Das Vichy-Regime in Sigmaringen - Frankreichs Hauptstadt in Oberschwaben
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Abt. Hauptstaatsarchiv Stuttgart, R 3/022 A190004/104
Landesarchiv Baden-Württemberg, Abt. Hauptstaatsarchiv Stuttgart, R 3/022 Hörfunksendungen des SWR aus dem Jahre 2019
Hörfunksendungen des SWR aus dem Jahre 2019 >> Unterlagen
10. September 2019
Im oberschwäbischen Sigmaringen beginnt im Herbst 1944 eine absurde Tragikomödie: Die Nationalsozialisten errichten für wenige Monate eine Art französische Gegen-Hauptstadt.
Im Juni 1940 wird Marschall Philippe Pétain Staatschef des von der Wehrmacht besetzten Frankreich. Pétains Regime aus Nazi-Kollaborateuren, Faschisten und Konservativen residiert zunächst in Vichy in der Auvergne.
Landung der Alliierten zwingt zum Handeln
Am 6. Juni 1944 verkündet General Dwight D. Eisenhower die Landung der Alliierten in der Normandie. Zweieinhalb Monate später befreien die Alliierten gemeinsam mit den Truppen Charles de Gaulles Paris. Philippe Pétain beschließt, sich seinem ehemaligen Schützling de Gaulle auszuliefern. Doch dazu kommt es nicht.
Auf Befehl von Hitlers Außenminister Joachim von Ribbentrop wird die gesamte Vichy-Regierung in einer Nacht- und Nebelaktion gewaltsam nach Sigmaringen gebracht. Von dort aus sollen die Kollaborateure - gesteuert von den Nationalsozialisten - die Wiedereroberung Frankreichs vorbereiten.
Drei-Gänge-Menüs auf dem Schloss, Hunger in der Stadt
Für Pétain und seine Entourage auf dem Hohenzollernschloss Sigmaringen gibt es große Betten, eine beeindruckende Bibliothek und jeden Tag ein fürstliches Dreigängemenü, erzählt der Sigmaringer Heinz Gauggel, der die Speisekarten von damals gesammelt hat.
In der Innenstadt - "unten", wo die einfachen Kollaborateure und Hunderte anderer Flüchtlinge hausen - leiden die Menschen Hunger, wie überall in Deutschland. Sie bekommen auf Lebensmittelkarten streng rationiertes Essen, meist das sogenannte "Stammgericht" aus Kraut und Rüben. Sie frieren, weil kein Brennholz da ist. Sie haben Durchfall, sind unterernährt oder ungewollt schwanger.
Während sich in Frankreich Verhaftungen und Hinrichtungen von Kollaborateuren häufen, spielen die Sigmaringer "Collabos" Paris an der Donau: Vorträge in französischer Sprache, französische Kulturveranstaltungen, eine französische Zeitung, Filmvorführungen, Theatervorführungen im alten fürstlichen Theater gegenüber dem Café Schön, wo man sich dann nachmittags traf.
Französische Radiosender mit Durchhalteparolen zum "Endsieg"
Die Vichy-Beamten versuchen in Sigmaringen, die Fassade eines Regierungsalltags aufrecht zu erhalten. Mit Kabinettssitzungen, mit Verlautbarungen und Erlassen. Mit einer japanischen, einer faschistisch-italienischen und einer deutschen Botschaft auf deutschem Boden.
Neben den offiziellen französischen Sendern, sendet auch "Ici la France" täglich in französischer Sprache - ein eigener Sigmaringer Radiosender. Das Programm ähnelt dem, was aus den deutschen Volksempfängern plärrt: Schlager, politische Kommentare, Nachrichten und Durchhalteparolen zum deutschen "Endsieg".
Ende 1944 stehen die alliierten Truppen an der sogenannten "Siegfried-Linie" am Rhein. Ein Liedchen spottet, dass nun bald französische Wäsche zum Trocknen an der Siegfried-Leine hängen werde. Jeden Tag fliegen alliierte Bomber über Sigmaringen und legen die Städte der Umgebung in Schutt und Asche: Ulm, Stuttgart, Pforzheim. Aber auch Nürnberg und München.
Trikolore wird eingeholt ¿ und von de Gaulles Leuten wieder aufgezogen
Die meisten Sigmaringer Franzosen machen sich aus dem Staub. Am 21. April 1945 um vier Uhr morgens holen Beamte der Gestapo schließlich auch die Vichy-Beamten aus dem Schloss und bringen sie in dunklen Limousinen außer Landes.
Die Trikolore auf dem Schlossturm wird eingeholt. Und einen Tag später wird sie wieder aufgezogen. Das sind nun die Franzosen, die unter der Führung Charles de Gaulles und mit Unterstützung der Amerikaner Nazi-Deutschland besetzten bzw. die Nazis vertrieben.
Philippe Pétain stellt sich in der Schweiz französischen Grenzbeamten. Er ist inzwischen 89 Jahre alt. In Paris wird er zum Tode verurteilt. Wegen seines hohen Alters wandelt Charles de Gaulle die Strafe aber sofort in eine lebenslange Verbannungsstrafe um, auf der Atlantikinsel Ile D¿Yeu. Alle anderen Vichy-Beamten werden vertrieben.
Im Juni 1940 wird Marschall Philippe Pétain Staatschef des von der Wehrmacht besetzten Frankreich. Pétains Regime aus Nazi-Kollaborateuren, Faschisten und Konservativen residiert zunächst in Vichy in der Auvergne.
Landung der Alliierten zwingt zum Handeln
Am 6. Juni 1944 verkündet General Dwight D. Eisenhower die Landung der Alliierten in der Normandie. Zweieinhalb Monate später befreien die Alliierten gemeinsam mit den Truppen Charles de Gaulles Paris. Philippe Pétain beschließt, sich seinem ehemaligen Schützling de Gaulle auszuliefern. Doch dazu kommt es nicht.
Auf Befehl von Hitlers Außenminister Joachim von Ribbentrop wird die gesamte Vichy-Regierung in einer Nacht- und Nebelaktion gewaltsam nach Sigmaringen gebracht. Von dort aus sollen die Kollaborateure - gesteuert von den Nationalsozialisten - die Wiedereroberung Frankreichs vorbereiten.
Drei-Gänge-Menüs auf dem Schloss, Hunger in der Stadt
Für Pétain und seine Entourage auf dem Hohenzollernschloss Sigmaringen gibt es große Betten, eine beeindruckende Bibliothek und jeden Tag ein fürstliches Dreigängemenü, erzählt der Sigmaringer Heinz Gauggel, der die Speisekarten von damals gesammelt hat.
In der Innenstadt - "unten", wo die einfachen Kollaborateure und Hunderte anderer Flüchtlinge hausen - leiden die Menschen Hunger, wie überall in Deutschland. Sie bekommen auf Lebensmittelkarten streng rationiertes Essen, meist das sogenannte "Stammgericht" aus Kraut und Rüben. Sie frieren, weil kein Brennholz da ist. Sie haben Durchfall, sind unterernährt oder ungewollt schwanger.
Während sich in Frankreich Verhaftungen und Hinrichtungen von Kollaborateuren häufen, spielen die Sigmaringer "Collabos" Paris an der Donau: Vorträge in französischer Sprache, französische Kulturveranstaltungen, eine französische Zeitung, Filmvorführungen, Theatervorführungen im alten fürstlichen Theater gegenüber dem Café Schön, wo man sich dann nachmittags traf.
Französische Radiosender mit Durchhalteparolen zum "Endsieg"
Die Vichy-Beamten versuchen in Sigmaringen, die Fassade eines Regierungsalltags aufrecht zu erhalten. Mit Kabinettssitzungen, mit Verlautbarungen und Erlassen. Mit einer japanischen, einer faschistisch-italienischen und einer deutschen Botschaft auf deutschem Boden.
Neben den offiziellen französischen Sendern, sendet auch "Ici la France" täglich in französischer Sprache - ein eigener Sigmaringer Radiosender. Das Programm ähnelt dem, was aus den deutschen Volksempfängern plärrt: Schlager, politische Kommentare, Nachrichten und Durchhalteparolen zum deutschen "Endsieg".
Ende 1944 stehen die alliierten Truppen an der sogenannten "Siegfried-Linie" am Rhein. Ein Liedchen spottet, dass nun bald französische Wäsche zum Trocknen an der Siegfried-Leine hängen werde. Jeden Tag fliegen alliierte Bomber über Sigmaringen und legen die Städte der Umgebung in Schutt und Asche: Ulm, Stuttgart, Pforzheim. Aber auch Nürnberg und München.
Trikolore wird eingeholt ¿ und von de Gaulles Leuten wieder aufgezogen
Die meisten Sigmaringer Franzosen machen sich aus dem Staub. Am 21. April 1945 um vier Uhr morgens holen Beamte der Gestapo schließlich auch die Vichy-Beamten aus dem Schloss und bringen sie in dunklen Limousinen außer Landes.
Die Trikolore auf dem Schlossturm wird eingeholt. Und einen Tag später wird sie wieder aufgezogen. Das sind nun die Franzosen, die unter der Führung Charles de Gaulles und mit Unterstützung der Amerikaner Nazi-Deutschland besetzten bzw. die Nazis vertrieben.
Philippe Pétain stellt sich in der Schweiz französischen Grenzbeamten. Er ist inzwischen 89 Jahre alt. In Paris wird er zum Tode verurteilt. Wegen seines hohen Alters wandelt Charles de Gaulle die Strafe aber sofort in eine lebenslange Verbannungsstrafe um, auf der Atlantikinsel Ile D¿Yeu. Alle anderen Vichy-Beamten werden vertrieben.
0'27
Audio-Visuelle Medien
Céline, Louis-Ferdinand; französischer Schriftsteller, promovierter Arzt, 1894-1961
Gauggel, Heinz; Friseur
Klünemann, Clemens; Honorarprofessor am Institut für Kulturmanagement an der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg, 1926-
Kreidler, Elisabeth; NS-Kreisfrauenführerin
Schläfer, Anni; Organistin
Ströbele, Anni; Köchin
Sigmaringen SIG; Französische Regierung Pétain
Vichy, Dép. Allier [F]
Angaben zum entzogenen Vermögen
Weitere Angaben
BZK-Nr.
Die Bundeszentralkartei (BZK) ist das zentrale Register des Bundes und der Länder zu den durchgeführten Entschädigungsverfahren. Bei der Aufnahme eines Verfahrens in die BZK wurde zur eindeutigen Identifizierung eine Nummer vergeben. Diese BZK-Nummer bezieht sich nicht auf eine Person, sondern auf ein Entschädigungsverfahren: Hat eine Person mehrere Ansprüche geltend gemacht (z.B. für sich selbst und für Angehörige), liegt im Normalfall für jedes Verfahren eine eigene BZK-Nummer vor. Häufig wurde als BZK-Nr. schlicht das Aktenzeichen der jeweiligen Entschädigungsbehörde übernommen.
Diese Nummer ist für eine Anfrage im entsprechenden Archiv wichtig.
Diese Nummer ist für eine Anfrage im entsprechenden Archiv wichtig.
Delikt nach NS-Justiz
Handlungen, die im Nationalsozialismus überhaupt erst kriminalisiert wurden (z.B. Heimtückegesetz, "Judenbegünstigung") oder die die NS-Justiz in verschärftem Maß verfolgte (z.B. Hochverrat).
Verfolgungsgrund
Die hier angegebenen Gründe orientieren sich am Wortlaut der in den Quellen genannten Verfolgungsgründe.
Rolle im Verfahren
„Verfolgt“ meint eine Person oder Organisation, die im Nationalsozialismus verfolgt wurde. Sie konnte im Rahmen der Wiedergutmachung Entschädigung oder Rückerstattung beantragen. Wenn der Antrag nicht von dem oder der Verfolgten selbst, sondern von einer anderen Person (zum Beispiel dem Sohn oder der Tochter) oder einer Organisation gestellt wurde, so wird diese als „antragstellend“ bezeichnet und ihre Beziehung zu dem oder der Verfolgten soweit bekannt vermerkt. In den Quellen wird für die Verfolgten auch der Begriff „Geschädigte“ und für die Antragstellenden der Begriff „Anspruchsberechtigte“ verwendet.
Suche im Archivportal-D
Weitere Archivalien zu dieser Person oder Organisation über die Wiedergutmachung hinaus können Sie eventuell im Archivportal-D finden.
Nähere Angaben zum Verfolgungsgrund
Ergänzende oder spezifischere Angaben zu Mitgliedschaft, Gruppenzugehörigkeit bzw. Gruppenzuschreibung, die Anlass für die Verfolgung war.
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21.11.2025, 15:20 MEZ
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