wiedergutmachungsleistungen immer wieder streitig gemacht.
Wiedergutmachung bekommt nur der, der aus rassischen oder politischen Gründen verfolgt wurde.
Durch die fortlaufende Kriminalisierung dieser Minderheit verfestigt sich aber folgendes Bild in vielen
Köpfen: Sinti*zze und Rom*nja klauen, halten sich an keine Regeln und sind deswegen früher auch
zu Recht verhaftet worden – und nicht aufgrund von Rassismus.
Dazu kommen fehlende Zugänge. Viele Betroffene sind zum Beispiel mit den Anträgen überfordert
und haben keine finanziellen Möglichkeiten, sich rechtliche Beratung zu organisieren. Und im
Gegensatz beispielsweise zur Jewish Claims Conference auf jüdischer Seite gibt es keine
Organisationen, die ihnen hier zur Seite stehen könnten.
Wo sich ihre Ansprüche nicht von der Hand weisen lassen, werden Sinti*zze und Rom*nja dazu
gedrängt, sich auf einen Vergleich zu einigen. Dazu Markus Metz:
[Markus Metz:]
„Hat man dem zugestimmt, konnte relativ schnell, wenn die übrigen Voraussetzungen gegeben
waren, eine sogenannte Vermutungsrente in Höhe der jeweiligen gesetzlichen Mindestrente war das
dann und die ist relativ niedrig gewesen, erzielt werden. Anwälte haben sehr oft ihren Mandanten
dazu geraten. Dabei war jeweils ausgeschlossen, dass später ein Leidensverschlimmerungsverfahren
erfolgen konnte. Also wenn hinterher x Gutachten der besten Mediziner vorgelegt wurden, die
besagten, sie haben im Konzentrationslager schwerste Schäden erlitten mit Folgeerkrankungen aller
Art war das irrelevant für das Verfahren. Die Betroffenen haben sich auf einen Vergleich, der beide
Parteien bindet, eingelassen – das ist das Wesen eines Vergleichs – und hatten dann leider keine
Möglichkeit, später einmal in einem sogenannten Leidensverschlimmerungsverfahren eine Erhöhung
ihrer Rente zu erwirken. Was anderen Verfolgten, die sich nicht auf diese sogenannte
Vermutungsrente eingelassen haben, möglich war.“
Markus Metz sagt, das über ein Drittel aller Anspruchsberechtigten diese Vergleiche annahmen.
[Musik: Duo Z – Zigeuner sollte man nicht sein:]
„Sie sagen sie haben‘s wiedergutgemacht mein Bruder. Ich hätte getauscht Geld gegen dein Gebein.
Ja, ich hab‘ die paar Mark angenommen, mein Bruder. Denn es ist schwer hier unten arm zu sein.“
Einige Betroffene aber wollen ihren Anspruch vor Gericht durchsetzen. 1956 kommt es zu einem Fall,
der vorm Bundesgerichtshof landet. Und der fällt ein Urteil, das fatale Auswirkungen hat:
[Musikalischer Übergang]
[Bettina Limperg:]
„Das sind im Grunde zwei Urteile.3 Eines ist veröffentlicht worden, das andere war am selben Tag
verkündet worden. Diese beiden Entscheidungen befassen sich mit Ansprüchen von einem Mann und
einer Frau, die der Volksgruppe der Sinti und Roma angehörten und die im Jahr 1940 auf Grund eines
Erlasses von Himmler deportiert worden sind und zwar in einer Art und Weise, was die Art der
Deportation als auch das Ziel, als auch die Dauer und die Umstände der Deportation anging klar aus
rassistischen Gründen, nämlich antiziganistischen Gründen erfolgt sind.“
Das ist Bettina Limperg. Sie ist die Präsidentin des Bundesgerichtshofs. Der Bundesgerichtshof in
Karlsruhe ist das oberste Gericht in Deutschland, wenn es um zivile und strafrechtliche Verfahren
geht. Er entscheidet über Revisionen der Landgerichte und Oberlandesgerichte.
Auch in unserem Fall aus dem Jahr 1956 ist es so, dass sich der Bundesgerichtshof zwei Urteile der
Vorinstanzen genauer anschauen soll. Die Kläger hatten in den ersten beiden Instanzen gegen die
ablehnenden Bescheide der Entschädigungsämter Recht bekommen: Da sagten die Gerichte: Ihr seid
im Jahr 1940 als Sinti und Roma aus rassischen Gründen verfolgt und deportiert worden. Doch die
Entschädigungsbehörde bzw. das zuständige Land legten Berufung bzw. Revision gegen die Urteile
ein.
Sie argumentieren, dass Sinti*zze und Rom*nja erst mit dem sogenannten Auschwitzerlass aus dem
Jahr 1942/43 4 rassisch verfolgt wurden – aber nicht vorher. In diesem Erlass fordert Himmler
systematische die Deportation nach Auschwitz. Auch die „Vernichtung durch Arbeit“ hat Himmler im
Umgang mit den Sinti*zze und Rom*nja explizit angeordnet.5
Für die Entschädigungen ist das zentral: Nur wer Verfolgter im Sinne des
Bundesentschädigungsgesetzes ist, kann auch entsprechende Leistungen erhalten. Und man ist
insofern nur dann Verfolgter, wenn man – wie es im Bundesentschädigungsgesetz heißt – aus
„Gründen der Rasse, des Glaubens oder der Weltanschauung“ verfolgt wurde.
Das Verfahren landet schließlich beim Bundesgerichtshof. Und der entscheidet ganz anders, sagt
Bettina Limperg.
[Bettina Limperg:]
„In diesem Urteil wurde zwar festgestellt, dass es sich um nationalsozialistische Gewalt gehandelt
hat, aber es wurde negiert, und zwar mit sehr ausführlicher und unerträglicher Begründung, dass es
sich dabei um eine rassistische Verfolgung gehandelt hat. Vielmehr hat der Bundesgerichtshof
versucht darzulegen, dass es um letztlich polizeirechtlich legitime Zwecke gegangen sei.“
Heißt: Das höchste Gericht im demokratischen Deutschland sagt im Jahr 1956, dass Sinti*zze und
Rom*nja vor 1943 nicht rassisch verfolgt worden sind, sondern lediglich aufgrund von polizeilichen
Maßnahmen.
3 Die Urteile des Bundesgerichtshofs vom 7. Januar 1956 (IV ZR 211/55; IV ZR 273/55) sind abgedruckt in: Die Präsidentin
des Bundesgerichtshofs / Zentralrat Deutscher Sinti und Roma (Hg.): Doppeltes Unrecht – eine späte Entschuldigung.
Gemeinsames Symposium des Bundesgerichtshofs und des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma zu den Urteilen vom 7.
Januar 1956. Vorträge gehalten am 17. Februar 2016 im Foyer der Bibliothek des Bundesgerichtshofs in Karlsruhe,
Eggenstein 2016, S. 46–67.
4 Der nicht überlieferte Erlass des Reichsführers SS und Chef der Deutschen Polizei, Heinrich Himmler, („Auschwitz-Erlass“)
erging am 16. Dezember 1942, dessen Umsetzung erfolgte mit Schnellbrief des Reichssicherheitshauptamts vom 29. Januar
1943, Faksimile in: Stiftung niedersächsische Gedenkstätten (Hg.): Die Verfolgung der Sinti und Roma im
Nationalsozialismus – Materialien aus Niedersachsen. Erlasse: 1943. Auschwitzerlass Schnellbrief. Einführung und
Bearbeitungsmöglichkeiten, www.geschichte-bewusst-sein.de.
5 Vgl. sog. Himmler-Thierack-Abkommen vom 18. September 1942, abgedruckt als Dokument 654 PS „Bericht des
Reichsjustizministers Thierack über eine Besprechung mit Himmler am 18. September 1942“, in: Der Prozess gegen die
Hauptkriegsverbrecher vor dem Internationalen Militärgerichtshof Nürnberg. 14. November 1945 – 1. Oktober 1956. Band
XXV, fotomechanischer Nachdruck, München 1989, S. 200–203.
Hier mal ein Zitat aus der Urteilsbegründung und nochmal eine kurze Warnung: Die damaligen
Ansichten und der Sprachgebrauch können auf betroffene Menschen retraumatisierend wirken. In
dem Urteil steht tatsächlich wortwörtlich:
„Da die Zigeuner sich in weitem Maße einer Sesshaftmachung und damit der Anpassung an die
sesshafte Bevölkerung widersetzt haben, gelten sie als asozial. Sie neigen, wie die Erfahrung zeigt, zur
Kriminalität, besonders zu Diebstählen und Betrügereien, es fehlen ihnen vielfach die sittlichen Antriebe
der Achtung vor fremdem Eigentum, weil ihnen wie primitiven Urmenschen ein ungehemmter
Okkupationstrieb eigen ist (vgl. hierzu Groß-Seelig, Handbuch der Kriminalistik 8./9. Aufl. Seite 99 Note
4). Sie wurden deshalb allgemein von der Bevölkerung als Landplage empfunden.“ 6
[Bettina Limperg:]
„Als ich zum Ersten Mal mit Romani Rose am Rande eines anderen Symposions über diese Dinge
sprach, muss ich gestehen, hatte ich mich mit dem Thema noch gar nicht befasst. (…) Und er zitierte
dann etwas aus dem Urteil, was ich nicht geglaubt habe. Ich bin nach diesem Gespräch am Abend, als
ich wieder ins Büro kam, sofort zu meinem Bücherschrank und habe diese Entscheidung rausgesucht,
weil ich dachte, ich lese das jetzt mal und dann verstehe ich das und kann sozusagen sagen: Ist nicht
ganz so schlimm gewesen. Und dann habe ich es gelesen und habe es noch mal gelesen und noch
mal gelesen. Und es war viel schlimmer noch, als er mir das geschildert hatte. Und daraus ist dann
auch der Gedanke entstanden, dass wir uns dafür nicht nur entschuldigen müssen, sondern dass wir
eine tiefe Scham über diese Rechtsprechung unseres Hauses zum Ausdruck bringen müssen.“
Wie konnte so ein Urteil mit solchen Worten formuliert werden? Das zu erklären ist gar nicht so
einfach. Es ist zwar nachgewiesen, dass viele Richterposten noch lange mit Personen besetzt waren,
die eine NS-Vergangenheit haben. Doch gerade in diesem Fall trifft das nicht zu:
[Bettina Limperg:]
„Zugleich muss man aber sagen, dass der Berichterstatter, also das heißt die verantwortliche
Richterperson, die diese Urteile, diese speziellen Urteile vorbereitet hat und für die Kollegen
aufbereitet hat, selbst ein Richter gewesen war, der 1933 aus auch rassistischen Gründen aus dem
richterlichen Dienst entfernt worden war und verfolgt worden war durch die Nationalsozialisten und
dann wieder nach Ende dieses Unrechtssystems wieder zum Richter berufen wurde. Und dass nun
ausgerechnet eine solche Person, die ihrerseits verfolgt worden war, an einem solchen Urteil
mitwirken konnte. Das ist für mich kaum nachvollziehbar.“
Selbst ehemals Verfolgte brechen nicht mit der Stigmatisierung von Sinti*zze und Rom*nja, erkennen
ihre Verfolgung und den Umfang ihrer Verfolgung nicht an.
Vielleicht zeigt das, wie tief Ablehnung und Rassismus in der Gesellschaft verankert sind – und wie
ausgeliefert Sinti*zze und Rom*nja diesem zu der damaligen Zeit waren.
Ganz praktisch bedeutet das Urteil, dass diese Menschen keine Entschädigungsleistungen wegen
Verfolgungen erhalten können, die vor dem sog. Auschwitz-Erlass Himmlers stattfanden. Denn nach
dem Bundesentschädigungsgesetz gelten sie für diese Zeit nicht als rassisch Verfolgte des NS-
Systems. Doch es regt sich Widerstand innerhalb der Justiz. Eine Vielzahl von Landgerichten und
Oberlandesgerichten stellen sich gegen das Urteil. Insbesondere ein Richter spielt hier eine
besondere Rolle:
[Bettina Limperg:]
„Da vor allem ein Richter des Oberlandesgerichts Frankfurt, ein Senatsvorsitzender, der hieß Calvelli-
Adorno, war seinerseits auch Verfolgter gewesen, aber genau wie der Berichterstatter beim
Bundesgerichtshof, der das Urteil mitzuverantworten hatte. Und der hat nicht nachgelassen, die
Sache rechtlich und historisch weiter aufzuarbeiten. Und hat 1961 dann einen brillanten Vortrag
6 BGH-Urt. v. 7. Januar 1956 – IV ZR 273/55, abgedruckt in: Doppeltes Unrecht (s. Anm. 3), S. 58–67, hier S. 62.
veröffentlicht, als Autor einer letztlich dann wissenschaftlichen Abhandlung, nicht als Richter. 7 Und
es war wohl dieser Aufsatz gemeinsam dann mit einzelnen anderen Stimmen. Es gab einen
Rechtsanwalt, Schüler, der auch parallel eine solche also Schriften veröffentlicht hat und
offensichtlich waren es diese beiden brillanten Köpfe und aber auch die Rechtsprechung, vor allem
von Hamburg und Frankfurt, die nicht aufgegeben haben, die den BGH dazu bewogen haben, seine
Rechtsprechung zu ändern, ohne aber sich zu seiner zweiten Schuld zu bekennen.“
Also sieben Jahre später, im Jahr 1963, erfolgt die Aufgabe dieser Rechtsprechung durch eine andere
Entscheidung des BGH. 8 Sinti*zze und Rom*nja haben also ab diesem Zeitpunkt Anspruch auf
Entschädigungsleistungen für Verfolgungen vor 1943.
[Bettina Limperg:]
„Der BGH hat auch als er dann die Rechtsprechung aufgegeben hat sich nicht entschuldigt für diese
Entgleisungen. Er hat einfach die Rechtsprechung geändert und hat so als wäre das nur ein kleiner
sachlicher Fehler gewesen, gesagt nicht erst seit 1942 mit dem Auschwitz Erlass und dann später mit
den Deportationen seit 43 ist es rassistisch motiviert gewesen, sondern eben schon vorher. Also er
hat so getan, als gebe es nur so ein kleines Gap so zwischen 1940 und 42, da haben wir uns jetzt leider
vertan.“
In der Zwischenzeit sind viele nun anspruchsberechtige Personen verstorben oder haben den letzten
Rest Vertrauen in das staatliche System verloren. Viele der ehemals Verfolgten ziehen sich zurück. Sie
fühlen sich von der bundesrepublikanischen Wiedergutmachungspolitik ausgeschlossen. Die BGH-
Rechtsprechung hatte hier eine fatale Wirkung, auch wenn das Schlussgesetz vom
Bundesentschädigungsgesetz neue Anträge von Sinti*zze und Rom*nja für die Zeit vor 1943
ermöglichte und Gerichte immer wieder positive Entschädigungsentscheidungen durchsetzten.
BGH-Präsidentin Bettina Limperg ist die erste Person dieser Institution, die bei einem gemeinsamen
Symposium mit dem Zentralrat der Sinti und Roma im Jahr 2016 um Entschuldigung für das Versagen
der Justiz bittet.
Es ist vor allem die Generation der Kinder der Verfolgten, die in den späten 1970er und frühen 1980er
Jahren das ganze Thema wieder auf den Tisch bringt, im Umfeld einer zunehmenden
gesellschaftlichen Aufarbeitung des NS-Terrors.
[Romani Rose:]
„Ich habe die Leiden meines Vaters gesehen. Meine Eltern haben nicht uns etwas erzählt, was ihnen
angetan worden ist. Und wenn irgendwelche Verwandten gekommen sind, die ebenfalls von diesen
schrecklichen Verbrechen betroffen waren und man dann in ein Gespräch versunken ist, dann haben
wir etwas mitbekommen. Für uns war das als Kinder zunächst mal eine spannende Geschichte. Aber
danach haben wir gemerkt, dass es demütigend war, dass es erniedrigend war, dass es ein Verbrechen
war und wir als Kinder sind da drüber nicht hinweggekommen über diese Heuchelei.“
Das ist Romani Rose, seit über 40 Jahren Aktivist und Vorsitzender des Zentralrats der Sinti und Roma
in Deutschland. Auch in seiner Familie war Diskriminierung ständig präsent:
[Romani Rose:]
„Ich gebe Ihnen ein interessantes Beispiel: Mein Onkel hat so Mitte der 50er Jahre einen Antrag auf
Entschädigung gestellt. Er wurde hier in die Universitätsklinik Heidelberg einbestellt, zu einem
Gutachten über seinen Verfolgungsschaden im gesundheitlichen Sinn. Der Arzt saß ihm gegenüber,
blätterte in den Akten herum. Mit einmal hatte er eine längere Zeit an einer Akte verweilt, sagte zu
meinem Onkel: ‚Herr Rose, ich muss noch etwas anderes schnell besorgen. Ich komme aber wieder
zurück. Ich bitte Sie, dass Sie hier einen Moment sitzen bleiben.‘ Dann nahm er die Akte, drehte sie
7 Calvelli-Adorno, Franz: Die rassische Verfolgung der Zigeuner vor dem 1. März 1943, in: Rechtsprechung zum
Wiedergutmachungsrecht 12 (1961) 12, S. 529–537.
8 BGH, Urt. v. 18. Dezember 1963 – IV ZR 108/63, in: Rechtsprechung zum Wiedergutmachungsrecht 15 (1964) 5, S. 209–
211.
herum und legte sie meinem Onkel vor, dass gesagt worden ist, sie zogen durchs Reichsgebiet und
ernährten sich von Diebstählen und Einbrüchen.“
Roses Onkel war nicht vorbestraft. Die rassistische Vorverurteilung war aber wie selbstverständlich
Teil der Akte, die seinen Entschädigungsantrag enthält. Die systematische behördliche Erfassung und
der Generalverdacht der Nazis wird, als sei es eine relevante, objektive Tatsache, dem
bundesrepublikanischen Verfahren beigefügt.
Schlaglichtartig wird hier deutlich, wie wichtig es ist, all diese Entschädigungsanträge im gesamten
Kontext der Akten zu sehen, sie zugänglich zu machen und die gesellschaftlichen und politischen
Hintergründe zu beleuchten. Im Themenportal zur Wiedergutmachung werden diese Unterlagen
durchsuchbar gemacht, kontextualisiert.
So lässt sich auch der Wandel in der Wiedergutmachungspolitik viel besser nachvollziehen. Denn im
Umgang mit den sogenannten „Vergessenen Opfern“ tut sich etwas im Laufe der Jahre. Es sind
Aktivisten, engagierte Vertreterinnen und Vertreter, die den Mund aufmachen – bei den Sinti und
Roma in enger Zusammenarbeit mit der „Gesellschaft für bedrohte Völker“. Menschen wie Romani
Rose oder die Liedermacher vom Duo Z. Sie veröffentlichen ein Memorandum an das
Bundeskanzleramt und sorgen mit Aktionen für Aufsehen, bei denen wieder die Akten eine zentrale
Rolle spielen.
Eine davon ist der Hungerstreik von Dachau 1980. Die zwölf Streikenden fordern die Herausgabe von
Akten, die über Sinti*zze und Rom*nja während der Zeit des Nationalsozialismus und noch danach
angelegt worden sind. Darüber hinaus wollen sie eine Rehabilitierung der Minderheit, also die
Rücknahme von kriminalisierenden Gesetzen und Urteilen und eine öffentliche Distanzierung von der
Landfahrerzentrale.
Die Bürgerrechtsbewegung deutscher Sinti*zze und Rom*nja hatte es sich zum Ziel gesetzt, die
Akten, die in der NS-Zeit über Sinti*zze und Rom*nja angelegt worden waren, an das Bundesarchiv in
Koblenz zu übergeben.9
Dort sollten sie für die Aufarbeitung des Völkermords zugänglich gemacht werden. In Tübingen
hatten sogenannte „Rassenforscher“ die versteckt gehaltenen Akten jahrzehntelang weiter für
pseudowissenschaftlichen Forschungen verwendet. 18 Sinti besetzten daher am 2. September 1981
den Keller des Tübinger Universitätsarchivs und verlangten die Herausgabe der Unterlagen. In der
Folge kamen die Akten tatsächlich ins Bundesarchiv und sind dort einsehbar. Jedoch waren die circa
20.000 sogenannten „NS-Rassengutachten“ der „Rassenhygienischen Forschungsstelle“, die die
Grundlage für den NS-Völkermord gebildet hatten, nicht darunter. Diese Akten sind bis heute
verschwunden.
Markus Metz, wissenschaftlicher Mitarbeiter beim Zentralrat der Sinti und Roma in Bayern:
[Markus Metz:]
„Es gab dann auch Unterstützung durch Journalisten, teilweise dann auch durch einige wenige
Politiker. Das hat dann aber zur Bildung von Öffentlichkeit geführt. Die Anliegen der Minderheit sind
erstmals eben auch in den Mainstreammedien diskutiert worden und insoweit hat sich dadurch dann
ein Wandel allmählich auch gezeigt.“
Auf einmal nimmt die Gesellschaft Anteil am Schicksal der Verfolgtengruppe. Der Protest löste eine
breite öffentliche Solidaritätswelle aus und markierte einen Wendepunkt in der öffentlichen
Wahrnehmung der Minderheit. Diese Öffentlichkeit ermöglicht dem frisch gegründeten Zentralrat
der Sinti und Roma und dessen Vorsitzenden, Romani Rose, das eingangs erwähnte Treffen mit dem
Bundeskanzler. Am 17.03.1982 trifft Romani Rose Helmut Schmidt im Bundeskanzleramt in Bonn
zum offiziellen Gespräch.
[Romani Rose:]
9 Vgl. Henke, Josef: Quellenschicksale und Bewertungsfragen. Archivische Probleme bei der Überlieferungsbildung zur
Verfolgung der Sinti und Roma im Dritten Reich, in: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 41 (1993) 1, S. 61–77.
„Wir alle waren natürlich sehr angespannt, sehr innerlich, sehr aufgeregt und aufgewühlt, weil der
Nationalsozialismus hat einen Bruch entstehen lassen zwischen unserer Minderheit und dem
Selbstverständnis, Deutsche zu sein. Und in diesem Gespräch mit Helmut Schmidt, der ja eben in
seiner Art auch sehr staatsmännisch, sehr klar aufgetreten ist. Die Erwartungen, die wir hatten, die
waren ja im Wesentlichen schon vorbereitet. Es gab dann nochmals ein Gespräch über die Situation
der Minderheit heute und natürlich nochmals der klare Anspruch, Holocaust heißt auch die
Vernichtung einer halben Million Sinti und Roma im nationalsozialistisch besetzten Europa.“
Die Forderungen sind für den Zentralrat und Romani Rose essenziell und umfassen die Anerkennung
als nationale Minderheit und der NS-Verbrechen als Völkermord, der Verbesserung von
Lebensbedingungen und Wiedergutmachungsregelungen, der Förderung ihrer Kultur. Der
Bundeskanzler scheint für die Anliegen ein offenes Ohr zu haben. Dabei ist den Aktivisten wichtig,
nicht auf Konfrontationskurs zu gehen, für Romani Rose selbst ist die Anerkennung als deutscher
Sinto wichtig.
[Romani Rose:]
„In diesem Gespräch haben wir auch Helmut Schmidt eine Geige überreicht. Es war eine ältere Geige
gewesen – eine Symbolik, für die unsere Minderheit in der deutschen oder in der europäischen
Öffentlichkeit sehr oft wahrgenommen wird. Und das war ein Symbol von unserer Seite. Wissen Sie,
unsere Eltern hatten sich entschieden, nach dem Holocaust weiter in diesem Land zu bleiben und
damit haben sie auch an die Zukunft geglaubt. Unsere Verfassung, die sich die Bundesrepublik als
Rechtsstaat gegeben hat, war eine gute Verfassung. Sie hat die Erfahrungen aus der Geschichte
aufgegriffen. Ich erwähne einen wichtigen Artikel: ‚Die Würde des Menschen ist unantastbar.‘“
Schmidt hört zu und erkennt im Gespräch und später öffentlich den Völkermord an den Sinti*zze und
Rom*nja an. Er erklärt:
„Sinti und Roma ist durch die NS-Diktatur Unrecht zugefügt worden. Sie wurden aus rassischen
Gründen verfolgt. Viele von ihnen wurden ermordet. Diese Verbrechen haben den Tatbestand des
Völkermordes erfüllt.“ 10
Es ist ein Erfolg für die Bürgerrechtsbewegung. Neben der späten Anerkennung hat das Treffen auch
direkte praktische Auswirkungen auf die Entschädigungsverfahren. Denn im Verlauf der nächsten
Jahre übergibt der Zentralrat Akten von über 525 Wiedergutmachungsfällen an die jeweiligen
Landesbehörden, um doch noch Renten nach dem Bundesentschädigungsgesetz durchzusetzen.
[Romani Rose:]
„Sie sind neu entschieden worden, positiv entschieden worden. Die Leute bekamen Renten,
Anerkennung für ihr schlimmes Verfolgungsschicksal. Die in Auschwitz, Majdanek, Treblinka,
Buchenwald, Ravensbrück und so weiter waren. Und es setzte dann eine positive Entwicklung auch in
den Landesentschädigungsämtern ein, dass man auch bemüht war, Fälle, die von uns noch nicht
dokumentiert waren, aufzuarbeiten, neu zu entscheiden. Natürlich konnte man den Tod der Eltern,
der Großeltern, der Kinder mit Entschädigung nicht wiedergutmachen und viele wollten sich den Tod
ihrer Angehörigen auch nicht bezahlen lassen. Die haben, das waren auch meine Eltern, verzichtet.
Aber wissen Sie, die Frage der Entschädigung war für uns nicht die grundlegende Frage. Die
grundlegende Frage war das Vertrauen in den Rechtsstaat zu schaffen.“
Romani Rose und Helmut Schmidt bleiben übrigens nach dem Treffen zeitlebens in Kontakt.
[Romani Rose:]
„Was mich ganz besonders gefreut hat und worauf ich sehr, sehr stolz bin: Ich habe mit Helmut
Schmidt vier Menthol Zigaretten geraucht, und das habe ich auch mit Stolz meinen Söhnen erzählt.“
[Musikalischer Übergang]
10 Pressemitteilung des Presse- und Informationsamtes der Bundesregierung zum Gespräch von Bundeskanzler Helmut
Schmidt mit dem Zentralrat Deutscher Sinti und Roma am 17. März 1982, 17. März 1982, in: BArch, B 136/28310.
Sinti*zze und Rom*nja, aber auch Homosexuelle oder Zwangsarbeiter sind auch in der
Bundesrepublik Diskriminierung und teilweise Verfolgung ausgesetzt gewesen. Der Umgang mit den
sogenannten „Vergessenen Opfern“ ist wohl eines der Kapitel der bundesdeutschen Geschichte, das
eindrucksvoll zeigt, dass rassistische Klischees und Zuschreibungen tief in der Gesellschaft verankert
waren – vor, während und nach der NS-Diktatur. Und dass das entsprechend auch Auswirkungen auf
die Möglichkeiten von Betroffenen hatte, Anerkennung bei der Wiedergutmachung zu finden.
Regelungen zur Anerkennung und Entschädigungen dieser Opfergruppen werden erst in den 1980er
und 1990er Jahren geschaffen. Und staatliche Institutionen haben ihren Teil dazu beigetragen, dass
Stigmatisierungen über Jahrzehnte erhalten blieben. Einen wesentlichen Anteil daran hat das
skandalöse Urteil von 1956. Bettina Limperg, Präsidentin des Bundesgerichtshofs:
[Bettina Limperg:]
„Und das ist das, was einen überrascht. Es ist aber auch in der Öffentlichkeit im Grunde nicht
diskutiert worden. Es ist in der Wissenschaft nicht diskutiert worden, und auch der Gesetzgeber hat
auf dieses Urteil nicht reagiert. Der Gesetzgeber hätte ja sagen können: Halt, stopp! Wir stellen das
durch einen gesetzgeberischen Akt klar, dass das eine Verfolgung aus rassischen Gründen war. Das
hat der Gesetzgeber auch versäumt.“
Letztlich beginnt ein Umdenken erst mit den Bürgerrechtsbewegungen und den sich gründenden
Organisationen wie dem Zentralrat der Sinti und Roma.
[Romani Rose:]
„Ich habe mich nicht als Bürgerrechtler gesehen, sondern ich habe mich als jemand gesehen mit
Emotion, der diese Diskrepanz der historischen Aufarbeitung, die für ihn kein Fundament eines
überzeugenden Willens war, sondern man sich lediglich der Situation gebeugt hat.“
Und heute? Endlich alles im Reinen, was diese Fragen betrifft?
Ja und Nein. Die staatliche Sicht hat sich jedenfalls gewandelt. Das sagt Markus Metz, vom Zentralrat
der Sinti und Roma
[Markus Metz:]
„Soweit muss man auch in der Retrospektive sehen, dass hier sich seit Beginn meiner Tätigkeit – das
ist nicht mein Verdienst, aber ich durfte das verfolgen – sich eine enorme Entwicklung getan hat. Zu
Beginn hat uns der Freistaat als Randgruppe wahrgenommen. Man muss es so sagen. Und heute
merkt man einfach, dass es gegenüber der Minderheit nicht nur anlässlich von Gedenktagen eine
ausgesprochene Wertschätzung auch gibt.“
Romani Rose sieht das ganz ähnlich. Auch für ihn ist die aktuelle Situation staatlicherseits beispielhaft
in ganz Europa. Aber:
[Romani Rose:]
„Natürlich gibt es in der Bundesrepublik immer noch Antiziganismus. Wir haben im vergangenen Jahr
einen Bericht vorgestellt, der Bericht wurde von mir und von der Meldestelle gegen Antiziganismus
vorgestellt und in diesem damaligen Bericht vor einem Jahr waren es 621 Fälle. Zwischenzeitlich
wissen wir, dass wir in diesem Jahr wiederum den neuen Bericht vorstellen, und da werden es über
1000 Fälle sein. Das hängt aber vor allen Dingen mit der Situation zusammen, dass wir wiederum
einen neuen Nationalismus und eine neue Form von Neonazismus haben, die sich auch wieder mit
Gewalt gegen Menschen zeigen, anderer Herkunft, aber auch gegen die Politik.“
[Musikalischer Übergang]
Das war „The German Wiedergutmachung“. Bis hierhin haben wir uns in den ersten drei Folgen
genauer angeschaut, wie der Staat und die Gesellschaft mit Menschen umgegangen sind, die vom
Nationalsozialismus verfolgt wurden, welche politischen und gesellschaftlichen Hintergründe die
Wiedergutmachung beeinflussten.
Die Akten des Bundesarchivs und die Millionen Einzelfallakten lassen uns mit dieser Entwicklung in
direkten Kontakt treten. So kann jede und jeder von euch selbst nachlesen und den Kontext
nachvollziehen. Und sich so mit der Gesamtsituation wie auch mit den einzelnen Schicksalen
auseinandersetzen, den Schicksalen der Entschädigung und – durch die Wiedergutmachungsakten –
mit den Verfolgungsschicksalen.
„The German Wiedergutmachung“ – Ein Podcast des Themenportal „Wiedergutmachung
nationalsozialistischen Unrechts“. Das Themenportal ist ein Kooperationsprojekt vom Bundesarchiv,
dem Landesarchiv Baden-Württemberg und FIZ Karlsruhe im Archivportal-D. Initiiert wurde und
finanziert wird es vom Bundesministerium der Finanzen.
Wenn euch dieser Podcast gefallen hat, dann empfehlt ihn gerne weiter oder bewertet ihn. Wenn ihr
Feedback oder Fragen dazu habt, dann sendet gerne eine Mail an: portal-
wiedergutmachung [at] bundesarchiv.de. Ihr findet in den Shownotes nochmal ganz viel Material zu den
Themen. Weitere Infos gibt’s auch auf www.archivportal-d.de.
„The German Wiedergutmachung“ ist eine Produktion von Escucha – Kultur fürs Ohr im Auftrag des
Bundesarchivs. Ich bin Nora Hespers. Redaktion: Lukas Fleischmann, Jörn Petrick, Ralph Würschinger
und Mirjam Sprau. Skript und Produktion: Escucha – Kultur fürs Ohr. Cover: Hauer + Dörfler.

In der dritten Folge von „The German Wiedergutmachung“ wollen wir herausfinden, wie in der Bundesrepublik Deutschland mit der Verfolgung der Sinti*zze und Rom*nja in der NS-Zeit umgegangen wurde. Sinti*zze und Rom*nja stehen dabei stellvertretend für die sogenannten „Vergessenen Opfer“, deren Leid gesellschaftlich und politisch erst Jahrzehnte nach dem Nazi-Terror Anerkennung und Entschädigung erfuhr. Bis diese Verfolgtengruppen Entschädigungen erhielten zu ihnen zählten zum Beispiel Homosexuelle oder damals sogenannte „Asoziale“, „Berufsverbrecher“ oder „Wehrkraftzersetzer“ –, war es ein langer und steiniger Weg.

Wir fragen den Vorsitzenden des Zentralrats der Deutschen Sinti und Roma, Romani Rose, nach seinem Gespräch mit Helmut Schmidt 1982, in dem der Bundeskanzler den Völkermord an den Sinti*zze und Rom*nja anerkannte. Wir sprechen mit der Präsidentin des Bundesgerichtshofes, Bettina Limperg, über ein Skandalurteil aus den 1950er Jahren, und Markus Metz vom bayerischen Landesverband der Sinti und Roma berichtet uns über die Erfahrungen der Sinti*zze und Rom*nja mit den deutschen Behörden in den Wiedergutmachungsverfahren.

Interviewpartner

Romani Rose, Vorsitzender des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma

Bettina Limperg, Präsidentin des Bundesgerichtshofes

Markus Metz, Wissenschaftlicher Mitarbeiter beim Verband Deutscher Sinti und Roma, Landesverband Bayern e.V.

Dr. Annette Mertens, Referentin im Bundesarchiv

 

Musik

Duo Z: LP „Ganz Anders – Deutsche Zigeunerlieder“, Text und Musik: Duo Z (Tornado Rosenberg, Rudko Kawczynski), im Verlag „pläne“ GmbH, Dortmund 1981.

 

Ereignisse und Personen

Die Urteile des Bundesgerichtshofs vom 7. Januar 1956 sind abgedruckt in: Die Präsidentin des Bundesgerichtshofs / Zentralrat Deutscher Sinti und Roma (Hg.): Doppeltes Unrecht – eine späte Entschuldigung. Gemeinsames Symposium des Bundesgerichtshofs und des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma zu den Urteilen vom 7. Januar 1956. Vorträge gehalten am 17. Februar 2016 im Foyer der Bibliothek des Bundesgerichtshofs in Karlsruhe, Eggenstein 2016, S. 25–40. Online-Version

Der Aufsatz „Die rassische Verfolgung der Zigeuner vor dem 1. März 1943“ von Franz Calvelli-Adorno, Richter am OLG Frankfurt, ist zu finden in: Rechtsprechung zum Wiedergutmachungsrecht 12 (1961) 12, S. 529–537.

Der nicht überlieferte Erlass des Reichsführers SS und Chef der Deutschen Polizei, Heinrich Himmler, („Auschwitz-Erlass“) erging am 16. Dezember 1942, dessen Umsetzung erfolgte mit Schnellbrief des Reichssicherheitshauptamts vom 29. Januar 1943, Faksimile in: Stiftung niedersächsische Gedenkstätten (Hg.): Die Verfolgung der Sinti und Roma im Nationalsozialismus – Materialien aus Niedersachsen. Erlasse: 1943. Auschwitzerlass Schnellbrief. Einführung und Bearbeitungsmöglichkeiten, www.geschichte-bewusst-sein.de. PDF

 

Dokumente

Vorlage des Leiters der Gruppe 32 im Bundesdeskanzleramt, Melzer, für das Gespräch von Bundeskanzler Helmut Schmidt mit Vertretern des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma im Bundeskanzleramt in Bonn am 17. März 1982, 10. März 1982 (BArch, B 136/28311 PDF)

Protokoll des Leiters der Gruppe 32 im Bundesdeskanzleramt, Melzer, über das Gespräch von Bundeskanzler Helmut Schmidt mit Vertretern des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma im Bundeskanzleramt in Bonn am 17. März 1982 (BArch, B 136/28311 PDF)

Pressemitteilung des Presse- und Informationsamtes der Bundesregierung zum Gespräch von Bundeskanzler Helmut Schmidt mit dem Zentralrat Deutscher Sinti und Roma am 17. März 1982, 17. März 1982 (BArch, B 136/28310 PDF)

Presseerklärung des Zentralrates Deutscher Sinti und Roma zum Gespräch von Bundeskanzler Helmut Schmidt mit dem Zentralrat Deutscher Sinti und Roma am 17. März 1982, 18. März 1982 (BArch, B 136/28310 PDF)

 

Gesetze

Landfahrerordnung, 22. Dezember 1953 (BayGVBl. 1953, S. 197–198 PDF)

 

Links

Bundesarchiv

Bundesgerichtshof

Social-Media-Kampagne #ZumFeindGemacht

Zentralrat Deutscher Sinti und Roma

 

Verwendete Akten des Bundesarchivs

BArch, R 165 (Bestand „Rassenhygienische und kriminalbiologische Forschungsstelle des Reichsgesundheitsamtes“ mit den sogenannten „NS-Rasseakten“ 1936–1944) 

BArch, B 136/28310 (Akte des Bundeskanzleramtes „Wiedergutmachung für Sinti und Roma Forderungen des Zentralrates Deutscher Sinti und Roma sowie der Rom und Cinti Union e.V.“ 1981–1982)

BArch, B 136/28311 (Akte des Bundeskanzleramtes „Wiedergutmachung für Sinti und Roma - Forderungen des Zentralrates Deutscher Sinti und Roma sowie der Rom und Cinti Union e.V.“ 1982–1985)

 

Literatur

Deutscher Bundestag (Hg.): Bericht der Bundesregierung über die Wiedergutmachung und Entschädigung nationalsozialistischen Unrechts sowie über die Lage der Sinti und Roma und verwandter Gruppen. BT-Drucksache 10/6287, Bonn 1986. PDF

Deutscher Bundestag (Hg.): Unterrichtung durch die Bundesregierung. Bericht der Unabhängigen Kommission Antiziganismus. Perspektivwechsel – Nachholende Gerechtigkeit – Partizipation. BT-Drucksache 19/30310, Berlin 2021. PDF

Deutscher Bundestag (Hg.): Antwort der Bundesregierung auf die Kleine Anfrage der Abgeordneten Sevim Dağdelen, Andrej Hunko, Żaklin Nastić, Petra Pau und der Fraktion DIE LINKE „Entschädigung ausländischer Roma und Sinti als Opfer des Genozids während des Zweiten Weltkrieges“. BT-Drucksache 20/5471, Berlin 2023. PDF

Henke, Josef: Quellenschicksale und Bewertungsfragen. Archivische Probleme bei der Überlieferungsbildung zur Verfolgung der Sinti und Roma im Dritten Reich, in: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 41 (1993) 1, S. 61–77. PDF

Katalog zur Ausstellung „45 Jahre Bürgerrechtsarbeit deutscher Sinti und Roma“. Herausgegeben vom Zentralrat Deutscher Sinti und Roma, Heidelberg 2017. PDF

von dem Knesebeck, Julia: The Roma Struggle for Compensation in Post-war Germany, Hatfield 2011. Online-Version

Lotto-Kusche, Sebastian: Der Völkermord an den Sinti und Roma und die Bundesrepublik. Der lange Weg zur Anerkennung 1949–1990, Berlin / München / Boston 2022.

Reimesch, Christian: Vergessene Opfer des Nationalsozialismus? Zur Entschädigung von Homosexuellen, Kriegsdienstverweigerern, Sinti und Roma und Kommunisten in der Bundesrepublik Deutschland, Berlin 2003.

Wissenschaftliche Dienste des Deutschen Bundestages: Entschädigungsleistungen für während des Nationalsozialismus verfolgte Sinti und Roma. Ausarbeitung. WD 1 – 3000-023/11, 21. März 2011. PDF

Wissenschaftliche Dienste des Deutschen Bundestages: Regelungen zur Wiedergutmachung von NS-Unrecht. Entschädigungsleistungen für NS-Opfer nicht jüdischer Abstammung. Sachstand. WD 7-3000-032/16, 26. Februar 2016. PDF

Über den Podcast

Für die Podcast-Reihe „Sprechende Akten: NS-Opfer und ihr Ringen um Entschädigung“ wurden Entschädigungsakten aus dem Landesarchiv Baden-Württemberg ausgesucht, die die Geschichten und Schicksale hinter den Verfahren lebendig werden lassen. Sie zeigen, wie unterschiedlich die Behörden über die Zahlungen entschieden und wie widersprüchlich die Ergebnisse waren – bei dem Versuch eines Landes, auf das gerade erst verursachte Leid eine (materielle) Antwort zu finden.

Sprechende Akten ist eine Produktion des Landesarchivs Baden-Württemberg. Umgesetzt von WE ARE PRODUCERS in Zusammenarbeit mit POOL ARTISTS. Finanziert vom Bundesministerium der Finanzen.

Podcast bei Podigee, Spotify, ApplePodcast, Deezer, Podimo.

Staffel 2 - Folge 1: Maria und Karl Hirth. Verhängnisvolle Familienbande

Titelbild Podcast "Sprechende Akten"
Buch: Nilz Bokelberg; Redaktion: Christian Küker; Aufnahme, Sounddesign & Mischung: Michael Viol; Musik: Falk Andreas; Erzählerin: Ulrike Kapfer; in den Hauptrollen: Anne Düe als Maria Hirth, Bernhard Schütz als Karl Hirth, Norbert Stöß als Georg Hirth und Omid-Paul Eftekhari als Georg Elser. In den weiteren Rollen: Elmar Börger, Felix Goeser, Nadine Nollau, Richard Barenberg, Roman Kern, Steffen „Schortie“ Scheumann und Thomas Arnold | Landesarchiv Baden-Württemberg

Fall 2: Karl und Maria Hirth


HOST
Nach dem zweiten Weltkrieg bot die noch junge Bundesrepublik den
Opfern und Verfolgten des Naziregimes so genannte
“Wiedergutmachungszahlungen”. Doch nicht nur der Begriff war
problematisch, auch der Prozess, eine solche Zahlung zu
erhalten, gestaltete sich häufig als äusserst schwierig. Denn
die Sachbearbeiter, die über die Zahlungen entschieden,
urteilten sehr unterschiedlich. Teilweise mit äusserster Härte,
manchmal voller Verständnis. Aber stets nach geltender
Gesetzeslage.
Das Landesarchiv Baden-Württemberg möchte diesen Teil deutscher
Historie mit diesem Podcast wieder sichtbar machen und hat
einige Entschädigungsakten ausgesucht, die nicht nur zeigen,
welche Geschichten sich hinter den bürokratischen Verfahren
verbergen, sondern auch, wie chaotisch die Regelungen teilweise
waren. Und wie ein Land versucht hat, das Grauen aufzuarbeiten,
dass es gerade erst begangen hat.
Geschichte wird wieder lebendig, durch “Sprechende Akten”.
<Titelmusik>
HOST
Herzlich Willkommen zu einer neuen Folge der Sprechenden
Akten. Unser heutiger Fall beginnt in München. Irgendwie.
<Wir hören eine Bombe explodieren>
HOST
Am 8. November 1939 um 21 Uhr 20 explodiert im Münchner
Bürgerbräukeller eine Bombe. Wie geplant. An diesem Abend
hält Adolf Hitler eine Rede an eben jenem Ort. Es gibt nur
ein Problem: Hitler ist schneller fertig als gedacht. Schon
um 21 Uhr 07 ist seine Rede fertig und er verlässt den Ort
des Geschehens wieder. 13 Minuten später legt der Sprengsatz,
der ihm gegolten hat, den Bürgerbräukeller in Schutt und
Asche. Acht Menschen sterben: Eine Kellnerin und sieben
Parteimitglieder aus Hitlers NSDAP. Wie anders wäre die
Geschichte verlaufen, wenn es diese 13 Minuten nicht gegeben
hätte? Wenn Hitler länger geredet hätte? Wenn der Sprengsatz
früher explodiert wäre?
Am selben Abend, etwas früher, um 20 Uhr 45, 228 Kilometer
von München entfernt, hastet ein Mann namens Georg Elser
schnellen Schrittes durch Konstanz am Bodensee. Er läuft auf
die Schweizer Grenze zu, die sich durch die Stadt zieht und
entdeckt ein kleines, nicht abgesperrtes Gartentor. Er geht
hindurch.
(MORE)
2.
<Schritte auf Kies, Gartentor wird geöffnet und fällt wieder
zu, scheinbar ruhige Nacht>
GEORG ELSER
<leise zu sich selbst>
So, gleich hab ichs geschafft. Hier muss es irgendwo
rübergehen. Wenn mich nicht alles täuscht, müsste es gleich
da hinter dem Haus sein...
<Die Schritte gehen etwas hektischer>
XAVER RIEGER
Hey, hallo! Wo wollen sie hin?
GEORG ELSER
<leise>
Verdammt...!
<laut, zu Rieger>
Äh, ich such den Feuchtelhuber, äh, hier, vom Trachtenverein!
XAVER RIEGER
Na klar, den Feuchtelhuber vom Trachtenverein. Kommen sie
mit, ich kenne einen, der kennt hier alle. Wenn der nicht
weiß, wo ihr Feuchtelhuber ist, dann weiß es niemand.
GEORG ELSER
Oh, äh, ja hervorragend! Sehr gerne, vielen Dank. Dann komm
ich mal mit ihnen.
XAVER RIEGER
<leise, zu sich>
Ha, der ahnt nix. Den führ ich jetzt direkt auf die Wache.
GEORG ELSER
<leise, zu sich>
Mist, verdammter. Wieso war ich so unvorsichtig? Das war
meine Chance. Der Mann hier führt doch nichts Gutes im
Schilde...
HOST
Der Mann, von dem Elser hier sprach, war Zollassistent Xaver
Rieger. Eingesetzt um die Grenze zur Schweiz zu überwachen.
Auch an abgelegeneren Orten wie diesem, an dem er Georg Elser
verhaftete, als dieser versuchte, die Grenze zu überqueren.
Ungefähr eine halbe Stunde, bevor die Bombe in München
explodierte.
<Musik>
HOST
Bevor wir in der Zeit noch ein bisschen weiter
zurückspringen, kurz zur Klärung, wer war eigentlich Georg
Elser?
HOST (CONT’D)
3.
Johann Georg Elser, wie er mit ganzem Namen hiess, geboren am
4. Mai 1903 in Hermaringen in Baden-Württemberg, war Tischler
und das älteste von sechs Kindern. Er ist in Königsbronn bei
Heidenheim aufgewachsen. Elser war ein Einzelgänger. Während
der Großteil der deutschen Bevölkerung sich zu Beginn der
aufkommenden Naziherrschaft noch blenden ließ, erkannte er
bereits, dass Hitler das Land in einen Krieg führen würde.
Für ihn war klar: Diese Katastrophe ließe sich nur aufhalten,
indem die nationalsozialistische Führung stürzt. Und damit
kommen wir zurück zu unserer Geschichte. Da sich kein
organisierter Widerstand gegen das Naziregime erhob, fasste
er den mutigen Entschluss, es selbst in die Hand zu nehmen.
Mit einem Attentat. Auf Hitler. Im Verhör nach seiner
Festnahme erklärte er das so:
GEORG ELSER
In den folgenden Wochen hatte ich mir dann langsam im Kopf
zurechtgelegt, dass es am besten sei, Sprengstoff in jene
bestimmte Säule hinter dem Rednerpodium zu packen und diesen
Sprengstoff durch irgendeine Vorrichtung zur richtigen Zeit
zur Entzündung zu bringen. Wie dieser Entzündungsapparat
aussehen müsste, darüber war ich mir damals noch nicht im
Klaren. Die Säule habe ich mir deshalb gewählt, weil die bei
einer Explosion umherfliegenden Stücke die Leute am und um
das Rednerpult treffen mussten. Außerdem dachte
ich auch schon daran, dass vielleicht die Decke einstürzen
könnte. Welche Personen allerdings um das Rednerpult bei der
Veranstaltung sitzen, wusste ich nicht. Ich wusste aber, dass
Hitler spricht und nahm an, dass in seiner nächsten Nähe die
Führung sitze.
HOST
Von nun an, plant Elser seine Tat akribisch. Er sammelt
Material zum Bau der Bombe, plant den Zündmechanismus und
seine Flucht aus Deutschland. Nichts will er dem Zufall
überlassen. Und wenn man so genau plant, dann fällt eine
Menge am Sachen an, die man erledigen muss. Elser arbeitete
zum Beispiel in einer Armaturen-Fabrik und liess über Monate
immer kleinste Mengen Schiesspulver mitgehen. So wenig am
Tag, dass es niemand bemerkte, aber genug, dass er schon nach
einiger Zeit einen stolzen Pulvervorrat angehäuft hatte, den
er in seinem Kleiderschrank versteckte. Nachdem er in der
Fabrik rausgeschmissen wurde, weil er sich mit seinem Meister
angelegt hat, begann er einen Job im Steinbruch - perfekt für
seine Zwecke, weil dort so viel mit Sprengstoff rumhantiert
wurde, dass auch dort niemand bemerkte, wenn davon etwas
verschwand. So sammelte Georg Elser den nötigen Sprengstoff
für seine Bombe. Aber es wollten noch andere Vorbereitungen
getroffen werden. Und so schrieb Elser Ende Oktober 1939
einen Brief an seine Schwester und ihre Familie in Stuttgart.
<Schreibgeräusche>
4.
GEORG ELSER
Liebe Schwester, Karl und Franzle!
Wie geht es Euch. Ich werde Euch wahrscheinlich anfangs
November einen Besuch abstatten. Bitte schreibe mir, ob Du
folgende Gegenstände brauchen kannst: Anzüge, Hemden, Socken,
Pullover, Photoapparat, 2 Paar Schuhe, mein
Schreinerhandwerkszeug, Schirm, 3 Hüte. Bitte schreibe mir
sofort, ob Du Verwendung dafür hast.
Es grüßt Dich herzlichst
Georg.
HOST
Dieser Brief erreichte Maria Hirth, geborene Elser, und ihren
Mann Karl völlig unerwartet, denn obwohl Georg Elser Maria
einmal als seine Lieblingsschwester bezeichnete, hatten die
beiden doch nur wenig Kontakt. Und deswegen tat der Brief,
was er auch heute noch tun würde, wenn man von einem
Geschwisterteil aus dem Nichts eine solche Nachricht bekäme:
Er stiftete Verwirrung. Denn Maria antwortete, ebenfalls per
Brief:
MARIA HIRTH
<Schreibgeräusche> "Über Deinen Brief bin ich erstaunt. Ich
verstehe diesen Brief nicht. Ich freue mich, dass Du mich
besuchst. Die Sachen kann man heutzutage notwendig brauchen.
Gehst Du zum Militär oder ins Ausland?"
HOST
Diesen Zeilen hört man Marias Überraschung förmlich an. Aber
Georg antwortet nicht mehr, zumindest nicht postalisch: Er
fährt einfach nach Stuttgart. DER Abend dieses 6.Novembers im
Hause Hirth im Stutgarter Westen muss ein sehr intensiver
gewesen sein. Immer wieder fragt Maria ihren Bruder Georg :
MARIA HIRTH
Aber Georg, was willst du denn in der Schweiz? Warum so
geheimnisvoll?
GEORG ELSER
Ich muss, Schwesterchen, ich muss einfach.
MARIA HIRTH
Niemand muss irgendwas einfach so. So sag doch was los ist!
GEORG ELSER
Du wirst es irgendwann verstehen, Maria, aber ich muss. Aber
ich bin euch sehr dankbar, dass ich mein Hab und Gut bei euch
unterbringen darf. Das ist keine Selbstverständlichkeit! Ich,
äh, wollte dich auch fragen, ob ihr vielleicht, also nur wenn
ihr es entbehren könnt...es ist nicht ganz günstig, in die
Schweiz zu kommen...
5.
MARIA HIRTH
Aber Georg... <raschelt, sucht irgendwas> Hier, das hab ich
hier. Das sind, warte, <zählt>10...20...30 Reichsmark. Damit
solltest du es bis in die Schweiz schaffen, oder?
GEORG ELSER
Ich danke dir, Maria. Pass auf, ich schreibe euch noch ein
Übereignungspapier, dann gehören die ganzen Sachen
rechtmässig euch, wenn ich es nicht schaffen sollte, sie
wieder abzuholen.
MARIA HIRTH
Wieso solltest du es “nicht mehr schaffen”?
GEORG ELSER
Ach, Schwesterherz, glaub mir. Das musst du jetzt noch nicht
wissen. Vielleicht hört ihr morgen Abend ein wenig Radio. Da
werdet ihr bestimmt mehr erfahren.
MARIA HIRTH
Mach dich nicht unglücklich, Georg. Und mich auch nicht!
KARL HIRTH
Was sollen wir denn im Radio erfahren, Georg? Da hört man
doch sowieso die meiste Zeit nur die Nazis reden.
GEORG ELSER
Diese Bande! Dieses Pack!
MARIA HIRTH
Shhh! Georg! Wenn uns die Nachbarn hören!
GEORG ELSER
Ist doch wahr!
KARL HIRTH
Egal ob wahr oder nicht, wir wollen keine Scherereien wegen
dir, Georg. Du bist morgen weg, wir aber nicht. Wir leben
hier.
GEORG ELSER
Ja, hast Recht, Karl. Verzeiht mir. Bei Hitler und den Seinen
vergess ich mich immer. Wie dem auch sei: Morgen wissen wir
alle mehr.
MARIA HIRTH
Du sprichst in Rätseln, Georg. Aber du warst schon immer ein
wenig anders als die anderen. So ein richtiger Eigenbrötler.
Dass du nur ja auf dich aufpasst!
GEORG ELSER
Das werd ich, Mariechen, versprochen.
6.
HOST
Georg verbringt die Nacht bei seiner Schwester und ihrem
Mann. Am nächsten Tag verabschiedet er sich von ihnen und
fährt nach München. Dort geht er zum Bürgerbräukeller, um
seine Zeitbombe zu inspizieren, die er an jenem Ort
vorbereitet und platziert hat. Er schläft dabei ein. Am
nächsten Morgen, gegen 6 Uhr 30, wird der Keller zur wieder
aufgesperrt, vom Putzpersonal und Georg Elser ergreift die
Gelegenheit und verlässt ihn unbemerkt. Es ist der 8.
November 1939. Am Abend wird dort seine Bombe explodieren.
Und Adolf Hitler um 13 Minuten verfehlen.
<Musik>
HOST
Und damit sind wir wieder am Anfang unseres Podcasts. Als
später am Abend die Nachricht vom missglückten Hitler-
Attentat die Runde macht, muss die Polizei in Konstanz nur
eins und eins zusammenzählen, wen sie da an der Grenze
aufgegabelt hat. Die örtliche Gestapo verhört Elser bis spät
in die Nacht. Am nächsten Tag wird er zur Staatspolizei nach
München gebracht. Seine Schwester und ihre Familie hören am
selben Abend, wie mit Georg abgesprochen, Radio.
<An dieser Stelle einfügen: https://www.georg-elserarbeitskreis.
de/texts/audio08.htm>
RADIOSPRECHER
<Original Radiosendungsausschnitt>
MARIA HIRTH
<ruft auf> Oh Gott, Georg!
KARL HIRTH
Herrschaftszeiten, Georg. Das ist doch nicht zu fassen.
MARIA HIRTH
<schluchzt ein wenig> Ach Georg, warum nur. Was hast du da
nur angestellt?
KARL HIRTH
Maria, komm, wir haben keine Zeit zu verlieren. Wenn die
Georg verhaftet haben, dann können die jederzeit vor unserer
Tür stehen! Wir müssen das Zeug von Georg wegschaffen!
MARIA HIRTH
Was? Meinst du wirklich, Karl?
KARL HIRTH
Na sicher, du weißt doch wie die sind. Komm, hilf mir den
ganzen Kram in den Keller zu tragen...!
7.
MARIA HIRTH
<muss sich fassen> Gut, gut, ich bin da. Ich sammel alles
zusammen.
KARL HIRTH
Und wenn du irgendwas findest, was ihn belastet, schmeiss es
in den Ofen! Die dürfen hier einfach nix finden, Maria, hörst
du?
MARIA HIRTH
Ja, ich hab verstanden, Karl.
<Räumgeräusche gehen los und bleiben hörbar, während HOST
spricht>
HOST
Und so räumen die Eheleute alle Spuren von Georg aus ihrer
Wohnung. Die großen Kisten und Koffer landen alle im Keller,
alles, was als Beweis verwendet werden kann, wird vernichtet.
Als sie fertig sind, bleibt nur noch eine Frage zu klären:
<Räumgeräusche kommen zu einem Ende>
KARL HIRTH
So, das wäre geschafft.
MARIA HIRTH
Sag, müssen wir uns jetzt noch melden?
KARL HIRTH
Melden?
MARIA HIRTH
Na, bei der Gestapo? Weil Georg mein Bruder ist? Haben die
doch überall verkündet.
KARL HIRTH
Einen Teufel werden wir tun. Wir rühren uns jetzt einfach
erstmal nicht.
MARIA HIRTH
Na, wenn du meinst...
HOST
Aber die Ermittlungen gegen Georg laufen auf Hochtouren. Er
muss der Öffentlichkeit unbedingt als Attentäter präsentiert
werden, damit die Nazis an ihm ein Exempel statuieren können
und somit mögliche Nachahmer abschrecken. Und weil der
Ermittlungsdruck so hoch ist, geraten Maria und Karl
schneller ins Visier, als ihnen lieb ist. Schon am nächsten
Tag steht die Gestapo vor der Tür, um Karl zu vernehmen. Doch
er schützt sich und seine Familie und gibt vor, nichts zu
wissen. Drei Tage später. Maria ist auf der Arbeit, sie ist
Näherin bei der Firma Wilhelm Bleyle.
8.
<ein großer Raum, Nähmaschinen rattern, es wird wenig
gesprochen, rasche Schritte nähern sich, anscheinend in
Schuhen mit Absatz>
VORARBEITERIN
Maria? Maria!
<Maria hört auf zu nähen>
MARIA HIRTH
Wie bitte? Hast du was gesagt?
VORARBEITERIN
Maria, ja, hör sofort auf zu nähen. Da will dich jemand
sprechen.
MARIA HIRTH
Mich? Jetzt? Ist das etwa der Karl? Ist was mit dem Franz?!?!
VORARBEITERIN
Nein, nein, nicht der Karl. Jemand anderes. Komm mit, ist
wichtig.
MARIA HIRTH
Aber wer mag das sein? Ich kann jetzt nicht, du siehst doch
dass ich mitten in der Arbeit bin...!
VORARBEITERIN
Die Katharina macht das fertig, komm jetzt, Maria. Ich
fürchte, dass es da keine Diskussion gibt.
<Maria steht auf und folgt ihr, sie kommen in einen Raum,
schliessen die Tür hinter sich, die Nähgeräusche verdumpfen>
POLIZIST SCHNEIDER
<sehr streng> Frau Maria Hirth, geborene Elser?
MARIA HIRTH
Ja? Bitte?
POLIZIST SCHNEIDER
Schneider, geheime Staatspolizei. Ich muss sie bitten
unverzüglich mitzukommen.
MARIA HIRTH
Aber...warum? Worum geht es denn?
POLIZIST SCHNEIDER
Jetzt machen sie es nicht schwerer, als nötig. Sie wissen
ganz genau, worum es geht. Wir fahren jetzt zu ihnen nach
Hause und da händigen sie uns alles aus, was sie von ihrem
Bruder Georg haben. <leise> Diesem räudigen
Vaterlandsverräter.
(MORE)
9.
MARIA HIRTH
Wie bitte?!?!
POLIZIST SCHNEIDER
Nichts wie bitte! Abmarsch!
<er packt sie und geht mit ihr raus, sie beschwert sich, aber
hat keine andere Wahl, als die Tür zufällt, ist sie kaum noch
zu hören, ihre Proteste werden leiser und leiser und die
Nähmaschinengeräusche sind wieder das Einzige, was zu hören
ist>
MARIA HIRTH
Na hören sie mal! Das ist eine Unverschämtheit! Lassen sie
mich sofort los! Ich will mit ihrem Vorgesetzten sprechen!
Lassen sie mich!
HOST
Am 13.11.1939 werden Karl und Maria Hirth von der Gestapo
verhaftet, weil sie für Mitwisser gehalten werden. Ihr 11-
jähriger Sohn Franz wird in einem Kinderheim untergebracht.
Nachdem Karl und Maria im Stuttgarter Gestapo-Gefängnis eine
Woche lang verhört werden, kommen sie zur weiteren
Untersuchungshaft ins Gestapo-Gefängnis in Berlin-Moabit.
Auch dort zahllose Verhöre und die fruchtlosen Versuche, die
beiden zu irgendeiner Art Geständnis zu bringen. Sie werden
sogar Reichsführer Himmler persönlich vorgeführt. Aber es ist
nichts zu machen - den beiden ist keine Mittäterschaft
nachzuweisen. Und so werden Karl und Maria Hirth gute vier
Monate später, am 14. Februar 1940 - ausgerechnet am
Valentinstag - wieder aus der Haft entlassen und kehren
zurück nach Hause, nach Stuttgart.
<Musik>
HOST
Die Haft und der Druck der Verhöre wirft die kleine Familie
aus der Bahn. Vor allem Maria schafft es nicht, wieder auf
die Beine zu kommen. Sie ist eine gebrochene Frau. Während
Karl sich bei einer neuen Stelle an einem Schlachthof langsam
wieder auf sein altes Niveau hocharbeitet, wird Franz der
Besuch einer höheren Schule versagt, nur weil seine Eltern in
Haft waren. Und das ist nur das berufliche oder schulische
Fortkommen. Der private Druck, die tuschelnden Nachbarn, die
einen plötzlich schneiden, diese Isolation - das auszuhalten
muss mindestens genauso anstrengend gewesen sein.
Der Krieg und die Naziherrschaft sind irgendwann vorbei. Aber
die Schäden und das Leid bleiben. Die gehen nicht einfach
weg. Und deswegen erreicht die Landesbezirksstelle für
Wiedergutmachung in Stuttgart am 7.Juni 1948 zwei Anträge.
Einen von Karl Hirth und einen von Maria Hirth, geborene
Elser. Und auf beiden Anträgen steht als “Grund der
Verfolgung”: “Unterstützung meines Schwagers” bzw.
HOST (CONT’D)
(MORE)
10.
“meines Bruders Georg Elser.” Längere Zeit passiert erstmal
nichts, auch die Zuständigkeiten ändern sich, da erst 1950
überhaupt ein Entschädigungsgesetz auf den Weg gebracht wird.
Am 24. Februar 1951 erreicht das noch neue Amt für
Wiedergutmachung folgender Brief.
GEORG HIRTH
Georg Hirth, Wildbad im Schwarzwald. An das
Wiedergutmachungsamt Stuttgart. Betreff:
Wiedergutmachungsantrag des Karl Hirth und seiner Ehefrau
Maria Hirth, geborene Elser. Als rechtlicher Beistand meines
Bruders Karl Hirth und seiner Ehefrau wende ich mich in ihrer
Wiedergutmachungssache an das Wiedergutmachungsamt.
HOST
Karls Bruder schaltet sich in die Wiedergutmachungssache ein.
Er erklärt in einer längeren, schriftlichen Aussage, warum
seinem Bruder und dessen Frau seiner Meinung nach eine
Wiedergutmachung zusteht.
GEORG HIRTH
Die Eheleute Hirth wussten am Vortag des des Attentats von
München um die Fluchtabsichten von Georg Elser, vor allem,
dass irgendwie politische Motive ihn dazu veranlassten. Sie
haben Elser die Gelegenheit gegeben, bei ihnen seine
Privatsachen einschliesslich Werkzeuge, die er bei Ausführung
des Attentats benutzt hatte, zu verwahren. Sie haben den
Attentäter von München in der Nacht vor seinem
Grenzübertrittsversuch bei sich aufgenommen und ihm durch
Geldunterstützung die Reise zur Schweizer Grenze ermöglicht.
Sie haben nach Bekanntwerden des Attentats sich durch
Zurückhaltung ihrer Vermutungen und ungefähren Kenntnisse der
Gefahr ausgesetzt, die schwersten Folgen einer
Fluchtbegünstigung hinnehmen zu müssen. Das sind Tatsachen
und aktive Taten, die weit schwerer wiegen als manche
unvorsichtige politische Meinungsäusserung, die den Urheber
in die politische Haft gebracht haben. Es wäre daher eine
Unbilligkeit und Ungerechtigkeit, die schweren Folgen der
Inhaftierungen für die Familie Hirth ,die sie wegen
tatsächlicher Begünstigung der größten politischen
Gegenaktion aus dem Volke gegen den Bestand des dritten
Reiches erlitten hat, nicht durch Wiedergutmachungshilfe zu
entschädigen.
HOST
Rums! Das hat gesessen. Karls Bruder argumentiert hier recht
zweifellos, warum Karl und Maria jeder Anspruch auf
Entschädigung zusteht und kritisiert nebenbei auch die
zweifelhafte Haltung, jede unbedachte Äusserung zum
politischen Widerstand umzudeuten. Und man kann dieser
Argumentation durchaus folgen: Sie haben zwar nichts von
Georgs Plänen gewusst, aber es war klar, dass er etwas im
Schilde führt und sie haben ihn, auch nach Bekanntwerden der
Tat, so gut wie möglich gedeckt.
HOST (CONT’D)
11.
Ist das keine politische Handlung? Nun, die
Staatsanwaltschaft Stuttgart sieht das in ihrer Antwort auf
die Aussage des Bruders ganz anders.
STAATSANWALT
Die Eheleute Hirth waren nach dem Ergebnis der Ermittlungen
nie Mitglieder anti-faschistischer Parteien oder
Organisationen. Sie gehörten allerdings auch nie der NSDAP
oder einer ihrer Gliederungen an. Sie haben sich für Politik
nie interessiert und sich infolgedessen allen politischen
Dingen ferngehalten. Sie sind auch sonst nicht durch eine
antinazistische Haltung aufgefallen.
HOST
Das mag ja so weit erstmal alles richtig sein, dennoch war
die Haft von Maria und Karl ja politisch motiviert. Das ist
ja das Problem. Der Staatsanwalt schreibt aber weiter:
STAATSANWALT
Die Eheleute Hirth waren nach ihren eigenen Angaben nie
Mittäter, Anstifter oder Gehilfen zu dem Attentat. Sie
wussten von diesem Attentat vorher so wenig wie die übrigen
Millionen Deutschen.
HOST
Das ist schon frech, wie hier argumentiert wird: Der
Staatsanwalt zitiert die Angaben der Hirths aus den
Verhörprotokollen von 1938/39 und argumentiert dann mit
Millionen Deutschen, die auch nichts wussten. Das mag ja
sein, aber dennoch sind sie ja in Sippenhaft genommen worden,
das ist Millionen Deutschen eher nicht passiert...
STAATSANWALT
Ihre Unterstüzung Elsers bestand darin, dass sie ihm die
Möglichkeit der Übernachtung in ihrer Wohnung gaben, dass sie
über die Dauer dieser angeblichen Reise verschiedene harmlose
Gegenstände für ihn aufbewahrten und dass Frau Hirth, die
selbstständig in einer Fabrik beschäftigt war, ihrem Bruder
noch 30 Reichsmark Reisegeld mitgab. Aber diese Unterstützung
basierte auf schwesterlicher Liebe und der Fürsorge des
Schwagers für den Bruder seiner Frau. Aus politischen Gründen
haben die Eheleute Hirth nicht gehandelt.
HOST
Die Staatsanwaltschaft arguentiert mit aller Entschlossenheit
gegen Karl und Maria und ihren Anspruch auf Entschädigung. Es
wird in ihrem Schreiben noch anerkannt, dass Karl und Maria
nach eigenen Aussagen wohl inhaftiert waren, aber da dafür
die Belege fehlen, wird das eher aus Pflichtbewusstsein und
Protokollpflicht erwähnt. An der Haltung ändert es nichts,
wie der letzte Satz des Schreibens zeigt.
12.
STAATSANWALT
Nach unserer Ansicht haben die Eheleute Hirth keinen Anspruch
auf Wiedergutmachung.
<Musik>
HOST
Auch nachgesandte und detaillierte begründete Anträge auf
Wiedergutmachung ändern nichts an der Haltung der
Staatsanwaltschaft. In einer Notiz zu den neuen Unterlagen
schreibt der Staatsanwalt:
STAATSANWALT
Es wird keineswegs verkannt, dass die Inhaftierung der
Eheleute Hirth auf einem falschen Vedacht beruhte und dass
sie als Teilnehmer an dem Attentat des Elser nicht in Frage
kommen. Es würde ihnen also an sich eine Entschädigung für
unschuldig erlittene Untersuchungshaft zustehen. Aber diese
Art der Entschädigung hat mir einer solchen im Sinne der
Wiedergutmachung nichts zu tun, denn die Eheleute Hirth sind
nicht das Opfer ihrer politischen Überzeugung geworden.
HOST
Und so entstand eine Art Patt-Situation, in der sich die
Hirths und die Staatsanwaltschaft gegenüberstanden und sich
nichts fortbewegte. Aber der Lauf der Geschichte änderte das,
denn am 18. September 1953 beschloss der zweite deutsche
Bundestag das BErgG, das in voller Länge aufgrund des
vorläufigen Charakters, recht sperrig “Bundesergänzungsgesetz
zur Entschädigung für Opfer der nationalsozialistischen
Verfolgung” heißt. Dieses Gesetz regelte
Entschädigungsansprüche bundesweit und erweiterte offiziell
den Kreis der Personen, die Anspruch auf Entschädigung haben.
Dazu zählten jetzt, unter anderem, auch “irrtümlich
Verfolgte”. Zeit also für Maria und Karl, nochmal ihre
Forderungen zu formulieren. Dieses Mal aber mit neuer,
fremder Hilfe:
ANWALT
30. März 1954. An das Justizministerium Stuttgart. Der
öffentliche Anwalt für die Wiedergutmachung beantragt für die
Antragstellerin die Gewährung einer Leistung aus dem
Härtefonds.
HOST
Maria und Karl Hirth werden nun vom öffentlichen Anwalt für
Wiedergutmachung vertreten. Eine Anwaltschaft, die vom Staat
allen Betroffenen umsonst zur Verfügung gestellt wird, um
ihre Interessen zu vertreten. Der Staat zahlt hier quasi den
Rechtsbeistand gegen sich selbst, um allen Opfern eine faire
Chance auf ihre Ansprüche zu ermöglichen. Und der Anwalt der
Hirths geht gleich aufs Ganze und ändert die Argumentation.
Er schreibt:
13.
ANWALT
Die Antragstellerin gehört zu dem Kreis der Geschädigten, die
von Verfolgungsmassnahmen betroffen wurden, weil sie
irrtümlich einer Personengruppe zugerechnet wurden, die
verfolgt worden ist. Sie ist die Schwester des Georg Elser,
der am 8.11.1939 in München das Attentat auf Hitler versucht
hat. Nach ihren Angaben hat sie ihren Bruder in der Nacht vom
7. Auf den 8.11.1939 in ihrer Wohnung beherbergt. Die
Antragstellerin und ihr Ehemann wurden für Mitwisser und
Begünstiger des Georg Elser gehalten. Tatsächlich hatten
diese aber, wie sie angeben, keine Ahnung von den Absichten
des Bruders bzw. Schwagers. Lediglich aus schwesterlicher
Fürsorge hat die Antragstellerin ihrem Bruder, der vorgab,
als politischer Gegner in die Schweiz flüchten zu müssen und
kein Geld mehr zu besitzen, 30 Reichsmark gegeben.
HOST
Im direkten Vergleich wirkt es natürlich etwas seltsam, dass
die Argumente, die wir eben von der Staatsanwaltschaft gegen
eine Entschädigung gehört haben, hier plötzlich vom Anwalt
der Hirths für eine Entschädigung genutzt werden. Aber die
neue Gesetzgebung machte es möglich. Und der Anwalt macht
auch am Ende seines Schreibens direkt klar, warum dieser
Antrag nun bewilligt werden müsse:
ANWALT
Das Versagen einer Entschädigungsleistung würde eine
unbillige Härte gegen die Antragsstellerin darstellen.
Schliesslich ist sie, ohne Gesetze oder Vorschriften
übertreten zu haben, lediglich weil sie die Schwester des
Attentäters Georg Elser ist, drei Monate in Haft gehalten
worden. Diese Haft dürfte für die Antragsstellerin schon
deshalb besonders hart gewesen sein, weil sie ihren Ehemann
ebenfalls in Haft und ihr Kind in einem fremdem Kinderheim
untergebracht wusste. Der Antrag wird daher befürwortet. Als
Entschädigung werden 200 DM vorgeschlagen.
HOST
Das wirkt. Wenn auch erstmal nicht so, wie gedacht, denn nach
diesem Schreiben verstummt die Behörde.
<Uhrenticken, erste eine, dann immer mehr, das Geräsuch wird
immer lauter, bis es mit einem letzten, klaren “TICK”
verhallt>
HOST
Bis zum 25. August 1955. Fast eineinhalb Jahre später. Da
schreibt das Justizministerium in einer Notiz:
STAATSANWALT
Es ist in Erwägung gezogen, der Anstragsstellerin aus Mitteln
des Härtefonds eine einmalige Beihilfe zum Lebensunterhalt zu
bewilligen.
(MORE)
14.
HOST
Und was jetzt passiert, ist ungewöhnlich, aber: Das Amt für
Wiedergutmachung will seinem Namen anscheinend alle Ehre
machen, nachdem sie sich so lange nicht um Marias Fall
gekümmert haben. Am 31.Oktober 1955 bekommt sie ein Schreiben
des Justizministeriums, in dem das Ministerium selbst
vorschlägt, Maria Hirths Antrag auf Leistungen aus dem
Härtefonds zurückzustellen - um ihre Chancen auf die Zahlung
zu erhöhen. Das Ministerium schreibt:
STAATSANWALT
Nach der gegenwärtigen Rechtslage müsste der Antrag abgelehnt
werden, da Sie durch die erlittenen Schäden nicht in eine
Notlage geraten sind, die heute noch besteht. Die Möglichkeit
ist jedoch nicht ausgeschlossen, dass das in Vorbereitung
befindliche 3.Änderungsgesetz zum BEG eine Änderung der
Rechtslage zu Ihren Gunsten bringt. Es empfiehlt sich daher,
jetzt von einer ablehnenden Entscheidung abzusehen und die
Verkündung des Gesetzes abzuwarten.
HOST
Im Klartext sagt das Justizministerium: Es sieht zwar gerade
schlecht für Ihre Forderungen aus, Frau Hirth, aber wir
warten mal kurz ab, denn anscheinend kann es sich noch zu
Ihren Gunsten ändern und das wollen wir gerne versuchen. Und
so, ein gutes Jahr später.
STAATSANWALT
Bescheid. In der Entschädigungssache Maria Hirth, geborene
Elser, wegen Schadens an Freiheit hat das Landesamt für
Wiedergutmachung Stuttgart entschieden: Der Antragstellerin
wird eine Entschädigung für Freiheitsentziehung in Höhe von
450 DM gewährt.
HOST
Es ist geschafft. Die Haft wird anerkannt. Maria und Karl
bekommen jeweils 450 DM ausbezahlt, 150 Dm pro Monat in Haft.
Es ist ein Erfolg. Aber auch noch nicht das Ende in der
Auseinandersetzung mit den Behörden: Maria stellt nämlich
auch noch einen Antrag auf Entschädigung für den “Schaden an
Gesundheit”, den die Haft ihr eingebracht hat. Und ist in der
Beweispflicht. Gottseidank hatte sie sich früh ärztliche
Hilfe geholt, weshalb ihr Hausarzt Dr. Stettner ihr 1951
guten Gewissens bescheinigen kann:
DR STETTNER
Frau Maria Hirth suchte im Laufe des Jahres 1940 mehrfach und
längere Zeit meine Sprechstunde wegen quälender Migräne-
Anfälle auf und benötigte laufend größere Mengen
Kopfschmerzmittel. Frau Hirth war schon lange Zeit vorher
meine Patientin und hatte nie über Migräne-Anfälle zu klagen.
DR STETTNER (CONT’D)
(MORE)
15.
Nach dem Zusammenbruch äusserte Frau Hirth mir gegenüber eine
vorher streng geheim gehaltene Tatsache, nämlich, dass sie
längere Zeit in politischer Untersuchungshaft war und dass
sie die Migräne-Anfälle auf die damals erlittenen Aufregungen
zurückführt, was ärztlich durchaus glaubhaft und
wahrscheinlich ist.
HOST
Das scheint ja erstmal ein plausibler Befund, der sofort
einleuchtet. Weiter schreibt Dr Stettner:
DR STETTNER
Frau Hirth ist durch die Migräne-Anfälle, die bis heute
anhalten, gesundheitlich stark beeinträchtigt worden. Auch
wurde sie wirtschaftlich stark geschädigt, da die Anfälle es
ihr unmöglich machten, einer Berufstätigkeit nachzugehen.
Somit war infolge dieser gesundheitlichen Schädigung das
Ehepaar mit den beiden Kindern ständig nur aufn den Verdienst
des Familien-Vorstands angewiesen.
HOST
Der Fall ist doch eigentlich klar. Auch der öffentliche
Anwalt für Wiedergutmachung, der Maria vertritt, schreibt,
dass er das Attest für glaubhaft hält und nennt noch einen
Grund dafür, dass es sich wirklich um eine Erkrankung bei
Maria handeln muss: Denn da sie schon immer ein Haushalt
gewesen wären, bei dem beide Elternteile verdienen, wäre ihr
Ausfall eine große Entbehrung gewesen. Somit kann der niemals
freiwillig geschehen sein. Scheint logisch.
Das will das Amt für Wiedergutmachung aber ganz genau wissen
und ordnet noch eine eigene Untersuchung von Maria an. Von
ihrem eigenen, beglaubigten Amtsarzt. Am 28.3.1960 schreibt
Dr. Med. B.T. Duis sein ausführliches Gutachten über Marias
Gesundheitszustand, nachdem er sie auf Herz und Nieren
untersucht hat. Er schreibt:
DR DUIS
Die geklagten Kopfschmerzen haben bereits vor der
Inhaftierung bestanden nach eigenen Angaben der Patientin,
anscheinend damals im Zusammenhang mit dem menstruellen
Zyklus, und bieten jetzt eine Symptomatik, die sich zwanglos
aus der Menopause erklären lässt. Gewalteinwirkungen auf den
Schädel haben nach eigener Angabe der Untersuchten nicht
stattgefunden. Ein Fortbestehen der Kopfschmerzen als
Haftfolge im Zusammenhang mit seelischer Erschütterung kann
ärztlich nicht wahrscheinlich gemacht werden.
HOST
Man glaubt ihr also nicht. Männliche Mediziner. Die
Kopfschmerzen werden versucht, als Frauenkram betrachtet zu
werden und dass die Frau sich vielleicht nicht so anstellen
solle. Es bleibt am Ende bleibt die Frage: Dr Duis oder Dr
Stettner - wer hat nun recht?
HOST (CONT’D)
16.
Das Amt für Wiedergutmachung beschliesst, dem Gutachten des
eigenen Arztes Dr Duis Glauben zu schenken und verwehrt Maria
die Entschädigung wegen Schaden an der Gesundheit.
Anders übrigens als bei ihrem Antrag auf
Kapitalentschädigung, da bekommt sie noch einmal 676 DM
Verdienstausfall zugesprochen. Karl übrigens auch, aber bei
ihm sind es 264 DM. Diese Zahlungen wurden 1961 bewilligt.
Und für Karl und Maria endete damit ihre Odyssee durch den
Entschädigungsdschungel. Karl Hirth stirbt 1995, Maria ein
Jahr später.
Georg Elser, Marias Bruder, wurde Anfang 1941 ins KZ
Sachsenhausen gebracht. 1945 wurde er ins KZ Dachau verlegt
und dort am 9.4. durch Genickschuss hingerichtet.
<Musik>
HOST
Wann wird privates Handeln politisch? Wie soll man das
entscheiden? Die Tatsache, dass für die Hirths beide
Argumentationen verwendet wurden, macht stutzig und diesen
Fall so interessant: Aus Sicht der Nazis sollen sie politisch
motiviert gewesen sein, aus Sicht der
Wiedergutmachungsbehörde dann gar nicht mehr. Und vermutlich
ist das so etwas wie “Schrödingers” Motivation: Beides ist
gleichzeitig richtig und falsch. Es gibt einen Punkt, da kann
man das nicht mehr trennen. Selbst wenn Maria und Karl
explizit nicht politisch handeln wollten, so liess ihnen die
Tat ihres Bruders und Schwagers gar keine andere Wahl.
Politik findet nicht im luftleeren Raum statt. Die hat
irgendwann immer einen Bezug zum echten Leben. Und auch, wenn
sie anscheinend ein bisschen länger gebraucht hat: Irgendwann
hat das anscheinend auch die Gesetzgebung bemerkt und
entsprechend gehandelt. Unrecht kann nicht ungeschehen
gemacht werden. Aber anerkannt.
Wir hören uns nächstes Mal wieder, hier, bei den Sprechenden
Akten.

In der Nacht bevor Georg Elser am 8. November 1939 das Sprengstoffattentat auf Adolf Hitler im Münchner Bürgerbräukeller verübt, stattet er seiner Schwester Maria und seinem Schwager Karl in Stuttgart einen heimlichen Besuch ab. Damit rückt das Ehepaar Hirth in den Fokus der Ermittlungen der Gestapo. Die Eheleute werden verhaftet und über Monate verhört. Ein Mitwissen oder die Beteiligung ist ihnen jedoch nicht nachzuweisen. Nach der Entlassung kommen die Hirths nur schwer wieder auf die Beine, werden vom Umfeld geächtet und stellen nach Kriegsende mehrere Anträge auf Entschädigung, die sämtlich abgelehnt werden. Eine Haftentschädigung wird den Eheleuten erst viele Jahre später gewährt. Die Familie von Georg Elser, der das vermutlich tapferste und vielleicht sogar erfolgversprechendste Attentat auf Hitler wagte, geht somit fast leer aus. Im Mittelpunkt der Verhandlungen mit den Behörden steht dabei auch die Frage: Wann wird privates Handeln politisch?

Staffel 2 - Folge 2: Frieda Salamon. Eine Jüdin und ihre Odyssee durch Lager und Behörden

Titelbild Podcast "Sprechende Akten"
Buch: Nilz Bokelberg; Redaktion: Christian Küker; Aufnahme, Sounddesign & Mischung: Michael Viol; Musik: Falk Andreas; Erzählerin: Ulrike Kapfer; in den Hauptrollen: Bernhard Schütz als Professor Hacker, Cathlen Gawlich als Frieda und Omid-Paul Eftekhari als Doktor Hoppe. In den weiteren Rollen: Christian Gaul, Felix Goeser, Michael Viol, Nadine Nollau, Richard Barenberg, Robert Frank, Steffen „Schortie“ Scheumann und Thomas Arnold | Landesarchiv Baden-Württemberg

Fall 3: Frieda Salomon
HOST
Nach dem zweiten Weltkrieg bot die noch junge Bundesrepublik den
Opfern und Verfolgten des Naziregimes so genannte
“Wiedergutmachungszahlungen”. Doch nicht nur der Begriff war
problematisch, auch der Prozess, eine solche Zahlung zu
erhalten, gestaltete sich häufig als äusserst schwierig. Denn
die Sachbearbeiter, die über die Zahlungen entschieden,
urteilten sehr unterschiedlich. Teilweise mit äusserster Härte,
manchmal voller Verständnis. Aber stets nach geltender
Gesetzeslage.
Das Landesarchiv Baden-Württemberg möchte diesen Teil deutscher
Historie mit diesem Podcast wieder sichtbar machen und hat
einige Entschädigungsakten ausgesucht, die nicht nur zeigen,
welche Geschichten sich hinter den bürokratischen Verfahren
verbergen, sondern auch, wie chaotisch die Regelungen teilweise
waren. Und wie ein Land versucht hat, das Grauen aufzuarbeiten,
dass es gerade erst begangen hat.
Geschichte wird wieder lebendig, durch “Sprechende Akten”.
<Titelmusik>
HOST
Willkommen bei den sprechenden Akten. Unsere heutige Akte
führt uns erstmal nach Los Angeles. Es ist der 29.März 1969.
Stellen wir uns ein kleines Diner vor, in Beverly Hills. Es
ist früh am Morgen und wenig los, als eine Frau das
Restaurant betritt. Sie wirkt abwesend.
<Während der Host spricht, hören wir schon die passenden
Geräusche der Szenerie, also: Diner-Atmo, ein Türglöckchen
bimmelt, Schritte zum Platz, dumpfer Strassenlärm, der bei
betreten des Diners kurz aufklart etc.>
SHELLY
Guten Morgen und willkommen in Lous Diner! Mein Name ist
Shelly. Was darf ich dir bringen, Darling?
FRIEDA
<etwas abwesend> Guten Morgen, ich hätte gerne einen Kaffee.
SHELLY
Einen Kaffee, kommt sofort. Möchtest du vielleicht auch noch
etwas essen? Unser Lou macht das beste Rührei diesseits des
Strips!
2.
FRIEDA
Nein..nein, danke. Ich möchte nur den Kaffee. Ich kann gerade
nichts essen, ich hab gleich einen wichtigen Termin.
SHELLY
Uuuh, einen wichtigen Termin, alles klar. Dann ist hier dein
Kaffee <Tasse wird hingestellt und Kaffee eingegossen>. Ist
natürlich auch free refill.
FRIEDA
Danke Shelly.
SHELLY
Gerne. <zögert kurz, will dann aber doch Konversation
betreiben> Sag mal...du kommst nicht von hier, oder? Du hast
so einen Akzent...?
FRIEDA
Oh, nein, ich komme eigentlich aus der Tschechoslowakei.
SHELLY
Oh, Tschech...das ist irgendwo in Europa, oder?
FRIEDA
<gedankenverloren> Ja, Ost-Europa. Weit weg. Sehr weit weg.
<besinnt sich wieder> Wie spät ist es?
SHELLY
Kurz vor 9, Sweetie.
FRIEDA
Oh, mist, ich muss rüber, ich komm zu spät!
SHELLY
Oh, rüber? Du meinst in die Klinik? In die Hacker Klinik?
FRIEDA
Ja, ich hab da einen Termin, weil ich..ach egal. Was kriegst
du für den Kaffee?
SHELLY
Der geht aufs Haus. Lous Diner Spezialtarif für Besucher der
Hacker Klinik.
FRIEDA
Ich..äh..danke!
<Tür fliegt auf, Glöckchen bimmelt, Tür schliesst sich
wieder>
SHELLY
<zu sich> Hm, hat nicht mal ihren Kaffee ausgetrunken. Naja.
(MORE)
3.
HOST
Die Frau, die nicht mal ihren Kaffee ausgetrunken hat, ist
Frieda Salamon. Frieda wurde am 15. August 1922 in Sasovo
geboren, das liegt nach heutigen Grenzen in der Ukraine, aber
damals, zur Zeit von Fridas Geburt, gehörte die Stadt noch
zur Tschechoslowakei. Die Tschechoslowakei gibt es ja auch
heute nicht mehr. Aber zu den ganzen Grenzziehungen kommen
wir später noch. Zurück zu Frieda. Sie geht an diesem
Frühlingsmorgen im Jahre 1969 in die Hacker Clinic in Los
Angeles. Eine psychiatrische Klinik. Sie ist dort verabredet
mit Professor Hacker und Dr. Hoppe um ein
“nervenfachärztliches Gutachten” von sich erstellen zu
lassen. Das ist notwendig, weil sie in Deutschland einen
Antrag auf Wiedergutmachung gestellt hat. Und die Behörde ist
nicht überzeugt, dass ihre Verfolgungsgeschichte der Grund
für ihren schlechten Gesundheitszustand ist. Deswegen erzählt
sie den beiden Spezialisten ihre Geschichte.
DR HOPPE
Vielen Dank für Ihr Vertrauen, Frau Salamon. Damit wir uns
ein möglichst genaues Bild über Ihren Zustand machen können,
ist es wichtig, dass Sie uns alles so detailliert wie möglich
erzählen. Selbst Details, die Sie vielleicht als unwichtig
erachten, können entscheidend für unsere Bewertung sein.
PROF HACKER
Genau. Wie mein Kollege Dr Hoppe so richtig bemerkt, ist es
wichtig, dass Sie sich an so viel wie möglich erinnern. Aber
uns ist bewusst, dass das schwer sein kann. Sollten Sie eine
Pause brauchen oder nicht mehr weiter erzählen können, sagen
Sie das ruhig. Wir können unser Gespräch jederzeit
unterbrechen und zu einem späteren Zeitpunkt weiterführen.
FRIEDA
Danke, Professor Hacker. Ich denke, ich fange einfach erstmal
an und sehe, wie weit ich komme. Aber ich bin fest
entschlossen, Ihnen alles zu erzählen.
PROF HACKER
Gut. Fangen wir ganz von vorne an. Wenn ich das hier richtig
lese, sind Sie in der Tschechoslowakei geboren.
FRIEDA
Ja, das ist korrekt.
DR HOPPE
Ich weiß sehr wenig über diese Zeit dort. Erzählen Sie uns:
Wie sind Sie aufgewachsen, wie war Ihre Kindheit? Ich habe
gehört, in der Tschecheslowakei soll das Leben sehr hart
gewesen sein?
FRIEDA
Hart? Wo denken Sie hin? Ich hatte eine wirklich glückliche
Kindheit. Sehen sie, mein Vater war Gutsbesitzer.
FRIEDA (CONT’D)
(MORE)
4.
Wir hatten ein wirklich großes und schönes Grundstück, es
ging uns sehr gut. Er hatte sogar vier Knechte angestellt und
einen Verwalter! Auch denen ging es gut bei uns.
PROF HACKER
Was war Ihr Vater für ein Mensch?
FRIEDA
Er war zwar ein strenger Mensch - strenger als unsere Mutter
auf jeden Fall - aber auch ein aufgeschlossener Mann,
lebhaft, beliebt, sehr gebildet. Man war gern in seiner Nähe.
Er sprach sogar vier Sprachen fliessend! Wobei - zu Hause
haben wir eigentlich fast nur jiddisch gesprochen.
DR HOPPE
A propos: Sie entstammen einer jüdischen Familie. Welche
Rolle spielte der Glaube in Ihrem Alltag?
FRIEDA
Also, wir waren schon orthodox, sind auch regelmässig in den
Tempel gegangen. Aber wir haben diesen Glauben auch stets mit
unserem Alltag in Einklang gebracht. Ich hatte zum Beispiel
auch viele nicht-jüdische Freunde, das haben meine Eltern
nicht so eng gesehen.
DR HOPPE
Waren sie ein glückliches Kind?
FRIEDA
Und wie. Unsere Mutter - wir waren immerhin neun Geschwister -
war der liebevollste Mensch, den man sich vorstellen kann und
ich habe sie geliebt. Ich habe viel mit meinen Puppen
gespielt und stellen Sie sich mal vor: Ich habe im Garten
mein ganz eigenes kleines Gärtchen angelegt bekommen, nur für
mich! Um das musste ich mich kümmern und es pflegen, das war
toll. Es war von aussen betrachtet nur eine kleine Ecke, aber
für mich fühlte es sich an wie mein eigener, kleiner Garten.
Ich war ausserdem ein wirklich sehr aktives Kind, bin viel
geschwommen und ab meinem siebten Lebensjahr auch Rad
gefahren. Und stellen Sie sich mal vor, ich war so dünn, im
Vergleich zu meiner älteren Schwester, dass meine Mutter mir
immer noch eine Extraportion gegeben hat. Es war eine
wirklich schöne Kindheit.
PROF HACKER
Das klingt in der Tat sehr harmonisch.
FRIEDA
Das war es auch. Bis, nun, als ich 11 Jahre alt war, wurde
meine Mutter sehr krank. Krebs. Nur ein halbes Jahr später
verstarb sie, nach einer Operation. Wir waren alle sehr
traurig. Aber zusammen, als Familie.
FRIEDA (CONT’D)
5.
Mein Vater hat mich dann in den Sommerferien zu meiner
Grossmutter gebracht und zu meiner älteren, verheirateten
Schwester und zu meinem Bruder, damit ich auf andere Gedanken
kommen konnte. Das hat einigermassen funktioniert. Zumindest
war ich mit meiner Trauer nie allein und alle haben
zusammengehalten.
DR HOPPE
Das klingt aber sehr gesund, wenn Sie so als Familie trauern
konnten. Das ist ja eigentlich der Idealfall, in so einer
traurigen Situation.
FRIEDA
Ja, das war es auch. Unser Vater hat dann zwei Jahre später
wieder geheiratet.
PROF HACKER
Und was hat das mit Ihnen gemacht?
FRIEDA
Nun, einerseits hab ich mich für ihn gefreut. Und ehrlich
gesagt auch, dass sich jetzt nicht mehr meine Schwester und
ich um den Haushalt kümmern mussten. Sie war auch eine nette
Person - aber ich glaube, ich war noch nicht bereit für eine
neue Frau an der Seite meines Vaters. Ich hab noch so oft und
viel an meine Mutter gedacht, da kam mir diese neue Frau
irgendwie falsch an ihrer Stelle vor - wenn Sie verstehen.
PROF HACKER
Ja, das scheint zweifellos eine ganz logische Reaktion
Ihrerseits zu sein. Sie waren, wie alt? 13? 14?
FRIEDA
Ja, 14, mitten in der Pubertät. Alles um mich herum schien so
seltsam. Dann hatte auch noch meine Regel eingesetzt. Zum
Glück hat mich unser Hausarzt über alles aufgeklärt. Aber all
diese Veränderungen...das war alles ein bisschen viel auf
einmal.
DR HOPPE
Das kann ich mir vorstellen.
FRIEDA
Ich glaube nicht.
<Musik>
HOST
Und Frieda hat wirklich alles erzählt. Zum Beispiel von
persönlichen Beziehungen...
(MORE)
6.
PROF HACKER
Waren Sie eigentlich nie verliebt?
FRIEDA
Oh doch! Ich war sogar verlobt, mit 18. Aber schon nach einem
halben Jahr, wurde mein Verlobter Ludwig in ein
Zwangsarbeitslager nach Rumänien geschickt. Wir hielten noch
ein wenig Kontakt, per Brief, einmal sah ich ihn sogar noch,
als er mal Urlaub bekam. Aber ab 1942 habe ich nichts mehr
von ihm gehört, gar nichts. Dennoch: Mein Vater und ich, wir
wollten die Hoffnung nicht aufgeben, dass das Kriegsende nah
und möglich sei. Und dann würde mein Verlobter zurückkommen
und wir würden endlich heiraten. Pff. Ich war so naiv.
HOST
...bis hin zu den ersten wirklichen Schwierigkeiten, in die
die Familie geraten ist, wegen der politischen Situation. Es
war nämlich so: Ungarn wollte gerne große Teile der
Tschechoslowakei unter seine Herrschaft bringen und arbeitete
dafür mit dem nationalsozialistischen Deutschland zusammen.
Dieses Deutschland wiederum hatte ein Interesse daran, die
Tschechoslowakei zu destabilisieren und zu zerschlagen, um
die Sudetengebiete wieder an Deutschland anzuschliessen und
um den deutschen Machtbereich zu vergrößern. Im Zuge dieser
Expansionspolitik wurde dann beim sogenannten ersten Wiener
Schiedsspruch die südliche Slowakei und die Karpatenukraine
von der Tschechoslowakei abgetrennt und Ungarn zugestanden.
Das waren Gebiete, die eine ungarische Bevölkerungsmehrheit
hatten. Was hat das nun für Frieda und ihre Familie bedeutet?
Das ist ein bisschen kompliziert: Die Familie musste ihr
Anwesen über Nacht verlassen, da nur der südöstliche Teil
ihrer Gegend Ungarn zugestanden wurde. Der Vater war
gebürtiger Ungar, deswegen durfte er sich nun nur noch in
ungarischem Gebiet aufhalten. Das war 1938. Friedas
Stiefmutter erlebte in dieser Zeit eine Fehlgeburt -
vielleicht als Auswirkung des Stresses, und verstarb daran.
Im Frühjahr 1939 durfte die Familie dann auf ihr Gut
zurückkehren, da nun das ganze Gebiet in ungarischer Hand
war. Frieda war die letzte Frau auf dem Gut und hatte somit
den Auftrag, den Haushalt zu führen. Aber schon 1940
heiratete der Vater eine neue Frau und Frieda war nicht nur
endlich von vielen haushälterischen Pflichten erlöst, sondern
sie verstand sich mit der neuen Stiefmutter auch
ausserordentlich gut. Es schien sich alles zu fügen, doch da
zog neues Unheil für die Familie am Horizont auf...
DR HOPPE
Haben Sie in der Zeit Antisemitismus erlebt?
FRIEDA
Selbstverständlich. Er kam immer näher, wurde immer
schamloser und offener gelebt.
FRIEDA (CONT’D)
7.
Es kam mir erst so absurd vor: Menschen, aus meinem Dorf, mit
denen ich zu Schulzeiten zusammen gespielt habe, wechselten
plötzlich die Strassenseite, wenn sie mich sahen. Alle meine
Brüder wurden 1940 zur Zwangsarbeit eingezogen und nur meinen
alten Herrn haben sie verschont, weil er im ersten Weltkrieg
Militärdienst geleistet hatte. Ich vereinsamte zusehends. Wir
waren wie Aussätzige in unserer eigenen Heimat. Ich ging kaum
noch auf die Strasse. Das Getuschel, die Ausgrenzung - ich
konnte das nur schwer ertragen. Also blieb ich auf unserem
Gelände.
PROF HACKER
Hatten Sie Angst?
FRIEDA
Ein wenig Sorge. Angst noch nicht. Das ging erst los, als sie
1941 meine Schwägerin nach Polen brachten, zur Zwangsarbeit.
Sie konnte nach einem halben Jahr fliehen, aber ihre
Schilderungen waren furchterregend. Ich hatte Angst, dass
mich dieses Schicksal auch ereilen würde und habe deswegen
die offizielle Tabaktrafik übernommen. Sie müssen wissen, der
Verkauf von Tabakwaren ist durch das sogenannte Tabakmonopol
staatlich reguliert; nicht jeder kann einfach so eine Trafik
eröffnen. Der Staat vergibt die Verkaufsrechte. Ich übernahm
sie, um unabkömmlich zu sein. Denn irgendjemand musste ja den
Tabakladen betreiben. Und das ging auch erst gut. Bis es eben
nicht mehr gut ging. Und dann ging der Alptraum los.
<Musik>
DR HOPPE
Haben Sie denn nichts gehört oder gewusst von der
Judenverfolgung?
FRIEDA
Wir wurden drangsaliert, ja. Aber darüber hinaus? Ich habe
einmal mit einer Freundin beobachtet, wie Juden
abtransportiert wurden, die angeblich keine Ausweispapiere
hatten. Die wurden in einem Viehwagon zusammengepfercht! Es
war ein schrecklicher Anblick. Aber wir hielten das für eine
Ausnahme. Manchmal hörte man Schauergeschichten von Gaswagen,
in denen Juden getötet wurden. Aber das kann man doch gar
nicht glauben, das klingt doch wie das größte Schauermärchen!
Es war einfach nicht vorstellbar, zu was diese Deutschen im
Stande waren.
DR HOPPE
Was passierte dann?
FRIEDA
Die Deutschen.
(MORE)
8.
<Die junge Frieda kommt zu Hause an, sie läuft über den Kies
aufgeregt ins Haus und ruft nach ihrem Vater>
FRIEDA
Vater! Vater!
VATER
Frieda! Was tust du denn hier?
FRIEDA
Vater, die Deutschen! Ich kann es nicht glauben, sie
marschieren wirklich ein! Da bin ich sofort zurück zu dir
gekommen!
VATER
Frieda, hier ist es nicht mehr sicher für uns. Wir sollten
das Gut verlassen.
FRIEDA
Aber Vater! Es ist alles was wir haben! All unsere
Erinnerungen, unser Leben, es steckt alles in diesen Mauern!
VATER
Frieda, alles was wir haben ist unser Leben. Das hier ist
nichts dagegen.
FRIEDA
Ich bitte dich, Vater. Lass uns bleiben und überlegen, was
wir tun können. Wir dürfen nicht einfach so aufgeben!
VATER
Hmm...vielleicht hast du Recht. Vielleicht lassen diese
Deutschen ja irgendwie mit sich reden.
PROF HACKER
Und? Liessen sie mit sich reden?
FRIEDA
Was denken Sie? Natürlich nicht. Ich war keine zwei Wochen zu
Hause, da kamen sie zu uns. März 44. Sie hörten nicht zu,
liessen kein Gespräch zu, ignorierten jede Bitte. Mein Vater,
meine Stiefmutter und meine zwei jüngeren Brüder, wir wurden
abtransportiert. Ins Ghetto, nach Vynohradiv. Dort musste ich
zum ersten Mal einen Judenstern tragen.
PROF HACKER
Sind Sie dort misshandelt worden?
FRIEDA
Seelisch ja, aber körperlich nicht, nein. Aber ich
beobachtete viele Grausamkeiten. Mein Vater und viele andere
Männer wurden aus dem Tempel heraus verhaftet und mehrere
Wochen von der Gestapo verhört und nach verstecken Geldsummen
oder Wertsachen ausgefragt.
FRIEDA (CONT’D)
9.
Und dann, kurz bevor wir, nur wenige Monate später, alle
deportiert wurden, kam mein Vater zu mir. Zusammengeschlagen,
abgemagert, gebrochen. Ich habe mich dann so gut es ging um
ihn gekümmert. Wollte ihn wieder aufrichten. Selbst, als wir
mit hundert Anderen zusammen in diesem Viehwagon drei Tage
lang eingepfercht waren, habe ich ihm Mut zu gesprochen. Mut,
den ich selber nicht mehr hatte! Aber ich wollte nicht, dass
er aufgibt. Redete ihm gut zu, sagte, dass ich für uns beide
arbeiten würde und ihm deswegen nichts passieren könne.
<Die Tür des Viehwagens wird aufgerissen, Menschen stöhnen,
weinen, jammern>
MENGELE
So, aussteigen, hop hop. Die Fahrt ist zu Ende. Du da rüber,
du hier, du auch hier, du auch. Du da rüber.
FRIEDA
<flüstert ihrem Vater zu> Oh nein, sie sortieren hier die
Leute. Halt dich ganz fest an mich. Ich zieh dich mit auf
meine Seite.
<Ein Soldat tritt an Dr Mengele heran>
SOLDAT
Heil Hitler, Dr Mengele! Ich soll Ihnen ausrichten, dass Sie
in der Krankenstation gebraucht werden.
MENGELE
Sagen Sie, ich komme gleich, ich muss hier noch die Juden
sortieren.
SOLDAT
Jawohl, Dr Mengele! Heil Hitler!
<Soldat geht weg>
MENGELE
So, du da drüben, du kommst hier lang.
FRIEDA
<panisch> Nein, nein! Das ist mein Vater, ich arbeite für ihn
mit! Lassen Sie ihn bei mir!
MENGELE
Halt die Schnauze! Du hier lang, der alte Mann da drüben! Los
jetzt!
FRIEDA
Nein, Vater, NEIN! (endet mit Hall auf letztem Ausruf)
<Zurück beim Psychologen>
10.
DR HOPPE
Mengele? Dr Mengele? Der Todesengel von Auschwitz?
FRIEDA
Genau der. Das war Auschwitz. Es kommt mir immer noch
unwirklich vor, es war der blanke Horror. Wir Mädchen mussten
uns nackt ausziehen und wurden von SS-Männern untersucht. Es
war fürchterlich. Dann rasierten sie uns die Köpfe und
steckten uns zusammen in eine Baracke im sogenannten
Zigeunerlager C. Ich habe dort die grausamsten Dinge erlebt
und beobachtet. Ich wurde von einem Kapo zusammengeschlagen,
weil ich nicht schnell genug zum Appell erschien. Wir hatten
nie genug Wasser zu trinken. Ein SS-Mann verging sich an
mehreren Frauen, sagte, sie sollen zu ihm kommen, wenn sie
sich nicht wohl fühlten. Ich habe relativ gut durchhalten
können, dieses ewige Strammstehen, die Schläge der Kapos, die
Hungerkost. Aber ich habe viele zusammenbrechen sehen,
verhungern, oder wie sie zu Tode geschlagen wurden. Eine SSFrau,
die alle nur “Hundekopf” nannten, hat eine Schwangere
von der Latrine in die Jauchegrube gestossen. Es war nichts
menschliches mehr in diesen Leuten. Sie behandelten uns wie
Abfall. Nein, noch schlimmer.
DR HOPPE
Konnten sie irgendwie Kontakt zu ihrer Familie, ihrem Vater
aufnehmen? Ihrer Stiefmutter? Ihren Brüdern?
FRIEDA
Nein. Ich hörte sehr bald davon, dass sie alle vergast worden
sein. Mitgefangene erzählten es mir. Spätestens ab da habe
ich jede Hoffnung aufgegeben, selber lebend aus dem Lager zu
kommen. Ich habe ab da jeden Lebensmut verloren und nur noch
stumpf von Tag zu Tag gelebt und die mir befohlenen Aufgaben
einfach abgearbeitet. Wir wurden zu grässlichen Aufgaben
gezwungen: Ich musste, mit drei anderen Häftlingen zusammen,
in einer Decke die Kranken und Schwachen zu einem Gebäude
schleifen, in dem sie angeblich “behandelt” werden sollten.
Wir mussten die kranken Häftlinge auf dem Gras vor dem
Gebäude liegen lassen. Aber wir haben alle gerochen, was in
diesem Gebäude wirklich geschah. Es war das Krematorium, das
war mehr als offensichtlich. Somit habe ich also dabei
geholfen, andere Juden zu töten. Dafür fühle ich mich bis
heute schuldig, auch wenn ich weiß, dass ich keine andere
Wahl hatte.
PROF HACKER
Das muss ein grauenhaftes Gefühl sein.
FRIEDA
Das ist es. Ich sehe sie manchmal noch nachts in meinen
Träumen dort liegen. Ich werde den Anblick niemals vergessen.
PROF HACKER
Brauchen Sie eine Pause?
11.
FRIEDA
Danke, es geht. Ich werde das lieber alles zusammen so
schnell wie möglich los.
DR HOPPE
Was für körperliche Misshandlungen können Sie aus dieser Zeit
noch schildern, Frau Salamon?
FRIEDA
Ich wurde ständig auf den Kopf geschlagen. Mit Stöcken, mit
Knüppeln - immer auf den Kopf. Einmal war ich danach sogar
für kurze Zeit bewusstlos.
PROF HACKER
Hm, verstehe. Wie ging es für Sie weiter in Auschwitz?
FRIEDA
Ich wurde im Oktober 44 verlegt, ins Aussenlager Gleiwitz.
Dort habe ich auch meine Nummer tätowiert bekommen. Hier, am
linken Unterarm. <krempelt Hemd hoch>
PROF HACKER
<liest> A 254...
FRIEDA
...88. Das war ich. A 25488. Die Nazis haben wirklich alles
getan, um uns zu entmenschlichen. Aber trotzdem war Gleiwitz
Glück im Unglück. Denn dort erging es uns wesentlich besser.
Wir waren 72 Häftlingsfrauen, wir haben Verpflegung bekommen,
wurden nicht geschlagen von den SS-Leuten und konnten uns
sogar waschen. Ein Luxus! Ich arbeitete zwölf Stunden in
einer chemischen Fabrik, was meine Haare bleichte und mit
Dämpfen, die für mehrere Ohnmachtsanfälle sorgten. Aber
dennoch: Gleiwitz hat mich wieder ein wenig hoffen lassen,
das doch alles irgendwie zu überstehen.
PROF HACKER
Haben Sie je darüber nachgedacht zu fliehen?
FRIEDA
Immer wieder. Aber es war nicht möglich. Dieses Lager war
einfach zu gut bewacht. Anfang Januar, 1945, wurden wir dann
auf einen Todesmarsch geschickt. Die Russen rückten nämlich
nach Auschwitz vor und deswegen wurde das Lager geräumt.
Jeder, der auf diesem Marsch zurückblieb oder versuchte
abzuhauen, wurde sofort erschossen. Nach zwei Tagen wurden
wir auf einen offenen Viehwagon gepackt und für zehn Tage
ohne Wasser oder Proviant Richtung Westen verfrachtet. Viele
haben es nicht überlebt. In der Tschechoslowakei versuchten
die Leute, uns Brot in den Wagon zu werfen, wurden aber durch
Schüsse der Soldaten vertrieben. Und dann kamen wir ins Lager
nach Ravensbrück und ich hätte es nicht für möglich gehalten,
aber das war noch schlimmer als Auschwitz.
12.
DR HOPPE
Inwiefern?
FRIEDA
Die Baracken dort waren völlig überfüllt, alles war verlaust,
die Leichen stapelten sich. Regen und Schnee kamen einfach
durch das Dach. Ich kam nach zwei oder drei Wochen ins
Arbeitslager Roebel, wo ich Bombenkrater füllen musste. Immer
in Gefahr, dass man beim nächsten Flugangriff weggebombt
wird.
DR HOPPE
Oh Gott. Ihr Martyrium schien kein Ende zu nehmen.
FRIEDA
Wirklich nicht. Ende April 1945 wurden wir schon wieder in
unbekannte Richtung weitergeschickt, weil auch Ravensbrück
evakuiert wurde. Ich weiß nicht, wo ich überhaupt noch Kraft
hernahm. Der Hunger war so groß, dass ich ein Stück rohes
Fleisch aus einem toten Pferd riss und ass. Ich brauchte
Nahrung.
PROF HACKER
Unfassbar.
FRIEDA
Aber, dieser Marsch...er bot mir und ein paar anderen Mädchen
eine einmalige Chance. Als wir unbeobachtet waren, nach drei
Tagen, seilten wir uns ab und fanden einen Schweinestall, in
dem wir uns verstecken konnten. Angespannt lauschten wir
jederzeit nach draussen, stets bereit, den Atem anzuhalten
und uns zu verstecken. Nach einigen Tagen, mitten in der
Nacht, geschah es dann.
<Strohgeraschel, eine Holztür wird aggressiv aufgestossen>
RUSSISCHER SOLDAT
Hallo? Ist da jemand? Komm mit erhobenen Händen raus!
<Strohgeraschel>
FRIEDA
Bitte...tut uns nichts. Wir sind geflohen, aus dem Lager! Wir
sind nur ein paar jüdische Mädchen...
RUSSISCHER SOLDAT
Kommt raus!
FRIEDA
Ja. Kommt, wir müssen uns ergeben.
<Stroh raschelt, die Mädchen verlassen ihr Versteck>
(MORE)
13.
RUSSISCHER SOLDAT
Ihr seid jetzt in Sicherheit.
FRIEDA
Bitte?
RUSSISCHER SOLDAT
Der Krieg ist vorbei. Hitler ist tot. Die Deutschen haben
kapituliert.
FRIEDA
<staunt> Das kann ich nicht glauben.
RUSSISCHER SOLDAT
Aber es ist wahr. Es ist vorbei.
FRIEDA
<fängt an zu weinen>
PROF HACKER
Sie haben es nicht mehr für möglich gehalten.
FRIEDA
Nein, ganz und gar nicht. Ich wollte auch nicht in ein
Krankenhaus, weil ich Angst hatte, dass man mir dort dann
doch etwas antun würde. Ich traute dem Frieden nicht, wie
auch? Ich habe in die tiefsten menschlichen Abgründe
geblickt. Aber ich habe überlebt. Ich habe die Nazis
überlebt.
<Musik>
HOST
An zwei Tagen, mit ein paar Tagen Pause dazwischen, schildert
Frieda den Ärzten en detail ihre Geschichte. Auch wie es nach
der Befreiung für sie weiterging. Sie kehrte erst zurück in
ihre Heimat, aber da war niemand mehr, den sie kannte, oder
der auf sie gewartet hätte. Deswegen ging sie nach Rumänien,
wo sie ihren beiden Brüder traf, die dort hin deportiert
worden waren und die sich dort mittlerweile ein Leben mit
eigenen Familien aufgebaut hatten. Es war ein herzliches
Wiedersehen und ihre Brüder baten sie, bei ihnen zu bleiben,
aber das fühlte sich nicht richtig an. Frieda kam sich wie
ein Eindringling vor. Dort konnte sie nicht bleiben. Und in
ihr wuchs ein Plan, oder vielmehr: In ihr brannte ein Wunsch.
Denn sie wollte Rache. Rache an den Nazis, Rache an den
Deutschen. Deswegen kehrte sie im Spätsommer 1945 nach
Deutschland zurück...
FRIEDA
Aber es war einfach nicht möglich, SS-Männer ausfindig zu
machen.
FRIEDA (CONT’D)
(MORE)
14.
Egal wen ich fragte, die Leute wussten es angeblich nicht
oder es war ihnen sogar egal! Dieses Land war gerade ein
halbes Jahr befreit und wollte schon alles vergessen! Ich war
nicht nur wütend, ich war auch niedergeschlagen. Ich würde
niemals diesen Rachedurst stillen können. Und da traf ich
ihn: Ludwig, mein Ludwig. Er war auch drei Jahre im Lager.
Ich habe mich mit ihm über die Zeit austauschen können und
doch war etwas anders: Ihn hat die Zeit im Lager nicht so
gebrochen wie mich. Ludwig war trotz allem ein gütiger,
lieber Mensch geblieben. Ich weiß nicht, wie er das geschafft
hat. Aber ich war glücklich, ihn an meiner Seite zu haben.
Immer besänftigte er mich, Ludwig hatte eine sehr beruhigende
Wirkung auf mich. Und so heirateten wir, 1946. Es war eine
wirklich glückliche Ehe und als im Oktober 46 unsere Tochter
zur Welt kam, heirateten wir in Heidenheim auch
standesamtlich und ich wurde zu seiner Frau, zu Frau Salamon.
Aber, ich muss sagen: ich habe es so gut wie möglich
vermieden, mit den Deutschen zu sprechen. Mir grauste vor
ihnen. Ich traute ihnen einfach nicht über den Weg. Ich habe
sie gehasst. Aber ich wollte auch nicht ständig meinen Mann
mit meinen Gefühlen belasten. Und so zog ich mich mehr und
mehr zurück. Machte alles mit mir selber aus. Und musste
irgendwann einsehen: Vielleicht war Deutschland einfach kein
guter Ort für mich.
HOST
Für Frieda und ihre Familie bot sich dann auch alsbald die
Chance, etwas zu verändern. Denn durch Verwandte bekamen sie
die Möglichkeit auszuwandern - in die USA! Nach Kalifornien.
Es klang wie ein Traum und vor allem wie eine Möglichkeit,
die man unbedingt ergreifen muss. 1949 war es dann so weit.
Die Salamons kehrten Deutschland den Rücken. Ab jetzt wurde
Los Angeles zu ihrer Heimat.
PROF HACKER
Wie war es herzukommen? Konnten Sie alles hinter sich lassen?
FRIEDA
Leider nein. Es fing schon beim beruflichen an: Mein Mann war
in Deutschland Lehrer, wir haben gut gelebt. Aber in
Kalifornien war kein Bedarf für einen deutschsprachigen,
jüdischen Lehrer. So fing er in einer Fabrik als Tischler an.
Damit wir überhaupt irgendwelches Geld verdienen. Ich habe
währenddessen unserer Hauswirtin das Essen gekocht. Das hatte
ich mir alles ganz anders vorgestellt.
PROF HACKER
The american dream?
FRIEDA
Für mich leider nicht. Es war nicht schlimm, klar, aber ich
war schon sehr enttäuscht. Mein Mann, ein Akademiker, musste
hier plötzlich einer einfachen Arbeit nachgehen.
FRIEDA (CONT’D)
(MORE)
15.
Wenn ich daran zurückdachte, was ich alles verloren hatte, in
was für Verhältnissen ich aufgewachsen war und was ich nun
hatte - es war deprimierend. 1950 hatte ich eine Fehlgeburt.
Vielleicht der Stress. Dann, in den folgenden Jahren, brachte
ich noch einen Sohn und noch eine Tochter zur Welt. Das war
schön, aber es füllte mich nicht aus. Ich habe immer wieder
versucht, wieder zu arbeiten, aber es wollte mir nicht
gelingen. Mein Körper spielte da nicht mit.
DR HOPPE
Erzählen Sie uns von ihren gesundheitlichen Einschränkungen.
FRIEDA
Ich hatte Magenbeschwerden, Kopfschmerzen und massive
Schlafstörungen. Wenn ich nicht niedergeschlagen war und ewig
geweint habe, wurde ich manchmal von Wutanfällen überwältigt,
die ich leider an meiner Familie ausgelassen habe und die sie
stoisch ertragen haben. Manchmal dachte ich sogar darüber
nach, mir das Leben zu nehmen. Einmal habe ich meinem Mann
anvertraut, dass es wohl das beste wäre, wenn ich mit dem
Auto einfach von der Brücke fahren würde. Daraufhin hat er
mich dazu gedrängt, dass ich besser erstmal nicht mehr Auto
fahren sollte. Er war wirklich ein guter Mann. Er hat immer
versucht, mich abzulenken.
DR HOPPE
Sie sprechen von ihm in der Vergangenheitsform.
FRIEDA
1966 starb er, völlig überraschend, an einem Herzinfarkt. Der
Arzt wollte es mir zunächst gar nicht sagen und hat mir erst
sehr starke Beruhigungsspritzen verabreicht. Ludwigs Tod traf
mich mit absoluter Härte. Ich sah nun wirklich keinen Sinn
mehr im Leben, das Schicksal hatte mir schon wieder einen
Kinnhaken verpasst. Mein Lebenswille war so erloschen, dass
meine Kinder mich sogar füttern mussten.
DR HOPPE
Wie fanden Sie dort wieder raus?
FRIEDA
Nun, schon wegen der Kinder musste ich funktionieren. Mein
Mann und ich hatten auch in der Zwischenzeit ein kleines
Altenheim gegründet, in dem nur ein paar Dutzend Menschen
Platz finden, aber es warf genug zum Leben ab. Ich konnte
dort zwar nicht arbeiten, aber ich musste alles, was dort
passierte, koordinieren. Das half. Ich bekam im selben Jahr
meine Gebärmutter entfernt und von da an Hormonspritzen, da
bei mir Hitzewallungen auftraten. 1967 bin ich nach Israel
gereist, um dort mit Verwandten meines Mannes zu sprechen.
Die waren sehr fürsorglich, haben sich rührend um mich
gekümmert. Ich musste zu Beginn ein paar Mal schlucken, da
sie alle Deutsch sprachen, was sofort wieder die schlimmsten
Erinnerungen in mir weckte.
FRIEDA (CONT’D)
(MORE)
16.
Aber ich wusste ja, dass es deutsche Juden waren. Mich machte
nur einfach der Klang der Sprache sofort nervös.
PROF HACKER
Und jetzt sind Sie hier.
FRIEDA
Ja, und jetzt bin ich hier. Ich wohne mit meinen zwei
jüngsten Kindern zusammen in einer Mietswohnung. Es geht uns
gut. Das Geld reicht aus. Aber ich bin sehr, sehr müde.
DR HOPPE
Ich danke Ihnen, dass Sie sich uns anvertraut haben.
PROF HACKER
In der Tat. Ihre Widerstandsfähigkeit ist ausserordentlich.
Wir werden all das in unserer Bewertung Ihres Falles
berücksichtigen. Vielen Dank, Frau Salamon.
FRIEDA
Danke, die Herren. Es war anstrengend, aber es tat auch gut,
dass mal alles so im Ganzen erzählen zu können. Auf
Wiedersehen.
HOST
Frieda Salamon verlässt die Hacker-Klinik und geht über die
Strasse.
<Die Diner Tür klingelt wieder, es kommt jemand rein>
SHELLY
Oh, hallo Darling, du warst doch vor ein paar Tagen schon mal
hier?
FRIEDA
Das stimmt. Aber jetzt bin ich fertig.
SHELLY
Also einen Kaffee?
FRIEDA
Nein, Shelly, gib mir einen Schnaps.
SHELLY
Ein Abschluss-Schnaps, kommt sofort!
<Musik>
HOST
Friedas Untersuchung in der Hackerklinik, war im Jahre 1969.
Da war Frieda Salamon schon seit neun Jahren mit den
deutschen Wiedergutmachungsbehörden im - freundlich
formuliert - Austausch.
HOST (CONT’D)
17.
Schon 1960 hatte sie ihren ersten Antrag auf Wiedergutmachung
für einen sogenannten Schaden an Freiheit gestellt, als
Entschädigung für ihre Zeit in den Ghettos und Lagern. Für
den Antrag hat sie zwar alle Fristen eingehalten, aber das
reicht dem Landesamt noch nicht. In dem Bescheid vom
13.6.1960 antworten sie Frieda:
AMTSSPRECHER
Was sie an Zeugenerklärungen eingereicht hat, ist ungenügend,
weil diese Aussagen so wenig aufschlussreich sind, dass sie
kein Beweis für die behaupteten Schäden sein können. Ein
Schaden an Freiheit konnte deshalb nicht festgestellt werden,
somit musste dem Antrag der Erfolg versagt bleiben. Der
Antrag wird zurückgewiesen. Die Entscheidung ergeht
kostenfrei. Gebühren und Auslagen werden nicht erstattet.
HOST
Frieda, beziehungsweise ihre Anwälte, haben sechs Monate
Zeit, gegen diese Entscheidung Einspruch zu erheben. Und
anscheinend brauchen sie diese auch, denn der Erlass erging
am 13. Juni 1960 und der Einspruch von Friedas Anwälten ging
laut Stempel am Nachtbriefschalter des Justizgebäudes
Stuttgart am 13. Dezember 1960 ein. In ihrer Klage schreiben
Friedas Anwälte:
ANWALT
Das beklagte Land wird kostenpflichtig verurteilt, an die
Klägerin eine Entschädigung für Schaden an Freiheit eine
Kapitalentschädigung in Höhe von 1950 DM zu bezahlen.
HOST
Die Anwälte beklagen dann noch, dass die Behörde einfach
Beweise ignorieren würde, die Frieda in ihrem Antrag
vorgelegt hat. Aber das Landesamt bleibt hart. Ihnen reicht
die Beweisführung nicht. Am 27. Februar, zwei Monate nach
Klageeingang, landet dann folgende Notiz in Frieda Salamons
Akte.
AMTSSPRECHER
Betrifft: Entschädiugungssache Frieda Salamon. Die Klägerin
hat als ihre Tätowierungsnummer von Auschwitz A 25 488
angegeben. Auf Anfrage hat der ISD am 20.2.1961 mitgeteilt:
Die angegebene Häftlingsnummer erscheint nicht in den hier
vorliegenden Unterlagen der weiblichen Häftlinge des KL
Auschwitz. Wir bemerken jedoch, dass diese Unterlagen nicht
vollständig in unseren Besitz gelangt sind. Ferner teilen wir
noch mit, dass die Häftlingsnummern der Serie A am April 1944
ausgegeben wurden.
(MORE)
18.
HOST
Der ISD, der hier erwähnt wurde, war übrigens der 1948 von
den Alliierten gegründete “International Suchdienst”, eine
Institution das bis heute, mittlerweile unter dem Namen
“Arolsen Archives”, darum bemüht war und ist, die Verbrechen
der Nationalsozialisten und die Schicksale der Opfer zu
dokumentieren. Aber weiter in der Entschädigungssache: Als
Frieda ein paar Monate später noch die Beglaubigung des
deutschen Generalkonsuls in Los Angeles bezüglich ihrer
Tätowierung nachreicht, ist man bei der Landesbehörde um eine
schnelle Klärung bemüht. Am 18 September schreibt das Amt in
einer Stellungnahme:
AMTSSPRECHER
Die Antragstellerin hat die Auschwitztätowierung A 25 488
vorgewiesen. Dies kann als genügender Beweis für den
Aufenthalt in Sevljus und Auschwitz, Gleiwitz, Ravensbrück
und Roebel angesehen werden, auch hier vorausgesetzt, dass
die noch ausstehende eigene Schilderung des Verfolgungsweges
keine Widersprüche ergibt.
HOST
Wie unsensibel, wie demütigend, dass man sich das erlittene
Leid auch noch so attestieren lassen muss, bevor die Behörden
handeln. Die Frage ist ja: Hätte man ihr ohne die Tätowierung
geglaubt? Als Entschädigungssumme werden 1800 DM empfohlen.
Und das ist auch die Summe, auf die man sich dann kurz danach
in einem Vergleich einigt. Das war die Entschädigung für den
Freiheitsentzug. Die wirkliche Odyssee sollte aber dann erst
losgehen: Frieda Salamon hatte einen neuen Anwalt, Frank
Ulrich aus Berlin. Und der wollte vom Amt Entschädigung für
Frieda, wie es heißt, wegen Schadens an Körper oder
Gesundheit. Er forderte die Bewilligung von Heilverfahren,
einer Rente und einer Kapitalentschädigung. Am 5. Februar
antwortet das Landesamt für Wiedergutmachung dem Anwalt mit
einem Bescheid. In dem Entschluss steht zwar: die
Antragstellerin
AMTSSPRECHER
...hat gegen das Land Baden-Württemberg Anspruch auf
Heilverfahren und Kapitalentschädigung in Höhe von 1440 DM
HOST
...aber...
AMTSSPRECHER
Im übrigen wird der Antrag zurückgewiesen.
HOST
Und die Begründung dazu hat es in sich. Wir erfahren, dass
der Erstantrag dazu zwar schon 1950 gestellt wurde, aber erst
1966 genauer erläutert wurde, welche langfristigen
gesundheitlichen Leiden Frieda durch die Verfolgung davon
getragen habe.
HOST (CONT’D)
(MORE)
19.
Das Landesamt für Wiedergutmachung hat daraufhin nicht nur
zahlreiche ältere Atteste von behandelnden Ärzten aus
Deutschland und den USA besorgt, sondern auch noch mehrere
Untersuchungen von Frieda in Los Angeles angewiesen. So hatte
sie nur innerhalb eines halben Jahres drei ausführliche
Untersuchungen in LA, und zwar eine internistische, eine
nervenfachärztliche und eine neurologische. Die Ergebnisse
dieser ausführlichen Tests wurden dann in Deutschland noch
von zwei Fachärzten zusammengeführt und ausgewertet, um zu
einem abschliessenden Urteil in der Entschädigungssache
Frieda Salamon zu kommen. Und da sind die deutschen Fachärzte
nicht zimperlich.
AMTSSPRECHER
Dr Jussek bezeichnete alle auf internistischem Gebiet
festgestellten Leiden als nicht verfolgungsbedingt.
HOST
Doch damit nicht genug. Prof Schlomka, Facharzt für innere
Medizin, lässt kaum ein gutes Haar an Friedas
Krankheitsgeschichte, weil sie ihm zu inkohärent ist. Er ist
dagegen, Frieda eine Entschädigung für ein Geschwürleiden
zuzusprechen, weil...
AMTSSPRECHER
...die Antragstellerin in Bezug auf dieses Leiden
verschiedene, sich widersprechende Versionen über Zeitpunkt,
Art und Umfang der Beschwerden machte und andererseits aus
den Unterlagen des Krankenhauses Heidenheim, wo sich die
Antragstellerin im Oktober 1946 wegen einer Entbindung
befand, nicht ein Wort über angebliche Magenschmerzen oder
gar Magengeschwüre erwähnt ist. Wenn die Antragstellerin
damals schon seit mehreren Jahren am Magen krank gewesen
wäre, wie sie heute behauptet, hätte sie dies bestimmt in
Heidenheim angegeben. Aber selbst 1950 bei einem Aufenthalt
im Cedars of Lebanan Hospital hat sie davon auch nichts
erwähnt. Prof Dr Schlomka hielt demnach auch nur eine
Mitverursachung durch die Verfolgung nicht für
wahrscheinlich.
HOST
Und so geht das seitenlang weiter. Wann immer sie nichts
gesagt hat, ist das ein Beweis dafür, dass es ja nicht so
schlimm gewesen sein kann und wenn sie was gesagt hat, dann
zu spät oder es widersprach einer früheren Aussage. Friedas
komplette Krankengeschichte wird bis ins kleinste Detail
seziert und jede minimalste Ungereimtheit zur Diskussion
gebracht. Mit geradezu detektivischem Eifer, versuchen die
deutschen Gutachter Zusammenhänge zu erkennen und man wird
den Eindruck nicht los, dass es vor allem darum geht, Frieda
Salamon nicht entschädigen zu müssen - aus welchem Grund auch
immer.
HOST (CONT’D)
20.
Und wie so oft lohnt es sich, beim Lesen der alten Akten
genau hinzuschauen....Laut offizieller Quellen der Klinik für
innere Medizin Cottbus, an der Prof Dr Schlomka bis 1951 die
Aufsicht hatte, war er überzeugter Nationalsozialist. Sicher
nicht unbedingt der beste Kronzeuge, um die
Krankheitsgeschichte einer von den Nazis verfolgten Jüdin zu
bewerten.
<Musik>
HOST
Und damit sind wir an dem Punkt der Geschichte, an dem wir
begonnen haben: Schon kurz nach der Ablehnung durch das
Landesamt für Wiedergutmachung, geht Frieda in die Hacker
Klinik in LA, um ein ordentliches Gutachten über ihren
Zustand und ihre Geschichte erstellen zu lassen. Und das
lässt dann auch kein gutes Haar an den Einschätzungen von
Schlomka und co. Das Gutachten kommt zu dem Schluss, dass
Frieda eine Entschädigung zusteht, die auf eine 40%ige
“Minderung der Erwerbsfähigkeit” zurückgeht. Das ist ziemlich
hoch. Das vorige Gutachten hat ihr noch höchstens 20%
zugesprochen. Und da wird auch das Amt nervös und begründet
seine Ablehnung dieser Summe wie folgt:
AMTSSPRECHER
Zur MdE-Bewertung weisen wir darauf hin, dass ein
Erwerbsminderungsgrad von 40% nach Ansicht der maßgebenden
deutschen Universitätsgutachter bereits eine intensive
STATIONÄRE Beobachtung und Behandlung erforderlich machen
würde. Diese Auffassung ist aus zahlreichen
Universitätsgutachten gerichtsbekannt. Wir meinen daher, dass
die MdE-Bemessung durch die Hacker-Clinic auf jeden Fall zu
hoch gegriffen ist.
HOST
Souverän klingt anders. Das Landesamt jedenfalls ordnet nun
wieder ein neues Gutachten an. Und das ist gar nicht so
einfach, denn man muss erstmal jemanden finden, der Zeit
dafür hat.
AMTSSPRECHER
Beschluss in Sachen Frieda Salamon gegen das Land Baden-
Württemberg. Von Prof Dr Venzlaff, Göttingen, soll ein
Obergutachten darüber eingeholt werden,
1) welche Gesundheitsschäden auf psychischem Gebiet bei der
Klägerin vorliegen oder vorgelegen haben,
2) ob sie nach ärztlich-wissenschaftlicher Erfahrung
wahrscheinlich durch Gewaltmaßnahmen a) erstmalig entstanden
sind, b) wesentlich mitverursacht sind, c) richtunggebend
verschlimmert sind, d) vorübergehend verschlimmert sind
(MORE)
21.
3) wie hoch die dadurch eingetretene Minderung der
Erwerbsfähigkeit prozentual zu bemessen ist.
HOST
Aber im Amt hat niemand mit Prof Dr Venzlaffs Antwort
gerechnet.
VENZLAFF
Ich muss die Akten in der Entschädigungssache leider mit den
Bemerken zurückreichen dass ich wegen einer großen Zahl noch
unerledigter Gutachtenaufträge und ferner wegen umfangreicher
ärztlicher und organisatorischer Aufgaben als Direktor des
Niedersächsischen Landeskrankenhauses Göttingen eine
Erstattung innerhalb einer vertretbaren Frist nicht zusichern
kann.
HOST
Klingt ein bisschen wie “Ich hab noch besseres zu tun”, oder?
Aber in Prof Dr Dr Häfner, von der sozialpsychiatrischen
Klinik der Universität Heidelberg, findet sich dann
schliesslich jemand, der das erfragte Obergutachten erstellt.
Am 27. 10. 1970 schreibt Häfner sein 90-seitiges Gutachten.
Und er versucht wirklich, alle Umstände zu berücksichtigen
und nachzuvollziehen, wie seine Kollegen zu ihren jeweiligen
Urteilen gekommen sind. Das Ergebnis: Eine wiederum eigene
Diagnose, die Frauen in zu dieser Zeit männlich geprägter
Medizin, - willkommen in den 60ern - viel zu oft über sich
ergehen lassen mussten: eine hysterische Neurose. Er vermutet
die Gründe dafür in Friedas Kindheit, unter anderem in den
Extraportionen, die Friedas Mutter ihr als Kind zu essen
gegeben hat. Das ist schon harter Tobak, einer Frau, die
Auschwitz überlebt hat - und man wusste in den 60ern schon
ziemlich gut, was das bedeutet hat - aus der Ferne Hysterie
zu attestieren...
Er endet jedenfalls damit, dass er viele ihrer Leiden zwar
für wahrscheinliche Verfolgungsschäden hält, aber dass das
mangels Beweisen ein Gericht entscheiden müsse. Als
Kompromiss schlägt er ausserdem eine 30%ige MdE vor. Genau in
der Mitte der beiden vorherigen Forderungen. Und dem Amt wird
klar: Etwas muss geschehen. Frieda Salamon muss entschädigt
werden. Und so kommt es nach einem letzten Hin und Her
zwischen Amt und Anwalt am 14. Mai 1971 zu folgendem
Schriftstück:
AMTSSPRECHER
Die Parteien schliessen zur Beilegung des Rechtsstreits den
aus dem Schriftsatz des beklagten Landes ersichtlichen
Vergleich.
HOST
Es ist geschafft. Das Landesamt für Wiedergutmachung einigt
sich mit Frieda Salamon auf einen Vergleich.
HOST (CONT’D)
22.
Sie bekommt Anfang der 70er noch eine Entschädigung, einen
Teil ihrer Anwaltskosten erstattet und eine Rente,
rückwirkend und bis an ihr Lebensende. Über 20 Jahre musste
sie dafür kämpfen, sich gegen Widerstände durchsetzen und
viele Bewertungen über sich ergehen lassen und das, nach
ihrer Geschichte, nachdem sie schon in jungen Jahren so viel
überlebt hat und aushalten musste. Es ist wahrlich kein
Ruhmesblatt für die Behörde. Aber hier bemerkt man immerhin,
wie sich die Landesanstalt im Laufe der Zeit zu einer
zugewandteren Entschädigungspolitik, die sich ihrer
Verantwortung stellt, transformierte. Viel zu spät, aber
immerhin. Es ist klar: Keine Behörde kann das Geschehene
wieder gut machen. Aber sie sollte es immer so gut wie
möglich versuchen. Bis zum nächsten Mal, bei den sprechenden
Akten.

Frieda Salamon stammt aus einer wohlhabenden jüdischen Gutsbesitzerfamilie und wächst orthodox gläubig auf. Als ihr Heimatort in der damaligen Tschechoslowakei 1944 von deutschen Truppen besetzt wird, beginnt eine Odyssee, die ihr gesamtes weiteres Leben prägt. Nach der Internierung im Ghetto Sevljus und Lagerhaft in den KZs Auschwitz, Gleiwitz, Ravensbrück und Roebel gelingt ihr kurz vor Kriegsende die Flucht. Einige Jahre später kehrt sie Deutschland den Rücken und wandert in die USA aus. Die physischen und psychischen Auswirkungen der Verfolgung und Inhaftierung begleiten Frieda Salamon jedoch ihr Leben lang. Sie stellt mehrere Anträge wegen verschiedenster Verfolgungsschäden – und verzweifelt an der Beweispflicht. Ihr Leben erzählt die Geschichte eines Kampfes um „Wiedergutmachung“, der viel über die Entschädigungspraxis und das Frauenbild der 1960er Jahre in Deutschland aussagt.

Staffel 2 - Folge 3: Ein Damenimitator im Fadenkreuz: Der Fall Michael Mayer

Titelbild Podcast "Sprechende Akten"
Buch: Nilz Bokelberg; Redaktion: Christian Küker; Aufnahme, Sounddesign & Mischung: Michael Viol; Musik: Falk Andreas; Erzählerin: Ulrike Kapfer; in den Hauptrollen: Barbie Breakout als Michael Mayer, Bernhard Schütz als Heinz Pester, Nadine Nollau als Ursula Klüver und Robert Frank als Max Rappmannsberger. In den weiteren Rollen: Christian Gaul, Elmar Börger, Felix Goeser, Michael Viol, Norbert Stöß, Omid-Paul Eftekhari, Richard Barenberg, Roman Kern, Stefan Lehnen, Steffen „Schortie“ Scheumann, Sven Sommer und Thomas Arnold | Landesarchiv Baden-Württemberg

Fall 4: Michael Mayer
HOST
Nach dem zweiten Weltkrieg bot die noch junge Bundesrepublik den
Opfern und Verfolgten des Naziregimes so genannte
“Wiedergutmachungszahlungen”. Doch nicht nur der Begriff war
problematisch, auch der Prozess, eine solche Zahlung zu
erhalten, gestaltete sich häufig als äusserst schwierig. Denn
die Sachbearbeiter, die über die Zahlungen entschieden,
urteilten sehr unterschiedlich. Teilweise mit äusserster Härte,
manchmal voller Verständnis. Aber stets nach geltender
Gesetzeslage.
Das Landesarchiv Baden-Württemberg möchte diesen Teil deutscher
Historie mit diesem Podcast wieder sichtbar machen und hat
einige Entschädigungsakten ausgesucht, die nicht nur zeigen,
welche Geschichten sich hinter den bürokratischen Verfahren
verbergen, sondern auch, wie chaotisch die Regelungen teilweise
waren. Und wie ein Land versucht hat, das Grauen aufzuarbeiten,
dass es gerade erst begangen hat.
Geschichte wird wieder lebendig, durch “Sprechende Akten”.
<Titelmusik>
<Wir hören Nachtclub-Atmosphäre, Gläser klappern, ein kleines
Orchester spielt, jemand kommt schnellen Schrittes auf die
Bühne, auch wenn er spricht, wird hier und da getuschelt>
CONFERENCIER
Guten Abend, verehrte Herrschaften! Ich heiße Sie herzlich
willkommen, hier, in den heiligen Hallen des Hamburger Hansa
Theaters! <vereinzelter Applaus>. Sie haben sich richtig
entschieden, den langen und beschwerlichen Weg heute auf sich
zu nehmen und zu uns zu kommen, denn was Sie hier gleich auf
der Bühne erleben werden, haben Sie so noch nirgendwo
gesehen! Es ist die perfekte Illusion! Oder ist es überhaupt
eine? Die Künstlerin, die nun zu uns auf die Bühne kommt, ist
eine Wandlerin zwischen den Welten! Sie nimmt uns mit auf
eine Reise um diesen Globus und schenkt uns einen Einblick in
fremde, aufregende Kulturen <vereinzelte, anerkennende
Pfiffe>. Und immer wieder werden Sie sich die Frage stellen
müssen: Ist das alles echt, was ich da sehe? Ist das die
Wirklichkeit? Und, vielleicht am wichtigsten: Ist das
überhaupt ein Frauenzimmer da auf der Bühne? Lassen Sie sich
verzaubern, lassen Sie sich verwirren. Hier ist für Sie, von
den Bühnen dieser Welt, hier auf die schönste Bühne dieser
Welt, in unserem Hansa Theater, exklusiv für Sie: Die
mysteriöse HILMAR DAMITA! <Applaus braust auf, die Band
beginnt zu spielen, ein Jazz-Lied mit einem Dschungelartigen
Beat>
2.
MICHAEL MAYER
<als Hilmar Damita> Na, hallo meine Damen und Herren! Hallo
meine lieben Hamburger und Hamburgerinnen! Folgen Sie mir auf
eine Reise, ins wilde Afrika...<die Dschungeltrommeln werden
wieder lauter, blenden über in einen Tango> Und nun reisen
wir nach Mexiko! Farben! Tango! Kastagnetten! Ole! <die Musik
blendet wieder über vom Tango in Hawaiianische Hula-Klänge>
Oh, willkommen auf Hawaii! Sehen Sie meine Hüften in diesem
schönen Bastrock schwingen! <Überblendung: Hula-Musik in eine
Art “Tusch”, die Show ist vorbei> Danke! Danke, Sie waren ein
fantastisches Publikum! <wirft Handküsse in den nicht
abebbenden Applaus> Danke Hamburg!
<Die Musik und die Geräusche verklingen, Michael sitzt in
seiner Garedrobe und schminkt sich ab. Es klopft.>
MICHAEL MAYER
Ja bitte! Tür ist offen!
<Die Tür öffnet sich>
FAN
<zögerlich> Äh, guten Abend ...äh... Fräulein Damita.
MICHAEL MAYER
<lacht kurz auf> Du kannst ruhig Michael zu mir sagen, ich
bin ja jetzt in zivil. Mit wem hab ich das Vergnügen?
FAN
Ich..äh..mein Name ist Siegfried. Siegfried Jansen. Ich..Ihre
Vorstellung war ganz aussergewöhnlich!
MICHAEL MAYER
Vielen Dank, mein lieber Siegfried. Das ist ja wirklich nett.
Kann ich irgendetwas für dich tun?
FAN
Ich..äh..also, hätten Sie eventuell ein Autogramm für mich?
MICHAEL MAYER
Na, heute ist dein Glückstag, lieber Siegfried! Sieh hier,
ich hab ganz neue Karten von mir machen lassen! Kosten nur 20
Pfennig pro Stück! Für dich mach ich aber einen Sonderpreis:
30 Pfennig! Haha, kleiner Scherz.
FAN
Oh, oooooh! Die sind aber wirklich aussergewöhnlich! Da nehme
ich gleich drei!
<Er holt Geld aus seinem Portmonee>
MICHAEL MAYER
Gleich drei? Wozu brauchst du denn so viele?
3.
FAN
Ich will Sie einfach unterstützen, Fräulein Dami..äh..Herr
Michael.
MICHAEL MAYER
<lacht gütig> Ach, du bist ein Schatz. Hier, deine Bilder.
Freut mich, dass sie dir gefallen. <gibt Bussi links und
rechts> Wenn du mich jetzt wieder entschuldigen würdest? Ich
hab gleich noch eine Spätvorstellung.
FAN
Aber natürlich, Frau..Herr..Fräulein...
MICHAEL MAYER
Ach, sag einfach was dir am besten passt.
FAN
Fräulein Damita! Ich danke Ihnen! Ihre nächste Show sehe ich
mir auch direkt an...!
MICHAEL MAYER
Es ist aber das gleiche Programm, nicht, dass du dich
langweilst.
FAN
Sicher nicht! Danke Ihnen! <Tür schliesst>
MICHAEL MAYER
<zu sich, gedankenverloren> Reizend. <wieder zurück im Hier
und Jetzt> So, dann wollen wir uns mal fertig machen,
Sportsfreund! Die zweite Vorstellung spielt sich nicht von
alleine!
<Musik geht los, Jazz, uptempo, Aufbruch - dazu verschiedene
Stimmen, aber immer im Ansager-Duktus, die Stimmen fliessen
ineinander>
- Willkommen im Wintergarten zu Berlin! - Einen schönen guten
Abend hier im Düsseldorfer Apollo! - Im Namen des Breslauer
Liebig heiße ich Sie herzlich willkommen! - Servus und einen
schönen guten Abend hier im Ronacher, Wiens bester Adresse
für Abendunterhaltung...
<Dieselben Stimmen hören wir jetzt, auch wieder ineinander
fliessend, Hilmar ansagen...>
- Und hier ist Hilmar Damita! - Einen Applaus für Hilmar
Damita! - Die, oder sagt man DER?, einzigartige Hilmar
Damita! - Für Sie, extra aus München: Hilmar Damita!
<Jubel, Musik braust auf, Hilmar ist ein Star - bis plötzlich
alles stoppt und verhallt. Ein Tonband wird angeschaltet, das
Mikro raschelt>
4.
HEINZ PESTER
Test...Test...Ich glaube das geht so. Aufnahme von
Rechtsanwalt Heinz A. Pester, München den 10.1.1958, 10
Uhr...äh...43. Bei mir ist Frau Ursula Klöver. Ich stell
Ihnen das Mikro einmal hin. So. Sagen Sie mal bitte etwas?
URSULA KLÖVER
Aber...was soll ich denn sagen?
HEINZ PESTER
Ist egal, irgendetwas. Ich brauch das nur, um die Aufnahme
einzustellen. Stellen Sie sich einfach vor.
URSULA KLÖVER
Ja, also mein Name ist Ursula Klöver, geborene Dallmann. Ich
wohne hier in München. Ich bin Artistin von Beruf. Hmm. Ja.
HEINZ PESTER
Das reicht schon, ganz wunderbar. Dann legen wir einfach mal
los. Also: Mein Name ist Heinz Pester, ich vertrete Herrn
Mayer bezüglich seiner Entschädigungsforderungen. Bei mir ist
Frau Ursula Klöver, eine Bekannte aus Herrn Mayers früheren
Tagen. Frau Klöver. Erzählen Sie mir alles, was Sie mir über
Herrn Mayer sagen können. Woher Sie ihn kennen, was er für
ein Mensch war und so weiter.
URSULA KLÖVER
Ja, gut, also der Michael, also der Herr Mayer, den hab ich
so um 1926 kennengelernt. In Berlin. Da ist er ja noch als
Hilmar Damita aufgetreten, durfte er da noch. <begeistert>
Das war eine Schau, kann ich Ihnen sagen, ich hab den ja mal
im Wintergarten gesehen und...! <fasst sich wieder> Gut. Aber
ja, ich hab ihn dann im Zentralcafé an der Friedrichstraße
kennengelernt. Das war damals so ein Künstlertreff, müssen
Sie wissen. Da trafen sich Künstler aus der ganzen Welt, nur
die besten der besten, da war immer was los! Und da stand er
eines Tages vor mir, der Michael. Was für eine Erscheinung!
Hat mir richtig imponiert. Ein Bild von einem Mann. Also,
nicht dass Sie jetzt denken, ich würde für den schwärmen. Das
war mir schnell klar, dass ich da keine Chance haben würde.
HEINZ PESTER
Weil...?
URSULA KLÖVER
Naja...der Michael, der hat keinen Frauen hinterhergeguckt,
wenn Sie wissen was ich meine. Er hat mir sogar mal erzählt,
dass er wegen dem 175er verhaftet worden sei! Können Sie sich
das vorstellen?
HEINZ PESTER
Sie meinen Paragraf 175, der homosexuelle Handlungen unter
Strafe stellt?
5.
URSULA KLÖVER
Genau den. Unmenschlich, wenn Sie mich fragen. Höchst
unmenschlich.
HEINZ PESTER
Sie haben also erfahren, dass Herr Mayer homosexuell ist.
URSULA KLÖVER
In der Tat, ja.
HEINZ PESTER
Gut. <liest in seinen Notizen> Mal was ganz anderes: Haben
Sie Herrn Mayer jemals politisch erlebt?
URSULA KLÖVER
Aber ja! Es war ja so, das Zentralcafe, diese Leute, die sich
da trafen, da waren auch sehr viele jüdische Mitbürger dabei.
So ab 1928 hat man schon gemerkt, wie der Wind sich gedreht
hat, wie es ungemütlich für Jüdinnen und Juden wurde. Ich bin
ja selber Halbjüdin, hab mich dann auch im Untergrund der
Gruppe der “Berliner-Künstler” angeschlossen. Aber der
Michael, der hat da immer gegen gehalten, gegen die Nazis,
der hat das gar nicht eingesehen und dabei war der ja Christ!
Aber das spielte keine Rolle für den, der wollte einfach
nicht, dass Juden irgendwie schlechtergestellt sind, als
andere. Manchen seiner jüdischen Kollegen hat er auch Geld
zugesteckt, wenn es bei denen eng wurde. Er hat sich richtig
für die eingesetzt. Dafür hat er sogar seine Kontakte in die
NSDAP genutzt, weil er da Leute kannte, um die Situation für
die Juden in seinem Umfeld zu verbessern. Können Sie sich das
vorstellen? Wie furchtlos! Der hat die Nazis richtig gehasst.
Wissen Sie, was der immer gesagt hat? “Wer sich gegen Gott
stellt, muss untergehen”. Das waren seine Worte. Und das war
ja ganz klar gegen die Nazis gerichtet, die waren ja gegen
alles religiöse. “Wer sich gegen Gott stellt, muss
untergehen”. Das war Michaels Spruch. Immer wieder. Auch 33.
Als es richtig schlimm wurde.
<Der Ton geht über in eine Straßenszenerie, einzelne
Automobile, Kutschen, Schritte, viel los. MICHAEL nimmt sich
eine Zeitung, blättert aufgeregt und liest...>
MICHAEL MAYER
Hitler zum Reichskanzler ernannt? Das ist doch nicht zu
fassen. Ja, sind die denn von allen guten Geistern verlassen?
Diesen Lump!?! <gedankenverloren> Die Welt geht vor die
Hunde. Aber das lasse ich nicht zu. Dieses verdammte
Nazipack. <erinnert sich> Himmel, ich muss mich sputen! Ich
hab doch gleich wieder Vorstellung!
<Die Geräuschkulisse flammt auf und wird viel leiser, es ist
Abend, Michael kommt gerade am Bühneneingang des Theaters an>
6.
MICHAEL MAYER
So, jetzt noch eben in die Garderobe, fertig machen und dann
kann die fantastische Hilmar Damita dem Publikum wieder
zeigen, wie schön die Welt sein kann. <grüßt Pförtner
beiläufig> Guten Abend, Herr Frisch.
PFÖRTNER FRISCH
Ah, Herr Mayer, Moment, Moment, warten Sie bitte einmal.
MICHAEL MAYER
Nanu, Herr Frisch, Sie haben mich doch noch nie angehalten?
(belustigt) Sind sie heute mal der besonders strenge
Pförtner?
PFÖRTNER FRISCH
Ja, nun, nein, natürlich nicht. Es ist etwas anderes.
MICHAEL MAYER
Aber was gibt es denn, mein guter Herr? Wir kennen uns schon
so lange, ich gehe hier seit Jahren ein und aus?
PFÖRTNER FRISCH
Ich wollte Sie nur darauf hinweisen, dass jemand in ihrer
Garderobe wartet. Jemand...”offizielles”.
MICHAEL MAYER
Jemand offizielles? Jetzt machen Sie mich aber neugierig. Ich
sehe direkt einmal nach...
<rauscht zur Garderobe, reisst die Tür auf>
MICHAEL MAYER
Wer möchte mich denn da sprechen?
POLIZIST KOWALSKI
Ach, da sind Sie ja endlich. Sind Sie Michael Mayer?
MICHAEL MAYER
In ganzer Pracht, jawohl. Und Sie sind...?
POLIZIST KOWALSKI
Oberwachtmeister Kowalski, Polizeidirektion 25. Herr Mayer,
ich weise Sie hiermit darauf hin, dass es von nun an
untersagt ist, die öffentliche Ordnung auf Ihre Art zu
stören. Das bedeutet, dass die abnorme Zurschaustellung Ihres
Lebenswandels hiermit verboten wird und auch an anderen Orten
nicht toleriert werden kann. Ihre entartete und perverse
“Kunst” - wie Sie es zu nennen pflegen - des Damenimitators,
ist von nun an illegal im Deutschen Reich unter unserem
Kanzler Adolf Hitler. Jede Zuwiderhandlung wird
strafrechtlich verfolgt und kann mit hohen Haftstrafen belegt
werden.
7.
MICHAEL MAYER
Wie bitte? Ich glaub, ich hör wohl nicht recht?
POLIZIST KOWALSKI
Nun. Wie ich sehe, haben Sie dies zur Kenntnis genommen. Dann
ist meine Aufgabe erledigt. Ich empfehle mich, Herr Mayer.
Heil Hitler.
<Tür geht auf und Kowalski lässt einen verdatterten Michael
in seiner Garderobe zurück>
MICHAEL MAYER
<ungläubig> Was war das denn? Das können die doch nicht
machen? Das kann niemals ernst gemeint gewesen sein.
PFÖRTNER FRISCH
<klopft, tritt ein>
Wenn ich Sie dann eben rausbegleiten darf...?
MICHAEL MAYER
Bitte was? Rausbegleiten? Mir ist gerade nicht nach Scherzen,
Herr Frisch.
PFÖRTNER FRISCH
Die Intendanz hat mich angewiesen, Sie des Theaters zu
verweisen, da Sie jetzt hier nicht mehr erwünscht sind...
MICHAEL MAYER
Moment mal! Was passiert hier gerade?!? Nicht mehr erwünscht?
Vom einen auf den anderen Moment? Dass kann mir der feine
Herr Intendant ja wohl auch persönlich sagen, so eilig wie er
es plötzlich hat, mich loszuwerden...!
PFÖRTNER FRISCH
Leider nein, er ist gerade SEHR beschäftigt und hat mich
gebeten, mich der Sache anzunehmen. Kommen Sie, Herr Mayer,
es ist für uns alle nicht leicht. Lassen Sie uns das ganze
schnell und unkompliziert über die Bühne bringen.
MICHAEL MAYER
Gerade eben war ich noch kurz vor meinem Auftritt und jetzt
soll das alles einfach vorbei sein? Einfach so? Weil diese
Hitler-Schergen das so wollen? Wirklich? Und sie alle lassen
sich das einfach so gefallen? Ich fülle hier jeden Abend den
Saal!
PFÖRTNER FRISCH
Machen Sie es uns nicht schwerer als es sein muss, Herr
Mayer. Es ist ja auch nicht alles so schlecht, was diese
Nazis wollen...
(MORE)
8.
MICHAEL MAYER
<lacht zynisch auf> Hah! Was für ein Hohn! So etwas
ausgerechnet mir zu sagen: Ich habe gerade meinen Beruf wegen
denen verloren! Aber lassen Sie sich gesagt sein, Frisch,
dieses gottlose Pack wird nicht weit kommen. Wer sich gegen
Gott stellt, muss untergehen!
PFÖRTNER FRISCH
Das mag sein, Herr Mayer. Wir werden sehen. Wissen Sie, ich
habe Sie stets gemocht. Wenns nach mir ginge...naja...tut es
aber nicht. Ich befolge hier nur Anweisungen. Aber, ich bin
ja kein Unmensch. Ich drück mal ein Auge zu. Packen Sie ihre
Sachen ganz in Ruhe zusammen. Dann komm ich in einer halben
Stunde wieder und dann verlassen Sie das Theater ruhig und
gesittet, ja? Ich bin gleich wieder da. <schliesst vorsichtig
die Tür>
MICHAEL MAYER
Das muss ein Albtraum sein. Das kann nur ein absoluter
Albtraum sein. Ich wache sicher gleich auf.
<Zurück im Büro von Heinz Pester>
URSULA KLÖVER
Aber es war kein Albtraum, aus dem man aufwachen konnte.
Michael durfte nicht mehr auftreten. Zumindest nicht als
Hilmar Damita. Das war ein schwerer Schlag. Michael war einer
der größten Damenimitatoren des Landes! Er bekam für ein
Engagement im Schnitt zwischen 50 und 60 Reichsmark pro
Auftritt - gelegentlich sogar 70! Seine Nummer war sehr
gefragt. Und dann haben die Nazis sie einfach so, mir nichts
dir nichts, verboten. Da musste er erstmal sehen, wie er
weiterhin Geld verdienen kann. So weit ich weiß, spielte er
dann viel an Theatern, aber hauptsächlich Komparserie. Und
ein paar Aushilfsgelegenheiten auf dem Rummel nahm er wohl
auch wahr - er schlug sich so durch.
HEINZ PESTER
Vielen Dank erstmal bis hier hin, Frau Klöver. Wenn wir noch
weitere Fragen haben, dürfen wir uns bei Ihnen melden?
URSULA KLÖVER
Aber ja. Und grüßen Sie Herrn Mayer sehr herzlich von mir,
ich hoffe, es geht ihm gut!
HEINZ PESTER
Das mache ich. Danke nochmal. Ich begleite Sie noch nach
draussen.
<Musik>
HEINZ PESTER
So, die Aufnahme läuft. Aufnahme Rechtsanwalt Heinz Pester.
Wir haben den 29.11.1957 in München. Es ist 12 Uhr 15.
HEINZ PESTER (CONT’D)
9.
Eidesstattliche Erklärung in Sachen Michael Mayer. So. Wenn
Sie uns vielleicht erstmal ihren Namen verraten und ihren
Beruf.
MAX RAPPMANNSBERGER
Mein Name ist Max Rappmannsberger, zurzeit wohnhaft in
München und ich bin Schauspieler von Beruf.
HEINZ PESTER
Herr Rappmannsberger, was können Sie mir über Herrn Michael
Mayer erzählen? So weit ich informiert bin, haben sie beide
Theater gespielt?
MAX RAPPMANSBERGER
Das ist richtig. Wir haben uns Anfang 1939 kennengelernt, als
wir beide in München Theater gespielt haben. Ich hatte ein
Engagement am Residenztheater, während Herr Mayer
Statistenrollen am Prinzregententheater spielte. Seit wir uns
trafen, haben wir fast jeden Tag miteinander verbracht. Wir
haben uns einfach gut verstanden. Dabei habe ich viel gelernt
über Herrn Mayer und seinen Blick auf die Welt. Nun,
<schmunzelt> er hielt damit auch nicht gerade hinterm Berg.
HEINZ PESTER
Und wie hat er auf die Welt geblickt?
MAX RAPPMANSBERGER
Er war wirklich ein entschiedener Gegner der
Nationalsozialisten. Dass das jemand so offen zeigte, das war
zu der Zeit recht selten. Wenn überhaupt, dann haben die
Leute das hinter vorgehaltener Hand geäussert - aber nicht so
offen wie Michael. Ich habe auch oft versucht, ihn zurück zu
halten. Wissen Sie, man machte sich wenig Freunde, wenn man
so gegen die Nazis sprach, das konnte richtig gefährlich
werden. Aber Michael liess sich nicht beirren. Das kann man
sicher mit seiner Wut auf die Nazis erklären, weil die ihn ja
seiner ganzen beruflichen Existenz beraubt haben. Das konnte
er ihnen nicht verzeihen. Wie oft hab ich ihm gesagt, nicht
hier, Michael, wenn er mal wieder lospolterte in einer
Kneipe, wenn wir mit Freunden zusammensassen. Da drehten sich
immer die Köpfe nach uns, auch von den anderen Tischen und
ich hab den Leuten angesehen, dass sie manchmal zustimmten,
aber dass wir oft misstrauisch ins Visier genommen wurden.
Hochverrat, Wehrkraftzersetzung und so weiter. Die
Denunzianten waren ja überall.
HEINZ PESTER
Aber hatte das denn sonst irgendwelche Konsequenzen?
MAX RAPPMANSBERGER
Aber ja! Eines Tages sprach ihn jemand auf der Strasse an.
Ich war gerade mit Michael auf dem Weg zum Theater. Der Mann
hatte uns richtig aufgelauert, das hat man gemerkt...
10.
<Übergang in Strassengeräusche, Max und Michael spazierenn
die Straße hinunter und unterhalten sich angeregt, als aus
einem Hauseingang ein Mann auf sie zutritt>
MICHAEL MAYER
Ich sage dir, Max, das wird eine super Vorstellung heute
Abend! Du wirst sie alle begeistern, wie immer!
MAX RAPPMANSBERGER
Ach, komm, du schmierst mir doch nur Honig um den Bart!
<lacht> Aber eines Tages, da bekomme ich die Hauptrolle und
dann-
ANTON BAUER
<tritt vor und unterbricht das Gespräch, spricht sehr genau
und immer leicht bedrohlich> Sie sind doch Michael Mayer? Der
Schauspieler?
MICHAEL MAYER
Wer will das wissen?
ANTON BAUER
Anton Bauer, Ortsgruppenleiter NSDAP. Uns ist zu Ohren
gekommen, dass Sie kein Mitglied bei uns werden wollen. Und
deswegen fordere ich Sie hiermit auf, Mitglied der NSDAP zu
werden.
MICHAEL MAYER
Ich habe keine Ahnung woher Sie diese Information haben, aber
es stimmt: Ich werde einen Teufel tun und eurem Verein
beitreten.
MAX RAPPMANSBERGER
Michael!
ANTON BAUER
So so, ich verstehe. Ist das Ihr letztes Wort?
MICHAEL MAYER
So wahr ich hier stehe.
ANTON BAUER
Nun, wir werden sehen, Herr Mayer. Aber gut zu wissen, woran
wir sind. Ich wünsche Ihnen noch einen schönen Tag.
MICHAEL MAYER
Ich nicht.
MAX RAPPMANSBERGER
Michael! Du musst dich zusammenreissen! Du weißt doch, wie
gefährlich die sind! Man hört da die schlimmsten Sachen!
11.
MICHAEL MAYER
Max, deine Sorge in allen Ehren. Aber wenn wir klein
beigeben, haben wir schon verloren. Das kann ich nicht
zulassen.
<Wir sind zurück im Büro von Heinz Pester>
MAX RAPPMANSBERGER
Er konnte so stur sein.
HEINZ PESTER
Und die Partei? Beliessen sie es dabei?
MAX RAPPMANSBERGER
Mitnichten! Nach ein paar Wochen sprach mich wieder einer von
denen an, als ich alleine unterwegs war. Warum Michael denn
nicht in die Partei wolle und wo er überhaupt sei und so. Ich
hab gesagt, ich wüsste von nichts. Wieder ein paar Tage
später, ich war gerade mitten in den Proben für ein neues
Stück, da wurde ich mittendrin aus dem Saal ins Foyer
gebeten. Und da stand so ein Mann in SD-Uniform und wartete
auf mich. Er sah wirklich sehr gefährlich aus.
<Im Foyer>
MAX RAPPMANSBERGER
<vorsichtig/leicht ängstlich> Guten Tag. Sie wollten mich
sprechen? Ich bin gerade mitten in der Probe, wenn Sie also
entschuldigen...?
SD MANN
Es geht ganz schnell, Herr Rappmannsberger. Ich habe nur eine
Frage an Sie: Wo ist Herr Mayer?
MAX RAPPMANSBERGER
Wer?
SD MANN
<bedrohlich> Herr Rappmannsberger, bitte.
MAX RAPPMANSBERGER
<erkennt den Ernst der Lage> Ach, Sie meinen den Michael,
nicht? Da kann ich Ihnen leider auch nicht weiterhelfen. Ich
hab den lang nicht mehr gesehen. Ich weiß nur, dass er
München verlassen wollte, aber wann und wie und vor allem
wohin - da kann ich Ihnen leider nicht helfen, das hat er für
sich behalten.
SD MANN
Gut, ich will ihnen das mal so glauben, Herr Rappmannsberger.
Bei Falschaussage droht Ihnen eine Anklage wegen
Feindbegünstigung, aber das wissen Sie ja sicher.
12.
MAX RAPPMANSBERGER
Äh..natürlich.
SD MANN
Also dann. Heil Hitler.
MAX RAPPMANSBERGER
<geistesabwesend> Ja, heil Hitler.
<Zurück im Anwaltsbüro>
HEINZ PESTER
Wussten Sie wirklich nicht, wo Michael war?
MAX RAPPMANSBERGER
Oh doch, ich wusste es nur zu gut, ich hatte ihm nämlich
persönlich empfohlen, München so schnell wie möglich zu
verlassen, als ich das erste Mal nach ihm befragt wurde. Das
schien mir alles nicht ganz geheuer. Er meinte dann, dass er
nach Hamburg gehen wolle, weil das schön weit weg von München
sei und er vielleicht dachte, da noch besonders gute
Engagements zu bekommen. Vielleicht als Conférencier in einem
Nachtclub oder ähnliches, ich weiß es nicht.
HEINZ PESTER
Vielen Dank, Herr Rappmannsberger.
<Musik>
HEINZ PESTER
Herr Mayer. Ich schreibe mir jetzt Ihre Aussage auf. Bitte
erzählen Sie mir alles so detailliert wie möglich.
MICHAEL MAYER
Ja, natürlich. Ich versuche mich so genau wie möglich zu
erinnern.
HEINZ PESTER
Gut. Fangen wir an. Sprechen wir über Ihre Zeit in Hamburg.
MICHAEL MAYER
Hamburg war gut zu mir. Eigentlich. Überraschend gut. Ich
hätte gar nicht erwartet, mich dort so gut einleben zu
können, aber es ging. Ich war ausserdem ausser Reichweite der
ständigen Bespitzelungen der Münchner Nazis, das alleine war
schon Grund genug, mich in Hamburg wohlzufühlen. Ich hatte
meine kleinen Jobs, ich hab mein Geld verdient. Es war in
Ordnung.
HEINZ PESTER
Was passierte dann?
13.
MICHAEL MAYER
Es war der 24. Juni 1943. Abends. Ich weiß es noch wie
gestern. Ich war gerade auf dem Weg nach Hause, von der
Innenstadt aus. Und da musste ich immer in die Strassenbahn
umsteigen. Das hat jedes Mal ewig gedauert, bis die kam. So
auch an diesem Abend. Es muss so gegen 21 Uhr gewesen sein,
als ich plötzlich ein sehr dringendes Bedürfnis verspürte.
Ich hätte vielleicht das Bier vorher nicht trinken sollen.
HEINZ PESTER
Sie mussten sich erleichtern.
MICHAEL MAYER
Exakt. An der Tramhaltestelle befand sich ein öffentliches
Pissoir, meine Rettung in der Not. Ich ging hinein, aber die
Tücke bei diesen Orten war schon immer, dass sie so schlecht
beleuchtet waren. Nach Einbruch der Dunkelheit waren die
eigentlich nutzlos. Mir blieb aber keine andere Wahl,
deswegen ging ich hinein und versuchte, mich vorzutasten. Ein
wenig unappetitlich, aber die Notdurft war deutlich
dringender als hygienische Bedenken. So tastete ich mich
durch die Dunkelheit, an der kalten Stahlwand entlang - bis
sie plötzlich nicht mehr kalt und hart war. Sondern weich und
warm. Eh ich begriffen hatte, was gerade passiert war, haben
auch schon Handschellen um meine Hände geklickt, ich wurde
verhaftet.
HEINZ PESTER
Verhaftet? Auf dem Pissoir?
MICHAEL MAYER
In der Tat. Es handelte sich um einen Zivilfahnder und seinen
Kollegen. Und er meinte, mich dabei erwischt zu haben, wie
ich intimen Kontakt mit anderen Männern suchte! Dabei wollte
ich doch nur austreten! Aber die waren einfach froh, dass
ihnen ein 175er ins Netz gegangen war. Als ich einen guten
Monat später vor Gericht stand, war mir klar, das alles
leugnen nichts helfen würde. Niemand glaubte mir. Ich
bekannte mich dann schuldig, in der Hoffnung, dass meine
gespielte Einsicht irgendetwas verbessern würde. Aber während
des Prozesses wurde mir klar, dass ich in der Falle sass. Ich
wusste was mir blüht. Da ich aus demselben Grund, also
“Erregung öffentlichen Ärgernisses” und Verstosses gegen
Paragraph 175, schon in den 30ern zwei Verurteilungen
kassiert hatte, war mir klar, dass ich in einem
Konzentrationslager landen würde. Ich hatte zwar davon
gehört, konnte es mir aber nicht vorstellen. Die Angst davor
war auf jeden Fall absolut real. Und deswegen musste ich mich
zu diesem radikalen Schritt durchringen. Einem Schritt, den
ich bis heute bereue - es blieb mir aber einfach nichts
anderes übrig. Ich musste nur dieses KL verhindern. Um jeden
Preis. Denn das hätte ich nicht überlebt.
<Vor Gericht, der Richter schlägt mit seinem Hammer>
(MORE)
14.
RICHTER KRAUSE
RUHE, bitte Ruhe! Ich erteile dem Angeklagten Mayer das Wort.
Herr Mayer?
MICHAEL MAYER
Ich...äh...<ihm stockt die Stimme> Mein Verteidiger...
VERTEIDIGER
Ich übernehme das Wort für Herrn Mayer. Herr Mayer lässt an
dieser Stelle mitteilen, dass er die Einsicht habe, dass er
große Schuld auf sich geladen habe und dass er nicht Herr
seiner Sinne und Triebe sei und damit ein Problem für die
Gesellschaft darstelle. Deswegen stimmt Herr Mayer hiermit
freiwillig seiner Entmannung zu, um endgültig keine Gefahr
mehr zu sein. Weder für sich, noch für andere. Er bittet das
Gericht hiermit um die Berücksichtigung dieses Wunsches.
<Der Richter murmelt mit jemandem, klopft dann mit dem Hammer
und spricht wieder laut>
RICHTER
Nun, wenn das so ist, dann ändert das natürlich einiges. Die
Einsicht von Herrn Mayer weiß das Gericht entsprechend zu
würdigen, kritisiert aber, dass sie etwas spät kommt.
Dennoch: Diesen Schritt zu gehen ist die einzig richtige
Konsequenz aus dem Verhalten des Herrn Mayer. Um diesem
Umstand Rechnung zu tragen, hält das Gericht eine Haftstrafe
von einem Jahr und sechs Monaten für ausreichend, angemessen
und genug der Sühne. Die Untersuchungshaft wird auf dieses
Urteil angerechnet.
<Richterhammer schlägt und verhallt, wir sind zurück im
Anwaltsbüro>
HEINZ PESTER
<schluckt>Das war also der Moment, in dem sie zugestimmt
haben, sich entmannen zu lassen.
MICHAEL MAYER
Es war meine einzige, meine letzte Chance zu überleben. Und
es war Psychoterror, weil ich meine Entmannung selber bei der
Stadt Hamburg beantragen musste, während ich in Haft sass.
Mehrmals. Am 1.1.44 habe ich den Antrag zum ersten Mal
gestellt und am 16.5. erneut. Am 19.6. wurde dem Antrag
stattgegeben. Ich wurde operiert. <schluchzt kurz auf>.
HEINZ PESTER
Sollen wir eine Pause machen?
MICHAEL MAYER
Nein, geht schon. Danke. Ein halbes Jahr später, im Dezember,
kurz vor Weihnachten, wurde ich begnadigt. Ich war froh,
endlich raus zu sein, aber ich wusste mit meinem Leben nichts
mehr anzufangen. Die Operation hat mich komplett verändert.
MICHAEL MAYER (CONT’D)
15.
Ich wurde schwer depressiv, von Komplexen gequält. Was hatte
das Leben mir noch zu bieten? Verstehen Sie mich nicht
falsch, ich wollte mir nicht das Leben nehmen, das hatte ich
nicht in mir. Aber ich hatte keinen Antrieb mehr, lebte nur
noch vor mich hin, völlig apathisch. Ich konnte nicht mehr
arbeiten. Die Nazis hatten mich gebrochen.
HEINZ PESTER
Bis heute?
MICHAEL MAYER
Bis heute.
<Musik>
HOST
Am 17.12.1956 stellt Michael Mayer zum ersten Mal seine
sogenannten Entschädigungsanträge wegen Schaden an Freiheit,
Schaden an Körper und Gesundheit, eben seiner Entmannung,
Schaden an Eigentum und Vermögen, Schaden durch Zahlung von
Sonderabgaben, Geldstrafen, Bußen und Kosten und Schaden im
beruflichen und wirtschaftlichen Fortkommen. Er legt dem
ausgefüllten Antragsbogen eine Bescheinigung seiner Haftzeit
bei und ein ärztliches Attest aus dem Jahre 1947, in dem der
Arzt ihm bescheinigt, infolge der Entmannung schwer depressiv
zu sein. Der Antrag wird inhaltlich erstmal gar nicht
bearbeitet, sondern organisatorisch: Da Michael in München
lebt, stellt er den Antrag bei der dortigen Behörde. Da er
aber zum Stichtag 1952 kurze Zeit in Stuttgart gelebt hat,
muss der Antrag an die dortige Baden-Württembergische
Behörde. Dieser Verwaltungsakt alleine dauert zwei Jahre. Es
ist klar: Michael braucht Hilfe. Diesen Behördendschungel
kann er nicht allein durchqueren. Und deswegen wendet er sich
an den Rechtsanwalt Heinz Pester.
HEINZ PESTER
Herr Mayer, ich nehme Ihr Mandat an.
HOST
Nach den Zeugen-Befragungen, die wir hier miterlebt haben,
schickte Pester den neu formulierten Antrag inklusive der
protokollierten Befragungen an das Landesamt für
Wiedergutmachung in Stuttgart, am 26.3.1959. Als Ergänzung zu
den vorigen Anträgen. Er schliesst seinen Antrag mit den
Worten:
HEINZ PESTER
Sonach gilt der Antragssteller als politisch Verfolgter, der
einen schweren Gesundheitsschaden erlitten hat und durch
Regierungserlass an seiner Berufsausübung gehindert war. Da
der Anstragsteller jetzt über 70 Jahre alt ist, und von
Wohlfahrtsunterstützung lebt, wird gebeten, die Angelegenheit
beschleunigt zu behandeln.
(MORE)
16.
HOST
Kurz zuvor hat Michael sogar persönlich noch einen
handschriftlichen Brief an den Präsidenten der
Wiedergutmachungsbehörde verfasst. Er schreibt darin:
MICHAEL MAYER
Ich lebe seit Jahren als arbeitsunfähiger Mensch durch das
3te Reich in äussertser Not und brauche
Wohlfahrtunterstützung. Ich wende mich persönlich an Sie, da
der Herr Bundeskanzler Konrad Adenauer durch den Rundfunk in
der Weihnachtszeit darauf hinwies, dass die alten Leute und
Schwerbeschädigten sofort einen Vorschuss in der
Wiedergutmachung in Anspruch nehmen können. Ich wende mich
persönlich an Sie, Herr Präsident, damit ich in meinen alten
Jahren wenigstens als Mensch ein paar Jahre leben kann. Ihre
dringende Antwort entgegensehnend, hochachtungsvoll, Michael
Mayer.
HOST
Man merkt diesen Zeilen die Verzweiflung wirklich an. Aber
was hat es gebracht, zusammen mit dem Schreiben des Anwalts
Pester? Nichts. Der Antrag wird komplett abgelehnt. Das
Landesamt folgt der Argumentation nicht, sondern schreibt:
AMTSSTIMME
Wie aus dem in Abschrift vorgelegten Urteil des Amtsgerichts
Hamburg vom 03.09.1943 hervorgeht, ist der Antragsteller
ausschliesslich wegen Vergehens gegen §175 verurteilt worden.
Politische, rassische, religiöse oder weltanschauliche Gründe
haben für die Verurteilung und Entmannung des Antragstellers
keinerlei Bedeutung gehabt.
HOST
Ist das wirklich verständlich, wie die Behörde hier handelt?
Oder ist das noch der vorurteilsumwehte Muff in den
Amtsstuben, der verhindert, dass die Menschen, die dort
arbeiten, sich in den Schmerz und die Gedankenwelt eines
homosexuellen Mannes einfühlen? Jedenfalls ziehen Michael
Mayer und sein Anwalt vors Landesgericht und da dieses in
einem Beschluss den Antrag zurückweist, ziehen die beiden
weiter, bis vor das Oberlandesgericht. Doch auch hier wird
der Antrag zurückgewiesen. Die Begründung lautet:
AMTSSTIMME
Eine Verfolgung begründet auch nicht der Umstand, daß der
Kläger entmannt worden ist. Wie das Strafurteil vom 3.9.1943
ergibt, wurde er wegen homosexueller Betätigung verurteilt
und anschließend mit seinem Einverständnis entmannt. Wenn er
hierzu vorträgt, er habe sein Einverständnis nur erteilt, um
einer KZ-Haft zu entgehen, so kann dies als richtig
unterstellt werden.
AMTSSTIMME (CONT’D)
17.
Denn selbst wenn es so gewesen sein sollte, hätte die dem
Kläger angedrohte KZ-Haft nicht auf einem diskriminierenden
sondern auf einem kriminellen Grund beruht, so daß auch
insoweit die Voraussetzungen von § 1
Bundesentschädigungsgesetz nicht gegeben wären.
HOST
Man kann sich nur vorstellen, wie das Gespräch zwischen
Mandant und Anwalt danach verlief. Da Heinz Pester aber sein
Mandat niederlegte, kann es vielleicht so verlaufen sein:
HEINZ PESTER
Es tut mir leid, Herr Mayer. Ich habe alles versucht. Aber
hier wird alles getan, um nicht zu zahlen. Ich lege mein
Mandat nieder. Man hat uns keine faire Chance gegeben, dieser
Prozess ist nur noch eine Farce.
MICHAEL MAYER
Aber, was soll ich denn jetzt machen?
HEINZ PESTER
Gehen Sie auch nicht zur Urteilsverkündung. Versuchen Sie,
all das hinter sich zu lassen. Auch wenn es schwerfällt.
Dieser Staat WILL Sie für das Leid, dass er Ihnen angetan
hat, nicht entschädigen. Es tut mir leid. Es tut mir wirklich
leid.
HOST
Michael Mayer ging nach Niederbayern, nach Johannisbrunn.
Dort, im Versorgungsheim für barmherzige Brüder, kam er
unter. Er bekam monatlich 97,40 DM Sozialhilfe vom
Wohlfahrstamt der Stadt München. Aber nicht einen Pfennig
Entschädigung oder Wiedergutmachung. Es war zwar seit 1958
durch das Allgemeine Kriegsfolgengesetz auch verfolgten
Homosexuellen möglich, Entschädigung zu beantragen, aber
nicht denen, die “nur” nach §175 Gefängnis- oder
Zuchthausstrafen verbüsst hatten, da man diese Strafen
weiterhin als “rechtmässig” angesehen hat. 1969, kurz vor
seinem 80. Geburtstag, starb Michael Mayer in München. Die
Strafbarkeit von Homosexualität wurde erst 1976, sieben Jahre
nach seinem Tod, eingeschränkt und erst 1994 komplett
abgeschafft. Am 23.7.2002 hebt der Bundestag die während der
NS-Zeit ergangenen Urteile nach §175 auf. 57 Jahre nach
Kriegsende. Noch später, im März 2011 werden die
Härtefallrichtlinienn des AKG, des Allgemeinen
Kriegsfolgegesetz, das Entschädigungen regelt, nochmal
angepasst und nun können endlich auch Beihilfen für
Freiheitsstrafen nach §175 gewährt werden. Aber es leben
einfach nicht mehr viele Zeitzeugen, die diese
Ungerechtigkeit erleben mussten und die deswegen das Geld
beantragen können. So wie Michael Mayer auch. Behalten wir
ihn also am besten in seiner Paraderolle in Erinnerung, die
sie ihm nehmen und verbieten wollten.
18.
<Variete-Musik, johlendes Publikum, gute Stimmung>
CONFERENCIER
Und das, meine Damen und Herren, war sie: Das große Mysterium
unserer Zeit, die wundersamaste Erscheinung, die jemals diese
Bühne betreten hat, die einzigartige, der wahre, die und der
sensationelle HILMAR DAMITA! Applaus!
<Applaus braust auf, Jubel, dann verhallt alles und geht über
in Musik>
HOST
Das war es für dieses Mal, bei den sprechenden Akten.

Unter dem Künstlernamen Hilmar Damita tritt der 1889 in Bayern geborene Michael Mayer seit seinem 16. Lebensjahr als Damenimitator auf nationalen und internationalen Bühnen auf. Er ist ein gefeierter Star der 20er Jahre. 1933 wird ihm die öffentliche „abnorme Zurschaustellung seines Lebenswandels“ verboten. Seine offen gelebte Ablehnung des Nationalsozialismus und seine Weigerung, der NSDAP beizutreten, hat Konsequenzen: 1943 wird er aufgrund eines angeblichen Verstoßes gegen § 175, dem sog. „Homosexuellenparagraph“, verhaftet. Aus Angst vor der Internierung in einem Konzentrationslager, stimmt er 1944 seiner Entmannung zu, die ihn, physisch und psychisch gebrochen, sein restliches Leben beeinträchtigt. Seine fortwährenden Anträge auf Entschädigung werden wiederholt abgelehnt – trotz anwaltlicher Unterstützung. Angewiesen auf Unterstützung des Wohlfahrtsamtes stirbt Michael Mayer 1969 in München – ohne je einen Pfennig an Entschädigung erhalten zu haben.

Staffel 2 - Folge 4: Robert, Martha und Else Liefmann. Eine Abrechnung mit der bundesdeutschen „Wiedergutmachung“.

Titelbild Podcast "Sprechende Akten"
Buch: Nilz Bokelberg; Redaktion: Christian Küker; Aufnahme, Sounddesign & Mischung: Michael Viol; Musik: Falk Andreas; Erzählerin: Ulrike Kapfer; in den Hauptrollen: Anne Düe als Auguste, Djamila Brauer als Martha Liefmann, Nadine Nollau als Else Liefmann, Omid-Paul Eftekhari als Semmy und Robert Frank als Robert Liefmann. In den weiteren Rollen: Bernhard Schütz, Cathlen Gawlich, Christian Gaul, Elmar Börger, Felix Goeser, Michael Viol, Norbert Stöß, Richard Barenberg, Roman Kern, Steffen „Schortie“ Scheumann, Sven Sommer und Thomas Arnold | Landesarchiv Baden-Württemberg

Fall 1: Geschwister Liefmann
HOST
Nach dem zweiten Weltkrieg bot die noch junge Bundesrepublik den
Opfern und Verfolgten des Naziregimes so genannte
“Wiedergutmachungszahlungen”. Doch nicht nur der Begriff war
problematisch, auch der Prozess, eine solche Zahlung zu
erhalten, gestaltete sich häufig als äusserst schwierig. Denn
die Sachbearbeiter, die über die Zahlungen entschieden,
urteilten sehr unterschiedlich. Teilweise mit äusserster Härte,
manchmal voller Verständnis. Aber stets nach geltender
Gesetzeslage.
Das Landesarchiv Baden-Württemberg möchte diesen Teil deutscher
Historie mit diesem Podcast wieder sichtbar machen und hat
einige Entschädigungsakten ausgesucht, die nicht nur zeigen,
welche Geschichten sich hinter den bürokratischen Verfahren
verbergen, sondern auch, wie chaotisch die Regelungen teilweise
waren. Und wie ein Land versucht hat, das Grauen aufzuarbeiten,
dass es gerade erst begangen hat.
Geschichte wird wieder lebendig, durch “Sprechende Akten”.
<Titelmusik>
HOST
Willkommen zu einer neuen Folge unserer sprechenden Akten. Im
heutigen Fall erzählen wir die Geschichte der Geschwister
Liefmann, Robert, Martha und Else, die zwar, in weiser
Voraussicht ihrer vormals jüdischen Eltern, evangelisch
getauft waren, aber trotzdem deportiert wurden. Und mit was
für einer bewundernswerten Hartnäckigkeit die jüngste
Schwester Else das geschehene Leid und Unrecht nicht einfach
hinnehmen wollte und die Wiedergutmachungs-Behörden damit
zeit ihres Lebens beschäftigte.
Hamburg, in den 1870er Jahren. Der Wittenberger Semmy trifft
die kölsche Auguste. Und die beiden beschliessen zu heiraten.
Semmy ist zu dem Zeitpunkt ein erfolgreicher Geschäftsmann in
Hamburg. Doch eines bereitet den beiden Kopfzerbrechen: Der
schon damals aufkeimende Antisemitismus. Denn Semmy und
Auguste sind jüdisch. Deswegen beschliessen sie einen
radikalen Schritt...
<Wir sind in einer Wohnung, entfernt sind Hafengeräusche zu
hören, es ist Abend>
SEMMY
Auguste, wir müssen es tun.
2.
AUGUSTE
Semmy, ich weiß. <schluchzt ein bisschen>
<Sie treten in ein Zimmer ein>
PFARRER
Ah, die Eheleute Liefmann. Ich freue mich, Sie zu sehen.
Haben Sie sich das auch gut überlegt? Wir wollen hier ja
niemanden missionieren...(lacht unsicher)
SEMMY
Ja, Herr Pfarrer, es ist besser so. Schon alleine für unsere
Kinder.
PFARRER
Nun gut. Dann wollen wir mal. Das gute ist doch, dass Sie
unter Gottes Obhut bleiben.
HOST
Semmy und Auguste Liefmann sind zum evangelischen Glauben
konvertiert. In Hamburg zu der Zeit die verbreitetste Form
des Christentums. Und so gründeten sie ihre Familie in
Hamburg. Und die wuchs und wuchs. Am 4. Februar 1874 kam
Robert zur Welt.
<Babyschrei>
HOST
Am 13. Mai 1875, nur ein Jahr später, erblickte Alfred das
Licht der Welt.
<Babyschrei>
HOST
Wieder nur ein gutes Jahr später, am 19. Juni 1876, kam das
erste Mädchen in die Liefmann-Familie: Martha.
<Babyschrei>
HOST
Am 7. August 1877, sie ahnen es bereits, stand wieder
Nachwuchs ins Haus: Harri kam auf die Welt.
<Babyschrei>
HOST
Und da dachten alle, die Familienplanung sei abgeschlossen.
Aber nicht mit Semmy und Auguste: Vier Jahre später, am 27.
Mai 1881, - andere Quellen sagen übrigens am 25. Mai, der
exakte Tag ist anscheinend ein wenig unklar - kam dann das
letzte Liefmann-Kind: Else.
<Babyschrei - endet mit Hall>
(MORE)
3.
HOST
Die Liefmanns waren eine tüchtige, angesehene, gebildete
Kaufmannsfamilie. Der Älteste zum Beispiel, Robert, studierte
in Berlin, Brüssel, München und Freiburg Nationalökonomie und
Rechtswissenschaften. Nach einem Studienaufenthalt in
Großbritannien, wurde er 1904 Professor für Nationalökonomie.
Im selben Jahr konnte Else endlich ihr Studium der Medizin
aufnehmen - sie musste erst, das war für Frauen damals so
üblich, Primarschullehrerin werden - welches sie 1908 mit dem
Staatsexamen abschloss. Da war die Familie aber schon lang
nicht mehr in Hamburg. Sondern in...
<Eine Straße im Sommer, Vogelgezwitscher, Menschen laufen
vorbei, man hört vereinzelt Kutschen, Fahrräder, Passanten>
ELSE
Vater, warum ausgerechnet Freiburg?
SEMMY
...im Breisgau! So viel Zeit muss sein. Wartets nur ab,
Kinder, das wird euch gefallen. So, wenn ihr euch einmal
umdrehen mögt...?
<mehrere Leute drehen sich um, alle stossen Laute des
Erstaunens aus - ausser Semmy>
SEMMY
Na? Hab ich euch zu viel versprochen? Herzlich Willkommen im
neuen Heim der Familie Liefmann!
AUGUSTE
(fasst sich als erstes) Es ist wunderschön, Semmy.
SEMMY
(leise) Und vor allem weit weg von dieser vermaledeiten
Cholera.
HOST
In den 1880ern hatte die Cholera noch deutsche Städte im
Griff, so auch Hamburg. Es muss zu dieser Zeit gewesen sein,
als Semmy beschloss, mit seiner Familie weit weg von dort zu
ziehen. Und so zog er mit Sack und Pack 1885 nach Freiburg
und baute ein paar Jahre später, 1894, das Haus in der
Goethestr.33, um seiner Familie ein prachtvolles Zuhause
bieten zu können. Doch kaum in der neuen Stadt angekommen,
suchte sie das erste Unglück heim: Vater Semmy starb nur ein
Jahr später. Nun war Auguste allein mit den Kindern.
Andererseits: Was heißt hier “Kinder”? Else war mit 14 die
jüngste, aber der zweitjüngste, Harri, war schon 18. Alfred
wurde Bankbeamter und zog nach Berlin, wo er eine eigene
Familie gründete. Harri studierte in München und wurde
Privatdozent für Bakteriologie und Hygiene an der Universität
in Halle.
HOST (CONT’D)
4.
Und war nebenbei sogar noch ein sehr ambitionierter und
starker Fussballer, weswegen er kurz nach dessen Gründing
sogar zum Vorsitzenden des Freiburger FC gewählt wurde! Diese
Liefmann-Kinder waren jedenfalls aus dem Haus. Robert
studierte zu Anfang noch in Freiburg, bevor auch er die Welt
eroberte. Blieben nur noch Martha und die junge Else. Martha
begann Gedichte zu schreiben und sich um den Haushalt zu
kümmern. Und Else durfte, wie gesagt, nach Umwegen endlich
studieren. Medizin in Freiburg. Sie lernte in verschiedenen
Kliniken, bis es 1915 endlich so weit war.
<Gläser klimpern, Menschen reden, festliche Stimmung, jemand
klimpert an sein Glas um eine Rede zu halten>
ELSE
Ich freue mich, dass ihr alle heute hier seid. Mutter,
Robert, Martha und meine ganzen Freunde und Kollegen. Es sind
schwierige Zeiten da draussen. Deswegen kann auch mein lieber
Bruder Harri nicht bei uns sein, weil er an der Front hilft.
Aber das soll uns nicht daran hindern, dafür zu sorgen, dass
es den jüngsten in unserer Gesellschaft hier bei uns gut
geht. Dass wir sie nicht vergessen oder übersehen. Deswegen
heiße ich euch alle Willkommen, hier, in der Gartenstraße 30,
in der Praxis für Säuglings- und Kinderkrankheiten und
ärztliche Erziehungsberatung von <kichert, reisst sich aber
schnell wieder zusammen> Dr. Else Liefmann! Prost! Lachaim!
Auf das Leben!
<Alle prosten zu, gute Stimmung, verhallt plötzlich>
HOST
Am 30. Oktober desselben Jahres fällt Harri Liefmann an
vorderster Front. Er wurde 38 Jahre alt. Und nur fünf Jahre
später stirbt Alfred in Leipzig, am 22. März 1920. Er wurde
44.
<Musik>
HOST
In Freiburg waren jetzt Martha, Else und Robert, der
mittlerweile an der Uni Freiburg lehrte und deswegen wieder
zurück war, allein mit Mutter Auguste im Haus. Die Mutter
passte ihr Testament dementsprechend an und sollte sie
sterben, würden die drei Kinder das Haus erben. Und die
erlebten durchaus abwechslungsreiche 20er Jahre, voller Hochs
und Tiefs:
Else, noch nicht ausgelastet mit ihrer Ärztinnen- und
Lehrerinnen-Tätigkeit, begann sich politisch zu engagieren
und wurde Stadtverordnete für die liberale “Deutsche
Demokratische Partei” im Freiburger Stadtrat. Ausserdem war
sie Mitgründerin des Deutschen Ärztinnenbunds.
5.
Martha hatte zwischenzeitlich Kunstgeschichte studiert und
schrieb nun entsprechende Abhandlungen und Robert führte
seine Professorentätigkeit aus - nachdem er in den 20ern
sogar eine Zeit lang im Rollstuhl verbringen musste, weil er
an Muskelschwäche litt. Vermutlich eine Nachwirkung seines
Einsatzes im ersten Weltkrieg als Ballonführer über den
Vogesen. Aber auch, als er wieder laufen und seine
Lehrtätigkeit aufnehmen konnte - etwas hatte sich verändert.
<Abendessen am Esstisch der Familie Liefmann. Besteck
klimpert, es wird aufgetischt. Getränke werden eingeschüttet>
AUGUSTE
Kommt, Kinder, das Essen ist fertig.
MARTHA
Ja, kommt, das wird doch alles kalt!
<Else und Robert kommen ins Zimmer>
ELSE
Schon gut, wir sind doch schon da.
ROBERT
Iat doch sowieso gut, wenn das etwas abkühlt. Du servierst ja
immer Lava, liebe Martha. <lacht>
MARTHA
Nicht frech werden, Brüderchen! Aber hier, ich puste es ein
bisschen, für das empfindliche Proffessörchen. <pustet, alle
lachen>
AUGUSTE
Jetzt ist aber gut, setzt euch, Kinder. Ich hab einen
Bärenhunger und will endlich anfangen.
<Alle setzen sich, tun sich auf, beginnen zu esssen>
ROBERT
Ich muss euch was erzählen: Heute hat mich ein Student hinter
meinem Rücken “Drecksjude” genannt. Ich habs gehört, aber ich
hab mir nichts anmerken lassen.
ELSE
Hör auf!
ROBERT
Wirklich wahr. Diese verdammten Hitlerleute sind mittlerweile
überall. Dreckspack.
AUGUSTE
Robert, bitte! Wir essen gerade! Ich will solche Ausdrücke
nicht am Abendbrot-Tisch hören. Ich will sie eigentlich
überhaupt nicht hören!
6.
ROBERT
Entschuldige Mutter.
ELSE
Aber es stimmt, was er sagt.
AUGUSTE
Das ist mir egal, ich will diese Gossensprache nicht an
diesem Tisch!
ELSE
Natürlich Mutter, entschuldige bitte.
<Alle essen schweigend weiter, nach einiger Zeit>
MARTHA
Wusstet ihr, dass Hitler ein äusserst bescheidener
Landschaftsmaler war? Ich hab an der Uni ein paar seiner
Bilder gesehen...für die Kunstwelt ist es jedenfalls kein
Verlust.
<Stille, dann prusten Else und Robert los, alle lachen -
vielleicht auch als Erlösung - Szene fadet aus>
HOST
Am 26. Juli 1931 stirbt Auguste im Alter von 80 Jahren.
Robert, Martha und Else erben das Haus und alles, was dazu
gehört. Nur gute eineinhalb Jahre später, wird Hitler zum
Reichskanzler ernannt. Und damit geraten die Liefmanns ins
Visier der Nazis.
<Roberts Büro an der Uni, eine Uhr tickt, dumpfe
Frühlingsgeräusche klingen von draussen herein, ein Telefon
klingelt, Robert geht ran>
ROBERT
Profesor Robert Liefmann, mit wem hab ich das Vergnügen? ...
Ach, Else! Schwesterherz! Was gibts?...Die haben was?...Die
können dir doch nicht einfach so...wir sind doch gar keine
Juden, wir sind doch Protestanten!...Was?...
<Es klopft>
ROBERT
Du, ich muss auflegen, hier will jemand mit mir sprechen. Wir
besprechen das alles heute beim Abendessen. Ja, bis nachher.
<er legt auf>. <zur Tür, laut> Ja, bitte?
<Die Tür geht auf>
DEKAN
Herr Professor, ich muss dringend mit Ihnen sprechen.
(MORE)
7.
ROBERT
Was gibts denn, Herr Dekan?
DEKAN
Nun, ich weiß nicht, wie ich Ihnen das schonend beibringen
kann. Es fällt mir auch schwer...nur...mir sind die Hände
gebunden, das müssen Sie verstehen...die neue Regierung
Hitler...nun ja.
ROBERT
Ich weiß wirklich nicht, worauf Sie hinaus wollen, werter
Dekan.
DEKAN
Ja...also...nun. Sie sind entlassen. Ihnen wird der Lehrstuhl
entzogen.
ROBERT
Das muss ein Scherz sein!
DEKAN
Ich fürchte nicht. Laut Berufsbeamtengesetz dürfen wir Sie
nicht mehr beschäftigen. Hören Sie, ich will das ja auch
nicht. Sie sind unbestitten eine Koryphäe auf Ihrem Gebiet,
aber..
ROBERT
Ich bin nicht mal Jude, ich bin Protestant! Ich bin
evangelisch getauft!
DEKAN
Das spielt wohl keine Rolle. Ihre Eltern...
ROBERT
...waren auch Protestanten!
DEKAN
Ja, aber wohl nur konvertiert, nicht wahr? Wie dem auch sei.
Ich lasse Sie in Ruhe packen und dann müssten Sie noch heute
das Büro räumen. Es tut mir aufrichtig leid.
<verlässt schnell das Büro>
ROBERT
Was passiert hier, was passiert hier?!?!
HOST
Robert verlor seine Professur, Else ihre Kassenzulassung und
damit ihre Praxis - die Liefmann-Kinder waren plötzlich
arbeitslos. Dass sie evangelisch getauft wurden, ihr ganzes
Leben lang evangelisch gelebt haben, spielte alles keine
Rolle in Nazi-Deutschland. Durch das Rassegesetz von 1935
galten sie dann schlussendlich als sogenannte “Volljuden”.
HOST (CONT’D)
8.
Und das führte fünf Jahre später auch in Freiburg für sie zu
einer weiteren Eskalation.
(Bei dem Wort “Eskalation” wird alles langsamer, so als ob
ein Band stoppt und es endet mit einem Tastengeräusch, als
würde jemand an einem Tonbandgerät die Pausetaste drücken)
HOST
An dieser Stelle mal ein kleiner Einschub, weil das
vielleicht nicht jeder so genau weiß, was es mit diesen
Rassegesetzen und der Bezeichnung “Volljuden” auf sich hat.
Also: Am 15. September 1935 erließ der Reichstag, der
eigentlich nur noch eine Art Scheinparlament war, die
sogenannten “Nürnberger Gesetze”. Die waren der mehr oder
weniger juristische Beginn der Diskriminierung jüdischen
Lebens und die Vorstufe zum Holocaust. In ihnen wurde
geregelt, wie sich Deutsche Jüdinnen und Juden gegenüber zu
verhalten haben und sie degradierten Juden zu Menschen
zweiter Klasse, mit denen keine Beziehungen eingegangen
werden durften. Das war das “Gesetz zum Schutze des deutschen
Blutes und der deutschen Ehre“. Ebenfalls geregelt wurde die
Unterteilung in Volljude, Dreiviertel-, Halb- und
Vierteljude, je nach Religion der Vorfahren. Es war ein
perfides, kaum zu durchblickendes System, das nur dazu
diente, jüdisches Leben zu vernichten. Zurück zu den
Liefmanns nach Freiburg. Am Morgen des 22. Oktober 1940.
(Die Pausetaste wird wieder gelöst, das Tonband läuft wieder
an, aus dem langsamen Geleier werden die folgenden
Naturgeräusche:)
<Morgenstunde, vereinzelte Vögel, vielleicht ein Kuckuck,
vielleicht eine letzte Eule, schnelle und strenge Schritte
auf Kies, dann ein lautes Klopfen>
GESTAPO MANN
Aufmachen, Familie Liefmann, wohnhaft in der Goethestr 33,
machen Sie sofort die Tür auf!
<ein verschlafener Robert öffnet>
ROBERT
Was machen Sie um diese Zeit denn hier? Wer sind Sie? Was
wollen Sie?
GESTAPO MANN
Gestapo Freiburg, Sie werden e-va-ku-iert (sehr gestelzt
betont). Packen Sie, was Sie tragen können, Sie haben eine
Stunde Zeit.
ROBERT
Bitte? Evakuiert? Wovor denn? Wir sind doch nicht in Gefahr!
9.
GESTAPO MANN
<scharf> Sie haben mich ganz genau verstanden, Jude. Sie und
Ihre Schwestern haben eine Stunde Zeit zu packen, dann
bringen wir Sie von hier fort.
ROBERT
Aber wohin?
GESTAPO MANN
Ich bin nicht befugt, Ihnen darüber Auskunft zu erteilen. Und
nun, sputen Sie sich!
ELSE
<kommt aus dem Hintergrund> Was ist denn los, Robert?
ROBERT
Else, pack deine Sachen. Wir müssen weg.
HOST
Am Morgen des 22. Oktobers 1940 wurden aus Freiburg 350
Jüdinnen und Juden, im Zuge der sogenannten Wagner-Bürckel-
Aktion, ins südfranzösische KZ Gurs deportiert - was die
Nazis übrigens mit dem Wort “evakuiert” versucht haben
freundlich klingend zu verschleiern. Unter den Verschleppten
waren eben auch die Geschwister Liefmann. Else schrieb über
die Deportation später folgendes:
ELSE
Für uns persönlich verlief die zwei Tage und Nächte währende
Reise relativ gut. Die Begleitmannschaft im Zug waren SSLeute.
Fragt mich nicht, wie sie sich benahmen in diesen
letzten Stunden, bis sie in Lyon verschwanden, nachdem sie
ihre diebischen und sadistischen Instinkte an den Wehrlosen
ausgelassen hatten.
HOST
In Gurs wurden die Geschwister dann nach Geschlecht getrennt
untergebracht. So konnten immerhin Else und Martha im Lager
zusammenbleiben.
<Musik>
HOST
Das Leben im Lager in Gurs war grausam. Else schrieb:
ELSE
Unsere Lage ist schrecklich. Die Anzahl der Dysenterien ist
groß und keine Möglichkeit der Desinfektion. In Roberts
Bezirk herrscht Typhus.
10.
HOST
Aber die Liefmanns versuchten die Zeit zu nutzen: So haben
sich Else und Martha sehr engagiert, vor allem Else als
Ärztin, um die Mitgefangenen zu trösten und zu versorgen.
Laure Schindler war als 13-jähriges Mädchen inhaftiert und
hat viele Jahre später über ihre Begegnung mit den Liefmann-
Schwestern in Gurs folgendes geschrieben:
LAURE
Sie haben es mir nicht nur ermöglicht, körperlich gesund zu
überleben, sondern sie haben auch in gewisser Weise die Seele
dieses kleinen Mädchens gerettet, indem sie sich mit mir
beschäftigt und mir beigebracht haben, vor allem die
Schönheit der umliegenden Berge und der eindrucksvollen
Sonnenuntergänge schätzen zu lernen – einen Anblick, den uns
hinter unseren Stacheldrahtzäunen niemand nehmen konnte. So
hatten wir insbesondere unseren ganz eigenen Berg. Seine
beeindruckende Schönheit, wie majestätisch er vor allem bei
Sonnenuntergang da lag, gab mir die nötige Kraft sowie ein
Gefühl von Stabilität, Unerschütterlichkeit und innerem
Frieden, so dass ich für einen Augenblick den Ort ganz
vergessen konnte, wo ich zu leben gezwungen war. Ich denke
auch, dass meine Leidenschaft für die Berge von jenem Ort
herrührt, wo ich hinter Stacheldraht, der magere Körper
bedeckt mit Läusen, eingeschlossen war und oft schreckliche
Angst empfand. Martha und Elsie haben mir geholfen, dass ich
den Boden nicht unter den Füßen verloren habe.
HOST
Über Umwege schafften es die Liefmanns nach nur ca einem
halben Jahr schon Hafturlaub zu beantragen und das Lager zu
verlassen. In ihrer Situation einerseits ein Glücksfall, denn
diese Hafturlaube wurden nur sehr selten genehmigt.
Andererseits kamen sie aber auch nur bei besonders schweren
Erkrankungen zustande. In ihrem Fall hatte es Robert
getroffen - es sah nicht gut aus. Aber immerhin: Raus aus dem
Lager. Wenn sie auch nicht weit gekommen sind: Ihr Hafturlaub
fand in Morlaas statt, ein Dorf, keine 60 km von Gurs
entfernt. Auch dort waren sie unter ständiger Beobachtung
durch die Nazis. Aber das Blatt schien sich für die
Geschwister zu wenden... Robert, der ja auch in den USA
angesehen war, hatte vor einiger Zeit die Universität in New
York kontaktiert, die sich daraufhin für seine Ausreise
engagierte und sie nun tatsächlich ermöglichte. Vielleicht
würde Robert in die USA auswandern können! Und vielleicht
sogar seine Schwestern mitnehmen können!
<es klopft hektisch an Elses Tür>
ELSE
Herein!
11.
MARTHA
<kommt ins Zimmer gestürmt> Else! Schwesterchen! Robert!
ELSE
Was ist mit Robert?
MARTHA
<schluchzend> Er...hat es nicht geschafft, Elschen. Robert,
unser Robert...ist tot!
HOST
Am 20.3.1941 starb Robert Liefmann in Morlaas, vermutlich an
einer Blutvergiftung, die er sich im Lager in Gurs zugezogen
hat. Er wurde 67 Jahre alt. Die Nachricht über seine
Ausreisegenehmigung in die USA erreichte die Schwestern nur
wenige Tage nach seinem Tod.
Was folgte war ein anstrengender Prozess und Kampf um die
Ausreisegenehmigungen. Zuerst schaffte es Martha, die
begehrte Sondergenehmigung zu bekommen. Am 8. April bekam sie
die Erlaubins, am 25. April verliss sie Deutschland in
Richtung der Schweiz und ging nach Genf. Für Else lief es
nicht so problemlos. Sie schaffte es zuerst nur innerhalb
Frankreichs verlegt zu werden, nach Dieulefit, im Dezember
1941. Von dort aus gelang es ihr, im September 1942 dank der
Unterstützung von Fluchthelfern ebenfalls in die Schweiz zu
fliehen. Über die Berge Savoyens.
<Wind pfeift, ein Auto bahnt sich seinen Weg, es regnet, das
Auto ächzt sich einen Weg hoch, der Motor gibt alles>
FLUCHTHELFER
<klopft aufs Armaturenbrett> Komm schon, alte Mühle, das
schaffst du!
ELSE
Ich hab noch nie jemanden gesehen, der mit seinem Automobil
spricht! Und ich hab schon einiges gesehen!
FLUCHTHELFER
Manchmal hilfts! Ich war schon mal in einem Unf- oh, da kommt
jemand den Berg runter! Schnell, Else, versteck dich unter
der Decke! Du musst jetzt ganz still sein!
<Der Wagen wird langsamer, ihm gegenüber hält ebenfalls ein
Auto, die Fahrer rufen sich aus ihren geöffneten Fenstern zu>
SOLDAT
Guten Abend, wo wollen Sie hin?
FLUCHTHELFER
Guten Abend, Monsieur. Ich muss nur eben noch ein bisschen
Holz auf die Hütte, oben in den Bergen bringen. Geht ganz
schnell!
(MORE)
12.
SOLDAT
Hmm <überlegt>. Na gut. Aber fahren Sie vorsichtig! Der Regen
hat die ganze Straße aufgeweicht!
FLUCHTHELFER
Natürlich! Danke Ihnen! Ich bin ganz vorsichtig!
SOLDAT
Heil Hitler!
FLUCHTHELFER
<fährt los> Ja, äh, Heil...Hitler! <Der Wagen fährt los und
fährt ein gutes Stück> So, ich glaube die Luft ist rein. Du
kannst wieder rauskommen, Else.
ELSE
Ein Glück! Ich dachte schon, ich muss in der alten Decke
ersticken
FLUCHTHELFER
Also, wir fahren bis zu dem Waldstück da vorne. Ab dort
müssen wir zu Fuß weiter, aber da kommt ein Stück, das so gut
wie nicht kontrolliert wird. Wenn wir da rüber kommen, haben
wir es geschafft! Dann bist du in der Schweiz.
ELSE
Endlich! Ich kann es kaum erwarten!
HOST
Else gelingt die Flucht. Wohl auch weil ihr, wie sie später
schreibt, die Gefahr, die damit verbunden war, gar nicht so
bewusst gewesen ist. Sie und Martha lassen sich in Zürich
nieder. Von dort aus beobachteten sie, wie Nazideutschland
sich erst noch einmal aufbäumt und dann, endlich, untergeht.
Hitler war tot und die deutsche Wehrmacht erklärt am 8.Mai
1945 ihre bedingungslose Kapitulation. Aber mit diesem Moment
sollte, vor allem für Else, ein Kampf losgehen, in dem sie
vor allem Anerkennung einforderte, für das Unrecht, dass ein
ganzer Staatsapparat ihr und ihrer Familie angetan hat.
<Musik>
HOST
An den Polizeipräsidenten der Stadt Freiburg erging am
19.11.1940 ein Brief des “Amts für Volkswohlfahrt” der NSDAP.
Nur gute zwei Wochen nachdem sämtliche Jüdinnen und Juden und
die, die von den Nazis als solche markiert wurden, allesamt
aus der Stadt deportiert worden waren.
NAZISTIMME
Betreff: Judenhäuser. Für folgende Wohnungen und Häuser haben
wir für unsere Zwecke Interesse: 1. Holbeinstr.5, 2.Kirchstr
45 (zwei Stockwerke), 3. Sternwaldstr.5 (wenn der zweite
Stock mit dem ersten Stock getauscht werden kann), 4.
NAZISTIMME (CONT’D)
13.
Zasiusstr.119 sowie 5. Zasiusstr.53, 6. Das Haus
Rempartstr.8, 7. Die Räume Erbprinzenstr.1, 8. Die Räume
Eisenbahnstr.6, 9. Münchhoftsr.4 ferner die ganzen Häuser 10.
Holbeinstr.5, 11. Goethestr.33 Und 12. Schöneckstr.6. Wir
bitten Sie uns die Möglichkeit zu geben, die Räume in den
nächsten Tagen zu besichtigen. Heil Hitler! Der Leiter der
Wohnfahrtsabteilung, in Vertretung gezeichnet Albrecht.
HOST
Sie konnten es also kaum erwarten, sich die Filetstücke unter
den Nagel zu reissen. Sich an den Enteignungen zu bereichern.
Und es kam sogar noch schlimmer: Die Goethestr.33, das Heim
der deportierten Familie Liefmann, wurde ihnen nicht nur
entrissen, es wurde auch noch, 1941, angemietet von der
Gestapo! Ausgerechnet jener Nazi-Polizei, die die Familie am
Morgen abgeholt hat. Und es ist fein säuberlich dokumentiert,
wie sie die ganzen lokalen Gewerke die Liefmann-Villa für
ihre Zwecke haben umbauen lassen.
<Collage: Die ganzen Sätze gehen ineinander über, “fliegen”
durch den Raum, verschiedene Stimmen (müssen ja keine prof
Sprecher sein, in dem Fall), werden immer kürzer, zu einem
übereinander lappenden Stimmgewirr>
STIMMGEWIRR
Willi Schmitz, Schlossermeister. Haus Goethestr 33,
Luftschutzraum, Kellerfenstergitter raus gehauen, 2
Reichsmark 80. An den Holzladen ein Riegelschloß mit zwei
Schlüssel und Schließblech angebracht, 4 Reichsmark 60...
Jakob Rottler, Rolladenfabrik. Rolläden in Ordnung gebracht,
1 Reichsmark 75
Valentin Schneider, Gipser- und Stukkateurgeschäft. Sechs
Gipserstunden a 1 Reichsmark 40: 8 Reichsmark 40. Ein Kübel
Mörtel, 0 Reichsmark 85. Ein halber Kübel Rheinsandmörtel a
eine Reichsmark: 0 Reichsmark 50. Insgesamt 9 Reichsmark 75
Emil Feinigner, Werkstatt für Malerei. Wandfläche an der
hinteren Fassade abbürsten, neue Putzstellen vorstreichen,
teilweise vorspachteln und zweimal Ölfarbe: 115,56
Quadratmeter a 1 Reichsmark 35 ergibt: 156 Reichsmark.
Spiegelhalter und Schneider, Elektrotechnisches
Installationsbüro.
Alois Göhr, Schornsteinfegermeister.
August Boll, Zentralheizungen.
<abruptes Ende>
14.
HOST
Und am Ende all dieser Arbeiten hatte die Gestapo eine neue
Zentrale in Freiburg.
<Musik>
HOST
Zurück zum Kriegsende. Else und Martha sassen also in Zürich
und erlebten von dort, wie ein Land versuchte wieder auf die
Beine zu kommen, nachdem es so viel Leid in der Welt
verursacht hat. Und natürlich wollten sie Gerechtigkeit. Für
das, was ihnen angetan wurde. Für das, was ihrem Bruder
angetan wurde. Gerechtigkeit und Vergeltung für die ganzen
Verbrechen. Am 17. Dezember 1946 ging deswegen ein Brief beim
Badischen Landesamt für kontrollierte Vermögen ein. Da es
noch keine offizielle Wiedergutmachungsbehörde gab, wandte
man sich an diese Adresse, wenn man Schadensersatz forderte.
Der Brief war von einem Freiburger Anwalt namens Willy
Heynen. Und er schrieb:
WILLY HEYNEN
Betrifft Anwesen Goethestr.33. Wiedergutmachung für 1.) Frau
Dr.med.et phil.Else Liefmann, 2.) Fräulein Martha Liefmann,
beide Zürich/Schweiz, 3.) Prof. Dr. Robert Liefmann,
gestorben am 21.3.41 in Morlaas bei Pau, Frankreich, dessen
Erbinnen die zu 1.) Und 2.) Bezeichneten sind. Gemäß
Verfügung Nr. 24 melde ich folgende
Wiedergutmachungsansprüche meiner oben bezeichneten
Mandantinnen an: Gesamtvermögen rund eine Million Reichsmark.
HOST
Danach schlüsselt Anwalt Heynen auf, wie sich diese Summe
zusammensetzt. Es ist eine Mischung aus Zwangsabgaben,
Grundstückswert, Hausrat, Wertgegenständen und
Schadensersatzforderungen. Das Amt gibt sich in seiner
Antwort, zu Beginn des neuen Jahres, etwas verschnupft über
diese Forderung. Erst zählen sie auf, was sie der Familie
schon erstattet haben und erwähnen, dass sie bereits im
Prozess der Wiedergutmachung sind, vor allem für die
Zwangsabgaben. Und dann, am Ende des Briefs, schreiben sie
noch:
AMT
Die weiteren Ansprüche, die sie in ihrem Schreiben vom 13.12.
geltend machen, bitte ich zu beziffern und so weit wie
möglich mit der Angabe von Beweismitteln zu versehen.
HOST
Aber so leicht liess sich Willy Heynen nicht entmutigen. In
seiner Antwort schrieb er:
15.
WILLY HEYNEN
Infolge der Maßnahmen bei der Deportation sind meinen
Mandantinnen jedoch sämtliche Unterlagen und Belege über die
Zahlung der betreffenden Abgaben abhanden gekommen. Ich bitte
daher um Prüfung der bei ihnen vorhandenen Vorgänge über die
Abgabe von Judenvermögen, Reichsfluchtsteuern, über die
Einziehung von Deportiertenvermögen u.ähnl. um mir
gegebenenfalls Auskunft über die Zahlungen mein er
Mandantinnen bzw. des verstorbenen Prof. Liefmann zu geben.
Ich lege vor allen Dingen Wert auf die Beantwortung folgender
Fragen:
1.) Wie hoch belief sich die Judenvermögensabgabe, die meine
Mandantinnen bzw. Prof. Liefmann zu entrichten hatten?
2.) Wie hoch belief sich die Reichsfluchtsteuer?
3.) Was ist an Vermögen meiner Mandantinnen nach ihrer
Deportation im Oktober 40 als beschlagnahmt dem Finanzamt
zugeflossen?
HOST
Was dann folgt, ist der formelle “Antrag auf Ersatz von
Schäden en Eigentum und Vermögen”, im Dezember 1950 gestellt,
da das “Gesetz über die Entschädigung der Opfer des
Nationalsozialismus” erst seit Mai 1950 in Baden überhaupt
gültig war. Alles als Einzelanträge, also Else, Martha und in
Vertretung auch für Robert. In diesen Anträgen werden die
sogenannten Vermögensverluste akkurat aufgezählt. Dabei lernt
man auch, in was für einem Wohlstand die Liefmanns gelebt
haben:
ELSE
Das Haus in der Goethestr.33 Freiburg im Breisgau bestand aus
7 Zimmern, 5 Mandsarden als Wohnräume, ein Nähzimmer im
Kellen, Küche und Anrichtezimmer, Baezimmer, Kofferkammer und
Speicher, Veranda.
HOST
Danach wird das gesamte Mobiliar aufgezählt, sämtlicher
Schmuck, alle Kunstgegenstände und die Sammlungen der
Familie, als da wäre eine Spitzensammlung mit Brüsseler und
holländischen Spitzen, eine Porzellansammlung, eine
Münzsammlung und eine besonders wertvolle
Briefmarkensammlung. Am Ende dieser Aufzählung, wird Else
dann auch nochmal deutlich.
ELSE
Am 25 Februar 1941 hat eine sogenannte Auktion des Hausrates
stattgefunden. Aus dem sehr oberflächlich geführten Protokoll
ersieht man, dass die Gegenstände geradezu verschleudert
worden sind. Die guten Sachen sind überhaupt nicht
aufgeführt, sie scheinen schon vorher von Liebhabern
gestohlen worden zu sein.
16.
HOST
Else sieht anscheinend keine Notwendigkeit mehr, noch
besonders höflich zu sein. Warum auch? Ihre Kommunikation mit
den Behörden bezüglich ihrer Entschädigung, nutzt sie, um
Tacheles zu reden. Es ist ja auch schon recht dreist wenn man
sich überlegt, dass zum Beispiel das enteignete Elternhaus,
vom Vater selbst errichtet, auch nach dem Krieg noch unter
den Behörden munter weitergereicht wird, aber alles versucht
wird, es nicht der Familie zurückzugeben. Eine Farce.
<Musik>
HOST
Die Jahre ziehen dahin. Else und Martha wird die deutsche
Staatsbürgerschaft angeboten, die sie aber dankend ablehnen.
1952 stirbt Martha in Zürich. Nun muss Else auch noch für
deren Wiedergutmachung mitkämpfen. Der lange, zähe Kampf über
die Entschädigung, die Else und ihren Geschwistern zusteht,
geht in die nächste Runde. Zeit ihres Lebens wird sie mit den
Behörden in Austausch stehen. Mal wird ihr Geld bewilligt,
dann will man es wieder ganz genau wissen. Und Elses Briefe
deuten immer mehr darauf hin, dass es ihr nicht oder nicht
nur um das verlorene und gestohlene Geld geht. In einem Brief
aus dem Jahr 1960 an den für Else verantwortlichen
Sachbearbeiter im Amt, ein Herr Behrens, geht es um eine
Rückzahlung von Unterhalt, den sie in der Schweiz benötigt
hat. Sie fordert dieses Geld vom deutschen Staat ein, auch
rückwirkend. Empört berichtet sie, wie gut sie vom ersten Tag
an in der Schweiz behandelt wurde.
ELSE
Diesen Unterhalt bezahlten die Flüchtlingshilfen aus den
Spenden des Schweizer Volkes in erster Linie. Mit 200 Franken
monatlich habe ich 11 Jahre hier mehr schlecht als recht
gelebt, bis man sich endlich in Deutschland entschloss
"wiedergutzumachen." Das sind 2400 Franken pro Jahr, also im
Ganzen über 24000 Franken. Welche Anständigkeit von den
Schweizern, diese Summen “a fond perdu”...
HOST
Ein kleiner Einschub: “A fond perdu”, ein schweizer Begriff,
bedeutet kurz gesagt, eine Zahlung ohne Rückzahlungspflicht.
Weiter gehts mit Elses Brief...
ELSE
...gegeben zu haben, für Menschen, an deren Elend sie nicht
schuld waren. Und die Deutschen?
Ich wollte Ihnen das doch noch einmal sagen, weil ich den
Eindruck habe, dass Sie alle miteinander gar nicht einsehen, was
das Wort “Wiedergutmachung” eigentlich beinhaltet resp
beinhalten sollte.
(MORE)
17.
HOST
Herr Behrens sieht das dennoch nicht ein und verweigert Else
die Zahlung der von ihr geforderten 5000 Franken. Eine Summe,
die sie vermutlich einfach überschlagen hat. Und die schreibt
ihm eine Antwort, die sich gewaschen hat.
ELSE
Ich kenne ihre Behauptung, dass ich doch durch meine
Wiedergutmachungszahlungen Schadenersatz erhalten habe. Nach
meiner Auffassung sollen aber nicht nur die Kosten
“wiedergutgemacht” werden, sondern die ganze Situatiuon, in
die uns damals die Deutschen gebracht haben, die Situation
von Menschen, die als armengenössich von der Mildtätigkeit
anderer Menschen leben mussten, auf der untersten sozialen
Stufe und mit allen Einschränkungen, die derjenige erfährt,
der gerade das Minimum der Existenz erhält. Das bedenken sie
niemals, wenn sie das Wort “Wiedergutmachung” gebrauchen, das
ich als Verfolgte des Nazismus geradezu als einen Hohn
empfinde.
Wo hat es je einen Prozess gegeben, in dem der Schuldner
bestimmt, was er zurückzahlen will und wo er selbst Gesetze
macht, um seine Wiedergutmachung zu verdecken? Man brüstet
sich in Deutschland wegen den Entschädigungen an Israel,
verschweigt aber die individuelle “Wiedergutmachung” mit der
sich die deutsche Justiz kein Ruhmesblatt erworben hat. Für
mich ist diese Angelegenheit nicht abgeschlossen.
HOST
Und das war sie absolut nicht. Als eine Rentenerhöhung für
Else, ein Jahr später, ewig auf sich warten lässt, weil das
Amt in Karlsruhe bei den Anträgen nicht hinterher kommt,
schreibt sie wieder einen Brief, in dem sie dem Land und dem
ganzen Prozess ordentlich die Leviten liest.
ELSE
Ich stehe jetzt in meinem 81. Lebensjahr und noch immer hält
man mir einen Teil meines Vermögens in meinem früheren
Heimatland zurück. Ist es da ein Wunder, dass wir schlecht
von diesen Menschen denken? Die sich der “Wiedergutmachung”
rühmen, aber ihre Versprechen seit Jahr und Tag nicht
einlösen? Ich kenne Ihre Antwort: Sie sagen, Sie wären daran
unschuldig. So sagen alle. Wer ist es denn, der daran
schuldig ist? Es bleibt nur übrig anzunehmen, dass es der
böse Geist ist, der noch immer in Deutschland sein Wesen
treibt. Man denkt schlecht hier in der Schweiz über den
Charakter der “Wirtschaftswunderkinder”, die nur an ihre
eigene Bereicherung denken, aber nicht an die Schulden, die
sie zu bezahlen haben. Es ist traurig, dass ich als alte
Frau, Ihnen dies zu sagen habe, aber schämt man sich in der
deutschen Bundesrepublik?
ELSE (CONT’D)
18.
Hitler hat einmal gesagt, dass das Gewissen eine “jüdische
Erfindung” sei - Wir haben den Eindruck, dass es nicht sehr
wenige sind, die sich zu dieser Meinung bekennen. Mit
vorzüglicher Hochachtung, Prof. Dr. E. Liefmann.
HOST
Ein Brief wie ein Paukenschlag. In einem internen Vermerk des
Amtes, liest man, wie sehr der Brief gesessen hat. Die
Mitarbeitenden der Behörde geben sich sehr empört. Da steht
wirklich:
AMT
In der Beantwortung des Schreibens der Anstragstellerin mag
darauf hingewiesen werden, dass nach dem kürzlich
veröffentlichten Haushaltsplan des Landes Baden-Württemberg
der für die Wiedergutmachung festgelegte Betrag höher ist als
die gesamten Ausgaben für die Landespolizei und fast doppelt
so hoch als die Ausgaben für die 4 Hochschulen des Landes und
das die Ausgaben für sämtliche Volksschulen nicht sehr viel
höher sind.
HOST
Doch damit nicht genug. In diesem internen Vermerk steht auch
nebenbei der kleine Satz:
AMT
Nach Mitteilung des JA Hein wohnt die Antragstellerin in
Zürich in einem auffallend schönen Haus nahe am See unweit
der Stadtmitte.
HOST
Oder anders gesagt: Was will sie denn noch? Das ist schon
besonders haarsträubend. Zum Glück blieb dieser Vermerk
intern. Als Else ihre höhere Rente zugesprochen bekommt, aber
man noch um ein wenig Geduld bittet, in einem Brief 1962,
antwortet sie Dr Behrens vom Amt und erklärt, worum es ihr
eigentlich geht.
ELSE
Ich hoffe, dass nun im Jahre 1962 meine Angelegenheit endlich
durch Zahlungen abgeschlossen wird. Natürlich könnte ich ohne
diese Gelder leben- Es wäre aber sehr oberflächlich, wollte
man in Karlsruhe mir das unter die Nase reiben, wie man das
so gern tut. Meine Schwester, die im April 1952 hier starb,
hat damals diese besseren Zeiten nicht mehr erlebt. Das habe
ich der sogenannten Wiedergutmachung bis heute nicht
verzeihen können. Wahrscheinlich wissen Sie von dem allen
nichts. Aber uns Alten ist all das unvergesslich.
HOST
Im September 1969 legt Else nach. Schließlich hat man ihr
nicht nur ihr Vermögen geraubt, sondern auch ihre Laufbahn
als Ärztin zunichte gemacht. Der nachträgliche
Professorentitel schient sie nicht zu besänftigen.
19.
ELSE
Der Professorentitel allein, der ja die Behörde nichts
gekostet hat, war gewiss kein Entgeld. Immerhin ist
zuzugeben, dass ich mit der sogenannten Wiedergutmachung noch
weit bessere Erfahrungen gemacht habe, als manch andere
Verfolgte. Die ganze Sache ist ein unerfreuliches Kapitel und
am unerfreulichsten ist das Wort Wiedergutmachung, das eine
Lüge beinhaltet.
HOST
Sie erwähnt noch, dass sie die deutsche Staatsbürgerschaft
abgelehnt habe, weil sie nichts gutes für die Zukunft des
Landes erwarte. Das bespricht sie auch mit ihrem langjährigen
Freund und Vetter, dem Pfarrer Adolf Freudenberg...
<Ein Sommertag im Park, Kinder spielen, eine Glocke läutet,
Vögel zwitschern. Else und Adolf sitzen auf einer Bank und
unterhalten sich>
ELSE
Ach, Adi. Es ist schon ein rechtes Mistland, dieses
Deutschland. Was es uns angetan hat und wie sehr es sich
dagegen sträubt, dies anzuerkennen.
ADOLF FREUDENBERG
Ja, Else, es hat uns übel mitgespielt, dieses Deutschland.
Die Menschen verdrängen, was hier noch vor kurzem geschah. Es
ist ungeheuerlich. Sie tun, als wäre nie etwas geschehen.
ELSE
Und stell dir vor, das Buch, dass ich mit Martha geschrieben
hab? Über unsere Zeit in Gurs? Nicht ein Laden in Freiburg
bietet es an, Adi, nicht einer! Und ich hab sie alle
angerufen und gefragt!
ADOLF FREUDENBERG
Ungeheuerlich.
ELSE
Ich habe nicht ein Interview zum Buch gegeben. Niemand
interessiert es. Da muss ich mich doch schwer wundern, Adi,
über dieses massive Desintersse.
ADOLF FREUDENBERG
Mich wundert es leider gar nicht, Elschen. Das ist die
heutige Mentalität in Deutschland. Vergessen, vergessen,
vergessen. Wer über die Nazizeit reden will, stört.
HOST
Nach dieser Schilderung, schreibt Else Herrn Behrens in einem
ihrer letzten Briefe noch das:
20.
ELSE
Es würde mich interessieren, was Sie darüber denken? Was wird
die Zukunft bringen? Mit bestem Gruße, Prof Dr Else Liefmann.
HOST
Am 24. Mai 1970 um 4 Uhr 8 ist Prof Dr Else Liefmann in der
Klinik Lindenegg in Zürich gestorben. Sie wurde 89 Jahre alt.
Die Stolpersteine in der Goethestr.33 vor dem ehemaligen Haus
der Familie Liefmann, für Martha, Robert und Else, waren die
ersten Stolpersteine, die in Freiburg verlegt wurden.
Wir hören uns nächstes Mal wieder, hier, bei den Sprechenden
Akten.

Dass auch das Aufwachsen mit dem protestantischen Glauben nicht vor Inhaftierung und Tod schützt, belegen die Schicksale der aus einer ehemals jüdischen Familie stammenden Geschwister Robert, Martha und Else Liefmann. Ende Oktober 1940 werden sie aus ihrem Freiburger Wohnhaus in das Internierungslager Gurs deportiert. 1941 wird den Geschwistern ein Hafturlaub genehmigt, in dem Robert Liefmann nur wenige Wochen später verstirbt. Den beiden Schwestern gelingt die Flucht nach Zürich. Beide lehnen nach Kriegsende das Angebot der erneuten deutschen Staatsangehörigkeit ab – sie haben noch eine Rechnung offen. Vor allem die jüngste Schwester Else kämpft um die Anerkennung des Unrechts, das ihr und ihren Geschwistern widerfahren ist, und steht bis zu ihrem Tode 1970 im ständigen Kontakt mit den deutschen Entschädigungsbehörden – mir nur durchwachsenem Erfolg. In ihren Augen ist die „Wiedergutmachung“ blanker Hohn.

Staffel 2 - Folge 5: Widerstand im Untergrund: Der Stuttgarter Antifaschist Alfred Hausser

Titelbild Podcast "Sprechende Akten"
Buch: Nilz Bokelberg; Redaktion: Christian Küker; Aufnahme, Sounddesign & Mischung: Michael Viol; Musik: Falk Andreas; Erzählerin: Ulrike Kapfer; in den Hauptrollen: Djamila Brauer als Mutter Hausser, Felix Goeser als Alfred Hausser und Omid-Paul Eftekhari als Vater Hausser. In den weiteren Rollen: Augustus Mann, Barbie Breakout, Christian Gaul, Elmar Börger, Michael Viol, Norbert Stöß, Richard Barenberg, Roman Kern, Robert Frank, Stefan Lehnen, Steffen „Schortie“ Scheumann, Sven Sommer und Thomas Arnold | Landesarchiv Baden-Württemberg

Nach dem zweiten Weltkrieg bot die noch junge Bundesrepublik den
Opfern und Verfolgten des Naziregimes so genannte
“Wiedergutmachungszahlungen”. Doch nicht nur der Begriff war
problematisch, auch der Prozess, eine solche Zahlung zu
erhalten, gestaltete sich häufig als äusserst schwierig. Denn
die Sachbearbeiter, die über die Zahlungen entschieden,
urteilten sehr unterschiedlich. Teilweise mit äusserster Härte,
manchmal voller Verständnis. Aber stets nach geltender
Gesetzeslage.
Das Landesarchiv Baden-Württemberg möchte diesen Teil deutscher
Historie mit diesem Podcast wieder sichtbar machen und hat
einige Entschädigungsakten ausgesucht, die nicht nur zeigen,
welche Geschichten sich hinter den bürokratischen Verfahren
verbergen, sondern auch, wie chaotisch die Regelungen teilweise
waren. Und wie ein Land versucht hat, das Grauen aufzuarbeiten,
dass es gerade erst begangen hat.
Geschichte wird wieder lebendig, durch “Sprechende Akten”.
<Titelmusik>
HOST
“Nur wer sich aufgibt, ist verloren”. So lautet das berühmte
Zitat des Mannes, mit dessen Akte wir uns heute beschäftigen:
Alfred Hausser. Hausser war kommunistischer
Wiederstandskämpfer in Nazi-Deutschland und wurde dafür sogar
2003 mit dem Bundesverdienstkreuz am Bande ausgezeichnet.
Seine Akte erzählt aber noch eine ganz andere Geschichte,
nämlich von seinem Kampf gegen die Windmühlen der
Entschädigungsbürokratie und wie er zeit seines Lebens
versucht hat, seine gerechte Entschädigung zu bekommen. Aber
fangen wir ganz von vorne an.
<Babyschrei>
HOST
Alfred Theodor Hausser wird am 27. August 1912 in Stuttgart
geboren. Er bleibt Einzelkind in der Arbeiterfamilie. Als der
erste Weltkrieg beginnt, werden sein Vater als Soldat und
seine Mutter als Köchin für die Feldküche eingezogen. Alfred
wird bei seinen Großeltern untergebracht. Rückblickend
beschreibt er seine Kindheit als glücklich. Bei Oma und Opa
auf dem Land, war man von den Kriegswirren vielleicht
verschonter als mitten in der Stadt. Nach dem Krieg kehrt er
nach Stuttgart zurück, geht dort zur Schule und macht seine
mittlere Reife.
HOST (CONT’D)
2.
1928 beginnt er eine Ausbildung als Mechaniker bei JC
Eckardt, einem führenden Hersteller von Manometern. Und da
entdeckt er auch, wie ausgeprägt sein Gerechtigkeitssinn ist,
denn er wird 1930, noch mitten in seiner Ausbildungszeit,
Vertrauensmann der Gewerkschaft. Zwei Jahre später legt er
die Gesellenprüfung ab und könnte eigentlich auf dem Weg
sein, seinem Traumberuf Ingenieur näher zu kommen. Könnte.
Denn:
ZEITUNGSJUNGE
Extrablatt! Extrablatt! Deutsche Arbeitslosigkeit auf
Rekordhoch! Auswirkungen der Weltwirtschaftskrise!
Extrablatt! Extrablatt!
ALFRED HAUSSER (JUNG)
Hey, Junge, gib mir mal eine von den Zeitungen!
ZEITUNGSJUNGE
Bitte sehr! Macht einen Groschen.
ALFRED HAUSSER (JUNG)
Ja, hier. Gib her.
<er nimmt die Zeitung, liest>
ALFRED HAUSSER (JUNG)
“...hat sich die Arbeitslosigkeit in Deutschland auf das
Rekordhoch von 5,6 Millionen Arbeitslosen geschraubt. Die in
den USA ausgelöste Weltwirtschaftskrise wird als Grund für
dieses Desaster benannt. Die Nationalsozialistische Deutsche
Arbeiterpartei kritisiert, dass...” Ach, was die Nazis
schwätzen interessiert mich nicht. Aber ich hoffe, dass ich
trotzdem übernommen werde...!
<mit einem “woosh” sind wir von der Strasse in einer
Produktionshalle, es hämmert und zischt und quietscht
überall, der Vorarbeiter muss die ganze Zeit rufen, um
überhaupt gehört zu werden>
VORARBEITER
Kommt mal alle her! Hier, meine Lehrlinge! Alle herkommen!
<der nächste Arbeitslärm verhallt - im weit entfernten
Hintergrund wird natürlich noch gearbeitet - und alle kommen
zusammen>
VORARBEITER
Ich muss euch leider im Namen der Geschäftsleitung der Firma
JC Eckardt mitteilen, dass niemand von euch in ein festes
Anstellungsverhältnis übernommen werden kann...
<vereinzelte Beschwerdeausrufe, aber allgemein eher Schock>
(MORE)
3.
VORARBEITER
...Wir hätten das auch lieber anders, aber es ist uns in der
derzeitigen wirtschaftlichen Lage nicht möglich, weitere
Kräfte einzustellen. Es tut mir leid. Ihr seid gute Jungs.
Aber hier bei uns ist das erstmal das Ende eures Weges. Viel
Glück und Erfolg da draussen! <leise, eher zu sich> Ihr
werdet es brauchen.
AZUBI
Das ist doch Humbug! Wählt Hitler! Der holt uns aus dieser
Misere raus!
ALFRED HAUSSER (JUNG)
Ach, iwo! Hitler kann gar nichts, nur große Reden schwingen!
Wir müssen jetzt zusammenhalten und solidarisch sein! Dann
können wir diese Krise überwinden!
AZUBI
Diese “Solidarität” bringt uns doch gar nichts! Nur Hitler
kann uns noch retten! Der räumt bald richtig auf in
Deutschland!
<Tumult, manche stimmen zu, andere nicht, man versteht nichts
mehr so richtig - alles verhallt>
HOST
Alle Wut half nichts. Alfred landete, wie viele seiner
Kollegen, direkt nach der Ausbildung auf der Strasse. Seine
Firma schrieb seinen Eltern:
JC ECKARDT
Infolge der durch die allgemeine ungünstige Wirtschaftslage
notwendig gewordenen Kurzarbeit, sind wir zu unserem Bedauern
nicht in der Lage, mit ihrem Sohn Alfred nach Beendigung
seiner Lehrzeit ein neues Arbeitsverhältnis eingehen zu
können. Sein Austritt aus unserem Betriebe wird deshalb am
15. April des Jahres zu erfolgen haben wovon wir Sie schon
heute in Kenntnis setzen.
HOST
Hart. Jetzt war guter Rat teuer, denn Alfred wollte nach
bestandener Gesellenprüfung dringend Arbeitserfahrung
sammeln, um später für das Studium an der Maschinenbauschule
in Esslingen zugelassen zu werden. Dazu brauchte er besondere
praktische Kenntnisse im technischen Zeichnen und die konnte
er jetzt nur noch in einem Praktikum erlangen. Aber...
<Verschiedene Stimmen, männlich und weiblich, sprechen
typische Absage-Floskeln ineinander, so wie:>
ABSAGECHOR
“...vielen Dank für Ihr Interesse, leider können wir gerade
nicht...” “...bedanken wir uns für Ihre Bewerbung zu einem
Praktikum.
ABSAGECHOR (CONT’D)
4.
Aufgrund der momentanen Situation ist es uns leider nicht
möglich...” “...haben wir derzeit einen Aufnahmestop für
Praktikanten, wünschen Ihnen aber viel Erfolg...” “...leider
Nein...” “...sehen uns nicht im Stande, Ihnen einen Platz in
unserem Betrieb...” “...bis Auf weiteres erstmal keine
Praktika...” “...wenn Sie es vielleicht nochmal in einem Jahr
versuchen...”
ALFRED HAUSSER (JUNG)
Es ist doch zum aus der Haut fahren. Absagen über Absagen.
VATER HAUSSER
Junge, ich würde dich gerne trösten, aber heute kam dieser
Brief ins Haus.
ALFRED HAUSSER (JUNG)
Was denn noch?
VATER HAUSSER
Vom Amt. Dir wird die Erwerbslosenunterstützunug gestrichen.
So wie allen. Der Staat kann es sich einfach nicht mehr
leisten.
ALFRED HAUSSER (JUNG)
Ja klar. Das hat mir gerade noch gefehlt. Ich werde in diesem
Land nicht mehr froh, Vater.
VATER HAUSSER
Junge! Das ist es!
ALFRED HAUSSER (JUNG)
Häh?
VATER HAUSSER
Wenn es in Deutschland nicht klappen soll, dann klappt es
eben woanders. Wir haben doch diese Freunde in Basel, hab ich
dir doch von erzählt. Ich schreibe ihnen gleich morgen, dass
du kommst. In der Schweiz, da muss es doch möglich sein, ein
Praktikum zu finden! Und da wärst du gar nicht so weit weg
von uns.
ALFRED HAUSSER (JUNG)
Ich geh nach Basel!
<Übergang zu Bahnhofsgeräuschen>
HOST
Und im November 1932 war es dann so weit.
ALFRED HAUSSER (JUNG)
Auf Wiedersehen Mutter! Auf Wiedersehen Vater! Ich bin bald
wieder bei euch!
5.
MUTTER HAUSSER
<leicht bebende Stimme> Dass du mir ja keine Schande machst!
ALFRED HAUSSER (JUNG)
Ganz sicher nicht, Mutter!
VATER HAUSSER
Machs gut, Junge! Und schreib mal!
<Der Zug fährt ab>
ALFRED HAUSSER (JUNG)
Bestimmt! Auf Wiedersehen!
<Zug verhallt>
SCHWEIZER STIMME
Willkommen in Basel!
HOST
Aber Alfred kam vom Regen in die Traufe. Denn auch in der
Schweiz kämpfte man mit hoher Arbeitslosigkeit. Und deswegen
war es für einen deutschen jungen Mann nicht ohne weiteres
möglich, dort einen Praktikumsplatz zu bekommen. Aber nun war
Alfreds Kampfgeist geweckt.
ALFRED HAUSSER (JUNG)
Ich hab doch diesen Vetter in Den Haag! Da versuch ichs!
<Zug fährt ab, verhallt>
HOLLÄNDISCHE STIMME
Welkom in Den Haag!
HOST
Es ist 1933, Alfred Hausser ist in Den Haag und...nichts und.
Auch in Den Haag hat er keinen Erfolg. Aber er hat ein
Problem. In der Heimat, in Deutschland, haben die
Nationalsozialisten die Macht ergriffen, während er in der
Weltgeschichte herumgereist ist. Und dass er zu Zeiten, als
er noch in Deutschland weilte, gewerkschaftlich tätig war und
sich gegen die Nazis stark gemacht hat, wird auf einmal zum
Problem. Weil er 1930 dem kommunistischen Jugendverband
Deutschlands beigetreten war, 1932 Mitglied in der KPD wurde
und sich im kommunistischen Widerstand engagierte, wurde er
von den Behörden gesucht. Insbesondere der Aufbau einer
antifaschistischen Jugendorganisation wird direkt mit seiner
Person verbunden. Aber in der Zwischenzeit ist Alfreds Vater
gestorben. Er möchte also dringend wieder zurück nach
Deutschland, schon allein, um seiner Mutter nahe sein zu
können. Doch das ist nicht so einfach. April 1933. Stuttgart.
Alfreds Elternhaus. Morgens um halb Fünf.
<jemand hämmert gegen eine Tür>
6.
POLIZIST
Aufmachen! Sofort aufmachen! Gestapo!
<Tür wird zögerlich geöffnet>
POLIZIST
Wo ist Alfred Hausser?
MUTTER HAUSSER
Wie bitte? Wer sind Sie? Es ist mitten in der Nacht?
POLIZIST
Frau Hausser, nehme ich an. Machen Sie jetzt keine
Sperenzchen! Wo ist Ihr Sohn Alfred?
MUTTER HAUSSER
Alfred? Er...er ist nicht hier. Nur meine Schwester.
POLIZIST
Los, durchsuchen!
POLIZIST 2
Jawohl!
<mehrere Menschen dringen ins Haus>
MUTTER HAUSSER
Einen Augenblick!
POLIZIST
Ihr Sohn ist eine Gefahr für die öffentliche Ordnung. Und bei
Gefahr in Verzug, müssen wir handeln. <Papier raschelt> Hier
ist der Haftbefehl!
POLIZIST 2
Er ist wirklich nicht hier, wir haben alles durchsucht. Wir
haben diese Notizbücher von ihm gefunden und diese
Schreibmaschine.
POLIZIST
Einpacken, mitnehmen! Und wenn sich Ihr Sohn meldet, dann
melden Sie sich bei uns, verstanden?
MUTTER HAUSSER
Ich..ich verstehe nicht...
POLIZIST
Sie haben mich genau verstanden. Auf Wiedersehen! Heil
Hitler!
<Die Polizisten gehen ab>
7.
HOST
Jetzt wird es also richtig eng für Alfred. Anti-Faschisten
und vor allem aktive KPD-Funktionsträger waren die Feinde des
Systems und sollten deswegen dingfest gemacht werden. Da
Alfred durch einen Brief seiner Mutter von der
Hausdurchsuchung erfahren hat, war ihm klar, dass er erstmal
nicht nach Stuttgart würde zurück gehen können. Da war es zu
gefährlich für ihn.
ALFRED HAUSSER (JUNG)
Diese Nazis sind unser Untergang! Alles zerstören sie, alles
machen sie kaputt! Ich habe immer gegen sie gehalten und ich
das werde ich jetzt sicher nicht unterlassen! Der Widerstand
braucht mich mehr denn je! Wenn ich nach Deutschland
zurückkehre, dann um diesem Nazipack das Handwerk zu legen!
HOST
Und er bekam Hilfe: Von in Holland lebenden, politischen
Emigranten wurde er an eine Familie nach Oberhausen
vermittelt. Die Familie war gut vernetzt und brachte Alfred
mit lokalen, antifaschistischen Gruppen zusammen. Er war
wieder in Deutschland. Er war bereit für den Kampf. Aber er
musste dafür auch einige Opfer bringen.
RICHARD TITZE
Hallo, willkommen in unserer Gruppe. Unsere Genossen bürgen
für dich, daher wollen wir dir erstmal vertrauen. Wie heißt
du?
ALFRED HAUSSER (JUNG)
Alf...äh, Helmut. Einfach Helmut.
RICHARD TITZE
Gut, Helmut. Ich bin Richard. Ist dir bewusst, dass du dich
hier auf eine gefährliche Sache einlässt?
ALFRED HAUSSER (JUNG)
<lacht kurz auf>Hah, ob mir...? Entschuldige. Ich wollte
nicht unhöflich sein. Ich komme nicht von hier, ich hab einen
langen Weg hinter mir. Ich werde gesucht, kann es mir nicht
leisten, Spuren zu hinterlassen. Ich hab keinen Ausweis mehr.
Zu gefährlich. Hab ich weggeschmissen. Aber deswegen hab ich
auch keine Bleibe, weil man ohne Ausweis keine kriegt. Was
besser ist, weil mich dann die Polizei nicht findet. Aber
wenn die mich kontrollieren sollten - dann hab ich ein
Problem. Deswegen muss ich ständig auf der Hut sein.
RICHARD TITZE
Wie verdienst du denn dann Geld?
ALFRED HAUSSER (JUNG)
Das wüsste ich auch gern. Ich hab seit Tagen nichts richtiges
gegessen.
8.
RICHARD TITZE
<überlegt kurz> Pass auf, du kommst heute Abend mit zu mir
nach Hause.
ALFRED HAUSSER (JUNG)
Das kann ich nicht...
RICHARD TITZE
Natürlich kannst du das. Wir Antifaschisten halten zusammen.
Pass auf: ich gehe vor und gucke immer, an jeder Ecke, ob die
Luft rein ist und rufe dich dann, indem ich so pfeife:
<pfeift Vogelartig>. Dann kommst du zur nächsten Ecke und so
machen wir das, bis wir bei mir zu Hause sind.
ALFRED HAUSSER (JUNG)
Aber, ich...
<Richard ist aber schon losgegangen und wir hören ihn in der
Ferne pfeiffen>
ALFRED HAUSSER (JUNG)
Na. Irgendwem muss ich ja trauen.
<Alfred geht los>
HOST
Und er tat gut daran: Richard, der tatsächlich so heißt,
versorgte ihn mit Essen und einem Schlafplatz für die Nacht.
Ausserdem konnte Alfred dort duschen und sich frisch machen.
Aber er konnte nicht bleiben. Um vor einer Verhaftung sicher
zu sein, versuchte er, nie zu lange am selben Fleck zu sein.
Daher wechselte er oft täglich seinen Aufenthaltsort und
pendelte zwischen mehreren Städten im Ruhrgebiet. Die Essener
Widerstandsgruppe, der er sich anschloss, organisierte für
ihn aber ein Gartenhäuschen am Stadtrand bei einem älteren
Ehepaar, in dem Alfred unterkommen konnte. Dort konnte er es
gut aushalten.
<Musik>
HOST
Alfred war sehr engagiert im Essener Widerstand, aber das
bedeutet nicht, dass er keine Sehnsucht nach bekannten
Gesichtern gehabt hätte. Und über seinen Vetter in Den Haag
schaffte er es, ein konspiratives Treffen zu organisieren. In
Hessen, in Oberursel am Taunus.
<Nachtgeräusche, jemand schleicht eine Treppe hoch, klopft
vorsichtig - nach einiger Zeit öffnet sich eine Tür>
HERRMANN
<leicht flüsternd> Du bist es?!? Komm rein! Schnell!
<Tür geht zu, wir sind im Haus>
(MORE)
9.
HERRMANN
Alfred! Du hast es wirklich geschafft! Das hätte ich ja nicht
für möglich gehalten. Komm erstmal rein. Hier, wir haben noch
etwas vom Abendessen übrig, falls du magst?
ALFRED HAUSSER (JUNG)
Das ist nett, danke. Aber am wichtigsten ist mir erstmal, sie
zu sehen.
MUTTER HAUSSER
<kommt angerannt> Alfred? Bist du das wirklich? Alfred?
ALFRED HAUSSER (JUNG)
Mutter! Mutter!
<sie fallen sich in die Arme>
ALFRED HAUSSER
Du hast mir so gefehlt, Mutter!
MUTTER HAUSSER
Ach Alfred, mein Alfred! <schluchzt> Wenn nur Vater das
miterleben könnte...!
HOST
In dem Haus seiner Tante, kommt es endlich zur
Wiedervereinigung von Mutter und Sohn. Nach circa zwei
Jahren, in denen sie sich nicht gesehen haben und kaum
Kontakt haben durften. Mutter und Sohn besprechen noch
wichtige Erbangelegenheiten. Alfred bleibt zwei Tage, in
denen er das Haus nicht verlässt. Dann verschwindet er
wieder, im Dunkeln. Zurück ins Ruhrgebiet. Aber da wird es
ihm auch zu heiß, da es eine größere Verhaftungswelle
innerhalb der dortigen Gruppe gab. Er schnappt sich also nur
seine Sachen und reist weiter: Nach Chemnitz.
<Zugeräsuche, verhallen>
CHEMNITZER
Willkommen in Chemnitz!
HOST
In Chemnitz schloss Alfred sich auch sofort wieder den
örtlichen Antifaschisten an. Aber in Chemnitz herrschte noch
weit größere Armut als im Ruhrgebiet. Konnten ihm im Pott
seine Mitstreiter noch gelegentlich Geld zustecken, bekam er
in Chemnitz vor allem hier und da mal eine Stulle
mitgebracht.
HOST (CONT’D)
10.
Aber es gab einen anderen Vorteil: Alfred bekam einen
sogenannten Erwerbslosenausweis von einem Obdachlosen, der
auch aus Süddeutschland stammte - somit war Alfreds
schwäbischer Akzent kein Problem mehr.Ausserdem Konnte er
sich damit endlich wieder ausweisen und Essen in der
Armenküche bekommen oder ein Zimmer mieten und er fand sogar
eines in Chemnitz, bei einer Wirtin, der wohl egal war, wer
bei ihr wohnte - Hauptsache sie zahlen. Das Geld kratzte er
immer irgendwie zusammen, oft halfen ihm Kameraden aus. Das
Problem war nur, dass er jetzt eine seiner goldenen Regeln
brach: Bleib nie zu lang am selben Fleck.
<Viele Schritte im Schnee, Geflüster>
GESTAPO MANN
<mit Flüstertüte> Hausser! Kommen Sie mit erhobenen Händen
raus! Das Haus ist umstellt! Hier spricht die Polizei
Chemnitz! Kommen Sie raus! Sie haben 30 Sekunden!
ALFRED HAUSSER (JUNG)
<zu sich> Ach verdammt, ich bin unvorsichtig geworden. Das
musste ja passieren. <laut> Ich komme! Keine Sorge, ich
komme!
<Eine Tür öffnet sich, Alfred schreitet vorsichtig raus>
GESTAPO MANN
Festnehmen!
<Handschellen klicken>
GESTAPO MANN
Wir beobachten Sie schon lang, Hausser.
ALFRED HAUSSER (JUNG)
Wenn ich nicht so unvorsichtig gewesen wäre, dann-
GESTAPO MANN
Abführen! Ich höre mir doch hier keine Ammenmärchen an!
HOST
Und was dann begann, war eine Gefangenschafts-Odyssee
sondergleichen:
ALFRED HAUSSER
Erst einmal verbrachte ich 20 Monate in Untersuchungshaft. In
15 verschiedenen Gefängnissen!
<Knastabschliessgeräusch>
ALFRED HAUSSER
Dann kam ich nach Berlin, vor den Volksgerichtshof. Im Juli
36.
(MORE)
11.
HOST
Der “Volksgerichtshof” war ein von den Nazis eingerichtetes
Gericht, in dem nur schnell verurteilt wurde, ohne lange
Verfahren, mit Umgehung der unabhängigen Justiz und unter
Missachtung jeglicher rechtsstaatlicher Grundsätze. Ein
Gericht für Schauprozesse, ohne rechtliche
Nachvollziehbarkeit, das harte Strafen gegen politische
Gegner verhängte.
ALFRED HAUSSER
Dort wurde ich wegen “Vorbereitung eines hochverräterischen
Unternehmens” zu 15 Jahren Zuchthaus und zehn Jahren
Ehrverlust verurteilt.
<Knastabschliessgeräusch>
HOST
“Ehrverlust” bedeutete, dass man eine Art Bürger zweiter
Klasse wurde, gesellschaftlich geächtet. Ziel war die
"Vernichtung des ständischen und sozialen Daseins". Das
konnte sogar bis zum Verlust der Staatsbürgerschaft reichen.
Zuchthaus war bei diesem Urteil die härtestmögliche Strafe,
weil sie neben der Inhaftierung auch immer noch Zwangsarbeit
unter menschenunwürdigen Bedingungen beinhaltete. Um die
Sträflinge zu züchtigen.
ALFRED HAUSSER
Im September 1936 kam ich ins Zuchthaus Ludwigsburg. Dort war
ich bis Dezember 1943 inhaftiert. Davon sechs Jahre in
Einzelhaft. Völlig isoliert. Zum Teil mit Sprechverbot. Ich
hab keine Ahnung, wie ich das ausgehalten hab. Aber sie haben
mich nicht gebrochen. Wenn es mich auch körperlich kaputt
machte.
HOST
Man kann sich nur ansatzweise vorstellen, was ein
jahrelangens Sprechverbot mit einem macht. Da ein
Rüstungsbetrieb 1943 verlagert wurde, wurde auch das
Zuchthaus umquartiert. Nach Celle.
ALFRED HAUSSER
Eines Morgens war alles anders. Wir hörten es draussen
knattern. Zum zweiten Mal hatten die Alliierten Celle im
Visier. Das war Anfang April, 45. Deswegen haben die uns dann
nochmal verlegt, oder besser verschleppt, nach Wolfenbüttel,
bei Braunschweig. Aber das hat ihnen nichts mehr genützt. Am
10. April wurden wir von britischen Truppen befreit. Naja.
Fast. Die haben zwar übernommen, aber liessen uns noch nicht
gehen. Weil sie keine Unterlagen über uns gefunden haben -
die lagen alle noch in Celle. Mir ging es aber immer
schlechter - fast frei zu sein, ist ja schlimmer als
eingesperrt zu sein. Und weil sich mein Gesundheitszustand
nochmal radikal verschlechterte, wurde ich am 8. Mai
entlassen. Zu einer Familie im Nachbarort Schladen.
ALFRED HAUSSER (CONT’D)
(MORE)
12.
Die haben mich umsorgt und gepflegt, so dass ich Ende Juni
endlich den Heimweg antreten konnte. Zurück nach Stuttgart,
zurück in die Heimat.
<Musik>
HOST
Die Nazis waren nicht mehr an der Macht. Die Menschen
versuchten irgendwie wieder auf die Beine zu kommen. Und
Alfred kehrte zurück in eine Stadt, die er als Jugendlicher
verlassen hat - jetzt als körperlich lädierter, aber immer
noch stolzer Mann, Mitte Dreissig. Völlig fertig. Auch seine
Mutter lebt nicht mehr, sie verunglückte bereits 1943
tödlich. Zu diesem Zeitpunkt saß Alfred noch in Haft. Aber er
hat eine Perspektive: Die ehemalige Reichsbahn. Dort sollte
er Mitte Oktober 1945 anfangen.
ALFRED HAUSSER
<Wir hören eine Leiter umfallen und einen Schrei von Alfred,
weil er abstürzt> Ach Verdammt! Aua!
HOST
Anfang Oktober bricht sich Alfred beide Unterarme, als er bei
der Obsternte von einer Leiter stürzt. Den Job bei der Bahn
kann er vergessen. Und alles handwerkliche ebenso. Aber wenn
wir etwas gelernt haben, dann das:
<gleichzeitig mit Alfred sprechen>
Ein Alfred Hausser gibt nicht auf!
ALFRED HAUSSER
Ich hatte einen Redakteursposten beim Zukunft-Verlag in
Metzingen bekommen. Ich hab dort bei der Jugendzeitschrift
mitgearbeitet. Das war ganz nett. Aber nicht das, was ich
wollte. Hier konnte ich zwar auf die Jugend einwirken, aber
ja nur im begrenzten Maße. Ich wollte etwas anderes. Ich
wollte, dass dieses Land Verantwortung übernimmt.
Verantwortung für die letzten 15 Jahre. Verantwortung für all
das Leid. Und deswegen schloss ich mich der neu gegründeten
VVN an, der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes. Und
dort wurde ich Sachbearbeiter für Wiedergutmachungsfragen.
Können Sie sich das vorstellen? Ich ahnte nicht, dass meine
eigene Wiedergutmachung einer meiner schwersten Fälle werden
sollte...!
HOST
Das liegt vielleicht auch daran, dass das alles sehr
unübersichtlich wurde. Alfred stellt mehrere
Entschädigungsanträge: Haftentschädigung, Antrag auf Schaden
an Freiheit, Antrag auf Schaden an Gesundheit, Antrag auf
Schaden im beruflichen Fortkommen, Antrag auf
Vermögensschäden.
HOST (CONT’D)
13.
Doch das ist nicht alles: Dazu stellt er noch Anträge für
akute Zuschüsse, die er dann aber in einem Fall auch gar
nicht mehr annimmt. Wir entwirren das einmal:
<Schreibmaschinengetippe>
“Schaden an Freiheit”
Zu diesem Themenkomplex gibt es eigentlich zwei Anträge. Der
offensichtlichere ist der für die 124 Monate, die Alfred in
Haft sass. Der Antrag wird am 28.7.1949 auch bewilligt. Weil
der Fall ja auch klar ist. Eigentlich. Bis am 11.8.1953, also
vier Jahre später, dieser Brief an Alfred ging.
AMTSSTIMME
Zu unserem Bedauern sind wir gezwungen, den ihnen am
28.7.1949 erteilten Feststellungsbescheid, worin eine
Haftzeit von 124 Monaten mit einem Anspruch von 18.600 DM
anerkannt worden war, dahingenend abzuändern, dass nunmehr
nur eine Haftzeit von 123 Monaten mit einem Anspruch von
18.450 DM anerkannt wird. Begründung: Beim Ergehen des
Feststellungsbescheides konnte auf Grund der vorgelegten
Unterlagen angenommen werden, dass Sie sich bis 8.5.1945 in
Gewahrsam der nationalsozialistischen Behörden befunden
hatten. Eine im Zuge der vom Justizministerium angeordneten
Überprüfung der Feststellungsbescheide an die Strafanstalt
Wolfenbüttel gerichtete Anfrage ergab, dass diese Anstalt
bereits am 10.4.1945 von den Alliierten besetzt worden war.
Von einer gegen ihre Person gerichteten
nationalsozialistischen Gewaltmassnahme kann also nur bis zu
diesem Zeitpunkt gesprochen werden. Da sie bereits 18.600 DM
erhalten haben, müssen wir Sie bitten, den zuviel gezahlten
Beitrag von 150 DM auf das Konto der Oberjustizkasse
zurückzuüberweisen.
ALFRED HAUSSER
Diesen zusätzlichen Monat habe ich ja sehr wohl den Nazis zu
verdanken, da sie ja die Akten im Celler Gefängnis liegen
gelassen und somit meine schnelle Entlassung verhindert
haben!
HOST
In seiner Antwort schliesst Alfred mit folgendem Absatz:
ALFRED HAUSSER
Da ich dem Landesamt und mir Zeit und Arbeit sparen möchte,
erlaube ich mir die Anfrage, ob das Landesamt noch an seiner
Entscheidung festhält. Ich würde es begrüssen, wenn das
Landesamt nach den Darlegungen seinen bisherigen Standpunkt
ändern würde.
HOST
Es ist eine ausgestreckte Hand. Und das Landesamt reagiert.
(MORE)
14.
AMTSSTIMME
Ihr Schreiben gibt uns keine Veranlassung, von unserem
Standpunkt abzugehen. Wir verweisen insoweit auf unsere
Klageerwiderung. Es bleibt ihnen selbstverständlich
überlassen, ob sie das Klageverfahren durchführen wollen oder
nicht.
HOST
Rumms. Der hat gesessen. Alfred hat aber auch keine Lust mehr
auf diese Auseinansdersetzung, zieht die Klage zurück und
zahlt die 150 DM.
<Schreibmaschinengetippe>
“Schaden an Freiheit”
Schon wieder? Nein, dieses Mal geht es nicht um die Haft,
sondern um die Zeit, die Alfred im Untergrund leben musste,
als er im Ruhrpott und in Chemnitz unterwegs war.
ALFRED HAUSSER
Ja, das wäre ja ohne die Nazis auch alles nicht nötig
gewesen. Acht Monate reine Angst in der Illegalität, kein
fester Wohnsitz, Mangel an allen Enden, Hunger und keine
Möglichkeit, zum Arzt zu gehen. Ich hatte Zeugenaussagen, die
das bestätigten. Das Amt und ich haben uns auf einen
Vergleich geeinigt. War für mich in Ordnung.
HOST
<Schreibmaschinengeräusche>
“Schaden an Gesundheit”
Jetzt wirds nochmal sehr kleinteilig und kompliziert: Zur
Erklärung: Alfred beantragt hier eine Erwerbsminderungsrente,
da er durch die Folgen der langen Haft nicht mehr verdienen
konnte, was er sonst hätte verdienen können. Weil sie seine
Gesundheit so massiv eingeschränkt hat. Er reicht ärztliche
Gutachten ein und lässt alle notwendigen Untersuchungen über
sich ergehen. Für die Bewilligung einer solchen Rente muss
eine 30 prozentige Erwerbsminderung festgestellt werden.
ALFRED HAUSSER
Leider, leider beträgt die bei mir aber laut Gutachten nur 25
Prozent. Und das ist noch nicht alles. In der Ablehung meiner
Rente schreibt die Behörde:
AMTSSTIMME
In dem ausführlich begründeten vertraunensärztlichen
Gutachten wurde festgestellt, dass Sie an einer vegetativen
Labilität leiden.
AMTSSTIMME (CONT’D)
15.
Durch diese Gesundheitsschäden sind Sie auf dem allgemeinen
Arbeitsmarkt für eine mittelschwere körperliche Arbeit -
entsprechend Ihrem erlernten Beruf als Mechaniker - auf
vorläufig ein Jahr um 25 Prozent erwerbsgemindert. In Ihrem
derzeitig ausgeübten Beruf als Angestellter ist eine
Berufseinschränkung mit höchstens 20 Prozent anzunehmen.
ALFRED HAUSSER
Ja: Die wollen mir nichts zahlen, weil doch mein momentaner
Beruf körperlich nicht so anstrengend sei. Was ist das denn
für eine Argumentation?
HOST
Als Alfred noch Hilfe beantragt, um seinen Zahnersatz zu
zahlen, wird es noch abenteuerlicher. Da wird ein Zahnarzt zu
Rate gezogen, der den Zustand von Alfreds Zähnen zu deutschem
Kriegspech umdeutet. In seiner Analyse für das Landesamt für
Wiedergutmachung schreibt der Arzt Dr Ensinger:
DR ENSINGER
Der Zustand der Zähne ist so, wie wir ihn leider in den
letzten 10 Jahren in ganz Deutschland vorfinden. Der Krieg
mit seiner mangelhaften Ernährung, der Ausfall vieler an die
Front geholter Zahnärzte, die Unmöglichkeit, während der
Bombenangriffe die wenigen noch nicht ausgebombten Zahnärzte
aufzusuchen, haben die gleichen Schäden an den Zähnen
verursacht, wie sie Herr Hausser jetzt bei sich als
angebliche Folge seiner Inhaftierung feststellt.
ALFRED HAUSSER
“Angeblich”? Gehts noch?
HOST
Es geht noch weiter...!
DR ENSINGER
Die Möglichkeit besteht durchaus, dass Herr Hausser infolge
des Fehlens jeder Behandlungsmöglichkeit während seiner Haft
kariesanfälliger war, jedoch ist der Begriff “möglich” keine
Grundlage für einen Rechtsanspruch. Ich weise noch darauf
hin, dass es sich bei den in letzter Zeit extrahierten Zähnen
um solche handelt, die bei den meisten Menschen defekt oder
in Herrn Haussers Alter bereits gezogen sind.
ALFRED HAUSSER
Jetzt ist der Zahnarzt auch noch Rechtsgelehrter?
HOST
Ja, das wirkt nicht wie ein seriöses Gutachten, sondern eher
wie eines aus Gefälligkeit. So scharf wie es formuliert ist.
Alfreds Anträge zur Übernahme seines Zahnersatzes werden alle
abgelehnt. Der Zusammenhang zur Haft sei nicht klar.
<Schreibmaschinengeräusch>
16.
Haftentschädigung. Alfred schreibt eine Bitte ans Amt, der
auch stattgegeben wird. In seinem Brief steht:
ALFRED HAUSSER
Ich habe mich entschlossen, die mir noch zustehende 2. Rate
der Haftentschädigung dem sozialen Wohnungsbau als Darlehen
zur Verfügung zu stellen.
HOST
Er stellt einen Teil seiner Entschädigung dem Gemeinwohl zur
Verfügung? Das gibt es auch nicht oft. Aber das passt zu ihm
und seinen Überzeugungen. Hausser ist und bleibt eben durch
und durch Kommunist.
<Schreibmaschinengeräusch>
Zurück zur Erwerbsminderungsrente.
Alfred will den Kampf um die Rente nicht aufgeben. 1961 fällt
er in Ohnmacht. Die Ärzte diagnostizieren einen Herzkollaps
und Herzschwäche. Für Alfred klare Spätfolgen aus der Haft.
1963 reicht er einen weiteren Antrag dazu ein. Es geht noch
ein wenig hin und her. Und dann ist es so weit.
AMTSSTIMME
4. Dezember 1964. In der Entschädigungssache Alfred Hausser
gegen das Land Baden-Württemberg. Auf Antrag beider Parteien
wird die Rechtssache EGR 14673 aufgerufen. Sodann schließen
die Parteien den aus der Anlage ersichtlichen, ihnen aus
derselben vorgelesenen und von ihnen genehmigten Vergleich.
ALFRED HAUSSER
Wir haben uns in der Mitte getroffen. Also, fast. Es war ein
bisschen mehr auf meiner Seite. Jedenfalls: ich hab sie. Die
Erwerbsminderungsrente. Das Amt konnte nicht mehr richtig
dagegen argumentieren.
HOST
Es stimmt. Der lange Atem und die Hartnäckigkeit von Alfred
Hausser haben sich am Ende bezahlt gemacht. Die Frage, warum
das so zäh und schwer sein musste, stellt sich. Aber
vielleicht zählt am Ende auch einfach nur das Resultat.
Alfred Hausser starb am 12. August 2003 in Stuttgart. Der VVNBdA
Baden-Württemberg vergibt in seinem Namen alle zwei Jahre
den Alfred-Hausser-Preis, für besonderes Engagement gegen
Faschismus. Wie hat es Alfred Hausser so schön gesagt:
ALFRED HAUSSER
Nur wer sich aufgibt, ist verloren.
<Musik>
17.
HOST
Das wars an dieser Stelle von den Sprechenden Akten. Wenn es
euch gefallen hat, empfehlt uns gerne weiter. Bis zum
nächsten Mal.

Der 1912 in eine Stuttgarter Arbeiterfamilie geborene Alfred Hausser engagiert sich bereits als Jugendlicher im kommunistischen Widerstand gegen den Nationalsozialismus. Nach 1933 taucht er unter und schließt sich im Ruhrgebiet und in Sachsen der politischen Agitation junger Antifaschisten an. Hausser lebt über Monate illegal und in ärmsten Verhältnissen, bis er 1934 von der Gestapo aufgegriffen wird. Wegen „Vorbereitung zum Hochverrat“ wird er zu einer langjährigen Haftstrafe unter menschenunwürdigen Bedingungen verurteilt. Aber er wird nicht gebrochen, sondern möchte seinen Teil zu einem neuen Deutschland beitragen und beteiligt sich am Aufbau der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes (VVN). Sein eigener Kampf um Entschädigung wird dabei zum behördlichen Kleinkrieg um einzelne Haftmonate, in dem er seiner antifaschistischen Gesinnung jedoch stets treu bleibt. Kurz vor seinem Tod wird er mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet. Alfred Hausser stirbt 2003 in Stuttgart.

Staffel 1 - Folge 1: Fortdauernde Diskriminierung? Der lange Kampf der Martha B. um ihre Anerkennung als NS-Verfolgte

Titelbild Podcast "Sprechende Akten"
Buch: Nilz Bokelberg; Redaktion: Lisa Victoria Hertwig; Aufnahme, Sounddesign & Mischung: Michael Viol; Musik: Falk Andreas; Erzählerin: Ulrike Kapfer; In den weiteren Rollen: Elke Appelt, Sungur Bentürk, Anne Düe, Roman Kern, Stefan Lehnen, Christian Olah, Sebastian Pahl, Lisa Marie Sauerbrey, Bernhard Schütz, Sven Sommer | Landesarchiv Baden-Württemberg

SPRECHENDE AKTEN
Created by
Nilz Bokelberg
Episode 1: "MARTHA"
Audioplay by
Nilz Bokelberg
Sprechende Akten
Episode 1: Martha


HOST:
Nach dem zweiten Weltkrieg bot die noch junge Bundesrepublik
den Opfern und Verfolgten des Naziregimes so genannte
“Wiedergutmachungszahlungen”. Doch nicht nur der Begriff war
problematisch, auch der Prozess, eine solche Zahlung zu
erhalten, gestaltete sich häufig als äusserst schwierig. Denn
die Sachbearbeiter, die über die Zahlungen entschieden,
urteilten sehr unterschiedlich. Teilweise mit äusserster
Härte, manchmal voller Verständnis. Aber stets nach geltender
Gesetzeslage.
Das Landesarchiv Baden-Württemberg möchte diesen Teil
deutscher Historie mit diesem Podcast wieder sichtbar machen
und hat einige Entschädigungsakten ausgesucht, die nicht nur
zeigen, welche Geschichten sich hinter den bürokratischen
Verfahren verbergen, sondern auch, wie chaotisch die
Regelungen teilweise waren. Und wie ein Land versucht hat,
das Grauen aufzuarbeiten, dass es gerade erst begangen hat.
Geschichte wird wieder lebendig, durch “Sprechende Akten”.
<Titelmusik>
HOST:
Herzlich Willkommen zu den “Sprechenden Akten”. In dieser
Folge beschäftigen wir uns mit dem Schicksal von Martha
Blessing. Martha hat Zeit ihres Lebens darum gekämpft, dass
die seelischen und körperlichen Verletzungen, die die Nazis
ihr angetan haben, anerkannt wurden. Das gelang mal besser,
mal schlechter. Was aber bemerkenswert ist, ist der
Kampfgeist, den sie dabei entwickelt hat. All die
Schicksalsschläge in ihrem Leben, das irgendwie nie so
richtig unter einem guten Stern stand, hätten andere
vielleicht niemals so ausgehalten. Aber Martha schon. Sie war
keine Vorkämpferin, doch sie bot den Nazis die Stirn. Und
danach den Behörden. Sie stellte Antrag um Antrag. Und stiess
auf bemerkenswerte Mauern. Bemerkenswert deshalb, weil sie
eine Auschwitz-Überlebende war.
<Musik>
HOST:
Martha ist im Januar 1919 in Stuttgart geboren. Sie hat sechs
Geschwister. Nach der Schule fängt sie an, in einer Fabrik zu
arbeiten. Ob sie größere Träume hat, wissen wir nicht, aber
es lässt sich ein wenig erahnen. Wenn man sich zum Beispiel
ihre Beziehungen ansieht, zumindest die, von denen wir
wissen: Im Alter von 19 Jahren trifft sie Josef. Und der
arbeitet nicht mit ihr in der Fabrik, nein.
(MORE)(MORE)
 

2.
HOST: (CONT’HOST: (CONT’D)D)
Josef ist ein Abenteuer. Durch und durch.
Denn Josef arbeitet beim Zirkus.
<Zirkusatmo, Zirkusmusik im Hintergrund>
JOSEF:
Na, wo wollen wir denn lang, junge Frau?
JUNGE MARTHA:
Oh, Entschuldigung, ich wollte mich nur mal umsehen. Ich war
gerade in der Vorstellung und ich liebe den Zirkus.
JOSEF:
Ja, gut, aber hier hinten darf niemand rumlaufen. Haben sie
denn nicht die “Eintritt verboten” Schilder gesehen?
JUNGE MARTHA:
(Hat sie auf jeden Fall gesehen) Oh, die muss ich wohl
übersehen haben.
JOSEF:
(Ihm gefällt das) Verstehe. So eine sind sie.
JUNGE MARTHA:
(keck) Was für eine bin ich?
JOSEF:
Na, ich will noch mal ein Auge zudrücken. Ich heiße Josef.
Und sie?
JUNGE MARTHA:
Angenehm, Herr Josef. Ich bin Martha.
JOSEF:
Martha, hm? Das hat Klasse.
JUNGE MARTHA:
Natürlich. Hab ich ja auch.
JOSEF:
Soll ich dich mal rumführen?
JUNGE MARTHA:
Ich wusste nicht, dass wir schon beim “Du” sind. Aber ja,
sehr gerne! (Aufgeregt) Gehen wir auch zu den Elefanten?!?!
JOSEF:
Aber sicher! Und zu den Löwen!
JUNGE MARTHA:
Herrje! Ist das aufregend!
<Martha und Josef gehen ab, die Atmo bleibt aber noch stehen,
während schon wieder der Host spricht...>
 

3.
HOST:
So könnte es sich zugetragen haben, als der Zirkus in der
Stadt war und einem jungen Mädchen den Traum und den Duft der
großen weiten Welt bot. Und wie das so ist, wenn man jung,
vielleicht ein bisschen naiv und unaufgeklärt ist: Am 18.
März 1939 bringt Martha das Kind von Josef und ihr zur Welt.
<Babyschrei - der plötzlich verhallt>
HOST:
Aber da ist Josef mit seinem Zirkus schon über alle Berge.
Und auch Martha hat den Gedanken an den Vater ihres ersten
Kindes schnell hinter sich gelassen, denn sie hat schon
jemand neues kennengelernt. Kurt. Was solides. Kurt ist
nämlich Dreher von Beruf. Das ist das, was man heute
“Zerspanungsmechaniker” nennt. Ein hochkomplizierter Beruf,
bei dem man im Grunde genommen sehr präzise Einzelteile von
Hand herstellt. Oder fräst. Oder eben dreht. Solche Leute
werden doch immer gebraucht, oder? Das scheint ein Beruf und
ein Mann mit Zukunft. Wahrscheinlich lernt Martha ihn in der
Fabrik kennen. Und vielleicht sogar lieben?
<Eine alte Türklingel wird hektisch betätigt, zusätzlich wird
an einer Tür geklopft.>
KURT:
Martha! Martha?!?! Martha, bist du da? Martha, mach auf!
MARTHA:
(ruft) Die Tür ist offen, Kurt, komm einfach rein!
KURT:
“Die Tür ist offen”, na sowas.
<Er steigt eine knarrende Holztreppe hoch und kommt in eine
Küche in der Martha ihn schon freudig erwartet und mit Küssen
übersät>
MARTHA:
Da ist er!
KURT:
Na, nicht so stürmisch. Martha! Schon gut!
MARTHA:
Nichts da! Ich werd ja wohl meinen Schatz küssen dürfen!
KURT:
(ernst) Martha. Hör mal bitte auf. Ich muss dir was sagen.
MARTHA:
(aufgeregt) Das muss warten, Kurt. Ich habe dir nämlich
zuerst eine Bekanntgebung zu machen.

4.
KURT:
Ach?
MARTHA:
Jawohl. Denn, mein lieber Kurt Benzinger: Du wirst Papa!
KURT:
Nicht dein Ernst!
MARTHA:
Doch! Ist das nicht aufregend!
KURT:
Da muss ich mich erstmal hinsetzen. Puh.
MARTHA:
Ein kleines Geschwisterchen für mein anderes Kind. Und du
kannst es ja dann adoptieren, wenn wir verheiratet sind, dann
sind wir eine einzige, große Familie. Hach, Kurt, das wird so
schön!
KURT:
Ja, Martha, das ist aber diese Sache, wegen der ich mit dir
reden wollte.
MARTHA:
Ja, was ist das denn? Wie schlimm kann das schon sein, an
diesem Glückstag? Du wurdest nicht befördert? Oder nein,
warte, ich weiß, in der Kantine waren wieder die Kartoffeln
alle! Dieser verdammte Krieg. Nie kriegst du zu essen, was du
willst.
KURT:
Martha, jetzt hör mir doch endlich mal zu. Es sind nicht die
Kartoffeln, es ist etwas anderes. Ich...ich kann dich nicht
heiraten. Nein, das stimmt so nicht. Ich...ich darf dich
nicht heiraten. Es ist verboten.
MARTHA:
Verboten? Es ist verboten mich zu heiraten? Was redest du
denn da? (lacht ungläubig)
KURT:
Nicht dich...ich war heute auf dem Amt und wollte alles
anmelden und da sagte man mir, ich dürfe dich nicht heiraten.
Weil ich arisch sei und du eben...nicht.
MARTHA:
Warte, Kurt, das kann nicht dein Ernst sein. Die haben
gesagt, du dürfest mich nicht heiraten, nur weil ich eine
<abrupter Schnitt auf den Host>
 

5.
HOST:
An dieser Stelle eine kleine Erklärung, zu dieser Episode
“Sprechende Akten”: Martha war zu einem Teil - laut den Akten
zu 25% - Sintiza. Das steht so aber in keiner einzigen der
Akten, die ab den 40ern über sie angelegt wurden. Da stand
immer das Z-Wort ausgeschrieben. Wir haben uns entschieden,
das in diesem Podcast nicht zu nennen. Es ist ein
diskriminierender, rassistischer, verletzender und mitunter
retraumatisierender Begriff. Und es ist nicht nötig, ihn
auszusprechen. Der Ersatz-Begriff “Z-Wort” macht auch
deutlich, um was es geht. Kurz gesagt: Wann immer wir in
diesem Podcast “Z-Wort” sagen, stand entsprechender Begriff
ausgeschrieben in den original Schriftsätzen. Und damit
zurück zu Martha.
<Bandmaschine läuft wieder an und wir kehren zur Atmo von vor
dem Break zurück>
MARTHA:
Z-Wort bin? Das darf doch nicht wahr sein! Kurt! Was machen
wir denn da?
KURT:
Ich habe keine Ahnung, Martha. Ich hab mir das auch anders
vorgestellt. Diese Nazis haben alles im Griff.
MARTHA:
Aber Kurt. Ach, mein Kurt. Ich dachte, jetzt würde alles
besser werden.
KURT:
Das wird es, Martha, ganz bestimmt. (aufmunternd) Leben wir
eben in wilder Ehe!
<Atmo geht langsam weg>
HOST:
Das sagte sich vielleicht so leicht. Aber das war es ganz und
gar nicht. Und auch Kurt verliess Martha und sie war jetzt
alleinerziehend. Mit zwei Kindern. Irene hieß die Tochter,
die Kurt ihr hinterlassen hat. Heutzutage hat man es als
Alleinerziehende ja schon schwer genug, aber damals war das
eine kaum zu bewältigende Belastung. Das Umfeld, die
Nachbarn, der Staat - einfach alle hatten wenig bis kein
Verständnis dafür, dass eine Frau ihr Kind alleine groß
ziehen muss oder will. Und bei zwei Kindern von zwei
unterschiedlichen Vätern, war der vermeintliche Makel ja
sogar doppelt so groß. Martha musste sich jetzt irgendwie da
durch boxen. Und konnte nicht ahnen, wie es sie aus dem Leben
reissen würde.
<Musik>
 

6.
HOST:
1941, die kleine Irene war schon ein halbes Jahr alt, machte
Martha alles, was sein musste, um über die Runden zu kommen.
Sie hatte keine richtige Berufsausbildung und hielt sich
deswegen mit verschiedenen Jobs über Wasser. Sie arbeitete in
einer Weberei, sie kellnerte und dann kam er wieder, der
Traum der großen weiten Welt. Und sie kam ihm näher als
zuvor. Und zwar im Zirkus Schulte.
Der Zirkus Schulte war damals in Stuttgart ansässig, nach
mehreren Irrungen und Wirrungen. Aber auch zu Kriegszeiten,
war das kein ganz einfaches Geschäft. Deswegen beschloss der
Inhaber, Paul Schulte, im November 1942 mit seinem Zirkus
Stuttgart zu verlassen. Und sich auf den Weg Richtung
Lothringen zu machen. Just in dieser Zeit stiess Martha dazu.
Das war natürlich einerseits gut: Sie kam mal raus aus
Stuttgart, im dem sie sich als Sintiza mehr und mehr
gegängelt fühlte, sie war im Zirkus, das Abenteuer stand
förmlich bereit. Aber: Sie musste eines ihrer Kinder zu Hause
bei der Familie lassen. Alleinerziehend mit einem Zirkus auf
Tournee gehen und zwei Kinder dabei haben - unmöglich!
Pragmatisch entschied sie sich, Irene, die jüngere,
mitzunehmen. Sie war noch so jung, sie bräuchte noch etwas
mehr Mutterliebe und Aufmerksamkeit. Und so startete Martha
mit ihrer Irene die große Reise nach Metz, zusammen mit dem
Zirkus Schulte. Wow. Um mal einen Eindruck zu bekommen, was
in so einem Zirkus damals los war, haben wir hier mal das
original Programm des Raubtierzirkus Schulte von 1943:
<Zirkusmusik, aufgeregte Zirkusdirektorstimme>
ZIRKUSDIREKTOR
1.-3. Musik. 4. Universalkünstler Tom Perry in seinem Papier-
Reißakt. 5. Zauberei zwischen große und klein. 6. Der
Liliputclown in seinem Balanceakt. 7. Die rotierende
Todesscheibe Tom Perry und Partner. 8. Entree. 9. Fred Zeno -
Akrobatische Kraftbalance. Pause. 10. Musik. 11. Dompteur
Schipfmann (Löwen). 12. Entree. 13. Der König der Ausbrecher -
Entfesselungsakt in der Zirkuskuppel. 14. Drahtseil (Geschw.
Schulte). 15. Flucht aus der Todeszelle (Tom Perry). 16.
Schlußmarsch.
HOST:
Da war noch richtig was los, da bekam man noch was geboten.
Auch auffällig, wie dramatisch im Zirkus alles war. Die
Todesscheibe, die Kraftbalance, der Ausbrecher, die
Todeszelle. Drama, Baby!
Diese Welt fand Martha bestimmt sehr aufregend. Die echte
Welt ausserhalb des Zirkuszelts war weit weniger schön: Metz,
der Ort in Lothringen, in dem sie mit dem Zirkus gelandet
ist, war komplett in deutscher Hand und quasi dem großen
deutschen Reich schon angeschlossen. Wehrmachtsoldaten
überall. Aber das liess sich noch einigermassen ausblenden.
 

7.
Meistens. Martha ging, bis zu einem blöden Unfall, bei dem
sie sich den Arm gebrochen hatte, als Bedienung arbeiten.
Ihre kleine Irene ging in Metz zum Kindergarten. Bis zum März
1943. Dem 18. März 1943, um genau zu sein. Das
Reichssicherheitshauptamt beschloss sogenannte Konzentrations-
Aktionen, was nichts anderes bedeutete, als diejenigen
festzunehmen und wegzuschaffen, die der Nationalsozialismus
beseitigen wollte. Das waren Juden, klar, aber eben auch
Sinti und Roma. Und so geriet auch Martha als sogenannter Z-
Wort-Mischling ins Visier der Nazis. An jenem 18. März also
standen sie dann vor ihrem Wohnwagen und nahmen sie mit. Und
die kleine Irene auch. Martha kam noch in Metz ins Gefängnis.
<Musik>
HOST:
Was Martha und Irene dann passierte, hat Martha einmal
aufgeschrieben, als sie Entschädigung beantragte. Dieser
Bericht findet sich auch in den Akten. Hören wir also die
gesamte Geschichte ihrer Verhaftung aus ihrer eigenen Feder.
Hier ist Marthas Beschreibung.
MARTHA:
Ich, die Erschienene, bin als uneheliches Kind der Theresia
Winter, später verehelichte Kurz, am 6.1.1919 in Stuttgart
geboren worden. Durch die Rassengesetzgebung des dritten
Reiches bin ich als Z-Wort-Mischling eingestuft worden, was
für mich die Verschickung in das Konzentrationslager
Auschwitz im März 1943 zur Folge hatte. Meine Tochter musste
ich bei der Verschickung mitnehmen, was durch das Zeugnis
meines Stiefvaters, Gottlieb Johann Kurz, Feinmechaniker,
Stuttgart-Zuffenhausen, nachgewiesen werden kann. Bei meiner
Verschickung auf dem Stuttgarter Hauptbahnhof war ausserdem
mein Schwager, Willi Schaal, Stuttgart-Steinhaldenfeld, der
als Soldat gerade Urlaub hatte, anwesend.
Die Verschickung von mir und meinem Kind dauerte mit der Bahn
ca. 6 Wochen, das bei mir im Konzentrationslager Auschwitz
noch 3 Monate bleiben konnte. Danach kam das Kind in den
Krankenbau und wurde von mir isoliert. Da keiner der
Häftlinge Zutritt zum Krankenhaus hatte, kann ich über das
fernere Verbleiben meines Kindes keine Angaben machen. Ich
nehme aber an, dass mein Kind dort umgekommen ist oder
umgebracht wurde. Im Laufe des Jahres 1943 wurde ich nämlich
von einem mir unbekannten Häftling - wahrscheinlich nicht
deutscher Staatsangehörigkeit - als ich mich in der Nähe des
Krankenbaus aufhielt, nachdem ich mich bei ihm erkundigt
hatte, aufmerksam gemacht, dass mein Kind in den dortigen
Büchern nicht mehr geführt werde.
(Wir Häftlinge hatten zu dieser Zeit keinen Namen mehr und
wurden lediglich als Nummern geführt. Die Nummer meines
Kindes war Z 7810 und war im Krankenhaus nicht mehr
aufgeführt.
 

8.
Die Nummer meines Kindes weiß ich deshalb noch, weil ich
heute noch die Nummer Z 7809 auf meinem linken Unterarm
eintätowiert bekam)
Als wahrscheinlichsten Zeitpunkt des Todes meines Kindes
würde ich deshalb den 31.12.1943, 24 Uhr, annehmen, obwohl
ich natürlich über das wirkliche Ableben keinerlei genaue
Angaben machen kann.
HOST:
Nach Auschwitz wurde Martha erst ins Konzentrationslager
Ravensbrück verlegt, weil sie in Quarantäne musste und von
dort ins KZ Buchenwald. Sie wurde überall als Arbeitskraft
eingesetzt. In Buchenwald in den sogenannten Aussenkommandos.
Als sie im Aussenkommando in Taucha eingesetzt war und die
russischen Truppen gefährlich nahe kamen, versuchten die
Nazis sich mit ihren Gefangenen in Richtung Osten abzusetzen.
Bei diesem Umzug gelang Martha die unbemerkte Flucht. Sie hat
es über Umwege nach Grossenhain im heutigen Sachsen
geschafft, wo sie erstmal ein Jahr lang blieb, bevor sie
endlich wieder nach Stuttgart, in ihre Heimat, zurückkehrte.
Oder besser gesagt: Zurück kehren konnte. Schmerzhaft
vermisst von ihrer Familie. Wie zumindest eun Brief nahelegt,
den sie in der Zeit in Grossenhain von ihrer Familie aus
Stuttgart bekommen hat:
FAMILIENMITGLIED:
(wir hören auch Briefschreibgeräusche)
Liebe Martha! Wir haben deinen Brief erhalten. Vater sagt, er
hätte dir schon oft geschrieben. Liebe Martha, Mutter ist
schwer krank, komme sofort. Auch deine Tochter fragt nach
dir, warum du nicht kommst. Ich kann es nicht verstehen, so
lange wegbleiben von zu Hause. Sag mal, langt dir das nicht,
dass du 2 ½ Jahre im Lager warst? Sehnt es dich nicht nach
deinen Eltern und Geschwistern? Also geb gleich Antwort,
damit wir mal Bescheid wissen, also Mama sagt, du sollst
gleich kommen. Es grüßt dich herzlich, deine Eltern und
Geschwister.
HOST:
Schon erstaunlich vorwurfsvoll an jemanden, die gerade
mehrere Konzentrationslager überlebt hat. Aber so war die
Zeit. Zu dem Zeitpunkt, so kurz nach dem Krieg, wusste man
vielleicht auch noch nicht um die ganze Dimension des
Terrors, der dort stattgefunden hat. Wie dem auch sei, Martha
hörte auf den Ruf ihrer Familie. Ab Mitte Mai, 1946, wohnte
sie dann wieder in Stuttgart-Zuffenhausen.
<Musik>
HOST:
Was diese Frau zu diesem Zeitpunkt schon aushalten musste,
ist enorm.
(MORE)(MORE)
 

9.
HOST: (CONT’HOST: (CONT’D)D)
Sie hat die organisierte Massenvernichtung von Menschenleben
nicht nur gesehen, sondern auch am eigenen Leibe erfahren.
Ihr Kind, dass für die Nazis nicht zu gebrauchen war, musste
noch vor Ort sterben. Und trotzdem gab sie nicht auf, schlug
sich durch und überlebte. Überlebte drei KZs, überlebte die
Nazi-Diktatur, überlebte die Flucht. Um am Ende wieder vor
der selben Frage zu stehen, vor der sie schon immer stand:
Welches Leben soll ich leben?
Die Nazizeit hat ihr viele Möglichkeiten genommen. Eine davon
korrigierte sie schon sehr bald nach ihrer Rückkehr: Sie
heiratete. Den Dachdecker und Isolierer Friedrich aus Trier.
Friedrich war fünf Jahre jünger als sie und evangelisch. Sie
haben in der Zeit ihrer Ehe keine gemeinsamen Kinder
bekommen. Friedrich starb 1968.
Mit der Rückkehr nach Stuttgart, mit dem Ende des Krieges,
mit Marthas neuem Leben begann ein ganz anderer Abschnitt für
sie: Martha und die Bürokratie.
<Hier vielleicht so eine Art Barber Shop Jingle in dem nur
gesungen wird “Martha und die Bürokratie”>
HOST:
Wenn wir etwas schon verstanden haben, dann, dass Martha eine
Glücksritterin war. Immer auf der Suche nach ihrem Platz im
Leben. Das konnten auch sie Nazis nicht aus ihr rausholen.
Aber wenn so ein Freigeist auf Bürokratie trifft, ist
natürlich Stress, Chaos und sogar ein bisschen Ärger
vorprogrammiert.
Martha beantragte ab 1947 Haftentschädigung. Und Beihilfen
zur Lebensführung. Und Wiedergutmachung, auch für ihre im KZ
vermutlich ermordete Tochter Irene.
Und sie bekam viel bewährt. Gleich zu Beginn, als
Haftentschädigung, 5400 DM. Aber dieses Geld gab es immer nur
in Teilzahlungen und das reichte nicht für Martha. Sie
stellte Antrag um Antrag. Mal, weil sie ihr neues
Schlafzimmer einrichten musste, mal, weil finanzielle Not
war. Oder, wie hier, 1950, als sie vermutlich das Geschäft
ihres Lebens witterte, wie man aus ihrem Antrag lesen kann:
MARTHA:
Eilt sehr! Mit Hilfe meiner erhaltenen Haftentschädigung bin
ich im Begriff, mir eine Existenzgrundlage zu schaffen. Und
zwar habe ich mir einen Wohnwagen und eine
Kinderschiffschaukel durch Vertrag gesichert. Beides aber
konnte ich nur anzahlen. Aus beiliegendem Kaufvertrag für den
Wohnwagen können Sie ersehen, dass ich am 01. Juni eine
weitere Rate für den Wagen bezahlen muss, andernfalls mir der
Wagen wieder verloren geht, und das angezahlte Geld
ebenfalls. Begreifen Sie bitte, dass das für mich keine
kleinen Sorgen sind.
(MORE)(MORE)
 

10.
MARTHA: (CONT’MARTHA: (CONT’D)D)
Ich bitte Sie, dieses Schreiben nicht achtlos “zu den Akten”
zu legen, sondern sich einmal in meine Lage zu versetzen. Ich
will das Geld nicht etwas “verdummen”, sondern ich will damit
arbeiten damit ich von niemand mehr abhängig bin. Ich will
endlich einmal nicht mehr gejagt sein, sondern will arbeiten
und meinen Pflichten überall nachkommen können.
HOST
Das Geschäft taucht in den nachfolgenden Akten nicht mehr
auf, man muss also davon ausgehen, dass es nicht funktioniert
hat. Vielleicht wurde sie auch von dem Verkäufer übers Ohr
gehauen, wer weiß. Ein Halbes Jahr später stellte sie erneut
einen Antrag. Sehr dringlich. Diesmal auf Beihilfe zur
Winterkleidung. Man merkt ihren Anträgen an, dass sie die
bürokratischen Regeln und Abläufe nicht kennt oder nicht
sieht und deswegen auch nicht so verinnerlicht hat. Zum
Beispiel einmal, 1951, schreib sie folgendes:
MARTHA:
Die wirtschaftlichen Verhältnisse meines Mannes
verschlechtern sich von Monat zu Monat. Nun ist ihm die
Möglichkeit geboten worden, nach Kanada auszuwandern. Dort
hat er auch gute berufliche Fortkommensmöglichkeiten. Nur
können wir das Geld zur Überfahrt nach dort nicht aufbringen.
Ich bitte Sie nun höflichst, mir aus der zweiten Hälfte
meiner Haftentschädigung als Vorauszahlung den Betrag von DM
300 gewähren zu wollen, um meinem Mann die Überfahrt nach
Kanada zu ermöglichen. Ich wäre Ihnen sehr zu Dank verbunden,
wenn Sie meinem Antrag bald entsprechen könnten, weil die
Abreise schon in etwa vier Wochen geschehen soll.
HOST:
Und das ist dann einer der Momente, wo auch die
Sachbearbeiter nicht mehr weiter wissen. Die Antwort an
Martha auf diese Anfrage lautete:
SACHBEARBEITER
Wiederholt haben wir Sie schon darauf hingewiesen, dass
solche Anträge bei der Dienststelle des Öffentlichen Anwaltes
einzureichen sind, da ohne dessen Stellungnahme eine
Bearbeitung nicht erfolgt. Im Übrigen fehlt es an dem
konkreten Nachweis, dass ihr Ehemann tatsächlich nach Kanada
auswandert, ob er hierzu die Genehmigung erhält oder ob es
nur bei der Absicht bleibt. Auch können wir die Bestimmungen
über die Auszahlung der 2. Rate Haftentschädigung nicht
dadurch umgehen, indem wir immer wieder mit mehr oder weniger
stichhaltiger Begründung Teilzahlungen bewilligen, bis der
gesamte Anspruch befriedigt ist.
HOST:
Da hört man schon eine gewisse Verzweiflung raus. Aber
immerhin geprägt von dem Wunsch, ihr doch irgendwie noch zu
helfen. Und ganz ehrlich: Das ist ja auch der richtige
Wunsch.
(MORE)(MORE)
 

11.
HOST: (CONT’HOST: (CONT’D)D)
Obwohl das jemand beim Landeskriminalamt 1952 ganz anderes
gesehen hat: Er hat versucht, Martha vor Gericht zu bringen.
<spannende Musik>
SACHBEARBEITER
Bei der Überprüfung der Haftzeit mußten dahingehend
Unstimmigkeiten festgestellt werden, dass die Blessing nicht
wie von ihr behauptet, im Jahr 1942 in Haft genommen und in
das Konzentrationslager Auschwitz eingeliefert wurde, sondern
erst im Jahre 1943. Es dürfte als bewiesen anzusehen sein,
dass es der Blessing gelungen ist, auf betrügerische Weise
für 1 Jahr nicht erlittene Inhaftierung
Wiedergutmachungsleistungen zu erhalten.
HOST:
Weiter wird noch aufgeführt, dass Martha vor ihrer Haft im KZ
zweimal polizeilich in Erscheinung trat. Einmal wegen
Diebstahl, für den sie Strafe zahlte und deswegen nicht ins
Gefängnis musste und dann weil sie mit einem Auto gefahren
ist, mit dem sie nicht hätte fahren dürfen.
Das ist natürlich ein Skandal. Martha soll bewusst betrogen
haben, um ihre angebliche Haftzeit ein Jahr zu verlängern.
Aber kann das wirklich sein? War sie wirklich so skrupellos?
Wenige Jahre später gibt Martha auf. Naja. Ein bisschen: Sie
bemerkt, dass sie an ihre Grenzen gekommen ist, was das
verhandeln und kommunizieren mit den Behörden betrifft und
sie sucht sich Hilfe, die sie findet bei der VVN, der
“Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes”. Die Vereinigung
hat selber turbulente Zeiten erlebt und sich immer wieder mit
Kommunismus-Vorwürfen auseinandersetzen müssen, aber im
Alltag haben sie vor allem praktische Arbeit geleistet und
ehemalige Gefangene dabei unterstützt, die
Entschädigungszahlungen zu bekommen, die ihnen zustanden. So
haben sie auch Martha unterstützt. Und in einem Schreiben
gleich mal dem Betrugsvorwurf den Wind aus den Segeln
genommen. Die VVN schrieb:
VVN
Der Antragstellerin wurde in Auschwitz ihr einziges Kind
gewaltsam weggenommen und in eine Barracke verbracht, von wo
es nicht mehr zurückkam. Durch diese Gewaltmaßnahme ging ihr
jedes Zeitmaß verloren, wodurch die von ihr genannte Haftzeit
von 36 Monaten zu erklären ist. Die Antragstellerin hat, wie
sie glaubhaft versichert, eine betrügerische Absicht
vollkommen ferngelegen. Ihre seinerzeitigen Angaben hat sie
im guten Glaube gemacht.
HOST:
Und damit war das Thema eines möglichen Betrugs auch erstmal
vom Tisch.
 

12.
<Musik>
HOST:
Die Akten geben auch die Möglichkeit, Marthas Weg
nachzuzeichnen. Nach verschiedenen Arbeitgebern, bei denen
sie vor allem in den Kantinen gearbeitet hat, ist sie Mitte
der Sechziger Jahre sogar selber Pächterin einer Gaststätte:
Der Burgstallklause in der Burgstallstraßen in Stuttgart
Heslach. Aber obwohl der Laden nicht schlecht läuft, verkauft
sie ihn nach zwei Jahren wieder, sogar mit Verlust. Ein
ärztliches Gutachten aus der Zeit legt nahe, dass es ihr
körperlich einfach nicht besonders gut gin:
ARZT
Gesundheitsstörungen bei Frau Blessing, was haben wir denn
da. Hmm. Also:
Prothetisch ausgeglichener Zahnverlust. Traumatische..mhh.
Gutartiges .... Chronische Entzün...mhh
Verschleißerscheinungen an der Wirbelsäule.
Dege...Veränderung an den Kniegelenken. Oste...der
Lendenwirbelsäule. Krampfadern mit Neigung zur.... Senk und
Spreiz.... X-Zehbildung. Vorübergehender und zeitlich
begrenzter Erschöpfungszustand.
HOST:
Mit so einer Liste von großen und kleinen Leiden jeden Tag in
der Gaststätte zu stehen, war sicher nicht angenehm. Und das
war nicht alles. Denn: Am 7.9.1968 starb Friedrich. Ihr
jüngerer Mann. Nur zwei Monate später verkaufte Martha die
Burgstallklause. Sie wurde dort wohl nicht mehr glücklich.
<Musik>
HOST:
Die Akte von Martha Blessing ist ein aussergewöhnliches Stück
Zeitgeschichte, weil auch Martha anscheinend eine
aussergewöhnliche Frau war, die nirgendwo so richtig
reinpassen wollte. Sie selbst schreib einmal, sie sei zu 25%
Sintiza. Als solche war sie für die Nazis eine Z-Wort und
wurde natürlich verfolgt. Dass sie nach dem Krieg immer noch
beweisen musste, deswegen verfolgt worden zu sein, muss eine
schmerzhafte Erfahrung gewesen sein. Dass die Polizei und die
Behörden verdächtigten, dass sie vor allem inhaftiert wurde,
wegen irgendwelcher Bagatellen, statt der ihr zugewiesenen Z-
Wort-Merkmale, wirkt zynisch. So wirkte es auch auf sie.
In einem der vielzähligen Schreiben, setzte sie sich schon
früh gegen diesen Verdacht zur Wehr. Und machte darauf
aufmerksam, dass man sich vielleicht nicht ausgerechnet die
Aktenlage der Nazis zu eigen machen sollte. Es ist ein
mutiges, ein starkes, ein wütendes Statement. Und da das hier
ihre Geschichte ist, soll sie auch das letzte Wort in dieser
Episode bekommen.
 

13.
MARTHA:
3 ½ Jahre habe ich als rassisch Verfolgte im KZ-Lager
Auschwitz verbringen müssen und es mutet wie ein schlechter
Scherz, wenn mir heute, nach Verkündung der
Entschädigungsgesetze, die spärlichen Rechte, die uns dort
zuerkannt werden, eine Wiedergutmachung streitig gemacht
wird, nur weil eine Nazi-Bürokratie zur Verhaftung einer Z-
Wort einen Vorwand konstruierte, der mir heute ins Wachs
gedrückt wird. Ich war uneheliche Mutter, jawohl. Ich war es
aber nur, weil mir seinerzeit eine Ehe verwehrt wurde. Im
Übrigen dürfte das Naserümpfen über eine uneheliche Mutter
der Vergangenheit angehören.
<Musik>
HOST:
Der letzte Brief in Sachen Martha ging an Reiner, ein Enkel
von ihr. Der Brief kam von der Wiedergutmachungsstelle. Kurz
nach Marthas Tod. Er lautete:
SACHBEARBEITERIN
Wir haben mit Bedauern von dem Sterbefall Kenntnis genommen
und sprechen Ihnen und allen Angehörigen hiermit unser
aufrichtiges Beileid aus. Nach den gesetzlichen Bestimmungen
ist der Anspruch auf die monatliche Rentenzahlung mit Ablauf
des Sterbemonats Juli 2007 erloschen. Wegen der im
gegenwärtigen Zeitpunkt noch überzahlten Rente für den Monat
August 2007 haben wir bei der Kreissparkasse Freudenstadt die
Rückvergütung veranlasst.
HOST:
Die 422€ wurden neun Tage später an das Amt zurück
überwiesen.
<Musik und Abspann>

Martha B., geboren am 6. Januar 1919 in Stuttgart, war im Sinne der NS-Rassenideologie zu einem Viertel Sintiza, gehörte also zur Minderheit der Sinti und Roma, die von den Nationalsozialisten schikaniert und verfolgt wurde. Sie und eine ihrer Töchter wurden im März 1943 in das Konzentrationslager Auschwitz deportiert. Martha B. überlebte die Haft in drei Konzentrationslagern mit bleibenden körperlichen Schäden. Ihre Tochter starb in Auschwitz.

Im Mai 1946 kehrte Martha B. wieder nach Stuttgart zurück und beantragte Wiedergutmachungsleistungen. Die Bearbeitung ihrer Anträge zog sich bis in die 1960er Jahre hin. Für Sinti und Roma war es auch wegen ihrer fortdauernden gesellschaftlichen Diskriminierung in der frühen Bundesrepublik besonders schwer, ihre Entschädigungsansprüche erfolgreich geltend zu machen. Martha B. verstarb 2007 im Alter von 88 Jahren.

Staffel 1 - Folge 2: Eine gestohlene Jugend. Der kommunistische Widerstandskämpfer Hans Gasparitsch

Titelbild Podcast "Sprechende Akten"
Buch: Nilz Bokelberg; Redaktion: Lisa Victoria Hertwig; Aufnahme, Sounddesign & Mischung: Michael Viol; Musik: Falk Andreas; Erzählerin: Ulrike Kapfer; In den weiteren Rollen: Elke Appelt, Gerald Blomeyer, Jennifer Günther, Nora Jokhosha, Arne Kapfer, Roman Kern, Bjoern Krass-Koenitz, Sebastian Pahl, Bernhard Schütz, Sven Sommer, Michael Viol | Landesarchiv Baden-Württemberg

Sprechende Akten
Episode 2: Hans Gasparitsch
HOST: Nach dem zweiten Weltkrieg bot die noch junge Bundesrepublikden Opfern und Verfolgten des Naziregimes so genannte“Wiedergutmachungszahlungen”. Doch nicht nur der Begriff warproblematisch, auch der Prozess, eine solche Zahlung zuerhalten, gestaltete sich häufig als äusserst schwierig. Denndie Sachbearbeiter, die über die Zahlungen entschieden,urteilten sehr unterschiedlich. Teilweise mit äusserster Härte, manchmal voller Verständnis. Aber stets nach geltenderGesetzeslage.
Das Landesarchiv Baden-Württemberg möchte diesen Teildeutscher Historie mit diesem Podcast wieder sichtbar machen und hat einige Entschädigungsakten ausgesucht, die nicht nurzeigen, welche Geschichten sich hinter den bürokratischenVerfahren verbergen, sondern auch, wie chaotisch dieRegelungen teilweise waren. Und wie ein Land versucht hat,das Grauen aufzuarbeiten, dass es gerade erst begangen hat.
Geschichte wird wieder lebendig, durch “Sprechende Akten”.
<Titelmusik>
HOST Hallo und herzlich willkommen zu den sprechenden Akten. Inunserer heutigen Folge geht es um das Schicksal von HansGasparitsch. Hans hat sich schon als Teenager im Widerstandgegen die Nazis engagiert. Das blieb zu Zeiten des drittenReichs aber nicht folgenlos: Hans verlor alles, jedesbisschen von dem wenigen Besitz, den er hatte. Am schlimmstenaber wog, was ihm die Zeit der Inhaftierung und derdrangsalierung wirklich gestohlen und vorenthalten hatte:Seine Jugend. Hans Kampfgeist aber haben sie nicht gebrochen.Das zeigte sich auch in der Zeit, nach der Nazi-Diktatur. WieHans um seine Entschädigung kämpfte und nicht müde wurde, dieWelt so gut es ging vor dem Faschismus zu warnen, davonerzählt diese Episode von “Sprechende Akten”.
<Musik>
HOST Am 30. März 1918 wird in Stuttgart Hans Gustav RobertGasparitsch geboren. Mitten ins letzte Jahr des erstenWeltkriegs. Sein Vater Johann arbeitet als Schuhmacher ineiner Schuhfabrik, seine Mutter Elisabeth ist Näherin. Hans ist und bleibt ihr einizges Kind. Sie leben im StadtteilOstheim. Das war ein klassischer Arbeiter-Stadtteil. (MORE) MORE)(MORE)
2.
HOST (CONT’HOST CONT’D)D) Und deswegen passten Hans Eltern dort auch perfekt hin: Siewaren erklärte Pazifisten und aktiv in der Arbeiterbewegung,wovon Hans vor allem deswegen profitierte, weil man sich daviel für die Jugend einfallen liess. So fuhr er mit den RotenFalken, der sozialistischen Jugendorganisation, zu Zeltlagernoder war aktiv im ASV, dem Arbeiter-Schwimm-Verein. Es war eine gute Zeit, so nach dem Krieg. Man fühlte zwar, dass mannoch nicht aus dem gröbsten raus war, aber man ahnte nochnichts von der herannahenden Schreckensherrschaft der Nazis. Hans Vater Johann ging dann sogar ein Wagnis ein und machtesich, nachdem er arbeitslos geworden war, als Schusterselbstständig. Mit einer kleinen Werkstatt in Ostheim. Daswar 1926. Hans ging gerade von der Volksschule auf dieRealschule. Das war ein bisschen was besseres. Vielleicht auch ein bisschen zu sehr “besser”. Im Hause Gasparitschkönnte es auf jeden Fall eines Abends zu folgendem Dialoggekommen sein.
<Tellergeklimper, ein Tisch wird gedeckt>
MUTTER So, die Suppe steht auf dem Tisch, kommt ihr essen?
<Hans und sein Vater Johann kommen mit an den Tisch. Johann hat eine alte, etwas verlebte Stimme, Hans ist noch ein Teenager>
HANS Ja! Ich hab einen Hunger, Mutter! Ich war den ganzen Tag mitden Anderen beim schwimmen. Stell dir vor, wir sind heute im Neckar geschwommen, immer von Ufer zu Ufer!
MUTTER Aber Hans, ist das nicht viel zu gefährlich?
HANS Ach, wenn man gut schwimmen kann, dann kann einem da auchnichts passieren. Aber der Franz hat erzählt, dass da letzteWoche einer ertrunken ist, weil er auf der halben Strecke einen Herzinfarkt bekommen hat.
MUTTER Also, das scheint mir doch sehr gefährlich zu sein. Johann.So sag doch auch mal was zu dem Jungen. Du bist so still.
VATER <abwesend> Was? Äh, ja, Hans, du gehst da bitte nicht mehtbaden. Hör auf deine Mutter.
HANS Was? Bitte, Vater, mir kann da doch nichts passieren. Ich habdoch beim ASV sogar schon kraulen gelernt. Damit schaffe iches über jede Strecke!
3.
MUTTER Hans, wir möchten nicht, dass du da noch einmal schwimmen gehst, verstanden? Ende der Diskussion.
HANS Mutter! Vater! Das könnt ihr mir nicht antun! Das ist der beste Ort zum schwimmen, den es in ganz Stuttgart gibt!Bitte! Lasst mich weiter da baden gehen...
VATER <platzt der Kragen, er schlägt auf den Tisch> Jetzt ist abergut! Ruhe!
MUTTER <erschrocken> Johann?
HANS <auch erschrocken> Vater?
VATER <von sich selbst erschrocken> Verzeiht. Ich...es ist nicht leicht. Die Schusterei... Die Leute hier in Ostheim haben alle kein Geld, um sich neue Schuhe machen zu lassen. Und die paar Leute, die zum besohlen vorbei kommen...davon kriege ichvielleicht die Miete gezahlt und unser Essen. Hans.
HANS Ja, Vater?
VATER Es tut mir leid. Ich kann dir die Realschule nicht mehr zahlen. Du musst auf die Oberschule zurück. Das Geld reicht hinten und vorne nicht.
HANS Ja, Vater. Das verstehe ich.
VATER Du bist ein guter Junge. Geh ins Bett. Ich möchte mit deinerMutter alleine sein, um alles zu besprechen.
HANS Ja, Vater.
MUTTER Komm, ich bring dich auf dein Zimmer, Hans. <Im weggehen,leise zu Hans> Du hast genau richtig reagiert, ich bin stolzauf dich. Und wenn du mir versprichst, richtig aufzupassen,darfst du auch wieder im Neckar schwimmen gehen.
HANS Danke Mutter!
4.
MUTTER (gütig, fast ein bisschen lachend) Ich kenn dich doch, dashättest du doch eh gemacht. Jetzt schlaf schön. Gute Nacht.
HANS Gute Nacht, Mutter.
<Eine knarzende Tür schliesst sich>
HOST Die drei mochten sich und Johann hätte Hans sicherlich liebend gern den Besuch der Realschule ermöglicht, aber esgab einfach keine Chance. So machte Hans die Oberschulefertig und ging dann in die Lehre. Aber nicht in dieSchusterei seines Vaters. Er fand andere Sachen interessanter und vielleicht hat er auch gesehen, dass Schuster keinbesonders vielversprechender Job ist. Und so landet dergerade 14 Jahre alte Hans im Betrieb der Gebrüder Oehler inFeuerbach und startet eine Lehre als Schriftsetzer. Vier Jahre dauert die Ausbildung in der Buchdruckerei und siebeginnt am 1.Juli 1932. In dem Lehrvertrag steht unter demPunkt “Pflichten des Lehrlings” unter anderem dies:
<Papiergeraschel>
VERTRAGSSTIMME (Oberlehrerhafte, korrekte, etwas dröhnende Stimme)
Der Lehrling verpflichtet sich, alle Obliegenheiten, welcheihm der Lehrvertrag und das Lehrverhältnis auferlegen, zuerfüllen, sowie allen berechtigten Anforderungen, die derLehrherr oder sein Vertreter an ihn stellen, nachzukommen. Er unterwirft sich den Bestimmungen der für den Betrieb desLehrherrn geltenden Arbeitsordnung, soweit nicht durch diesenVertrag oder besondere Abmachungen etwas anderes vereinbartwird. Der Lehrling ist dem Lehrherren zu Folgsamkeit undTreue, zu Fleiß und anständigem Betragen verpflichtet. DerLehrling hat die ihm anvertrauten Arbeiten mit allem Fleißauszuführen und stets mit der größten Vorsicht undGewissenhaftigkeit auf Feuer und Licht zu achten.
<Papiergeraschel>
HOST So war das als Lehrling in den 30er Jahren. Heutzutage sindBetriebe ja schon froh, wenn jemand überhaupt noch eine Lehremacht. Und so hätte Hans Leben ganz in Ruhe verlaufen können:Er wäre Schriftsetzer geworden, hätte vielleicht irgendwanneine eigene, kleine Druckerei eröffnet, in der er vor allemdie Sachen gemacht hätte, die er mochte, denn Hans hatunheimlich gerne gelesen. Aber es kam alles ganz anders. Denndie Zeit machte Hans einen Strich durch die Rechnung.
<Unheilvolle Musik>
5.
HOST Am 30. Januar 1933 ernennt Reichspräsident Paul vonHindenburg in Berlin Adolf Hitler zum Reichskanzler. Damitist das Schicksal dieses Landes besiegelt. Nur zwei Tagespäter wird der Reichstag aufgelöst. Die Nazis übernehmen dieMacht und installieren eine Diktatur. Aber das ist die großePolitik im weit entfernten Berlin. Wie wirkt sich das auf Hans in Stuttgart aus? Nun: Hans ist mit den roten Falken unddem ASV, dem Arbeiter-Schwimm-Verein, in Organisationen, diesich klar gegen die Nazi-Herrschaft positionieren. Und dasmögen die Nationalsozialisten nicht. Der Schwimmverein wirdverboten, alles, was aus der Arbeiterbewegung kommt, wirdverboten. Alle sollen sich den Nazis anschliessen. Von jungbis alt. Für jeden gibt es eine Organisation. Aber Hans,mittlerweile 15 Jahre alt, will nicht. Und seine Freunde wollen auch nicht. Und deswegen gründen sie: Die Gruppe G.Wobei das G hier für Gemeinschaft steht. Die Jugendlichen inder Gruppe G geben sich Tarnnamen und treffen sichkonspirativ, um zu überlegen, was man gegen die Nazis tunkönnte. Im Dezember 1934 drucken sie Flugblätter undverteilen sie in der Stadt. Dabei wird aber ihr Anführer, Fritz Brütsch, von der Gestapo verhaftet.
Im März 1935 schleichen sich Hans und seine Freunde in den Stuttgarter Schlosspark. Sie haben rote Farbe dabei. Undgehen zu den bekannten Rossbändiger Statuen. Das sind zweiStatuen, die an der Platanenallee des Parks Spalier stehen.Zwei wilde Pferde und die Menschen, die sie versuchen zu zähmen. Genau das richtige Symbol für die Aktion der Gruppe
G: Sie tauchen die Pinsel in die rote Farbe und in großenLettern schreiben sie “Rot Front” auf den einen und “Hitler = Krieg” auf den anderen Denkmalssockel. Was für eine Aktion!Und vielleicht wäre sie auch gut gegangen. Wenn nicht...
<Wir hören drei Leute wegrennen und anhalten>
HANS Denen haben wir es gezeigt!
MARLENE Und sie sehen, dass es die Gruppe G noch gibt! Dann ist klar,dass Fritz nicht der Anführer sein kann!
HANS Ja, da werden diese Nazi-Schergen Augen machen! Hahaha!
MARLENE Vor allem hoffe ich, dass sie ihn jetzt laufen lassen!
PETER Das war spitze! Ich würd zu gern deren Gesichter sehen, wennsie das entdecken!
6.
HANS Eine super Idee.
MARLENE Ja, aber leider geht das ja nicht.
HANS Wer sagt das?
MARLENE Pah, ja klar, du spazierst da jetzt einfach hin zurück undguckst denen zu? Wie stellst du dir das vor, Hans?
HANS Genau so. Uns hat keiner gesehen! Die werden mich einfach füreinen Passanten halten.
PETER Ich weiß ja nicht, ich halte das für gefährlich, Hans.
MARLENE Ja, das ist total leichtsinnig! Hans!
HANS Mir wird schon nichts passieren. Ich erzähle euch dann, wiees war! Man sieht sich!
<Hans geht ab, Marlene und Peter seufzen>
<Gemurmel, fast ein bisschen empört>
POLIZIST Also gut, Herrschaften. Wer hat hier etwas gesehen? EinenVerdächtigen? Irgendwem muss doch etwas aufgefallen sein?Hier, die Farbe <er reibt über etwas>, die ist doch noch frisch! Da muss doch irgendwem etwas aufgefallen sein! Undwenn ich hier jede Person im Park einzeln verhöre!
<Hans schleicht sich an die Szenerie an>
POLIZIST So so. Sie wollen also alle nichts gesehen haben. Na, daskönnte ihnen allen so passen. Sie sind eine Schande für denFührer. Alle zusammen. Sie da, vortreten.
<jemand tritt vor>
POLIZIST Haben sie gesehen, was hier vorgefallen ist?
PASSANT Nein, Herr Hauptmann, ich bin eben erst von der Arbeit hiervorbei gekommen und wollte sehen, was hier passiert ist.
7.
POLIZIST Ist das so?
PASSANT Jawohl Herr Hauptmann.
POLIZIST Hmm. Na gut. Sie haben ja sogar noch ihren Henkelmann dabei.Sie dürfen wieder zurück in die Gruppe. Du da! Du, Junge,komm mal her!
HANS Ich?
POLIZIST Ja, ich hab doch auf dich gezeigt!
<Hans tritt vor>
POLIZIST Wo kommst du her?
HANS Ich war gerade auf dem Weg nach Hause. Ich hab heute etwaslänger gemacht, auf meiner Lehre, weil ich morgen einewichtige Prüfung hab.
POLIZIST Verstehe, wir haben hier einen ganz fleissigen...
HANS Jawohl, Herr Hauptmann.
POLIZIST Hmm. Na gut, du kannst auch zurück.
HANS Danke, Herr Hauptmann.
<Hans dreht sich um und geht einen Schritt als plötzlich>
POLIZIST Halt! Moment! Komm mal zurück, Junge!
HANS Ja, bitte?
POLIZIST Was haben wir denn hier?
HANS Was denn?
8.
POLIZIST Das ist doch...rote Farbe auf deinen Schuhen!
HANS Das? Nein, das muss ein Irrtum sein! Ich mache meine Lehre in der Druckerei, vielleicht ist da...
POLIZIST Da! Die Farbe verschmiert, wenn man drüber wischt, die ist noch frisch! Kollegen! Kommt mal her! Ich hab das Schwein! Dubist verhaftet, Junge!
HANS Was? Ich...Nein!
POLIZIST Nichts da, hiergeblieben! Haben wir dich, Freundchen! Welcheine Dreistigkeit, hier her zurück zu kommen, dukommunistischer Schmierfink! Das wird dir noch leid tun!
HANS NEIN! (Schrei verhallt)
HOST Hans Übermut kostete ihn die Freiheit. Und noch so viel mehr.
<Musik>
HOST Hans wurde verhaftet und in die Stuttgarter Zentrale derGestapo gebracht, das sogenannte “Hotel Silber”. Hier kam erin Untersuchunghshaft und wurde verhört, immer wiederverhört. Ein ganzes Jahr lang, bis zu seinem Prozess. SeinVater Johann bekam unterdessen Post vom Betrieb der Gebrüder Oehler, wo Hans seine Ausbildung gemacht hat. In dem Briefstand kurz und knapp, ohne Begrüssung:
VERTRAGSSTIMME Wir bitten sie, in den nächsten Tagen einmal bei unsvorsprechen zu wollen, damit wir ihnen die Papiere ihresSohnes aushändigen können. Der Lehrvertrag hat sich durch dasVergehen ihres Sohnes selbsttätig aufgelöst. Mit deutschemGruss. Gebr. Oehler.
HOST In einem Bericht, kurz nach Kriegsende, erinnerte sich HansVater ausserdem daran, wie die Gestapo vor seiner Tür standund versuchte, weitere Beweise zu finden und ihn unter Druck zu setzen:
VATER
9.
Gestapo-Beamter Keller hat mich am 28.10.1935 in meinerWohnung morgens zirka 8 Uhr verhaftet und hielt zugleich eineHaussuchung ab, wobei er sich sehr unverschämt benahm,beschlagnahmte verschiedene Bücher, Photos, mehrere Jahrgängeder Alpinen Zeitschrift-Naturfreunde, weitere Literatur dienicht verboten war.
In meiner Werkstätte Rotenbergstr. 106 warf er meineRechnungen und Geschäftskorrespondenz untereinander, machteihn aufmerksam, dass er sich als Beamter anständig verhaltensoll, da brüllte er mich an, ich hätte mein Maul zu halten, er mache was er will.
Im Hotel Silber angekommen, ließ er mich bis Abends wartentrotz meiner großen Magenschmerzen, brüllte mich an und eshätte nicht viel gefehlt, wäre er tätlich gegen michgeworden.
Trotz meiner Proteste, dass meine Sachen zu Unrecht beschlagnahmt wurden, sagte er, dass ob Recht oder Unrecht,die Sachen werden eingestampft.
Meine Freilassung bzw. die Entscheidung darüber entschied einObersekretär Schmid, der verständig war und den GernegroßKeller anschrie, er solle 3 Fragen mit mir besprechen unddann mich freilassen.
Keller hat es durchgesetzt, dass ich lange Zeit keineSprecherlaubnis mit meinem Sohn erhielt, auf meinewiederholten Vorstellungen, sagte er, dass er mich doch nochfestsetzen wird, wenn es ihm auch das erste Mal nicht gelang.
Meine Frau hat er den ersten Tag nach der Verhaftung meinesSohns Hans festgenommen und auch Haussuchung abgehalten.
Meiner Frau hat er wiederholt gesagt, Sie soll über michverschiedenes aussagen, was mich belasten würde.Selbstverständlich lehnte Sie dies ab.
Hatte mit Ihm öfters heftige Zusammenstöße, daher ließ ermich ständig bespitzeln, erkannte diese Subjekte jedes Malgleich, auch er selber nahm sich die Mühe mich persönlich zubeobachten, da er mich unbedingt festnehmen wünschte.
Hatte erst Ruhe vor Ihm als er abgesetzt wurde.
HOST Hans sollte also auf jeden Fall kriminalisiert werden, so gutes ging. Das war offensichtlich. Wegen eines Fotoalbums, dassdie Gestapo bei Hans fand, konnten sie die gesamte Gruppe Gidentifizieren und festnehmen. Hier sollte ein Exempelstatuiert werden, mit dem die aufmüpfigen Jugendlichenabgeschreckt werden sollten. Vom Widerstand. Am 25.(MORE) MORE)(MORE)
10.
HOST (CONT’HOST CONT’D)D)
März 1936, ein gutes Jahr nach seiner Verhaftung, wurde Hanszu zweieinhalb Jahren Gefängnis wegen Hochverrats verurteilt.Das Jahr in Untersuchungshaft wurde ihm angerechnet. Nacheineinhalb Jahren im Gefängnis in Ulm, war Hans Haftzeitvorbei. Eigentlich. Aber die Gestapo nahm ihn nach verbüssterHaftzeit gleich in “Schutzhaft”, da er aufgrund seinerpolitischen Gesinnung eine Gefahr für Deutschland darstellte,und brachte ihn übers Gestapogefängnis Welzheim ins KZDachau. Das muss man sich mal vorstellen: Dieser große,starke Nazi-Apparat und dann haben die Angst vor einem gerade19 Jahre alt gewordenen Jungen. Und sie liessen ihn nichtmehr gehen. 1938 hat offenbar Johann um die Freilassungseines Sohnes gebeten. Ohne Erfolg, wie man an einem Brief inden Akten erkennt:
<Papierrascheln>
VERTRAGSSTIMME Geheime Staatspolizei. Staatspolizeileitstelle Stuttgart.Stuttgart den 27. Mai 1938.Bezug: Ihr Schreiben vom 2.5.1938 an den Herrn Innenminister.
Ihr unter dem 2.5.38 an den Herrn Innenminister gerichtetesGesuch um Entlassung ihrehs Sohnes aus der Schutzhaft wurdemir zuständigkeitshalber zur Erledigung abgegeben. EineÜberprüfung der Schutzhaft ihres Sohnes fand Anfang desMonats statt mit dem Ergebnis, dass die Entlassung vorläufignoch abgelehnt wurde, weil der Zweck der Schutzhaft bei ihmnoch nicht erreicht ist. Der nächste Schutzhaftprüfungsterminwurde auf Ende August angesetzt. Vor Ablauf dieser Frist sindweitere Gesuche zwecklos, wohin sie auch gerichtet seinmögen, und werden nicht beantwortet.
<Papierrasscheln>
HOST Gerade der letzte Satz, gerade dieses “wohin sie auchgerichtet sein mögen”, das bedeutet ja so viel wie: Belästigeuns nicht weiter, wir wollen hier in Ruhe mit deinem Sohn machen, was wir wollen. Und das taten sie auch.
Hans leistet im KZ Zwangsarbeit im Straßenbau, in derSchreinerei, in der Schreibstube. Wo man ihn brauchen kann, wird er eingesetzt. Er kam von September 39 bis März 40 vonDachau ins KZ Flossenbürg, dann zurück ins KZ Dachau und vondort ins Konzentrationslager Buchenwald. Das war 1944. Alsdie Amerikanischen Truppen im Frühjahr 45 näher rückten,nahmen die SS-Wachmannschaften Reissaus und Hans und seine Kollegen aus dem Lagerwiderstand, übernahmen am 11. Aprildesselben Jahres die Kontrolle im KZ Buchenwald. Hans war seit über 10 Jahren in der Gefangenschaft der Nazis. Undjetzt endlich frei. Am 19. April leistete er mit den anderenÜberlebenden den sogenannten Schwur von Buchenwald. Derlautete so:
11.
HANS <jetzt als Erwachsener und wir hören noch mehrere andereStimmen dazu>
Kameraden! Wir Buchenwalder Antifaschisten sind heute angetretenzu Ehren der in Buchenwald und seinen Außenkommandos von der Nazi-Bestie und ihren Helfershelfern ermordeten 51 000 Gefangenen!
51 000 erschossen, gehenkt, zertrampelt, erschlagen, erstickt,ersäuft, verhungert, vergiftet, abgespritzt.
51 000 Väter-Brüder-Söhne starben einen qualvollen Tod, weil sieKämpfer gegen das faschistische Mordregime waren.
51 000 Mütter und Frauen und Hunderttausende Kinder klagen an!
Wir lebend Gebliebenen, wir Zeugen der nazistischen Bestialität,sahen in ohnmächtiger Wut unsere Kameraden fallen.
Wenn uns eins am Leben hielt, dann war es der Gedanke: Es kommt der Tag der Rache!
Heute sind wir frei!
Wir danken den verbündeten Armeen der Amerikaner, Engländer,Sowjets und allen Freiheitsarmeen, die uns und der gesamten Weltden Frieden und das Leben erkämpfen.
Wir gedenken an dieser Stelle des großen Freundes derAntifaschisten aller Länder, eines Organisatoren und Initiatorendes Kampfes um eine neue, demokratische, friedliche Welt, F. D.Roosevelt. Ehre seinem Andenken!
Wir Buchenwalder, Russen, Franzosen, Polen, Tschechen, Slowakenund Deutsche, Spanier, Italiener und Österreicher, Belgier undHolländer, Engländer, Luxemburger, Rumänen, Jugoslawen undUngarn, kämpften gemeinsam gegen die SS, gegen die nazistischenVerbrecher, für unsere eigene Befreiung.
Uns beseelte eine Idee: Unsere Sache ist gerecht – Der Sieg mußunser sein!
Wir führten in vielen Sprachen den gleichen harten,erbarmungslosen, opferreichen Kampf, und dieser Kampf ist nochnicht zu Ende. Noch wehen Hitlerfahnen! Noch leben die Mörder unserer Kameraden! Noch laufen unsere sadistischen Peiniger freiherum!
Wir schwören deshalb vor aller Welt auf diesem Appellplatz, andieser Stätte des faschistischen Grauens:
Wir stellen den Kampf erst ein, wenn auch der letzte Schuldigevor den Richtern der Völker steht!
12.
Die Vernichtung des Nazismus mit seinen Wurzeln ist unsereLosung. Der Aufbau einer neuen Welt des Friedens und derFreiheit ist unser Ziel.
Das sind wir unseren gemordeten Kameraden, ihren Angehörigenschuldig. Zum Zeichen Eurer Bereitschaft für diesen Kampf erhebtdie Hand zum Schwur und sprecht mir nach:
WIR SCHWÖREN!
HOST Endlich frei. Hans war endlich frei. Aber die Nazis haben ihm alles genommen, was er brauchte, um endlich in dieses Lebenstarten zu können: Seine Jugend, seine Ausbildung, seineWünsche und Träume. Hans musste sich das jetzt alles neuaufbauen. Falls das überhaupt möglich war. Kannte er dochseit zehn Jahren nur die Welt der Konzentrationslager. Wo erauch Freunde, Verbündete, Kameraden fand, aber keine Hoffnung. Keine Idee von der Welt. Diese neue Freiheit, diemusste jetzt erstmal verstanden werden.
<Musik>
HOST (CONT’D) Hans ging sofort zurück nach Stuttgart. Das war gut, denndadurch war er nicht nur an einem Ort, den er kannte: Er verliebte sich auch. 1946 heiratete er schon seine Lily. Siewürden für immer zusammen bleiben.
Gleichzeitig kümmerte sich Hans um seineEntschädigungszahlungen. Er schrieb an das Innenministerium,an die Abteilung für Wiedergutmachung und stellte einenAntrag auf Entschädigung, genauer: Haftentschädigung undsogenannter “Schaden im beruflichen Fortkommen”. Und dasbereits im Juli 1946, als es noch gar keine gesetzlicheRegelung für die Entschädigungspraxis in den Besatzungszonengab. Sehr detailliert beschrieb er in diesem ersten Antrag,welches Leid ihm widerfahren ist und warum er ein Recht auf Entschädigung hat. Hans hat es wie folgt formuliert:
<Papiergeraschel>
HANS Durch meine Verhaftung wurde meine Lehrzeit als Schriftsetzerunterbrochen. Ich bin daher heute ohne Beruf, was eine erschwerte Existenzgründung bedeutet. Meinen Beruf konnte ichim KZ weder auslernen noch überhaupt ausüben, so daß heuteein Wieder-Von-Vorne-Anfang so oder so notwendig ist.
HOST Und nachdem er schildert, dass der wenige Besitz, den er alsMinderjähriger bei seiner Verhaftung überhaupt hatte, von denNazis vernichtet wurde, schreibt er noch:
13.
HANS Was ein Mensch zur Lebenshaltung benötigt, Möbel, Kleider,Wohnung, Mittel zu einer Berufsausübung usw. muss ich jetztalles neu beschaffen, da ich ja bei meiner Entlassung nichtshatte, nicht einmal Geld. Es ist klar, dass ich diese Dinge,wäre ich in Freiheit gewesen, mir schon längst hättebeschaffen können und nur durch die Freiheitsberaubung daranverhindert wurde. Es ist also nur Schuld der Nationalsozialisten, wenn mir heute diese Dinge fehlen undbei der Beurteilung meiner erlittenen Schädigung ist dies mitzu beachten. Praktisch wurden mir diese Lebenshaltung-undExistenzmittel genau so gestohlen wie meine Jugend, die nichtersetzt werden kann.
HOST Und mit diesem Brief beantragte er den Höchstsatz anEntschädigung. Dass Hans Geschädigter war, war völligunstrittig und dass er Hilfe brauchte und zwar sofort, auch.Das Innenministerium bewilligte eine Soforthilfe von 800Mark, damit Hans sich überhaupt erstmal um die wichtigstenDinge kümmern konnte. Als er 1948 um eine Beihilfe für einAuto bat, zeigte der damalige Anwalt für Wiedergutmachung,Dr. Rosenthal, auch sofort vollstes Verständnis und befürwortete nachdrücklich das Geld. Diese sogenannten“öffentlichen Anwälte” wurden von den jeweiligen Stadt-undLandkreisen eingerichtet, damit auch die Opfer anwaltlicheHilfe bekamen, die sich vielleicht gar keinen Anwalt leistenkonnten, da sie in der Regel ohne Honorar arbeiteten. Überdie Vergabe der Gelder bestimmten aber die Bezirksstellen fürWiedergutmachung. Und in diesem Fall hatte dieLandesbeziksstelle die Aufgabe, Hans nach all dem Unrecht,das ihm geschehen war, wieder auf die Beine zu helfen. Er warmittlerweile auch Vater. Nur beruflich klappte es immer nochnicht so gut. Die Idee in München Journalismus zu studieren,scheiterte, weil der Kurs nicht mehr angeboten wurde. DieEntnazifizierungs-Abteilung in der er arbeitete, wurdeaufgelöst, weil sich die amerikanische Militärregierungzurückzog.
HANS Da muss ich aber jetzt schon mal intervenieren, an dieserStelle. Denn ich hätte mir sehr gewünscht, dass dieser Jobnicht so schnell endet. Ich, in der Entnazifizierungsbehörde!Können sie sich vorstellen, was das für eine Genugtuung war,ehemalige Täter und Unterstützer des Nazi-Regimes zuidentifizieren und ihrer gerechten Strafe zuzuführen? Nachall dem, was diese menschenverachtende Organisation mirangetan hat, war das wenigstens eine kleine Möglichkeit fürGerechtigkeit zu sorgen. Aber diese Stelle war eben leider andie amerikanische Militärregierung gebunden und die haben dasLand ja dahingehend wieder aufgebaut, dass es sich um sichselbst kümmern kann. Tja. Und da war er wieder weg, meinschöner Job.
14.
HOST Hans war ratlos. Was tun? Er hatte ja nicht mal einen höherenSchulabschluss oder eine abgeschlossene Ausbildung.
Da riet ihm ein Freund: Geh doch nach drüben! In Jena, in der damals sogenannten Ostzone, konnte Hans sein Abitur nachholenund dann in Leipzig sogar noch studieren. Publizistik. Und sotat er es dann auch. Aber kaum war er dort fertig, 1953, zoger sofort wieder zurück nach Stuttgart. Und jetzt wurdsrichtig verzwickt für Hans.
Dafür müssen wir ein bisschen in den Behördendschungel gehen:Hans bestand, natürlich, weiterhin auf seine Anträge aufEntschädigungszahlungen für Schäden an Freiheit, an Körperund Gesundheit und im wirtschaftlichen Fortkommen, nachdem er wieder zu Hause war. Er konnte aber aus rechtlichen Gründen die Wohnung in Stuttgart nicht halten, als er in Leipzigstudierte. Deswegen musste er sich in Stuttgart ab-und inLeipzig anmelden. Sonst hätte er dort nicht studieren dürfen.Als er dann wieder in der Heimat war und nach Entschädigungszahlungen fragte, sagte das Land Baden-Württemberg: “Tja, sie haben ja in der Ostzone gewohnt, damitsind wir nicht zuständig.” Hans hatte wirklich allesversucht, um seinen Umzug nach Leipzig so klar wie möglichnur zu einem begrenzten Aufenthalt zu markieren. Ervermietete seine Stuttgarter Wohnung nur unter, liess sogarAnfangs Möbel und Familie da. Aber egal, wie er es aucherklärte, die Behörden in Stuttgart blieben hart. Vielleichtein bisschen zu hart -Hans lief gegen Wände und es ist nichtgänzlich von der Hand zu weisen, dass die Behörden vielleichtein Exempel an Hans statuierten wollten. Er war Kommunist, erkam aus der Ostzone zurück, er hat nicht locker gelassen -sojemanden so abblitzen zu lassen, war auch ein politischesStatement.
Hans kam alleine nicht mehr weiter und schaltete jetzt den“Verband der Verfolgten des Naziregimes” ein, dessenStuttgarter Depandance er mit gegründet hatte. Dieser Vereinsetzte sich für ehemalige KZ-Häftlinge ein und half ihnen beiihren Wiedergutmachungs-Ansprüchen. Und was dann folgte, wareine Papierschlacht sondergleichen. Der VVN stellte in HansNamen Antrag um Antrag um Antrag und die Behörden lehnten ab,lehnten ab und lehnten ab.
<Soundcollage: Stimmen gehen langsam los, überlappen.Überlappen immer mehr. Bis nichts mehr zu erkennen ist>
15.
VVN AMT FÜR WIEDERGUTMACHUNG Antrag auf Entschädigung.Bescheid in der Entschädigungsgesuch HansEntschädigungssache des HansGasparitsch.Gasparitsch hat das LandesamtEntschädigungssache Hansfür die WiedergutmachungGasparitsch. Beantragen wirStuttgart Entschieden: Derfür den obigen VerfolgtenAntrag auf Entschädigung wirdgemäss § 118 Absatz 1 BEGzurückgewiesen. Entscheidung5000 Mark. Beantragen wirLandesgericht. Der Antrag5000 Mark Entschädigung. wird abgelehnt. Entscheidung
Oberlandesgericht. Die Klage
wird abgelehnt. Die Klage
wird abgewiesen.
<Dann plötzlich Stille>
HOST Es ist eine dicke Akte unter der vermutlich manche Tische zusammen brechen. Und sie zeigt Beharrlichkeit. Auf beidenSeiten. Jahrelang geht das so weiter. Klagen. Abgewiesen.Klagen. Abgewiesen. Aber wer hat mehr zu verlieren? Für wenist der Ausgang dieser Verfahren wichtiger? Für die Behördeoder für Hans? Der auch ausserhalb dieses Paragraphendschungels Standfestigkeit beweist: Er studiertnochmal. Architektur. Von 1960 bis 1967 als Fernstudium. Und er schafft es, arbeitet von da an als Bauingenieur. Hanserfindet sich neu. Holt nach, was kaum nachzuholen ist. Aber er schafft es und triumphiert so noch nachträglich über dieNazis und ihren Apparat. Auch nach all den Jahren.
Hans Gasparitsch hat verschiedene Entschädigungszahlungenzugesprochen bekommen. Manchmal hat er gewonnen, manchmal gabes einen Vergleich. Aber er hat nie aufgegeben. Ausserdembekam er noch verschiedene Soforthilfen zugesprochen. Undeine Rente wurde ihm auch bewilligt. All diese Zahlungenfallen unter den Begriff “Wiedergutmachung”. Sie könnennatürlich nichts wieder gut machen, können kein Unrechtungeschehen machen oder jemandem wie Hans seine verloreneJugend zurückbringen. Aber sie können eine Respektbekundungsein. Eine Anerkennung. Ein “Schön, dass du noch da bist”.Und mit jedem Recht der Welt, soll man darauf bestehenkönnen.
Hans Gasparitsch ist niemals still geblieben. Die Zeit unterder Naziherrschaft hat ihn so sehr geprägt, dass er unter garkeinen Umständen Ungerechtigkeit mehr gelten lassen wollte.“Nie wieder” war für ihn eine absolute Verpflichtung. So ginger bis in die 90er Jahre regelmässig auf Demos für denFrieden und gegen Nazis.
HOST (CONT’D) Er leitete Führungen durch die Gedenkstätte in Dachau. Undbesuchte Schulklassen, um sie über die Nazizeit aufzuklären, erzählte auch von dem Zusammenhalt im KZ.
(MORE) MORE)(MORE)
16.
HOST (CONT’HOST CONT’D)D) Denn die Jugend zu warnen und zu schützen, war ihm besonderswichtig. Ihm, dem die Nazis die ganze Jugend gestohlen haben.
Im Mai im Jahr 2000 bekam Hans Gasparitsch dasBundesverdienstkreuz 1. Klasse verliehen. Am 13. April 2002starb Hans Gasparitsch, in Stuttgart. Er wurde 84 Jahre alt.Die Todesanzeige die seine Familie für ihn aufgibt istüberschrieben mit:
HANS Die Asche unserer Vergangenheit, ist der Dung eurer Zukunft.

Hans Gasparitsch (*30. März 1918 in Stuttgart), sozialisiert im Umfeld der Arbeiter-Jugendbewegung, gründete nach dem Verbot der Arbeiterorganisationen durch die Nationalsozialisten eine Wiederstandsgruppe. Im März 1935 wurde er – siebzehnjährig – beim Anbringen von Parolen „Rot Front“ und „Hitler = Krieg“ im Stuttgarter Schlossgarten verhaftet. Nach einjähriger Untersuchungshaft in der Stuttgarter Zentrale der Gestapo wurde er zu einer zweieinhalbjährigen Strafe wegen Hochverrat verurteilt und ins KZ Dachau gebracht. Das Kriegsende erlebte er im KZ Buchenwald, wo er an der Selbstbefreiung der Häftlinge beteiligt war.

Hans Gasparitsch beantragte 1946 in Stuttgart Entschädigungszahlungen für die erlittene 10-jährige Haftzeit, die ihm auch zügig gewährt wurden. Probleme bekam er erst, nachdem er sich zu Studienzwecken vorübergehend in der DDR aufgehalten hatte. Seine Wiedergutmachungsverfahren zogen sich bis Anfang der 1990er Jahre hin. Hans Gasparitsch verstarb 2002 im Alter von 84 Jahren.

Staffel 1 - Folge 3: Suse Rosen und Hermann Horner. Eine Tänzerin und ein Opernsänger im Visier der Nationalsozialisten

Titelbild Podcast "Sprechende Akten"
Buch: Nilz Bokelberg; Redaktion: Lisa Victoria Hertwig; Aufnahme, Sounddesign & Mischung: Michael Viol; Musik: Falk Andreas; Erzählerin: Ulrike Kapfer; In den weiteren Rollen: Frederic Böhle, Djamila Brauer, Rita Feldmeier, Nora Jokhosha, Bjoern Krass-Koenitz, Christian Olah | Landesarchiv Baden-Württemberg

Sprechende Akten
Episode 3: Suse und Hermann
HOST:
Nach dem zweiten Weltkrieg bot die noch junge Bundesrepublik
den Opfern und Verfolgten des Naziregimes so genannte
“Wiedergutmachungszahlungen”. Doch nicht nur der Begriff war
problematisch, auch der Prozess, eine solche Zahlung zu
erhalten, gestaltete sich häufig als äusserst schwierig. Denn
die Sachbearbeiter, die über die Zahlungen entschieden,
urteilten sehr unterschiedlich. Teilweise mit äusserster
Härte, manchmal voller Verständnis. Aber stets nach geltender
Gesetzeslage.
Das Landesarchiv Baden-Württemberg möchte diesen Teil
deutscher Historie mit diesem Podcast wieder sichtbar machen
und hat einige Entschädigungsakten ausgesucht, die nicht nur
zeigen, welche Geschichten sich hinter den bürokratischen
Verfahren verbergen, sondern auch, wie chaotisch die
Regelungen teilweise waren. Und wie ein Land versucht hat,
das Grauen aufzuarbeiten, dass es gerade erst begangen hat.
Geschichte wird wieder lebendig, durch “Sprechende Akten”.
<Titelmusik>
HOST
Hallo und herzlich Willkommen zu den sprechenden Akten. Heute
sehen wir uns die Akten von Suse Rosen und die von Herrmann
Horner an. Beide arbeiteten am Württembergischen
Staatstheater in Stuttgart, in ganz unterschiedlichen
Positionen. Und beide mussten das Haus aus dem gleichen Grund
verlassen: Weil sie Juden waren. Dass dasselbe Schicksal
jedoch einen ganz anderen weiteren Lebensweg bedeuten konnte,
erkennt man, wenn ihre Entschädigungsakten nebeneinander
legt. Und genau das, wollen wir in der heutigen Folge tun.
Am 7.März 1910 um 12 Uhr 45 kommt in Dresden Susanne Edith
Rosenthal als Tochter von Fritz und Margarete Luise Rosenthal
zur Welt. Fritz ist Kaufmann von Beruf und irgendwann
beschliesst die Familie, nach Berlin zu ziehen. Ob Fritz
davon ausgeht, dort die viel besseren Geschäfte zu machen,
ist nicht bekannt. Aber aufregend wird es auf jeden Fall
gewesen sein, ins Nachkriegs-Berlin der Weimarer Republik zu
gehen. Susanne wächst mit zwei Schwestern in gutbürgerlichen
Verhältnissen auf. Und wie das in solchen Milieus bis heute
so ist, soll das Kind natürlich irgendwann auch mal etwas
sinnvolles mit seiner Freizeit anfangen. Und so landet
Susanne im Ballettunterricht von Lina Gerzer. Gerzer war
damals Solotänzerin an der Deutschen Oper in Berlin. Sie war
auch eine der ersten Tänzerinnen, die Ausdruckstanz machte,
ein Vorläufer des heutigen Modern Dance.
2.
Gerzer bekam dann aber einen Job angeboten, den sie unmöglich
ablehnen konnte: Das Württembergische Staatstheater
engagierte sie als Staatsballetmeisterin. Was für ein
Aufstieg. Sie würde die komplette Tanzsparte am Theater in
Stuttgart leiten. Und sie hatte nicht vor, mit leeren Händen
in Stuttgart aufzukreuzen...
<Balletmusik, wir hören eine Ballerina tanzen. Der Boden
rumpelt ein wenig>
GERZER
Und Grand Plié. Achte auf die Arme, Susanne, und pas de
burrée! Susanne, die Arme! Und halten...halten hab ich
gesagt! Und changement...ja! Sehr gut. Und révérance. Merci.
SUSANNE
(ausser Atem) So langsam hab ich es raus, Madame Gerzer.
GERZER
Du musst noch viel üben, Susanne, aber du bist tatsächlich
auf einem guten Weg. Wie traurig, dass wir deine Ausbildung
an dieser Stelle abbrechen müssen.
SUSANNE
Aber...aber wieso, Madame Gerzer? Wieso ausgerechnet jetzt?
GERZER
Nun, ich habe ein Engagement in Stuttgart angenommen. Es ist
ein beruflicher Aufstieg, wie ich ihn mir nicht hätte
erträumen können.
SUSANNE
Oh weh. Also, ich freue mich sehr für sie, Madame Gerzer,
aber für mich bedeutet das: Entweder ich finde eine neue
Lehrerin oder ich hänge die Spitzenschuhe an den Nagel.
GERZER
(hat plötzlich eine Idee) Oder, es gibt noch eine dritte
Möglichkeit...
SUSANNE
Ja? Was meinen sie?
GERZER
Du bist meine beste Schülerin, Susanne und ich glaube, du
bist langsam so weit.
SUSANNE
So weit? Für was?
GERZER
Für die große Bühne. Wenn du magst, nehme ich dich mit. Als
Tänzerin ans Staatstheater Stuttgart.
3.
HOST
So könnte es gut gewesen sein. Denn Lina Gerzer holte Susanne
wirklich als Tänzerin nach Stuttgart. Und das lief ziemlich
gut.
<Musik>
HOST
Am 30.Januar 1892 wird in Rzeszow, im heutigen Polen, Hermann
Moses Horner geboren. Seine Eltern Pessel und Moritz Horner
betreiben und besitzen ein Hotel mit Restaurant mit dem
wundervoll klingenden Namen “Hotel Imperial”. Und
normalerweise würde man, vor allem in damaligen Zeiten, wohl
davon ausgehen, dass ein Sohn so einen Laden eines Tages
übernimmt. Aber Hermann schien ganz andere Pläne zu haben
oder besser gesagt: Erstmal so gar nicht genau zu wissen, was
seine Pläne eigentlich waren. Vielleicht war das Hotel auch
schon seiner Schwester versprochen. Hermann jedenfalls zog
erstmal in den Krieg. Aber nach Kriegsende schien das
Soldatentum keine sonderlich interessante Karriere mehr für
Hermann zu sein und er sattelte um: 1917 wanderte er nach
Antwerpen in Belgien aus und machte bei seinem Onkel Josef
eine Lehre in der Diamantsägerei und Schleiferei. Aber auch
das schien noch nicht das Ende der Fahnenstange von Hermanns
Interessen gewesen zu sein.
<Lautes Schleifgeräusch, Hermann singt Gedankenverloren vor
sich hin, während er Diamanten schleift>
HERMANN
Der Vogelfänger bin ich ja, stets lustig, Heissa Hopsassa!
Ich Vogelfänger bin bekannt, bei alt und jung im ganzen Land.
FLAM PLOMINSKI
(schreit gegen Schleífmaschine an) Verzeihung? Verzeihen sie
bitte!
HERMANN
(hört nicht, singt weiter) Ein Netz für Mädchen möchte ich,
ich fing sie dutzendweis für mich...
FLAM PLOMINSKI
Hey! Sie! Mein Herr! So hören sie doch!
HERMANN
Dann sperrte ich sie - ah! Einen Augenblick.
<Die Schleifmaschine geht langsam aus>
HERMANN
Entschuldigung, hier verirrt sich so selten jemand in die
Werkstatt. Was kann ich für sie tun?
4.
FLAM PLOMINSKI
Mein Name ist Flam-Plominski. Vielleicht haben sie schon von
mir gehört.
HERMANN
Da muss ich sie leider enttäuschen, mein Herr.
FLAM PLOMINSKI
Nun, ich bin Professor in Berlin. Professor für Musik.
HERMANN
Es ist mir eine Ehre, Herr Professor. Nur, wie kann ich ihnen
weiterhelfen?
FLAM PLOMINSKI
Gefällt ihnen dieser Beruf hier?
HERMANN
Er ist ausreichend. Aber, ich verstehe immer noch nicht,
worauf sie hinauswollen?
FLAM PLOMINSKI
Ich bin gerade an ihrer Werkstatt vorbei gelaufen, ganz
zufällig. Und da hab ich sie singen hören.
HERMANN
Oh, ja, das tut mir leid, das mache ich immer wenn ich-
FLAM PLOMINSKI
Ich unterbreche sie da gleich: Sie haben Talent, junger Mann,
ich erkenne so etwas im Bruchteil einer Sekunde.
HERMANN
Ich habe was?
FLAM PLOMINSKI
Talent. Ihre Stimme. Sie ist wie ihre Diamanten hier: Wir
müssen sie in aller Ruhe und mit Geduld schleifen und damit
ihre wahre Schönheit freilegen.
HERMANN
Hahaha, sie nehmen mich auf den Arm, oder? Ich und singen?
FLAM PLOMINSKI
Sehen sie, ich schreibe ihnen meine Adresse in Berlin auf.
Überlegen sie es sich. Aber beeilen sie sich, mein Unterricht
beginnt schon bald. Wenn sie zu mir nach Berlin kommen, bilde
ich sie aus. Das ist ihre Chance, Herr...
HERMANN
Horner. Hermann Horner.
FLAM PLOMINSKI
Na, das klingt doch schon wie Musik.
5.
HOST
So kann es sich zugetragen haben. Jedenfalls hat Professor
Flam-Plominski Hermann entdeckt und ausgebildet. In Berlin.
Ab dem Jahr 1920. Und so wurde aus Hermann dem
Diamantschleifer Hermann der bekannte Bassist. Nach seiner
Ausbildung hat ihn auch direkt die Berliner Oper übernommen,
wo er erstmal bis 1927 blieb. Danach ging er zwei Jahre nach
Prag, nur um dann 1929, wo zu landen? Am Württembergischen
Staatstheater, genau. Zwei Jahre, nachdem Madame Gerzer die
16jährige Ballettänzerin Susanne mit nach Stuttgart genommen
hatte.
<Musik>
HOST
Es lief sehr gut am Staatstheater für Susanne, die sich jetzt
auch einen Künstlernamen gegeben hat: Sie hiess nun Suse
Rosen. Was für ein fantastischer Name. Suse Rosen, das klingt
doch gleich nach Grand Dame, nach einer Frau von Weltformat.
Und auch die Kritiker bemerkten sie, schon von Anfang an,
bevor sie überhaupt große Solos getanzt hat. Zum ersten Mal
1928, da ist sie gerade ein Jahr am Theater. Da bescheinigt
ihr ein Kritiker der Süddeutschen Zeitung über eine
Vorstellung, sie sei “mit Lust bei der Sache”. Das man
überhaupt so auffällt, ist ja schon viel wert. Suse ist ja
noch minderjährig, als sie am Theater anfängt und sie startet
direkt mit einem nicht üblen Jahresgehalt von 1750
Reichsmark. Vielleicht ist sie Madame Gerzer auch gefolgt,
weil sie zu Hause raus musste? Ihr Vater ist 1926
überraschend an einer Angina pectoris gestorben. Da kam so
ein Jobangebot, noch dazu am anderen Ende des Landes
vielleicht gerade ganz recht, für eine 17-jährige. Die
Kritiken werden mit den Jahren auf jeden Fall immer besser.
Und Suse als Tänzerin immer sichtbarer. Als sie 1929 die
Hauptrolle in “Fatme” tanzt, beschreibt sie ein Kritiker als
“traumzarte, leichte Elfenbeingestalt” und ein Jahr später
beschreibt sie ein anderer Journalist als “gelenkige und
hübsche kleine Tänzerin mit eigenartigem Reiz”. Da lässt sich
doch mit arbeiten.
HOST
Auch Hermann macht mittlerweile Karriere in Stuttgart. Ob er
und Suse jemals zusammen auf der Bühne gestanden haben, ist
ungewiss. Es ist aber anzunehmen, dass sie einander bekannt
und nicht nur zur gleichen Zeit am gleichen Ort waren. Aber
Hermann arbeitete als Sänger und Gesangslehrer. Ach, und auch
nicht unwichtig: Er war verliebt. Seine Frau Anna Khana lebte
mit ihm in Stuttgart und sie bekamen drei Kinder. Alles lief
perfekt. Für alle. Bis es eben nicht mehr perfekt lief.
<kurze unheimliche Musik>
6.
HOST
Spätenstens mit Hitlers Machtergreifung am 30. Januar 1933
wurde es für Juden gefährlich. Schon im Februar schickte
Hermann in weiser Voraussicht seine Familie zurück nach
Polen, zurück nach Rzeszow, in das Hotel Imperial, das Hotel
seiner Eltern. Er würde nachkommen, so bald es sich ergibt
und dann wollten sie vermutlich einfach weitersehen, was
passiert. Es kam der 1.April. Und es passierte tatsächlich
etwas...
<Strassengeräusche, eine Tür wird geöffnet. Schritte. Eine
weitere Tür wird geöffnet.>
INTENDANT
Was machen sie denn noch hier, Horner?
HERMANN
Was ich hier mache? Ich bin der Bassist dieses Hauses, wenn
ich sie daran erinnern darf, Herr Intendant. Sie sind noch
nicht lange hier, deswegen wissen sie das vielleicht nicht.
Aber ich würde jetzt gerne proben.
INTENDANT
Sie sind aber vor allem Jude. Und Juden wollen wir nicht mehr
auf unseren Bühnen sehen.
HERMANN
Bitte was?
INTENDANT
Sie haben mich schon ganz richtig verstanden. Unser Führer
hat die sofortige Entlassung aus dem Staatsdienst angeordnet.
Das ist Gesetz! Es reicht mit euch. Sie packen jetzt ihr Zeug
zusammen und dann Abmarsch.
HERMANN
Sie können mich doch nicht so einfach feuern!
INTENDANT
(kommt ihm näher, spricht leise, bedrohlich) Hör mal zu, du
Schwein. Du verschwindest jetzt. Das ist hier ein deutsches
Theater, da haben welche wie du nichts mehr verloren. Habe
ich mich da klar ausgedrückt?
HERMANN
Ich gehe. Aber unter Protest. Ich habe Rechte!
INTENDANT
Du kannst froh sein, dass ich dich nicht hier rausprügel! Das
ist dein Recht! Und jetzt raus hier!
<Hermann geht irritiert ab>
7.
INTENDANT
Die glauben auch, die können sich alles erlauben. Pack.
HOST
Ob es genau so war, weiß man nicht. Aber Hermann durfte nicht
mehr zur Arbeit. Und das war auch alles gesetzlich geregelt.
Nur ein paar Tage vorher. Hermann hat seine Kündigngsfrist
ausgezahlt bekommen. Er fuhr zu seiner Familie, bekam dann
sogar noch ein Engagement, 33-35 in Aussig in der
Tschecheslowakei. Aber dann war nichts mehr zu machen. Auch
Suse traf es, etwas später als Hermann, weil man nicht sicher
wusste, ob sie Jüdin ist. Aber als das klar war, musste auch
sie das Staatstheater Stuttgart verlassen. Suse erhielt ihre
Kündigung zum 30.Juni. Ziel und Planlos ging sie erstmal
zurück nach Berlin, zu ihrer Mutter. Das konnte aber kein
Dauerzustand sein. Suse wollte raus, wollte arbeiten, wollte
ihr eigener Chef sein. Und das war in Deutschland als Jüdin
nicht mehr möglich. Also beschloss sie, ihr Heimatland zu
verlassen und in der Fremde ihr Glück zu suchen. Suse
tingelt. Tanzt mal hier, tanzt mal da. Aber nirgendwo mehr
auf dem Niveau, wie in Stuttgart. Sie selbst berichtet von
ihrer Odysee so:
<Papierrascheln>
SUSANNE
1934: In Belgien, Holland, Italien, in Cabaret-Varietes
auftreten als Tänzerin. Ende 1934 in die Schweiz. Verdienst
1934 gleich Null, da Kostümanschaffungen, Reisespesen etc.
die kleinen Gagen restlos verbrauchten.
1935: Von Basel nach Jugoslawien, dort an Herzneurose
erkrankt, deshalb kein Engagement. Zurück nach der Schweiz.
Dort von einer befreundeten Familie in Montreux aufgenommen
und kostenlos verpflegt, da an tänzerische Tätigkeit nicht zu
denken war. Verdienst 1935: Null.
1936: Einladung zu Frau Germann in Genf, Schweiz, welcher ich
gegen Wohnung und Verpflegung den Haushalt führte. Juli 1936
Scheinehe in Genf eingegangen, um schweizerische
Staatsbürgerin zu werden. Ende 1936 erneuter Versuch, Arbeit
als Tänzerin zu finden. Engagement in Graz das aus
rassistischen Gründen nach eintägiger Tätigkeit annuliert
wurde. Rückreise in die Schweiz, wo ich erneut bei der
Familie in Montreux aufgenommen wurde. Verdienst 1936: Null.
1937 bis Ende 1938: In Italien (Bordighera, Mailand), gelebt,
von Mutter und Schwester unterstützt, weil ich aus
gesundheitlichen Gründen, Herzkrankheit, arbeitsunfähig war.
Mutter und Schwester waren damals in die Emigration nach
Italien gegangen. Ende 1938 als Begleitperson meiner jüngeren
Schwester Eva mit ihr in die Schweiz gereist, wo sie circa
ein halbes Jahr als Tänzerin gearbeitet hat.
(MORE)
8.
Verdienst 1937/1938 Null. Anschliessend Lehrgang an der
Hotelfachschule in Luzern, der von meiner Schwester für mich
bezahlt wurde.
1939: Da ich nach Abschluss der Hotelfachschule, Kurs für
Barmaid, keine Anstellung finden konnte, versuchte ich noch
einmal meinen Unterhalt als Tänzerin zu verdienen. September
1939 wegen Ausbruch des Krieges jegliche Tätigkeit
unterbrochen. Verdienst 1939: Null.
1940: Schwangerschaft. Das Kind stammt nicht aus meiner
Scheinehe, aus welcher ich übrigens niemals Nutzen oder
Vorteile finanzieller Art gezogen hatte.
1941: Bis zur Geburt meiner Tochter im Februar 41 in
gemieteter, möblierter Wohnung in Montreux mein Leben durch
Zimmervermieten mit Pension verdient. Mitte 1941 erneuter
Versuch als Tänzerin Anstellung zu finden. Gelegenheitsarbeit
in Nachtlokalen. Einkommen 1941 Null.
1942: Januar Anstellung als Barmaid in Lausanne bis Ende 42.
Nach Abzug aller Unkosten (Wohnung, Berufskleidung,
Verpflegung, Unterhalt meines Kindes in einem Heim) Einkommen
1942 1000 Schweizer Franken.
1943: Anfang des Jahres Aufgabe meiner Tätigkeit als Barmaid
aus gesundheitlichen Gründen. Aufgenommen bei Freunden in
einem Gut im Wallis, Westschweiz. Dauer dieses Aufenthalts
bis Sommer 1945. Verdienst 1943 bis 45 Null.
<Papierrascheln>
HOST
Ein Leben im Schnelldurchlauf, zwischen suchen und
verstecken. Wie hält man das aus?
<Musik>
HOST
1939 nimmt die Wehrmacht Rzeszow ein. Auch Hermann, der bei
einem Ausflug von Prag nach Wien von den Behörden gefangen
genommen wird, wird in seinen Heimatort geschickt. Dort kann
er noch einige Zeit unbehelligt bei seiner Familie bleiben.
1941 richten die Nazis ein Ghetto ein, in das alle jüdischen
Bewohner ziehen müssen und das sie nicht verlassen dürfen.
Doch 1942 ist auch das nicht mehr genug und eine Endlösung
wird gesucht. Das Ghetto wird geräumt. Wer Widerstand
leistete, wurde noch an Ort und Stelle erschossen. Wer
mitging, den erwartete das Vernichtungslager. Mindestens
22.000 Juden - Männer, Frauen, Kinder - wurden allein aus dem
Ghetto Rzeszow deportiert. Auch Hermann, seine Frau Anna und
die drei Kinder Mario, Eva und Ludwig. Als unwertes Leben von
den Nazis getötet. Vergast. Erschossen.
HOST (CONT’D)
9.
<Musik>
Auch Hermanns Geschwister und deren Familien konnten den
Nazis nicht entkommen. Fast die komplette Familie Horner
wurde von den Nazis ausgelöscht. Nur eine nicht: Hermanns
Nichte Malwina. Und deswegen hat sie nach dem Krieg
beschlossen, als einzige, überlebende Hinterbliebene auch die
Entschädigungszahlungen für ihren Onkel Hermann einzufordern.
Wiedergutmachungsansprüche sind nämlich vererbbar.
Die Aktenlage bei Malwina ist deswegen interessant, weil es
ungewöhnlich ist, dass eine Nichte für ihren ermordeten Onkel
Wiedergutmachung einfordert. Doch Malwina setzt sich durch
und ihr Antrag wird angenommen. Da taucht aber ein noch viel
größeres Problem auf: Niemand weiß, ob Hermann jemals
deutscher Staatsbürger war. Und das kann durchaus bedeuten,
dass auch nicht klar ist, ob er überhaupt anspruchsberechtigt
ist. War er die ganze Zeit polnischer Staatsbürger, der nur
viel in Deutschland gearbeitet hat? Da werden alte Kollegen
gefragt, Polizeidienststellen und Meldebehörden angeschrieben
und immer bleibt es vage, immer bleibt es unklar. Die
Vermutung, dass Hermann niemals deutscher Staatsbürger war -
zumindest auf dem Papier - liegt eigentlich nah, wenn man
sich die Indizien anguckt. Und damit wäre das Land fein raus -
zumindest was die Entschädigungszahlungen betrifft. Aber. Ein
langes Hin und Her beginnt. Malwina wechselt öfter mal die
Anwälte, aber die Stossrichtung ist immer gleich. So auch bei
den Behörden, die zwar das Recht auf ihrer Seite haben, aber
ja deswegen nicht unbedingt Recht haben müssen. Und so kommt
es eines Tages zum Durchbruch: Bei einer Verhandlung einigen
sich beide Parteien auf einen Vergleich. Malwina bekommt 1963
15.000 Mark zugesprochen und in der Aktennotiz dazu, wird
auch klar, warum das als gerechtfertigt gesehen wird:
<Papierrascheln>
AKTENSTIMME
Die Tatsache, dass der Erblasser in Berlin als Opernsänger
ausgebildet worden war, dass er in Prag, Nürnberg und
schliesslich in Stuttgart - also ausschliesslich auf
deutschen Bühnen - tätig gewesen ist, spricht bereits dafür,
dass er nach der im Jahre 1933 aus rassischen Gründen
erfolgten Entlassung in Stuttgart sich auch wieder nur an
deutsche Bühnen verändern konnte und wollte. Diese
Möglichkeit war für ihn praktisch nur in der Tschechoslowakei
gegeben, da dort neben zahlreichen deutschen Theatern in den
Randgebieten auch noch deutsche Theater in Prag und Brünn
bestanden haben.
(MORE)
10.
HOST
Das Gericht erkennt hier also an, dass Hermann eigentlich
nicht nur keine Wahl blieb, als in die Tschecheslowakei zu
gehen, sondern auch, dass er nur deutsch arbeiten konnte und
dass sich daraus auch eine gewisse Verantwortung von
Deutschland für Hermanns Lage ergibt. Und das ist ziemlich
weitsichtig, gerade für eine Behörde. Malwina hat auch nach
dem Vergleich noch versucht, weiter zu klagen, aber mit dem
Vergleich hat sie rechtlich alle weiteren Klagemöglichkeiten
ausgeschlossen. Und musste sich mit den 15.000 Mark, die sie
als Wiedergutmachung bekommen hat, zufrieden geben.
Suse, was ist mit Suse in der ganzen Zeit passiert? Sie ist
nach dem Krieg ausgewandert. In die USA. Ist sie dort
glücklich geworden?
In einer ihrer ersten eidesstattlichen Erklärungen, von Ende
der 50er Jahre, schrieb sie:
SUSANNE
Nachdem mein Cousin und seine Frau in der ersten Zeit hier
für meinen Unterhalt aufgekommen sind, habe ich im September,
zwei Monate nach meiner Ankunft hier im Jahre 1955, eine
Stelle als Haushälterin angenommen und verdiene nun recht
schwer hier mein Leben. Mein Herzleiden hat sich hier nicht
gebessert, dazu kommt, dass ich Rheuma habe und der rechte
Arm fast unbrauchbar geworden ist, sodass auch nun diesen
Arbeit hier in Frage gestellt ist. Es ist mein Wunsch, in
absehbarer Zeit wieder nach der Schweiz zurück zu gehen um
mir dort eine kleine Existenz aufzubauen, die mir ein etwas
müheloseres Dasein gestattet.
HOST
Die Existenz, von der sie da spricht, will sich Suse von den
Entschädigungszahlungen aufbsauen. Schon 1955, von den USA
aus, beantragt sie Entschädigung für Schaden im beruflichen
Fortkommen und Soforthilfe für Rückwanderer. 1963 kehrt Suse
nach Deutschland zurück, um das vor sich hin dümpelnde
Wiedergutmachungsverfahren endlich zum Abschluss zu bringen.
Sie zieht nach Percha, an den Starnberger See. Und bei wem
zieht sie da ein? Bei Lina Gerzer, ihrer alten Balletlehrerin
und Förderin. Was für eine Verbindung. Suse hingegen will die
ganze Sache schnell über die Bühne bringen, wo sie schon mal
da ist. Aber auch in ihren Drängelbriefen erinnert sich sich
an die gute Kinderstube:
<Papierrascheln>
SUSANNE
Sehr geehrte Herren, wollen sie die Liebenswürdigkeit haben,
mir Tag und Stunde anzugeben, an welcher ich persönlich bei
ihnen vorsprechen kann.
SUSANNE (CONT’D)
11.
Ich bin ausschliesslich zum Zweck der Bearbeitung meines
Falles nach Deutschland gekommen, mein Aufenthalt ist aber so
begrenzt, dass ich sie bitten muss, den Termin schnellstens
für ein allernächstes Datum festzusetzen. Gleichzeitig bitte
ich sie, für den von ihnen festgesetzten Zeitpunkt meine
Akten einzusehen und für die Besprechung bereit halten zu
wollen. Ihrer umgehenden Antwort sehe ich entgegen und
verbleibe mit dem Ausdruck vorzüglichster Hochachtung,
Unterschrift Susanne Rosenthal.
HOST
Jedenfalls: Kaum ist Suse wieder im Land, gehen die ganzen
Zahlungen auch viel schneller. Sie erhält 26.753 DM
Entschädigung und noch 6000 DM Soforthilfe für Rückwanderer.
Und lässt die Akte dann 1963 schliessen. Suse zieht zurück in
die Schweiz, nach Locarno, wo sie eine Pension führte. War er
das endlich? Der süße Traum vom schönen Leben? Suse hat früh
alles zusammenbrechen sehen, alles verloren. Ihren Vater an
eine Krankheit. Ihre Mutter und Schwester wurden von den
Nazis vergast. Ihre Tochter musste sie zeitweise weggeben.
Ihren Job hat man ihr genommen und als sie ihn wieder
ausführen wollte, konnte sie nicht mehr. Weil ihr Körper
schlapp machte. Waren es die Strapazen? Mutete sie sich immer
zu viel zu? Oder wäre es auch so gekommen, wenn sie weiter am
Staatstheater getanzt hätte? Suse Rosen starb 1968, in
Locarno. Fünf Jahre hatte sie dort nur noch. Hoffen wir, dass
es fünf gute Jahre waren.
In einer schriftlichen Bestätigung schrieb Madame Gerzer über
Suse folgendes:
<Papiergeraschel>
GERZER
(schon alte Stimme) Durch ihre künstlerisch
ausserordentlichen Fähigkeiten war Suse Rosen in dem
Ensemble, dem ich damals als Ballettmeisterin vorstand, ein
erfolgreiches und geschätztes Mitglied und es ist
wahrscheinlich dass sie ihre Karriere in Stuttgart beendet
hätte, wenn ihre Tätigkeit nicht durch die damalige
politische Lage unterbrochen worden wäre.
<Papierrascheln>
HOST
Hermann Horner und Suse Rosen. Zwei Menschen aus zwei völlig
unterschiedlichen Leben, die am gleichen Ort das gleiche
Schicksal ereilt, nur weil sie Juden sind. Und doch gehen
ihre Wege dann so weit auseinander und ihre Leben nehmen ein
ganz unterschiedliches Ende. Das sind sie, die Geschichten
der “Sprechenden Akten”.

Suse Rosen, geboren am 7. März 1910 in Dresden, war seit 1927 als Tänzerin und ihr 1892 im polnischen Rzeszów geborener Kollege Hermann Horner seit 1929 als Bassbariton am Stuttgarter Theater engagiert. Das Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums vom 7. April 1933 beendete ihre Karrieren. Sie wurden wie viele andere jüdische Beschäftigte entlassen.

Hermann Horner kehrte nach Rzeszów zurück. Nach der deutschen Besetzung Polens 1939 wurden er und seine Familie deportiert und schließlich im Vernichtungslager Belzec ermordet. Horners Nichte stellte als nächste Hinterbliebene 1958 einen Antrag auf Wiedergutmachung. Aufgrund eines gerichtlichen Vergleichs erhielt sie 1963 eine einmalige Entschädigungszahlung. Für Suse Rosen begann nach ihrer Entlassung in Stuttgart eine Odyssee durch Europa, ohne eine neue berufliche Perspektive. Sie verbrachte – gesundheitlich angeschlagen – einige Jahre in der Schweiz, bevor sie 1955 in die USA auswanderte. 1963 kehrte sie für ihr Wiedergutmachungsverfahren eigens nach Deutschland zurück. Sie erhielt für den erlittenen Schaden im beruflichen Fortkommen Entschädigung. Sie starb 1968 in Locarno.

Staffel 1 - Folge 4: Wilhelm Adami. Tödliches Ende einer Zufallsbekanntschaft

Titelbild Podcast "Sprechende Akten"
Buch: Nilz Bokelberg; Redaktion: Lisa Victoria Hertwig; Aufnahme, Sounddesign & Mischung: Michael Viol; Musik: Falk Andreas; Erzählerin: Ulrike Kapfer; In den weiteren Rollen: Elke Appelt, Frederic Böhle, Elmar Börger, Robert Frank, Jessica Goetz, Jennifer Günther, Nora Jokhosha, Bjoern Krass-Koenitz | Landesarchiv Baden-Württemberg


Sprechende Akten
Episode 4: Adami vs Ebert
HOST:
Nach dem zweiten Weltkrieg bot die noch junge Bundesrepublik
den Opfern und Verfolgten des Naziregimes so genannte
“Wiedergutmachungszahlungen”. Doch nicht nur der Begriff war
problematisch, auch der Prozess, eine solche Zahlung zu
erhalten, gestaltete sich häufig als äusserst schwierig. Denn
die Sachbearbeiter, die über die Zahlungen entschieden,
urteilten sehr unterschiedlich. Teilweise mit äusserster
Härte, manchmal voller Verständnis. Aber stets nach geltender
Gesetzeslage.
Das Landesarchiv Baden-Württemberg möchte diesen Teil
deutscher Historie mit diesem Podcast wieder sichtbar machen
und hat einige Entschädigungsakten ausgesucht, die nicht nur
zeigen, welche Geschichten sich hinter den bürokratischen
Verfahren verbergen, sondern auch, wie chaotisch die
Regelungen teilweise waren. Und wie ein Land versucht hat,
das Grauen aufzuarbeiten, dass es gerade erst begangen hat.
Geschichte wird wieder lebendig, durch “Sprechende Akten”.
HOST:
Willkommen bei einer neuen Folge der sprechenden Akten. In
unserem heutigen Fall geht es um Verrat. Um Reue. Um
Wiedergutmachung. Um Gnade. Und darum, warum oft doch nicht
alles so einfach und klar ist und sich auch die
Wiedergutmachungsbehörden immer wieder mit der Ambivalenz des
Lebens auseinandersetzen mussten.
Wir erzählen die heutige Geschichte mal ein bisschen anders,
als wir das in den vorherigen Folgen gemacht haben. Wir
lassen heute mal die Protagonist:innen selber sprechen. Und
wir sind dabei, wenn der Verrat passiert. Aber erstmal lernen
wir die Leute kennen, um die es heute geht. Und stellen uns
mal vor, wir könnten sie interviewen...
<Musik? Irgendetwas als Übergang>
WILHELM
Guten Tag. Mein Name ist Wilhelm Gustav Adami. Ich wurde am
fünften Mai 1887 in Algringen im schönen Lothringen geboren.
Meine Eltern waren Wilhelm und Auguste Adami. Es gab auch mal
eine Opernsängerin und Theaterschauspielerin, die Auguste
Adami hiess. In Berlin! Aber das war nicht meine Mutter.
WILHELM (CONT’D)
(MORE)
2.
Die Berliner Auguste starb ein Jahr, bevor ich geboren wurde.
Ich glaube, das wäre auch nichts für meine Mutter, für meine
Eltern gewesen. Das waren grundsolide, ehrliche Leute. Und so
haben sie es an mich weitergegeben. Ich wurde dann Buch- und
Betriebsprüfer. Ein guter Beruf, wenn sie mich fragen. Ich
habe meine Arbeit beim Finanzamt stets ordentlich und
gewissenhaft ausgeführt. Ich habe mir nichts, aber auch rein
gar nichts vorzuwerfen.
MARIA
Tach, mein Name ist Maria Adami, ich bin die Ehefrau vom
Wilhelm. Ich wurde einen Tag vor Heilig Abend 1888 in
Mettlach an der Saar geboren. Das kennen Sie vielleicht, weil
da Villeroy und Boch sitzen. Ist ihnen das ein Begriff? Diese
Keramik-Firma. Die sind da schon ewig. Als ich geboren wurde,
waren die schon fast 80 Jahre da. In einem ehemaligen
Kloster. Verzeihung, jetzt bin ich etwas abgeschweift. Also.
Ich bin Hausfrau. Ich kümmmer mich um meinen Wilhelm. Dieser
Beruf als Buchprüfer ist anstrengender, als man vielleicht
gemeinhin denkt. Ehrlich! Da ist es gut, wenn er Abends in
ein schönes Heim kommt, mit gutem Essen. Und ich freu mich,
wenn ich ihm eine kleine Last nehmen kann. Tja. Was soll ich
sonst noch über mich erzählen..Hmm..wissen sie, ich steh
nicht so gern im Mittelpunkt, deswegen fällt mir da nichts
ein.
WILHELM
Ich bin irgendwann in die SPD eingetreten.
Sozialdemokratische Partei Deutschlands. Das hat für mich
Sinn ergeben. Ich wollte auch diesen Nazis was
entgegensetzen, die plötzlich auf den Straßen auftauchten und
Krawall anzettelten. Sie waren damals noch nicht viele, aber
von denen ging etwas gefährliches aus, etwas ungutes. Da
konnte ich nicht stillhalten. Und ich sollte Recht behalten:
Sie kamen ja dann an die Macht und ab da ging es mit
Deutschland komplett bergab. Muss man wirklich so drastisch
sagen.
MARIA
Der Wilhelm, der kam nur noch nach Hause und hat geschimpft.
Über die Arbeit. Wie schlecht man ihn da behandeln würde, nur
weil er in der SPD sei. Und das man ihn da ausgrenzen würde
und lange würde er diesen Zirkus nicht mehr mitmachen. Da
muss man schon sagen, haben die Nazis ihm ganz schön
zugesetzt. Die haben den richtig drangsaliert, so ab Ende
20er, Anfang 30er Jahre. Das war schlimm.
WILHELM
Ja, natürlich wussten meine Kollegen, dass ich in der SPD
bin, warum denn auch nicht? Das war ja eigentlich nicht
verboten. Zumindest auf dem Papier. In Wirklichkeit aber
schon. Ich saß plötzlich fest, in meinem Beruf, hatte keine
Perspektive, keine Aufstiegsmöglichkeiten mehr. Ich musste
etwas tun. Und deswegen verliess ich erstmal die SPD, 1933.
WILHELM (CONT’D)
(MORE)
3.
In der Hoffnung, damit würde sich erstmal alles beruhigen. Es
hat aber gar nichts geholfen, im Gegenteil. Da war dieser
Mann in der Personalabteilung, der hatte mich sowieso schon
die ganze Zeit auf dem Kiecker. Und als die Nazis dann an der
Macht waren, hat er endlich einen Grund gefunden, mich feuern
zu können. Ich habe das Gespräch mit ihm gesucht, aber es war
nichts zu machen. Genüsslich bedauerte er, dass ihm die Hände
gebunden seien und er nichts machen könne, damit ich meine
Stelle behalten kann. Denn er müsse sich ja leider, leider an
die zweite Verordnung des Gesetzes zur Wiederherstellung des
Berufsbeamtentums vom 4.Mai 33 halten, welches besagte, dass
Juden und Sozialdemokraten nicht im öffentlichen Dienst tätig
werden dürfen. So ein verlogener Dreckskerl.
MARIA
Oh, da war der Wilhelm sauer, an dem Tag, als er nach Hause
kam. Hat geflucht und gezetert. Was er am liebsten alles mit
dem Mann aus der Personalabteilung alles anstellen würde. Das
muss man ja sagen: Wenn Wilhelm zu etwas eine Meinung hatte,
dann war die auch äusserst gefestigt. Da ist er für
eingestanden. Das fand ich sehr beeindruckend an ihm. Da war
er sehr stark.
WILHELM
Ich habe mich dann selbstständig gemacht. Als Buchprüfer. Das
wollte ich aber nicht bleiben. Ich hatte einen Plan. Ich
wollte die Zulassung zum Devisenberater und - ich wollte eine
Prüfung zum Steuerberater ablegen. Dann hätte ich mich ganz
wunderbar rächen können, weil ich dann alles, was ich aus dem
Finanzamt kannte und wusste, hätte verwenden können. Aber
diese Nazis.
MARIA
Ja, mit den Nazis war das so eine Sache für meinen Wilhelm.
Denn die liessen ihn nichts machen - weil er selber keiner
war.
WILHELM
Und da hab ich dann eben in den sauren Apfel gebissen und bin
in die NSDAP eingetreten. So bald es ging. Die hatten nämlich
eigentlich Aufnahmestopp. Aber der wurde am 20.04.37
aufgehoben - an Hitlers Geburtstag. Man brauchte dann nämlich
doch noch fähigen Nachwuchs. Am 1. Mai 1937 wurde ich dann
aufgenommen. Mitgliedsnummer 4.141.308. Bin ich nicht stolz
drauf, ganz und gar nicht. Aber ging nicht anders, sonst
hätte ich nicht arbeiten können. Ich wusste mir nicht anders
zu helfen.
<Musik>
ARTUR
Guten Tag. Mein Name ist Artur Ebert. Ich bin am 16.03.1906
In Karlsruhe geboren. Ich bin kaufmännischer Angestellter. Am
1.11.1931 bin ich in die NSDAP eingetreten.
ARTUR (CONT’D)
4.
Ich fand gut, was die gesagt haben. Wie sie das Land wieder
stark machen wollten. 1933 wurde ich in der Partei
Blockleiter. Das war damals eine ganz neue Dienstbezeichnung.
Man kümmerte sich um ganze Wohnblöcke, musste immer wissen,
was läuft, was die Familien da machen. Konnte nicht jeder.
Wenn man geeignet war, wurde man auf Adolf Hitler vereidigt.
Später stieg ich sogar zum stellvertretenden Zellenleiter
auf. Zellenleiter haben sich in der Regel um vier bis acht
Blocks und ihre Blockleiter gekümmert. Das war eine
anspruchsvolle Aufgabe. 1940 wurde ich nach Schwäbisch Gemünd
ins dortige Bau-Ersatz-Bataillon eingezogen, aber schnell
wieder nach Hause geschickt, da ich auf Grund meiner Diabetes
dort keine große Hilfe sein konnte. Im Frühjahr 1943 bin ich
dann leider zum Heeresdienst einberufen worden. Was heißt
“leider”, ich habe gerne meinem Land gedient. Schade fand ich
daran nur, dass ich meine neue Funktion aufgeben musste. Im
darauffolgenden März war mehrwöchiger Heimaturlaub. Gott sei
Dank. Ich konnte endlich mal wieder zu meiner Frau. Wir sind
dann nach Karlsruhe gefahren, um meinem Vater einen Besuch
abzustatten.
WILHELM
Ich war Mitte März 44 bei der Familie Dümmig. Die haben mich
als Steuerberater engagiert und ich bin mit dem Vater mal die
ganzen Bücher durchgegangen. Am 14.3. gab es am Nachmittag
noch ein wenig Kaffee, weil eine Frau Thiemessen zu Besuch
war. Ihr war in der Nacht zuvor ihr Haus weggebombt worden.
ARTUR
Um uns etwas Zeit zu vertreiben, wollten wir einen Freund aus
dem Militär von mir besuchen, der auch gerade auf
Heimaturlaub in Karlsruhe war. Er war zwar schon wieder
abgereist, aber seine äusserst freundlichen Eltern, baten uns
herein, um ihnen etwas Gesellschaft zu leisten. Das war das
Ehepaar Dümmig. Anwesend war noch eine Frau Thiemessen, weil
ihr Haus wohl kurz zuvor weggebombt worden ist. Und ein
Steuerberater namens Adami. Mit ihm kam ich dann auch ins
Gespräch...
<Musik>
<Wir hören ab und zu Kaffeetassen, die abgestellt werden>
WILHELM
Und habe ich das richtig verstanden: Sie sind also Soldat auf
Heimaturlaub?
ARTUR
Ganz recht.
WILHELM
Wo haben sie denn gekämpft, wenn ich fragen darf?
(MORE)
5.
ARTUR
Abwehrschlacht Kriwoi-Rog.
WILHELM
Oh, verstehe...(zögert kurz) Das war aber nicht sonderlich
erfolgreich.
ARTUR
Die Russen waren im Vorteil, aber da ist das letzte Wort noch
nicht gesprochen.
WILHELM
Ich bitte sie, guter Mann. Machen sie die Augen auf. Hier,
Frau Thiemessen ist das beste Beispiel.
FRAU THIEMESSEN
Ich?
WILHELM
Ihr Haus wurde komplett weggebombt. Einfach so. Wir haben
doch gar nichts in der Hand, womit wir überhaupt noch auf
solche Angriffe antworten könnten. Und das ist erst der
Anfang.
ARTUR
Wie meinen sie das?
WILHELM
Die Angriffe der Aliierten? Das wird jetzt immer mehr. Die
Flüge, die wir jetzt erlebt haben, die waren nur der Anfang.
Die kommen mit hunderten, dann mit tausenden von Flugzeugen.
Und dann mit zehntausenden. Alles was die brauchen, sind
geeignete Landeplätze. Dann legen die los.
ARTUR
Nun, das mag ihre Sicht der Dinge sein, aber so leicht wird
das deutsche Volk nicht zu bezwingen sein.
WILHELM
Sie glauben das wirklich, oder?
ARTUR
Ja, sicher. Warum denn auch nicht? Ich habe in dieser Armee
gekämpft, ich weiß wozu sie im Stande ist.
FRAU THIEMESSEN
Können wir jetzt vielleicht auch mal wieder über etwas
erbaulicheres reden?
WILHELM
Einen Augenblick bitte, Frau Thiemessen, das ist gerade sehr
interessant. Ich hab eine Frage an unseren Soldaten in Zivil:
Sie denken nicht, dass da gerade vor allem von Osten aus
etwas auf uns zu kommt, dass wir nicht aufhalten können?
WILHELM (CONT’D)
6.
Dass Rumänien uns bald in den Rücken fallen wird? Die werden
uns richtig schwer zu schaffen machen.
ARTUR
Auch das scheint kein unlösbares Problem. Mit der nötigen
Portion Tapferkeit und deutschem Heldenmut, kann auch diese
Schlacht geschlagen werden.
WILHELM
Das ist doch...Hitler hat jetzt genau den Krieg angefangen,
den er in “Mein Kampf” propagiert hat. Das ist doch alles wie
aus dem Lehrbuch.
ARTUR
Wenn 1933 nicht Hitler und der Nationalsozialismus die Zügel
in die Hand genommen und das Ruder herumgerissen hätten, dann
hätten wir hier jetzt ganz andere Verhältnisse!
Kommunistische!
FRAU THIEMESSEN
Meine Herrn, so beruhigen sie sich doch...
WILHELM
Ach, jetzt kommt wieder das große Geschwätz über den
Kommunismus. In Deutschland hat es noch nie eine
kommunistische Gefahr gegeben! Das ist doch alles Propaganda!
ARTUR
Ach nein? Nur Propaganda? Und wer war Rosa Luxemburg? Oder
Karl Liebknecht?
WILHELM
Das waren keine Kommunisten, das waren Revolutionäre!
ARTUR
Ich habe Russland gesehen, ich war da! Und mir reicht, was
ich da gesehen habe. Diese Verhältnisse will ich hier nicht!
WILHELM
Ach, Hitler hat doch hier ein schuldenfreies und
wohlgeordnetes Staatswesen übernommen. Das ist doch keine
Kunst! Der Bolschewismus muss das alles neu aufbauen, aus dem
Nichts!
ARTUR
Oh, wünschen sie mein Mitleid?
WILHELM
Ach iwo. Aber ich sag ihnen eins: In Stuttgart gibt es mehr
Kommunisten, als man glaubt!
<Stühle werden plötzlich gerückt>
7.
ARTUR
Jetzt weiß ich, wen ich hier vor mir habe. Wie ist ihr Name?
Doch Adami.
<Er geht raus, die Tür fällt zu>
WILHELM
(lacht) Herrje, da ist aber jemand leicht zu erzürnen.
FRAU THIEMESSEN
Wir müssen ihn aufhalten, der, der geht bestimmt zur Polizei
und denunziert Sie, ohne mit der Wimper zu zucken!
WILHELM
Wie bitte?
FRAU THIEMESSEN
Kommen Sie, schnell! Schnell!
<Sie läuft raus, Arturs Frau Margarete stürmt auch hinaus>
MARGARETE
Der macht das wirklich, ich kenne ihn, mein Mann zeigt sie
an!
WILHELM
Verdammt! Nichts wie hinterher!
<Auch Wilhelm ist raus>
<Auf der Straße, Frau Thiemissen ist die erste, die Artur
erreicht. Er bleibt stehen, während sie ihn anfleht>
FRAU THIEMESSEN
Herr Ebert! Warten Sie! Wo gehen Sie denn hin?
ARTUR
Sie wissen ganz genau, wo ich hingehe. Ich tue meine Pflicht
als ordentlicher Deutscher.
FRAU THIEMESSEN
Aber Herr Ebert, der Herr Adami, der hat es doch nicht so
gemeint. Das ist doch bloss ein Missverständnis. Bitte kommen
sie zurück, ja? Wir trinken alle einen Likör und lachen über
die ganze Sache, ja? Bitte. Geben sie sich einen Ruck.
ARTUR
Nein, ich habe mit diesem Lumpen nichts mehr zu reden. Und
für so was halten Ihr Bruder und ich also unseren Kopf hin,
ja? Sagen Sie ihm, er soll sich sein Abreisebillet holen.
8.
FRAU THIEMESSEN
(Er lässt sie stehen, wir hören wie sie immer leiser wird)
Aber Herr Ebert. Artur! So seien sie doch vernünftig. Bitte.
Ich bitte sie. Herr Ebert!
ARTUR
(zu sich) Pff, wie sie alle bereit sind, dieses Land zu
opfern. Für einen Kommunisten. Unglaublich.
MARGARETE
(kommt angerannt, läuft neben Artur her)
Komm, Artur, lass es gut sein.
ARTUR
Du bist auf der Seite von denen?
MARGARETE
Ich bin auf deiner Seite, aber ich will nicht, dass du hier
so ein Theater veranstaltest! Du verdirbst uns unsere ganze
Urlaubsfreude!
ARTUR
Ich verderbe unsere Urlaubsfreude? Ich veranstalte Theater?
Ich? Sag das mal deinem Salon-Kommunisten!
MARGARETE
Artur, jetzt sei doch nicht so dickköpfig! Komm, wenn du
schon nicht zurück willst, dann lass uns wenigstens wieder
ins Hotel gehen. Bitte. Das wird ihm schon eine Lehre gewesen
sein.
ARTUR
Ich will ihm keine Lehre erteilen, ich will den deutschen
Staatskörper vor dem inneren Zerfall retten. Dafür habe ich
gekämpft, Margarete!
MARGARETE
Ach, du bist doch ein Narr, Artur! Hör dich mal auf! Du
machst alles kaputt!
ARTUR
So weit ist es schon gekommen, dass du mich hier auf offener
Straße beschimpfst. Gut, das beweist mir nur, dass ich ihn
wirklich anzeigen muss. Die Zersetzung reicht ja bis in meine
Famili-
<Fahrradklingeln, Wilhelm kommt auf Fahrrad schnell
angefahren>
WILHELM
Ah, gut dass ich sie noch erwische! Artur, oder?
9.
ARTUR
Für sie Herr Ebert.
WILHELM
Gut, Herr Ebert. Kommen sie. Ich hab es nicht so gemeint. Es
tut mir leid, ja? Kommen sie doch zurück, dann trinken wir
einen. Der geht auf mich!
ARTUR
Sie glauben, ich verrate meine Ideale für einen Schnaps?
WILHELM
Nein! Gar nicht, ich möchte ihnen ein Friedensangebot machen!
Von Mann zu Mann!
ARTUR
Ich sage ihnen was, von Mann zu Mann: Sie sind eine Gefahr
für das deutsche Reich und deswegen muss ich sie melden!
WILHELM
Jetzt sein sie doch nicht so stur, Herr Ebert! Warten sie!
ARTUR
Fassen sie mich nicht an! Finger weg!
WILHELM
So lassen sie doch mit sich reden!
ARTUR
Nein, verdammt nochmal!
<Handgemenge, er stößt Wilhelm vor die Brust, der fällt
mitsamt seinem Fahrrad um>
MARGARETE
Artur! Bist du denn von allen guten Geistern verlassen?
ARTUR
Ich gehe jetzt da vorne in diese Wache und niemand von euch
wird mich davon abhalten.
MARGARETE
Gut, tu was du nicht lassen kannst. Aber ohne mich. ich will
kein Teil deines kleinlichen Rachefeldzugs sein. Ich treffe
mich jetzt mit meiner Freundin Elfi.
ARTUR
(ruft ihr hinterher) Ja, geh doch! (zu sich) Das gibt es doch
gar nicht. Sind hier alle verrückt geworden? Ah, hier ist es.
<Eine Tür wird geöffnet>
POLIZIST
Heil Hitler.
10.
ARTUR
Heil Hitler.
POLIZIST
Der Herr, was kann ich für sie tun?
ARTUR
Ich möchte etwas zur Anzeige bringen.
POLIZIST
Nun, da sind sie hier ganz richtig, bei der Kriminalpolizei.
Worum geht es denn?
ARTUR
Ein Kommunist bezweifelte in meiner Anwesenheit das
militärische Geschick von Adolf Hitler und der Wehrmacht.
POLIZIST
Oh, ich verstehe. Nun, dafür sind wir hier leider nicht
zuständig. Da müssten sie einmal vorne um die Ecke, da ist
die Stapoleitstelle. Die helfen ihnen bei ihrem Anliegen
weiter.
ARTUR
Ich verstehe. Vielen Dank Herr Hauptmann. Und entschuldigen
sie die Störung. Heil Hitler.
POLIZIST
Keine Ursache. Heil Hitler, mein Herr.
<Artur geht, macht wieder eine schwere Tür auf>
GESTAPO MANN
Heil Hitler.
ARTUR
Heil Hitler.
GESTAPO MANN
Was führt sie zu mir, guter Mann.
ARTUR
Ich möchte etwas zur Anzeige bringen.
GESTAPO MANN
Und was genau, wenn ich fragen darf?
ARTUR
Ein Herr Adami meinte in meiner Gegenwart, dass Adolf Hitler
dabei wäre, diesen Krieg zu verlieren, auch aus taktischem
Unvermögen. Und dass es in Stuttgart jeder Menge Kommunisten
geben würde und ich mich wundern würde, wie viele das
wirklich wären.
11.
GESTAPO MANN
Ich verstehe, ich verstehe. Und deswegen möchten sie diesen
Herrn anzeigen.
ARTUR
In der Tat.
GESTAPO MANN
Sie wissen, dass diese Äußerungen des Herrn Adami glatte
Wehrkraftzersetzungen sind, oder? Das kann ihn den Kopf
kosten.
ARTUR
Ich bin Soldat, ich tue nur meine Pflicht.
GESTAPO MANN
Nun gut, dann nehmen wir die Anzeige mal auf. Also, ihr Name
ist (ab jetzt langsam ausfaden)?
ARTUR
Ebert. Artur Ebert.
GESTAPO MANN
(tippt in die Schreibmaschine)A R T U R E B E R T. Gut. Wann
sind sie geboren?
ARTUR
Am 16.03.1906.
GESTAPO MANN
(tippt wieder) Am sechzehnten dritten neunzehnhundertundsechs
(jetzt müsste der Fade vorbei sein)
<Stille>
MARIA
Es war am 20. 3. 1944. Da haben sie geklopft. Morgens um 6.
Und laut gerufen:
MARIA
“Aufmachen! Gestapo! Wir
suchen Wilhelm Gustav Adami!”
GESTAPO MANN
“Aufmachen! Gestapo! Wir
suchen Wilhelm Gustav Adami!”
<Der Gestapo Mann ruft laut, ist aber leiser zu hören unter
Marias Erzählung>
MARIA
Sind in unsere Wohnung eingedrungen. Mit Gewehren und
Pistolen. Und dann haben sie ihn einfach mitgenommen. Durfte
sich noch eine Hose anziehen und dann wurde er einfach
abgeführt. Ich konnte mich nicht mal richtig verabschieden.
12.
WILHELM
Ja. Da wusste ich eigentlich sofort: Das wars. Ich hab fast
ein Jahr auf meinen Prozess gewartet. Hab in der Zwischenzeit
mein Testament gemacht, weil ich wusste, ich komme hier nicht
mehr lebend raus.
MARIA
Er hat dann auch andauernd so Andeutungen gemacht, wenn ich
ihn mal besucht habe, dass er nicht glaubt, jemals wieder
rauszukommen. Er wollte sogar, dass ich sein Geschäft
verkaufe. Aber weder ich, noch seine Angestellte, wollten
das. Wir haben das Geschäft gehalten. Damit er Hoffnung
schöpft. Damit er etwas hat, wenn das alles vorbei ist.
WILHELM
Ja, und dann kam der Prozess. In Berlin. Vor dem
Volksgerichtshof. Pff! Der Ebert war da und bestätigte alles,
was er damals bei der Gestapo gesagt hat. Das hat denen
gereicht. Mehr brauchten die nicht. Das bedeutete für mich:
Zuchthaus. Drei Jahre. “Freundlicherweise” wurde meine Zeit
in der Untersuchungshaft angerechnet.
MARIA
Und dann bekam ich den Brief von unserem Anwalt mit dem
Urteil. Hier...(Papier rascheln, sie liest vor)
Sehr geehrte Frau Adami. In der heutigen Hauptverhandlung ist
ihr Ehemann zu drei Jahren Zuchthaus unter Anrechnung der
Untersuchungshaft seit März 1944 verurteilt worden. Es sind
demnach noch zwei Jahre und zwei Monate zu verbüssen. Mein
Honorar beträgt gemäss § 63 RAGO, 1200 Reichsmark zuzüglich
23 Reichsmark Auslagen und 24,46 Reichsmark Umsatzsteuer.
Hierauf sind bereits 500 Reichsmark gezahlt. Den Restbetrag
von 747, 46 Reichsmark bitte ich noch zu überweisen.
Gezeichnet Dr. Sack, Rechtsanwalt.
Mein Wilhelm. Im Zuchthaus.
HOST:
Am 4. April 1945 starb Wilhelm Gustav Adami im sächsischen
Lager Coswig an, wie es heißt, “Herzschwäche und
Kreislaufstörungen”. Zweieinhalb Monate nach seiner
Verurteilung.
<Musik>
HOST:
Nur einen Monat nach Wilhelms Tod kapitulierte die Wehrmacht
und der Krieg war beendet. Das Lager in Coswig, in dem vor
allem politisch Gefangene waren, wurde befreit. Dort waren ca
900 Gefangene auf einem Raum, in dem nur ca 300 Gefangene
überhaupt Platz hatten. Man kann die katastrophalen Zustände
nur erahnen, die dort geherrscht haben müssen.
(MORE)
13.
Maria Adami macht nach dem Krieg zwei Sachen: Sie beantragt
Haftentschädigung und Entschädigung für Schaden im
beruflichen Fortkommen als Hinterbliebene ihres Mannes.
Fordert sie ein. Ihr Antrag aus dem September 1947 endet mit
den Worten: “Infolge totalen Fliegerschadens bin ich schon 3
Jahre ohne eigene Wohnung und immer noch gezwungen in einem
Zimmer mit Küchenbenutzung als Untermieterin zu wohnen.
Monatliche Miete 40 RM, während die meisten Nazis noch in
schönen eigenen Wohnungen wohnen.”
Sie will Gerechtigkeit, auch an anderer Stelle: Am 28.
November 1947 erstattet sie Anzeige gegen das Ehepaar Artur
Ebert wegen Denunziation. Die Aussagen der Beschuldigten, auf
denen auch das Stück basiert, das wir eben gehört haben,
entlasten Margarete Ebert. Artur versucht sich selbst zu
entlasten, in dem er erklärt, dass er die Konsequenzen seiner
Anzeige so nicht gewollt haben soll. Er sagte dazu: “
Meine Absicht war nicht, etwa ein Urteil gegen Adami zu
erreichen, dass dieser hingerichtet wird, sondern ich wollte
lediglich erreichen, dass er für die Dauer des Krieges aus der
Volksgemeinschaft verschwindet, damit er kein weiteres Unheil
bzw. keine Wehrkraftzersetzung mehr ausüben kann.”
Und: “Ich bedaure außerordentlich, dass ich durch meine Anzeige
bei der Gestapo ein solches Urteil hervorgerufen habe.”
Nun, es hätte mehr als genug Momente gegeben, in denen Artur
Ebert hätte umdenken können. Aber er wollte unbedingt diese
Anzeige aufgeben. Und liess sich von nichts und niemandem
davon abhalten. War es persönliche Kränkung? Mag sein, da
können wir nur spekulieren. Er selbst sagte dazu: “Zu der
Anzeige gegen Adami fühlte ich mich als Soldat verpflichtet,
nachdem bei Kompanie-Belehrungen darauf hingewiesen wurde,
dass solche Elemente unbedingt zur Strecke zu bringen seien.”
Klingt schon sehr überzeugt von dem, was er da getan hat.
1949 wird Artur Ebert zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt
wegen “Verbrechen gegen die Menschlichkeit”.
<Musik>
HOST:
In der Zwischenzeit hat Maria Adami Probleme mit dem Amt für
Wiedergutmachung bekommen. Weil sie auf ihrem Antrag nicht
angegeben hat, dass ihr Mann Mitglied der NSDAP gewesen ist.
Als das rauskam, wurden ihr alle bewilligten Zahlungen
gestoppt und ihr Antrag abgelehnt. Die seitenlange Begründung
der Ablehnung liest sich dabei sehr interessant. Weil sie so
detailreich ist und die Begründung sehr genau darlegt. Sie
sagt im Grunde: Wer in der NSDAP war, hat den
Nationalsozialismus unterstützt, egal aus welchen Gründen.
HOST: (CONT’D)
(MORE)
14.
Und die Aussagen, die Wilhelm im Gespräch mit Albert
getroffen habe, hätte auch ein halbwegs überzeugter Nazi
treffen können, der seine Augen nicht vor der Realität
verschliesst. Dass das Justizministerium an der Stelle
anscheinend nicht auf solche Aussagen von Wilhelm wie über
Rosa Luxemburg eingeht - geschenkt. Maria Adami hat auf ihrem
Antrag für Hinterbliebenenrente bei der Frage, nach einer
NSDAP-Zugehörigkeit ihres Mannes mit “Nein” geantwortet und
sich damit selbst in die Bredouille gebracht. Weil das ja
dann schon aktives Lügen war. Und für das Amt wie das
erschleichen von Leistungen wirken musste. So schreibt das
Justizministerium im seiner Klageabweisung:
AKTENSTIMME
“Für das Entschädigungsgesetz darf aber nicht davon
abgegangen werden, dass jeder, der Mitglied der NSDAP wurde,
allein dadurch schon der nationalsozialistischen
Gewaltherrschaft Vorschub geleistet hat. Damit soll ihm kein
Vorwurf in moralischer Beziehung gemacht werden, in den
bevorzugten Kreis der Empfänger von Wiedergutmachungsmitteln
gehören aber weder er noch seine Hinterbliebenen.”
HOST
In den darauffolgenden Jahren passieren mehrere Dinge
gleichzeitig: Maria Adami und Artur Ebert legen ihren
Rechtsstreit bei. Und Maria erhält Wiedergutmachung in Form
von Entschädigungs- und Rentenzahlungen. Ermöglicht wurden
die Zahlungen durch das 1953 rückwirkend in Kraft getretene
BEG, das Bundesentschädigungsgesetz. Ihr werden fast 30.000
DM Entschädigung zugesprochen.
Jetzt denkt sich der Gesetzgeber aber: Das Geld holen wir uns
wieder bei dem Mann, der dafür verantwortlich ist: Artur
Ebert. Der fügt sich seinem Schicksal, gibt vor Gericht alles
zu. Will dann aber noch was loswerden, wie man im Protokoll
lesen kann:
AKTENSTIMME
“Herr Ebert hatte keine sachlichen Einwendungen vorzubringen,
er legte lediglich Wert darauf, dazutun, dass er nach seiner
Auffassung nicht aus ehrenrührigen Gesichtspunkten heraus
seinerzeit gehandelt hat.”
HOST:
Das Urteil, dass dann folgt, im Oktober 1959, war so zu
erwarten: Artur Ebert muss zahlen. Das einzige Problem war,
dass er kein Geld hatte. Da war so gut wie nichts zu holen.
Durch seinen Gefängnisaufenthalt und als verurteilter
Straftäter, bekam er keinen besonders guten Job und wenn er
einen hatte, dann keine besonders guten Aufstiegschancen.
Nicht für jemand, der wegen “Verbrechen gegen die
Menschlichkeit” im Gefängnis gesessen hat. Er bat um einen
Erlass der Schulden. Aber so einfach wollte man es ihm auch
nicht machen.
HOST: (CONT’D)
15.
Das Amt liess sich offiziell bestätigen, wie hoch das
Einkommen von Ebert war. Und setzte einen monatlich zu
zahlenden Betrag von 30 DM fest. Das war bei seinem Einkommen
noch sozial verträglich und trotzdem eine angemessene Strafe.
Allen Beteiligten war klar, dass er die Gesamtsumme niemals
damit würde zurückzahlen können. Aber darum ging es im Kern
auch nicht. Nach mehreren Jahren des stets pünktlichen
zahlens und mit dem Renteneintritt von Ebert, beantragte er
erneut einen Schuldenerlass. In der Akte ist dazu am 27. März
1973 vermerkt:
AKTENSTIMME
Auf Grund der Vereinbarung zwischen dem Justizministerium
BaWü und dem Schuldner Ebert ist die Forderung des Landes auf
Schadensersatz gemäß dem Versäumnisurteil des Landgerichts
Karlsruhe vom 14.10.1959 erlassen worden.
HOST:
Ein behördlicher Akt der Gnade. Und auch wenn Ebert nicht
mehr zahlen musste, bekam Adamis Witwe weiter
Wiedergutmachungsleistungen vom Bund. Da ihr Mann ein Opfer
des Nationalsozialismus war, eines Systems, das sich in
diesem Fall nicht als SS-Soldat oder KZ-Aufseher
präsentierte. Sondern als einfacher, kleiner Funktionär, den
man bei einem Kaffee bei Bekannten traf. Und der als kleines
Rädchen im System, einmal das große Rad drehen und ein Held
sein wollte, der sich schützend vor Hitler und seine
Machenschaften stellte und einen Mann verriet und damit
dessen Todesurteil fällte. Und das, vielleicht, mit voller
Absicht.
Bis zum nächsten Mal, bei “Sprechende Akten”.

Im März 1944 begegneten sich Wilhelm Adami (* 5. Mai 1887) und Artur Ebert (* 16. März 1906) rein zufällig in der Wohnung des Ehepaars Dümmig in Karlsruhe. Wilhelm war damals als selbständiger Steuerberater tätig – beim Finanzamt war er aufgrund seiner politischen Einstellung bereits 1933 entlassen worden und danach zur Vermeidung weiterer beruflicher Nachteile in die NSDAP eingetreten. Wegen abfälliger Äußerungen über die deutsche Kriegsführung und deren mangelnde Erfolgsaussichten denunzierte ihn Ebert. Adami wurde verhaftet und zu einer dreijährigen Haftstrafe verurteilt. Er starb am 4. April 1945 im Gefängnis Coswig in Sachsen unter ungeklärten Umständen.

Wilhelms Frau Maria beantragte für ihren verstorbenen Mann Wiedergutmachungsleistungen. Für Verzögerungen sorgte Wilhelms Mitgliedschaft in der NSDAP, deren opportunistischer Charakter aber am Ende anerkannt wurde. Frau Adami erhielt neben sachbezogenen Beihilfen ab Mitte der 1950er Jahre Entschädigungszahlungen. Artur Ebert wurde wegen der Denunziation 1949 zu zwei Jahren Haft und zu Entschädigungszahlungen verurteilt.

Staffel 1 - Folge 5: Jette Frankfurter. Eine jüdische Rentnerin und die Debatte um ihre Haftentschädigung

Titelbild Podcast "Sprechende Akten"
Buch: Nilz Bokelberg; Redaktion: Lisa Victoria Hertwig; Aufnahme, Sounddesign & Mischung: Michael Viol; Musik: Falk Andreas; Erzählerin: Ulrike Kapfer; In den weiteren Rollen: Christa Andreas, Elke Appelt, Gerald Blomeyer, Frederic Böhle, Elmar Börger, Rita Feldmeier, Renate Fleischhauer, Robert Frank, Christian Olah, Sven Sommer | Landesarchiv Baden-Württemberg

Sprechende Akten
Episode 5: Jette Frankfurter
HOST:
Nach dem zweiten Weltkrieg bot die noch junge Bundesrepublik
den Opfern und Verfolgten des Naziregimes so genannte
“Wiedergutmachungszahlungen”. Doch nicht nur der Begriff war
problematisch, auch der Prozess, eine solche Zahlung zu
erhalten, gestaltete sich häufig als äusserst schwierig. Denn
die Sachbearbeiter, die über die Zahlungen entschieden,
urteilten sehr unterschiedlich. Teilweise mit äusserster
Härte, manchmal voller Verständnis. Aber stets nach geltender
Gesetzeslage.
Das Landesarchiv Baden-Württemberg möchte diesen Teil
deutscher Historie mit diesem Podcast wieder sichtbar machen
und hat einige Entschädigungsakten ausgesucht, die nicht nur
zeigen, welche Geschichten sich hinter den bürokratischen
Verfahren verbergen, sondern auch, wie chaotisch die
Regelungen teilweise waren. Und wie ein Land versucht hat,
das Grauen aufzuarbeiten, dass es gerade erst begangen hat.
Geschichte wird wieder lebendig, durch “Sprechende Akten”.
<Titelmusik>
HOST:
Herzlich Willkommen zu den “Sprechenden Akten”. In der
heutigen Folge geht es um die Geschichte von Jette
Frankfurter aus Mannheim. Die ist in mehreren Punkten
bemerkenswert: Denn Jette wurde nicht nur im Rentenalter nach
Frankreich deportiert, sondern rang auch mit den Behörden um
die äusserst schwierige Frage: Welche Form von
Freiheitsberaubung ist eigentlich
Wiedergutmachungsberechtigt?
Jette Rapaport - oder Henriette wie sie eigentlich heißt,
aber schon bald von niemandem mehr genannt wird - wird am
15.5.1875 in Calbe an der Saale geboren. Das ist in Sachsen-
Anhalt. Im Alter von 17, 1892, heiratet sie Alex Frankfurter
und nimmt seinen Nachnamen an. Das Paar zieht dann nach
Mannheim in den Stadtteil Jungbusch. Dieser Stadtteil
entstand überhaupt erst kurz vor Jettes Geburt, sprich: Die
Häuser waren ziemlich neu und sehr modern. Der Jungbusch war
bereits für damalige Verhältnisse total hip.
Und das Leben läuft: Alex und Jette bekommen im Laufe der
Zeit drei Söhne, alle recht nah beieinander, sie kommen 1900,
1904 und 1906 zur Welt. Jette ist als Hausfrau zu Hause und
kümmert sich um Heim und Herd, während Alexander arbeitet und
das Geld nach Hause bringt. So weit, so normal.
2.
Aber dann kommt der erste große Schicksalsschlag, der alles
auf den Kopf stellt: Alex stirbt. 1929. Der Ernährer ist weg.
Jette muss sich jetzt nochmal komplett neu orientieren. Denn
sie muss Geld verdienen, um über die Runden zu kommen. Und so
findet man in ihrer Akte einen sogenannten “Erlaubnisschein”
aus dem Jahre 1935. Der klingt so.
AKTENSTIMME
Nur für das Jahr 1935: Erlaubnisschein gültig für den Bezirk
der Gemeinde Mannheim. Jette Frankfurter, geborene Rapaport,
welcher in der hiesigen Gemeinde einen Wohnsitz (eine
gewerbliche Niederlassung) besitzt, ist befugt, innerhalb des
Gemeindebezirks auf öffentlichen Wegen, Straßen, Plätzen oder
an anderen öffentlichen Orten oder ohne vorgängige Bestellung
von Haus zu Haus zu, feilbieten von Blumen, Spielwaren,
Zuckerwaren, Postkarten aller Art. Mannheim, den 8. Februar
1935. Polizeipräsidium.
Beschreibung der Person des Inhabers: Gestalt: Kräftig.
Augen: braun. Haar: grau. Alter: 59. Keine besonderen
Kennzeichen. Deutsch.
HOST:
Dazu ist ein Bild von Jette in den Schein geklebt. Ein
typisches, ernst dreinblickendes Passfoto. Aber sie sieht
irgendwie stolz aus, hat eine moderne Kurzhaarfrisur und
schicke Perlenohrringe. Ihr Hals liegt frei und man sieht
eine dunkle Kette mit hellen Perlen (?) in gleichmässigen
Abständen. Sie sieht aus wie jemand, dem man nicht blöd
kommen kann. Und auch nicht sollte. Auf der anderen Seite des
Scheins stehen noch die Bedingungen, die an diese Art des
Gewerbescheins geknüpft sind. Das klang damals so:
AKTENSTIMME
Minderjährige Personen dürfen das Gewerbe nicht nach
Sonnenuntergang, und minderjährige Personen weiblichen
Geschlechts dürfen ausserdem dasselbe nur auf öffentlichen
Wegen, Straßen und Plätzen, nicht aber von Haus zu Haus
betreiben.
HOST:
Nun war Jette ja schon fernab der Minderjährigkeit. Aber von
Haus zu Haus war auch nicht ihr Ding. Sie hatte einen mobilen
Verkaufsstand, ein sogenanntes Wandergewerbe und stand damit
vor allem am Mannheimer Rosengarten. Das war eine riesige
Festhalle im Jugendstil in Mannheim, die 1903 eröffnet wurde
und mit dem 6000 Leute fassenden Nibelungensaal damals einen
der größten Säle Deutschlands hatte. Da war also immerf
ordentlich was los. Und Jette stand davor und bot ihre Waren
an.
<Stimmengewirr, Volksfest, Leierkasten in der Ferne>
3.
AGILE JETTE (60 JAHRE ALT)
Leute, kommt, kommt her, kommen sie näher!
Was sie suchen, jede Wette,
kriegen sie, nur hier bei Jette!
Ich hab wundervolle Schnittblumen für die Damen oder tolle
Kreisel für die Kleinsten! Und natürlich Süßwaren für alle!
Schokobananen! Lollis! Lebkuchenherzen für die Liebste!
Kommen sie, kommen sie näher!
HOST:
Ein Knochenjob. Keine festen Öffnungszeiten und Jette ist
immer darauf angewiesen, dass was los ist. Sonst steht sie
sich die Beine in den Bauch und kriegt nichts verkauft. Sie
verdient in der Zeit etwa 150-200 Reichsmark pro Monat. Das
wären heute so 600-800 Euro. Kein großes Einkommen.
Vermutlich kam Jette gerade so irgendwie über die Runden.
Ihre Kinder waren ja schon lange aus dem Haus. Und dann kommt
das Jahr 1936.
<Musik>
HOST:
Was ist los, 1936? In den USA wird Roosevelt zu einer zweiten
Amtszeit gewählt. Die erste Ausgabe des Magazins “Life”
erscheint. Die Hindenburg, dieser berühmte Zeppelin, hat ihre
erfolgreiche Jungfernfahrt absolviert und macht in diesem
Jahr ihren ersten Atlantik-Flug - 61,5 Stunden von Frankfurt
nach New York - Rekordzeit! In Berlin finden in diesem Jahr
ausserdem die olympischen Spiele statt, die von den Nazis als
einzige, große PR-Veranstaltung genutzt werden. Und während
das Hitler-Regime versucht, sich als Gastgeber der Welt zu
präsentieren, sieht es im Land ganz anders aus: Zum Beispiel
werden Juden erstmals von den Reichtagswahlen ausgeschlossen,
die aber sowieso nur Scheinwahlen sind, bei denen das
gewünschte Ergebnis schon feststeht. Oder die Wehrmacht
marschiert ins entmilitarisierte Rheinland ein.
Im Mannheimer Rosengarten hingegen ist im Februar Maskenball -
denn es ist ja Fassenachtsaison. Da muss richtig was los
gewesen sein.
<Wieder Rosengarten Atmo>
AGILE JETTE
Kommt, Leute, kommt her! Ich bin ne Nette, kauft bei Jette!
Oh, tolles Kostüm, der Herr!
<Während Jette für uns leiser wird, hören wir im Vordergrund
zwei andere Händler mit einander reden, Gotthilf und Freddy>
FREDDY
Diese Jette, die geht mir auf den Wecker.
4.
GOTTHILF
Ja, mir auch. Die schnappt uns die Kunden weg, weil sie immer
so weit vorne steht. Bei uns kommt kein Kunde mehr an.
FREDDY
Genau. Und immer diese gute Laune von der, das ist doch
gespielt. Schauspielerei!
GOTTHILF
Pst, hör mal, weißt du, was mir zu Ohren gekommen ist?
FREDDY
Ne, was denn?
GOTTHILF
Die Frankfurter, die ist Jüdin.
FREDDY
Jette? Jüdin?
GOTTHILF
Ja!
FREDDY
(freut sich) Hahaha, aber Gotthilf! Weißt du, was das
bedeutet?
GOTTHILF
Ne. Was meinst du denn? Willst du das anzeigen?
FREDDY
Ich sage dir: Die sind wir los. Ich geh gleich morgen aufs
Amt und gebe Bescheid. So weit kommt das noch, dass uns die
Juden hier die besten Plätze wegschnappen!
GOTTHILF
Und was passiert dann mit der?
FREDDY
Ach, pff, keine Ahnung. Aber die kriegt auf jeden Fall einen
übern Deckel.
<Fade, die agile Jette verkauft immer noch im Hintergrund>
HOST:
So ähnlich mag es gewesen sein. Jedenfalls: Jemand denunziert
Jette als Jüdin. Und das hat sofort Folgen für sie.
<Amtsstube, eine Unr tickt, jemand tippt etwas auf einer
Schreibmaschine, ein vorsichtiges Klopfen>
BEAMTER
Herein!
5.
<die Tür geht auf, Jette kommt herein, schliesst die Tür,
tritt an den Tisch>
AGILE JETTE
Guten Tag, mein Herr. Ich komme um meinen Erlaubnisschein für
dieses Jahr zu erneuern.
BEAMTER
Na, dann, kommen sie rein, nehmen sie Platz.
AGILE JETTE
Vielen Dank.
<sie setzt sich>
BEAMTER
Name?
AGILE JETTE
Frankfurter. Jette Frankfurter. Geboren am 15. Mai 1875 in
Calbe an der Saale.
BEAMTER
Ah, schönes Örtchen. (er durchwühlt Akten) Frankfurter,
Frankfurter, wo haben wir sie denn, ah, da! Jette
Frankfurter, da sind sie ja. Er schlägt die Akte auf. So, sie
wollen also einen Erlaubnisschein für 1936, für ihr
Wandergewertbe, wenn ich das richtig sehe?
AGILE JETTE
Genau. Blumen, Spielwaren, Zuckerwaren.
BEAMTER
Ja, gut, dann wollen wir- oh.
AGILE JETTE
Ist alles in Ordnung?
BEAMTER
Frau Frankfurter, ich seh hier gerade einen Aktenvermerk.
AGILE JETTE
Ja?
BEAMTER
Sie sind ja Jüdin.
AGILE JETTE
Ja, und?
BEAMTER
Ja, das geht nicht. Das hätten sie mir direkt sagen müssen.
Oder wollten sie das etwa verheimlichen?
6.
AGILE JETTE
Nein! Aber ich wusste nicht das-
BEAMTER
Wusste nicht, wusste nicht, sie werden ja sicherlich
mitbekommen haben, dass unsere Regierung erst einmal deutsche
Interessen berücksichtigt. Deutsche, verstehen sie, nicht
jüdische.
AGILE JETTE
Ich verstehe leider nicht. Ich bin doch Deutsche?
BEAMTER
Ha! Ja, sicher Frau Frankfurter. Auf dem Papier. Aber zu
einer richtigen Deutschen reicht es dann doch nicht so ganz,
nicht wahr?
AGILE JETTE
Wie bitte?
BEAMTER
Naja, wir müssen das auch hier nicht unnötig in die Länge
ziehen, der Fall ist ja sonnenklar: Ihr Erlaubnisschein ist
natürlich abgelehnt (Stempelsound).
AGILE JETTE
Abgelehnt? Aber was soll ich denn jetzt machen?
BEAMTER
Das ist nun wirklich nicht meine Sorge, ich wünsche ihnen
einen guten Tag. Heil Hitler!
<Jette steht auf und geht raus - das Schliessen der Tür hallt
nach>
HOST:
Plötzlich durfte Jette nicht mehr arbeiten. Übrigens ohne
rechtliche Grundlage, die “Verordnung zur Ausschaltung der
Juden aus dem deutschen Wirtschaftsleben” wurde erst 1938
verabschiedet. Also war das alles reine Schikane an ihr. Wie
sie viele andere Juden auch im Land erlebt haben. Jette wurde
die Arbeit verboten. Von Heute auf Morgen. Einfach die
Lebensgrundlage entzogen. Die Mannheimer Polizei schickte ihr
einen Brief, in dem stand, dass sie aufgrund ihrer
nichtarischen Abstammung ihr Geschäft nicht weitertreiben
dürfe. Und ab da wird es still um Jette. Aus der Akte geht
nicht hervor, was sie in den kommenden vier Jahren treibt, wo
sie verbleibt. Es ist aber anzunehmen, dass sie in ärmlichen
Verhältnissen lebt - wenn auch in der Vier-Zimmer-Wohnung die
ihrer Familie gehört - und irgendwie versucht, in Mannheim
über die Runden zu kommen.
<Musik>
7.
HOST:
Am 22. Oktober 1940 wird Jette Frankfurter von den Nazis aus
ihrer Wohnung in der Jungbuschstraße 3 in Mannheim geholt.
Sie kommt, als sogenannte “Volljüdin”, ins
Konzentrationslager Gurs in Südfrankreich. Sie ist damit
Opfer der Wagner-Bürckel-Aktion, bei der im Oktober 1940 über
6500 Jüdinnen und Juden aus Baden und der Saarpfalz verhaftet
und nach Gurs deportiert werden. Sie ist zu diesem Zeitpunkt
65 Jahre alt. Am 20. Januar 1942 wird sie ins KZ Noé, südlich
von Toulouse, verlegt. Ein 140.000 Quadratmeter großes Lager,
in dem zu dieser Zeit 2500 Menschen eingesperrt sind. Dort
wird sie am 19. August 1943 entlassen und kommt mit 50
weiteren Jüdinnen in ein Altersheim nach St. Laurent-Du-Pont,
einen kleinen Dorf in der Nähe von Grenoble. Am 10. September
1946 kann Jette endlich nach Mannheim zurückkehren. Sie ist
zu diesem Zeitpunkt 71 Jahre alt.
Doch auch in Mannheim ist das Leben für Jette mit
Entbehrungen verbunden. Am Ersten August 1947 geht beim
städtischen Wohlfahrtsamt ein Antrag von Jette ein, die die
Fürsorge-Zahlungen - so eine Art Sozialhilfe - , die sie
kriegt, umwandeln will in Wiedergutmachungszahlungen. Dazu
erklärt sie ihre wirtschaftlichen Verhältnisse, die sich in
dem Antrag wie folgt beschrieben finden:
AKTENSTIMME
Frau Frankfurter ist Witwe und lebt zusammen mit einer
Schwägerin, Frau Kühnreich. Für das Zimmer, das beide
gemeinsam bewohnen, zahlt jede der beiden Frauen 10
Reichsmark monatlich. Frau Frankfurter erhält von ihrem Sohn
Adolf, über den Verbleib ihrer beiden anderen Söhne ist in
der Akte nichts zu finden, einen monatlichen
Unterhaltsbeitrag von 20 Reichsmark.
HOST:
Puh. Sie kriegt also 50 Reichsmark monatliche Fürsorge und
noch 20 Reichsmark von ihrem ältesten Sohn dazu. Zehn gehen
für die Miete des Zimmers ab, dass sie sich noch teilen muss.
Damit bleiben ihr 60 Reichsmark im Monat zum leben. Sie
stellt den Antrag auf Anerkennung als rassisch Verfolgte. Und
der Fall ist mehr als klar, weswegen sich das
Justizministerium auch nicht lange bitten lässt: Noch im
Oktober bekommt sie eine Sofortzahlung von 1000 Reichsmark
zugesprochen und im Dezember eine monatliche Zahlung von 150
Reichsmark. Vier Monate später, bekommt sie einen Brief.
AKTENSTIMME
An Frau Jette Frankfurter. Um eine gebnaue Feststellung des
ihnen durch den Nationalsozialismus zugefügten Schaden
treffen zu können, werden sie gebeten, die einliegenden
Anträge auf Wiedergutmachung genau ausgefüllt hier
einzureichen. Für eine baldige Erledigung bitten wir besorgt
zu sein. Gezeichnet Regierungsrat.
(MORE)
8.
HOST:
Abgesehen von der wundervollen Beamten-Poesie in dem Halbsatz
“bitten wir besorgt zu sein”, will es die Landesbezirksstelle
für die Wiedergutmachung in Karlsruhue hier noch einmal genau
wissen. Jette füllt alles gewissenhaft aus. Sie schreibt,
dass die Körperbeschädigung, die sie als Folge der Haft hat,
“Ischias und Herzleiden” seien. Unter “Sonstige
Vermögensschädigung” schreibt sie 15.000 Mark und als Grund
in aller Kürze:
JETTE
“Ich wurde meiner Wohnung 4 Zimmer und Küche von den Nazis
gestohlen”.
HOST:
Unter dem Punkt “Schilderung der augenblicklichen
wirtschaftlichen Verhältnisse” schreibt sie
JETTE
“Ich besitze nur mit meiner Schwägerin Anna Kühnreich ein
Zimmer und erhalte monatlich von der Justizkasse Karlsruhe
150 Mark. Habe bis jetzt noch keinerlei Möbel oder Wäsche
sowie Kleider erhalten.”
HOST:
Es bleibt so weit erstmal ruhig. An Weihnachten bekommt sie
einen Weihnachtsbonus von 25 Mark. Im August 1949 meldet sich
das Amt wieder bei Jette - mit einer niederschmetternden
Botschaft:
AKTENSTIMME
Mannheim, den 18. August 49
An Frau Jette Frankfurter, Mannheim.
Wir müssen ihnen leider mitteilen, dass die bisher gewährte
monatliche Beihilfe mit Ablauf des Monats August 1949
eingestellt wird, da die Bewilligungszeit abgelaufen ist. Im
Falle einer zwingenden Notlage können sie einen Antrag auf
einmalige Beihilfe beim öffentlichen Anwalt für die
Wiedergutmachung in Mannheim stellen. Rechtsmittelbelehrung:
Gegen diese Entscheidung ist binnen zwei Wochen nach
Zustellung Berufung an das Justizministerium, Nebenstelle
Karlsruhe zulässig. Gezeichnet Oberregierungsrat.
HOST:
Die streichen Jette das Geld. Die reagiert und schreibt
zurück:
JETTE
Habe ihr Schreiben wegen Einstellung meiner Unterstützung
oder Rente von 150 DM pro Monat erhalten. Ich lege hiermit
Berufung ein, mit folgender Begründung.
JETTE (CONT’D)
9.
Ich bin 74 Jahre alt und arbeitsunfähig. Zudem habe ich mir
im Lager in Frankreich verschiedene Leiden zugezogen, sodass
ich heute auf meine alten Tage immer in ärztlicher Behandlung
sein muss ich habe auch kein Einkommen und bin auf die Rente
angewiesen. Ich bitte daher, mir mit sofortiger Wirkung meine
Rente weiterhin auszuzahlen. Ein ärztliches Attest lege ich
hiermit bei. Hochachtungsvoll, gezeichnet Jette Frankfurter.
HOST:
Man hört Jettes Schreck und Wut ganz gut in dem Brief. Sie
lässt auch die Begrüßungsfloskel weg, sie will nicht mal mehr
höflich sein. In dem Attest steht nur handschriftlich:
ARZT
Frau Jette Feankfurter steht bei mit seit längerer Zeit in
Behandlung. Es besteht bei ihr ein schweres Herzleiden und
schweres Rheuma. Sie ist vollkommen Arbeitsunfähig.
Gezeichnet Dr. Obry-Hemmer.
HOST:
Und Jette bekommt nochmal Antwort - und Geld.
AKTENSTIMME
Aufgrund ihres obigen Einspruchs wird ihnen die bisher
gewährte laufende monatliche Beihilfe in Höhe von 150 DM um
zwei Monate weiterbezahlt. Wie machen jedoch darauf
aufmerksam, dass sie inzwischen Haftentschädigungsantrag
stellen können, wodurch sie in Besitz einer größeren
Geldsumme gelangen, oder einwandfrei nachweisen müssen, dass
sie in ursächlichem Zusammenhang mit der ehemals erlittenen
Vefolgung Körperschaden erlitten haben.
HOST:
Jette stellt also den Antrag auf Haftentschädigung. Als
Beweis legt sie zwei eidesstattliche Erklärungen bei, von
ihrer Schwägerin und Mitbewohnerin Anna Kühnreich und von
Regina Kuhn, die besagen, dass sie mit Jette im Lager in
Frankreich inhaftiert waren. Ausserdem eine Deportations-
Bestätigung von der jüdischen Kultusgemeinde in Mannheim.
Und das Amtsgericht Mannheim stimmt ihr einfach sofort zu.
Sie wollen 3000 DM direkt zahlen und insgesamt 8100 DM für
die 54 Monate, die sich Jette in Haft befunden hat. Das ist
im September 1949. Im Oktober 1949 hat der Oberregierungsrat
sich aber alles nochmal genau angesehen und hat anscheinend
noch Fragen. Er schreibt Jette einen Brief.
AKTENSTIMME
Mannheim, den 8. 10. 49
Um ihren Haftentschädigungsanspruch einwandfrei feststellen
zu können, bitten wir um genaue Angaben, von wann bis wann
sie in den einzelnen Lagern in Frankreich waren und zu
welchem Zeitpunkt die Gewaltherrschaft des
Nationalsozialismus in ihrem Lager im Jahre 1944 beendet war.
(MORE)
10.
Nach Möglichkeit bitten wir, ihre Angaben nicht nur durch
eidesstattliche Versicherungen, sondern durch amtliche
Bescheinigungen zu belegen. Der für sie zuständige
öffentliche Anwalt wird ihnen bei der Beschaffung der
erforderlichen Unterlagen gern behilflich sein. Gezeichnet
Oberregierungsrat.
HOST:
Ui, das ist schon sehr scharf formuliert alles. Da ist jemand
anscheinend genervt.
<Musik>
HOST:
Das ist Jette aber auch, für die es um mehr, nämlich um alles
geht. Sie schreibt einen Brief zurück:
JETTE
Ich wurde am 22.10.1940 im Zuge der Judendeportierung
zwangsweise nach Frankreich deportiert und kam im Jahre 1946
von dort zurück. Ich bin heute 74 Jahre alt und zu keinerlei
Arbeit mehr zu gebrauchen. Meine Wohnung wurde mir
versteigert und ich besitze zur Zeit nur die notdürftigsten
Gegenstände zum Wohnen. Ich kann es nicht verstehen, dass man
mir alte Frau, die krank und gebrechlich vom Lager zurückkam,
die Unterstützung, die mir doch zustehen muss, zu sperren und
ich mich an die Fürsorge zur weiteren Lebenserhaltung wenden
muss. Ich bitte sie daher höflichst, wie dringend, mir den
Grund mitzuteilen, warum man mir meine Unterstützung
abspricht, da ich der Auffassung bin, dass man mit alte Frau
gegenüber doch immer gewissen Verpflichtungen hat. Ihrer
baldigen Antwort entgegensehnend, zeichne ich,
hochachtungsvoll, Jette Frankfurter.
HOST:
Doch der Appell reicht der Behörde nicht. Jette geht somit in
die nächste Instanz und klagt vor der Wiedergutmachungskammer
des Landgerichts gegen den negativen Entscheid. Das Gericht
stellt darauf eigene Ermittlungen an und befragt Zeuginnen.
Denn: Die Lager Gors und Noé sind absolut unstrittig. Die
zählen selbstverständlich als Wiedergutmachungsfälle. Aber
der Aufenthalt in Saint Laurent, der macht die Beamten
stutzig. Da sie Saint Laurent nirgendwo als Lager führen und
das von allen Beteiligten immer als “Altersheim” genannt
wird. Deswegen forschen sie nach und als erstes befragen sie
Rosa Margarethe Israel. Die äussert sich unter anderem wie
folgt:
ROSA
Ich war vom 18.10,1945 bis zum 28.7.1947 in St Laurent du
Pont. Das ist eine kleine Stadt und in dieser Stadt hatten
Mönche ein großes Gebäude errichtet, das zur Aufnahme von
kranken und körperlich und geistig Behinderten und sonstigen
armen Menschen bestimmt war.
ROSA (CONT’D)
(MORE)
11.
Dieses Gebäude benannte sich Hospital St. Bruno. Dieses Haus
durften wir nicht verlassen, so wie wir es wollten. Nur an
Sonntagen war es erlaunt, nach St Laurent du Pont zu gehen.
Es kann kein Zweifel für mich bestehen, dass wir alle unserer
Freiheit beraubt waren, denn wir wollten ja alle nach
Deutschland zurück, was anfangs die Amerikaner nicht erlaubt
haben. Auch die deutschen Stellen haben sich ursprünglich
geweigert uns in Deutschland wieder aufzunehmen. Das Lager
stand unter französischer Aufsicht und zwar unter Leitung
eines Direktors, der keine Uniform trug. Amerikanisches
Militär habe ich im Hospital nicht gesehen. Ich bin nicht in
der Lage, Namen von Zeugen anzugeben, die sich in St. Laurent
du Pont befunden haben. Ich hatte auch im Hospital von St
Laurent du Pont stets das Gefühl, entrechtet, erniedrigt und
der Freiheit beraubt zu sein.
HOST:
Eindeutige Aussage, oder? Die Beamten haben noch eine Frau
ermittelt, die in St Laurent war. Emma Braunschild. Auch sie
wurde befragt. Und auch ihre Aussage zitieren wir hier in
großen Teilen:
EMMA
Soviel ich mich heute noch erinnere, war es etwa im Jahre
1944, als ich in das Hospiz von St Laurent du Pont kam.
Damals wurden durch Vermittlung des Papstes die über 65 Jahre
alten oder kranken Lagerinsassen aus verschiedenen Lagern
herausgeholt und in Hospize gebracht. Ich wurde damals aus
dem Lager Noe herausgenommen. In St Laurent du Pont befand
sich bis zum Einmarsch der Amerikaner natürlich die deutsche
Besatzung, die im Hospiz öfters auch nach jüngeren Leuten
forschte und auch nach Franzosen. Die Zahl der jüdischen
Insassen schwankte zwischen 50 und 70. Um das Hospiz befand
sich kein Stacheldraht, es war aber stets geschlossen, so
dass wir nicht herauskonnten. Nur zweimal in der Woche hatten
wir Ausgang nach St. Laurent du Pont. Zwangsarbeit musste
nicht geleistet werden. Wer freiwillig arbeiten wollte,
konnte Küchenarbeiten verrichten. Ich hatte im Hospiz immer
das Gefühl, in meiner Freiheit beschränkt zu sein auch nach
dem Zeitpunkt als die Deutschen abgezogen waren. Nur in
dringenden Fällen durfte, wie gesagt, das Hospiz verlassen
werden. Vor dem Abzug der deutschen Truppen kamen in das
Hospiz deutsche Soldaten mit Gewehren und wir mussten uns
damals etwa zwei Wochen in unseren Zimmern aufhalten und
durften die Zimmer nicht verlassen. Es hiess damals im
Hospiz, wir sollten deshalb unsere Zimmer nicht verlassen,
und auch nicht nach St Laurent du Pont gehen, weil die
Befürchtung bestehe, das wir noch zur Vergasung abgeholt
würden. Eines Tages sahen wir, wie die Franzosen deutsche
Besatzungssoldaten vor sich hertrieben, verprügelten, damals
war der Krieg in Frankreich zu Ende. Wir konnten uns dann
wieder im Hospiz freier bewegen.
EMMA (CONT’D)
12.
Soviel ich weiss, hatten auch sämtliche Insassen die gleiche
Verpflegung, die allerdings sehr schlecht war, noch
schlechter als in meinen früheren Lagern. Misshandlungen an
jüdischen Insassen sind nicht vorgekommen. Der Direktor war
ein sehr feiner Mann und er hat sogar verboten, dass die
Franzosen uns mit “Boches” beschimpfen.
HOST:
Kurzer Einschub: “Boches” kann man nicht so richtig
übersetzen, aber das war und ist im französischen eine
verächtliche Bezeichnung für Deutsche. Weiter mit Emmas
Aussage.
EMMA
Das Hospiz war dreckig, es gab Wanzen und Flöhe und Mäuse und
Ratten. Im ganzen war jedoch der Aufenthalt in St Laurent du
Pont doch angenehmer als zum Beispiel im Lager Noe aus dem
ich kam. Auch nachdem die Deutschen fort waren, hatten wir
nur zweimal Ausgang und zwar Donnerstags und Sonntags. Im
Städtchen selbst durften wir uns dann frei bewegen. Ich weiß
nichts darüber, ob etwas jüdische Insassen von Deutschen
verhört worden sind. Wir waren ja auch alle schon über 65
Jahre, also alte Leute. Der Garten des Hospiz war mit einer
Steinmauer umgeben. In diesem sehr schönen Park durften wir
uns jeder zeit frei bewegen.
HOST:
Das Gericht schliesst aus den Ermittlungen und diesen
Aussagen, dass die Zeit in St Laurent nicht angerechnet
werden kann, weil sie keine Haft im eigentlichen Sinne
gewesen sei. Als Fazit schreiben die Richter:
AKTENSTIMME
Nach alledem muss gesagt werden, dass die in St Laurent Du
Pont befindlichen Juden zwar dürftig untergebracht und auch
empfindlichen Beschränkungen ihrer persönlichen Freiheit
unterworfen waren, dass sie sich aber dennoch im Vergleich
mit der vorherigen Konzentrationslagerhaft in Gurs und Noe in
erheblich verbesserter Lage befunden haben. Die Klage war
also abzuweisen.
HOST:
Also quasi eingesperrt, aber nicht schlimm genug, lautete
hier das Urteil. Jette wusste, dass nach diesem Urteil in der
Sache nichts mehr zu machen war und konzentrierte sich auf
die Zahlungen mit Erfolgsaussicht. Zum Beispiel die Zahlungen
zum “wirtschaftlichen Fortkommen”, die ihr nur bis 1940
bewilligt wurden, weil sie da 65 wurde und somit ja im
Rentenalter gewesen sei. Verrückt.
<Musik>
13.
HOST:
Einmal noch wird Jette sehr aufgeregt. Am 14 Mai 1965
erreicht eine Postkarte von Jette das Landesamt für
Wiedergutmachung. Darauf steht:
JETTE
An die Wiedergutmachung Karlsruhe
Habe gestern in der Zeitung gelesen, dass alle Rentnerinnen
die 90 Jahre alt werden, einen Zuschuss von 100 Mark
erhalten. Werde am 15. Mai 65 90 Jahre alt und hoffe dass sie
mich in dieser Sache berücksichtigen. Hochachtungsvoll, Jette
Frankfurter.
HOST:
Die Postkarte bekommt sogar den “EILT SEHR” Stempel im Amt.
Man ist sich also bewusst, schnell reagieren zu müssen und,
wie man der Antwort entnimmt, auch zu wollen.
AKTENSTIMME
(freundlich) Sehr geehrte Frau Frankfurter! Bevor wir auf
ihre Zuschrift eingehen, möchten wir nicht verfehlen, Ihnen
zum 90. Geburtstag recht herzlich zu gratulieren. Möge ihnen
ein friedlicher und freundlicher Lebensabend beschieden sein.
Leider sieht das Bundesentschädigungsgesetz keine Zuwendungen
für hohe Geburtstage vor, so dass wir von uns aus Ihnen
leider kein Present machen können. Soweit wir informiert
sind, liegt dies in den Händen der Stadtverwaltungen, also in
ihrem besonderen Falle bei dem Herrn Oberbürgermeister der
Stadt Mannheim. Wir hoffen gerne, dass sie dort in Erinnerung
geblieben sind. Indem wir ihnen weiterhin alles Gute
wünschen, verbleliben wir mit vorzüglicher Hochachtung,
Gezeichnet Oberregierungsrat.
HOST:
Das ist zwar eine unbefriedigende, aber dennoch eine sehr
charmante Absage, übrigens geschrieben von Otto Hafner, dem
Leiter des Landesamts für Wiedergutmachung, höchstpersönlich.
Vielleicht war sie auch nur so nett geschrieben, um etwaige
Rückfragen zu vermeiden. Der damalige Oberbürgermeister von
Mannheim hatte dann übrigens auch nichts für Jette.
Am 6. April 66 teilt Jette dem Landesamt für Wiedergutmachung
folgendes per Postkarte mit:
JETTE
Teile ihnen mit, dass ich jetzt im Altersheim bin. Meine neue
Adresse ist:
HOST:
Und dann hört man nicht mehr viel von Jette. Am 27.3.68
schreibt Adolf Frankfurter, ihr ältester Sohn, an das
Landesamt für Wiedergutmachung:
14.
ADOLF FRANKFURTER
Hiermit teile ich ihnen mit, dass meine Mutter Frau Henriette
Frankfurter am 16.3.68 gestorben ist.
HOST:
Jette wurde 92 Jahre alt. Auf dem jüdischen Friedhof Mannheim
unter der Grabnummer F1-B-09-06 ist sie begraben, gemeinsam
mit ihrem Alex.
Und das waren sie, unsere sprechenden Akten. Kann es in
solchen Fällen jemals so etwas wie Wiedergutmachung geben?
Sicher nicht. Wie soll dieses Grauen, diese Ungerechtigkeit
mit Geld wieder gut gemacht werden? Dieses Unterfangen war
schon damals absolut aussichtslos. Aber die Anerkennung der
Schicksale, der Leidens- und Lebensgeschichten, die war und
ist bis heute möglich. Und vielleicht konnten wir ein kleines
Stück davon mit diesem Podcast leisten. Mögen ihre
Geschichten nie vergessen werden und uns immer eine Mahnung
sein. Danke fürs zuhören und alles Gute.

Jette Frankfurter, geboren am 15. Mai 1875, betrieb einen Verkaufsstand mit Blumen, Spielwaren und Süßigkeiten im Mannheimer Rosengarten. Im Februar 1936 wurde sie von konkurrierenden Verkäufern als Jüdin denunziert. Daraufhin entzog man ihr die Erlaubnis zum Betreiben des Verkaufsstandes. Am 22. Oktober 1940 wurde Jette Frankfurter zusammen mit über 6.500 Jüdinnen und Juden aus Baden und der südlichen Pfalz in das Konzentrationslager Gurs in Südfrankreich deportiert. Nach ihrer altersbedingten Entlassung aus dem KZ Noé am 19. August 1943 verbrachte man sie zwangsweise in ein jüdisches Altenheim, wo sie bis zu ihrer Rückkehr nach Mannheim im September 1946 verblieb.

Aufgrund ihrer finanziellen Notlage erhielt Jette Frankfurter ab 1947 für knapp zwei Jahre monatliche Beihilfe-Zahlungen und nach einem längeren Verfahren ab 1951 Entschädigung, jedoch – trotz der haftähnlichen Bedingungen im Altenheim – nur für die Haftzeit im KZ. Jette Frankfurter verstarb 1968 im Alter von 92 Jahren in Mannheim.

Über den Podcast

Die im Nationalsozialismus inhaftierten und hingerichteten Justizverurteilten sind eine in der Erinnerungskultur oft vernachlässigte Verfolgtengruppe. Ihre Geschichten stehen im Fokus des Pilotprojektes „2x (Un)Recht?“ der Gedenkstätte in der JVA Wolfenbüttel. Es untersucht anhand ausgewählter Biografien von ehemaligen Inhaftierten des Strafgefängnisses Wolfenbüttel, welche Entschädigungsleistungen es für diese marginalisierte Gruppe vergleichend für die Bundesrepublik und die DDR gab. Dabei stehen die Angehörigen der NS-Justizverurteilten als Betroffene und Zeitzeug*innen im Mittelpunkt. 

Das Projekt wurde von der Stiftung Erinnerung, Verantwortung und Zukunft (EVZ) und dem Bundesministerium der Finanzen (BMF) im Rahmen der Bildungsagenda NS-Unrecht gefördert und hatte eine Laufzeit von Oktober 2024 bis Dezember 2025. 

Gemeinsam mit Kursteilnehmer*innen des Kooperationspartners Arbeit und Leben Niedersachen sowie Angehörigen ehemaliger NS-Justizverurteilter entstand im Projekt „2x (Un)Recht?“ das interaktive Graphic Novel-Spiel „Gegen Mauern. Vier Leben, vier Kämpfe“ mit Zeichnungen von Jörn Jakob Peper. 

In der ersten Folge des Podcast werden das Projekt und sein Team vorgestellt. In der zweiten und dritten Folge berichten Angehörige von Biografien der in Wolfenbüttel inhaftierten NS-Justizverurteilten im Zeitzeug*innengespräch. Die vierte und abschließende Folge präsentiert Interviews mit Angehörigen sowie Ausschnitte aus der Veranstaltung zur Gedenkfeier am 11. April 2025 zum 80. Jahrestag der Befreiung des Strafgefängnisses Wolfenbüttel.

Podcast bei Spotify –  YouTube

Kostenloser Download „Gegen Mauern. Vier Leben, vier Kämpfe“: Play StoreApp Store

Die Projekt-Website bietet weiterführende Informationen über die beiden Forschungs- und Bildungsprojekte „2x (Un)Recht?“ und „Ewige Zuchthäusler?!“ an der Gedenkstätte in der JVA Wolfenbüttel: https://projekt-ezu.de/ 

TikTok-Kanal des Projekts „2x (Un)Recht?“:  TikTok 

Instagram-Kanal der Gedenkstätte in der JVA Wolfenbüttel: Instagram

Für weitere Informationen über die Stiftung EVZ und das Projekt: https://www.stiftung-evz.de/was-wir-foerdern/drittmittel-programme/bildungsagenda-ns-unrecht/projekte/2xunrecht/?utm_medium=social&utm_source=heylink.me

Für mehr Informationen zur Gedenkstätte in der JVA Wolfenbüttel: https://www.gedenkstaette-wolfenbuettel.de/

2x (Un)Recht? - Folge 1

Podcast 2x (Un)Recht? - Folge 1 - Cover
Komposition und finale Mischung: Ingo Bednarek
Regie und Producer: Riccardo Narciso
Redaktion: Dr. des. Friederike Apelt, Riccardo Narciso, David Paul, Martina Staats
Mitgewirkt haben: Dr. des. Friederike Apelt, Dr. Johann Custodis, Fiona Lehné, Riccardo Narciso, David Paul und Martina Staats

In dieser ersten Folge wird das Projekt „2x (Un)Recht? Partizipative App-Entwicklung zu den Folgen von Entschädigung für NS-Justizverurteilte“ vorgestellt. Die Folge bietet einen Einblick in das Projekt, insbesondere die Forschungs- und Vermittlungsansätze sowie die Kooperationspartner*innen, und stellt die Gedenkstätte und die Projektmitarbeitenden vor. 

Insgesamt stehen bei diesem Projekt die Angehörigen der Justizverurteilten und deren Schicksal im Vordergrund. Das Projekt fokussiert Biografien von NS-Justizverurteilten, die im Strafgefängnis Wolfenbüttel inhaftiert waren und nach der Befreiung auf den Gebieten der Bundesrepublik bzw. DDR lebten. Dabei werden ihre Bemühungen (bzw. die ihrer Angehörigen) um Entschädigung und Anerkennung systemvergleichend betrachtet.

Zeichner Jörn Peper bei der Arbeit und eine Kursteilnehmerin beim Testen des Spiels.
Zeichner Jörn Peper bei der Arbeit und eine Kursteilnehmerin beim Testen des Spiels.

Das Besondere am Projekt ist die Einbindung von Kursteilnehmer*innen des Kooperationspartners Arbeit und Leben Niedersachen auf dem zweiten Bildungsweg bei der Konzeption eines Serious Game, das mit Graphic Novel-Elementen vier Biografien von NS-Justizverurteilten vermittelt.

2x (Un)Recht? - Folge 2: „Erinnern heißt kämpfen“

Abbildung einer Frau vor kreisrundem grünen Hintergrund
Komposition und finale Mischung: Ingo Bednarek
Regie und Producer: Riccardo Narciso
Redaktion: Dr. des. Friederike Apelt, Riccardo Narciso, David Paul, Martina Staats
Mitgewirkt haben: Dr. des. Friederike Apelt, Fiona Lehné, David Paul, Martina Staats und Bea Trampenau

In dieser zweiten Folge erzählt die Zeitzeugin und Angehörige Bea Trampenau im Interview mit Martina Staats die eindrucksvolle Geschichte ihres Vaters Richard Trampenau. 1933, im Alter von 23 Jahren, wurde der junge Kommunist aus Hamburg vom Sondergericht Hannover wegen eines angeblichen Attentats auf Angehörige des rechtsnationalen Stahlhelmbundes zum Tode verurteilt. 1934 wurde das Urteil durch ein Gnadengesuch in lebenslange Haft umgewandelt. Fast elf Jahre war Richard Trampenau im Zuchthaus Celle inhaftiert. Am 6. April 1945 wurde Richard Trampenau zusammen mit vielen weiteren Inhaftierten aus dem Zuchthaus Celle in das Strafgefängnis Wolfenbüttel verlegt. Viele Gefangene starben während dieses Transports; die genaue Zahl ist nicht bekannt. Richard Trampenau wurde dabei schwer verletzt. Am 11. April 1945 befreite die US-Armee das Strafgefängnis Wolfenbüttel. Statt auf seine Entlassungspapiere zu warten, kletterte Richard Trampenau mit einer Leiter über die Gefängnismauer – seine Selbstbefreiung. Danach konnte er nach Hamburg zurückkehren.

Doch auch nach dem Krieg kämpfte er weiter: um Gerechtigkeit und gegen das Vergessen, um Anerkennung und Entschädigung für seine Inhaftierung und Verletzung. Dies prägte auch das Leben seiner Tochter Bea Trampenau. Für sie bedeutet daher Erinnern auch Kämpfen: „Man muss drum kämpfen, dass man gehört wird und dass es nicht vergessen wird“.

Unser besonderer Dank gilt Bea Trampenau für ihre Mitwirkung.

2x (Un)Recht? - Folge 2: „Erinnern heißt kämpfen“ - Bild 1
Bea Trampenau bei der Zukunftswerkstatt im Gespräch mit Gedenkstättenleiterin Martina Staats.

Für die ausführliche Biografie von Richard Trampenau siehe

https://projekt-ezu.de/richard-trampenau/

Für eine allgemeine Übersicht zu Entschädigung in der BRD siehe 

  • Entschädigung in der Bundesrepublik ab 1945 auf der Projekt-Website:

https://projekt-ezu.de/entschaedigung/entschaedigung-fuer-ns-verfolgte-in-der-brd/

  • Themenportal Wiedergutmachung: 

https://www.archivportal-d.de/content/themenportale/wiedergutmachung/geschichte

Für eine allgemeine Übersicht zu Entschädigung in der DDR siehe

  • Entschädigung für NS-Verfolgte in der DDR auf der Projekt-Website: 

https://projekt-ezu.de/entschaedigung/entschaedigung-fuer-ns-verfolgte-in-ddr/

  • Themenportal Wiedergutmachung: 

https://www.archivportal-d.de/content/themenportale/wiedergutmachung/geschichte

2x (Un)Recht? - Folge 3: “[...] das hat meinem Vater sehr geholfen”

Abbildung einer Frau vor kreisrundem grünen Hintergrund
Komposition und finale Mischung: Ingo Bednarek
Regie und Producer: Riccardo Narciso
Redaktion: Dr. des. Friederike Apelt, Riccardo Narciso, David Paul, Martina Staats
Mitgewirkt haben: Dr. des. Friederike Apelt, Fiona Lehné, David Paul, Jörn Peper, Janna Lölke und Andrea Mattes

Im Fokus der dritten Folge steht das Interview zwischen der Angehörigen und Zeitzeugin Andrea Mattes, Enkelin des NS-Justizverurteilten Ernst Harloff, und Janna Lölke, stellvertretender Leiterin der Gedenkstätte in der JVA Wolfenbüttel. 

In der Familie von Andrea Mattes wurde lange nicht über ihren Großvater Ernst Harloff gesprochen. 2020 erfuhr sie von seiner Hinrichtung während der NS-Zeit. Gemeinsam mit der Gedenkstätte Wolfenbüttel deckte sie Informationen über seine Verurteilung auf. Sie erhielt eine Bestätigung über die Aufhebung des Urteils und erhielt Entschädigung. 

Zudem erhalten die Zuhörer*innen Einblicke in den Ablauf unserer Zukunftswerkstätten, in denen Kursteilnehmer*innen des Kooperationspartners Arbeit und Leben Niedersachsen aus Braunschweig mit Angehörigen von NS-Justizverurteilten und dem Illustrator Jörn Jakob Peper ins Gespräch kamen und partizipativ an der Entwicklung des Serious Game „Gegen Mauern. Vier Leben, vier Kämpfe“ mitwirkten. 

 Unser besonderer Dank gilt Andrea Mattes für ihre Mitwirkung.

2x (Un)Recht? - Folge 3 - Bild 1
Andrea Mattes (rechts) bei der Zukunftswerkstatt mit Kursteilnehmer*innen.

Die Beispielzeichnungen von Jörn Peper zu Ernst Harloff und Richard Trampenau finden Sie zudem hier auf Instagram.

Für die ausführliche Biografie von Ernst Harloff siehe 

https://projekt-ezu.de/ernst-harloff/

Für eine allgemeine Übersicht zu Entschädigung in der BRD siehe 

  • Entschädigung in der Bundesrepublik ab 1945 auf der Projekt-Website:

https://projekt-ezu.de/entschaedigung/entschaedigung-fuer-ns-verfolgte-in-der-brd/

  • Themenportal Wiedergutmachung: 

https://www.archivportal-d.de/content/themenportale/wiedergutmachung/geschichte

Für eine allgemeine Übersicht zu Entschädigung in der DDR siehe

  • Entschädigung für NS-Verfolgte in der DDR auf der Projekt-Website:

https://projekt-ezu.de/entschaedigung/entschaedigung-fuer-ns-verfolgte-in-ddr/

  • Themenportal Wiedergutmachung: 

https://www.archivportal-d.de/content/themenportale/wiedergutmachung/geschichte

2x (Un)Recht? - Folge 4: 80 Jahre Erinnern sind nicht genug!

Alternatives Cover des Podcasts "2x(Un)Recht"
Komposition und finale Mischung: Ingo Bednarek
Regie und Producer: Riccardo Narciso
Redaktion: Dr. des. Friederike Apelt, Riccardo Narciso, David Paul, Martina Staats
Mitgewirkt haben: Dr. des. Friederike Apelt, Dr. Johann Custodis, Dr. Elke Gryglewski, Fiona Lehné, Larissa Ornat, David Paul, Martina Staats.

In der vierten Folge widmen wir uns dem 80. Jahrestag der Befreiung des Strafgefängnisses Wolfenbüttel am 11. April 2025. In der Folge kommen verschiedene Personen zu Wort, die zu diesem Anlass in Wolfenbüttel waren, vor allem die Angehörigen von im NS im Strafgefängnis Wolfenbüttel Inhaftierten.

Was bedeutet es für diese Familien, nach 80 Jahren an das erlittene Unrecht zu erinnern? Welche Geschichten wurden über Generationen hinweg bewahrt – welche mussten erst mühsam wiederentdeckt werden? Und welche Verantwortung tragen wir heute, damit dieses Erinnern lebendig bleibt?

Unser besonderer Dank gilt allen, die durch ihre Teilnahme an den Interviews oder ihre Beiträge diese Folge bereichert haben.

Links zu weiteren Podcasts

BR-Retro-Podcast „Das Wiedergutmachungsabkommen - Beginn einer Annäherung“

Die Sendung des Bayerischen Rundfunks wurde erstmals am 10. September 2012 im zweiten Programm des Senders im Rahmen der Reihe Radiowissen ausgestrahlt. Sie beschäftigt sich mit dem auch als Luxemburger Abkommen bezeichneten Wiedergutmachungsabkommen zwischen der Bundesrepublik Deutschland und Israel von 1952.

Deutschlandfunk-Podcast „Hannovers dunkles Erbe“

Der zweiteilige Podcast des Deutschlandfunks berichtet im „Tatort Kunst“ über das spannende Schicksal eines Bildes von Lovis Corinth, das im Namen der ehemaligen Besitzer von der Stadt Hannover zurückgefordert wird. Teil 1, Teil 2.

NS-Medizinverbrechen zwischen Verdrängung und Anerkennung

Der Podcast „NS-Medizinverbrechen zwischen Verdrängung und Anerkennung“ beschäftigt sich insbesondere in der sechsten Folge „Verweigerte Anerkennung – Das Ringen um die Entschädigung der Opfer“ mit dem jahrzehntelangen Kampf der Überlebenden um Wiedergutmachung. Der Podcast ist ein gemeinsames Projekt der Lehrstühle für Geschichte der Medizin sowie für Neueste Geschichte und Zeitgeschichte an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg.

Podcast rbb Retro „Wiedergutmachung“

Die beiden Folgen „Wiedergutmachung“ im Podcast „rbb Retro Programm nach Ansage“ geben eine zweiteilige Sendung des Sender Freies Berlin vom 1. April bzw. 15. Dezember 1964 wieder. Sie setzten sich intensiv mit den Problemen bei der Handhabung der Entschädigungsverfahren auseinander. Teil 1, Teil 2.

#ZumFeindGemacht-Podcast

Im Podcast der Social-Media-Kampagne #ZumFeindGemacht des Bundesverbandes Information & Beratung für NS-Verfolgte e.V. werden verschiedene Verfolgtenfälle nachgezeichnet und mit Hilfe von Expertinnen und Experten eingeordnet. Dabei werden auch Fragen der Wiedergutmachung thematisiert.

Zugehört!

In der Folge „Restitution von NS-Raubgut“ des Podcasts „Zugehört! – Militärhistorische und -soziologische Themen im Interview mit Expertinnen und Experten“  des Zentrums für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr berichtet Dr. Heiner Möllers im Dialog mit Birgit Schulte von der Recherche nach NS-Raubgut in den Bibliotheken der Bundeswehr.