Nachlass Berthold, Friedrich Josef (Bestand)
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NL Berthold Friedrich Josef Nachlass Berthold, Friedrich Josef
Bayerisches Hauptstaatsarchiv (Archivtektonik) >> Beständetektonik des Bayerischen Hauptstaatsarchivs >> 5 Abteilung V: Nachlässe und Sammlungen >> 5.1 Nachlässe und Familienarchive >> 5.1.2 Nachlässe >> Nachlässe A - E
1932-2009
Vorwort: Friedrich (Fritz) Josef Berthold wurde am 25. April 1909 in Augsburg als Sohn eines Münchner Arztes und einer Südtirolerin geboren. Sein Jurastudium schloss er mit der Promotion ab.
Als Mitglied des VdA (Volksbund für das Deutschtum im Ausland) unternahm er 1935 mit dem Philosophieprofessor und Musikwissenschaftler Dr. Kurt Huber, der 1943 als Mitglied der Weißen Rose hingerichtet wurde, die sogenannten Gottscheefahrten in die Slowakei. (siehe dazu: Kurt Huber: Gottschee Fahrt 1935, Mitteilungen der Akademie zur wissenschaftlichen Erforschung und zur Pflege des Deutschtums, 1935, S. 673ff)
1937 heiratete er die Juristin Eleonore Russ (1912-1989) und wohnte mit ihr und dem 1942 geborenen Sohn im Hause der Schwiegereltern in der Reutterstraße 54 in München.
Zu Beginn des 2. Weltkrieges war er im Generalgouvernement Polen in Krakau unter Max Fraundorfer (Leiter des Hauptamtes Arbeit) tätig und besuchte 1941/1942 das Warschauer Getto. Er verfasste Berichte über die dortigen Zustände und gab sie an ausländische Diplomaten weiter.
Berthold meldete sich freiwillig zum Kriegsdienst, agitierte gleichzeitig in Südtirol gegen die Umsiedlungspolitik, wurde von der Gestapo verhaftet und wie auch seine Frau in Innsbruck vernommen. Eleonore stand der Weißen Rose nahe. Sie war bei verschiedenen Treffen im Atelier Eikemeyer an der Leopoldstraße 38 in München anwesend und als "Frau mit der Brosche" bei der Gestapo, die jedoch ihre Identität nicht entschlüsseln konnte, bekannt.
Nach längerer Krankheit kam Berthold zum Fronteinsatz nach Frankreich und war dort von 1943 bis Kriegsende stationiert. Er schloss Freundschaft mit einem wohlhabenden Mitglied der Resistance Maurice Garnier. Bei ihm verfasste er nachts Berichte über die Wehrmacht, Erschießungskommandos und vieles mehr. Er war der Gründer und Chef der ca. 70 bis 80 Mann starken österreichischen Widerstandsgruppe in Royan.
1945 kehrte Berthold nach München zurück und wurde sofort als Anwalt zugelassen. Er führte eine große Anwaltskanzlei am Maximiliansplatz 22 in München, engagierte sich in der Bayernpartei und war mit dem Vorsitzenden Joseph Baumgartner eng befreundet.
In der sogenannten Spielbankenaffäre (siehe dazu: Heinrich Senfft, Glück ist machbar, Köln 1988), die 1955 mit der Konzessionsvergabe an Privatpersonen begann, wurde Berthold am 6. Oktober 1959 auf offener Straße durch den Staatsanwalt Heinz Jörka spektakulär verhaftet. Er wurde 4 Wochen in Untersuchungshaft und weitere 4 Wochen in einer Nervenklinik interniert. Seine berufliche Existenz wurde durch Rufmord und das 14 Monate lange Ermittlungsverfahren zerstört. Er konnte jedoch seine Unschuld beweisen und wurde vollständig rehabilitiert. Als Schadensersatz erhielt er vom Freistaat Bayern 100.000 DM. Nachdem seine Kanzlei in der Zwischenzeit zusammengebrochen war, unterhielt er in seiner Wohnung Sophienstraße 1 in München nur noch eine kleine Kanzlei im Ein-Mann-Betrieb. Ab November 1964 wohnte er in der Barerstraße 50a in München.
Im Zuge der Terroristenfahndung kam er noch einmal ins Visier der Staatsanwaltschaft. Als er verhört werden sollte, erlitt er einen Hirnschlag, an dem er am 30. Januar 1981 verstarb.
Der Nachlass wurde am 19. Oktober 2009 von Dr. Peter Jakob Kock an das Bayerische Hauptstaatsarchiv abgegeben. Er enthält vor allem Dokumente zu Bertholds Aktivitäten während der NS-Zeit und seine Erinnerungsnotizen.
Sandra Karmann
München, 2010
Als Mitglied des VdA (Volksbund für das Deutschtum im Ausland) unternahm er 1935 mit dem Philosophieprofessor und Musikwissenschaftler Dr. Kurt Huber, der 1943 als Mitglied der Weißen Rose hingerichtet wurde, die sogenannten Gottscheefahrten in die Slowakei. (siehe dazu: Kurt Huber: Gottschee Fahrt 1935, Mitteilungen der Akademie zur wissenschaftlichen Erforschung und zur Pflege des Deutschtums, 1935, S. 673ff)
1937 heiratete er die Juristin Eleonore Russ (1912-1989) und wohnte mit ihr und dem 1942 geborenen Sohn im Hause der Schwiegereltern in der Reutterstraße 54 in München.
Zu Beginn des 2. Weltkrieges war er im Generalgouvernement Polen in Krakau unter Max Fraundorfer (Leiter des Hauptamtes Arbeit) tätig und besuchte 1941/1942 das Warschauer Getto. Er verfasste Berichte über die dortigen Zustände und gab sie an ausländische Diplomaten weiter.
Berthold meldete sich freiwillig zum Kriegsdienst, agitierte gleichzeitig in Südtirol gegen die Umsiedlungspolitik, wurde von der Gestapo verhaftet und wie auch seine Frau in Innsbruck vernommen. Eleonore stand der Weißen Rose nahe. Sie war bei verschiedenen Treffen im Atelier Eikemeyer an der Leopoldstraße 38 in München anwesend und als "Frau mit der Brosche" bei der Gestapo, die jedoch ihre Identität nicht entschlüsseln konnte, bekannt.
Nach längerer Krankheit kam Berthold zum Fronteinsatz nach Frankreich und war dort von 1943 bis Kriegsende stationiert. Er schloss Freundschaft mit einem wohlhabenden Mitglied der Resistance Maurice Garnier. Bei ihm verfasste er nachts Berichte über die Wehrmacht, Erschießungskommandos und vieles mehr. Er war der Gründer und Chef der ca. 70 bis 80 Mann starken österreichischen Widerstandsgruppe in Royan.
1945 kehrte Berthold nach München zurück und wurde sofort als Anwalt zugelassen. Er führte eine große Anwaltskanzlei am Maximiliansplatz 22 in München, engagierte sich in der Bayernpartei und war mit dem Vorsitzenden Joseph Baumgartner eng befreundet.
In der sogenannten Spielbankenaffäre (siehe dazu: Heinrich Senfft, Glück ist machbar, Köln 1988), die 1955 mit der Konzessionsvergabe an Privatpersonen begann, wurde Berthold am 6. Oktober 1959 auf offener Straße durch den Staatsanwalt Heinz Jörka spektakulär verhaftet. Er wurde 4 Wochen in Untersuchungshaft und weitere 4 Wochen in einer Nervenklinik interniert. Seine berufliche Existenz wurde durch Rufmord und das 14 Monate lange Ermittlungsverfahren zerstört. Er konnte jedoch seine Unschuld beweisen und wurde vollständig rehabilitiert. Als Schadensersatz erhielt er vom Freistaat Bayern 100.000 DM. Nachdem seine Kanzlei in der Zwischenzeit zusammengebrochen war, unterhielt er in seiner Wohnung Sophienstraße 1 in München nur noch eine kleine Kanzlei im Ein-Mann-Betrieb. Ab November 1964 wohnte er in der Barerstraße 50a in München.
Im Zuge der Terroristenfahndung kam er noch einmal ins Visier der Staatsanwaltschaft. Als er verhört werden sollte, erlitt er einen Hirnschlag, an dem er am 30. Januar 1981 verstarb.
Der Nachlass wurde am 19. Oktober 2009 von Dr. Peter Jakob Kock an das Bayerische Hauptstaatsarchiv abgegeben. Er enthält vor allem Dokumente zu Bertholds Aktivitäten während der NS-Zeit und seine Erinnerungsnotizen.
Sandra Karmann
München, 2010
19
Bestand
Akten
deutsch
Angaben zum entzogenen Vermögen
Weitere Angaben
BZK-Nr.
Die Bundeszentralkartei (BZK) ist das zentrale Register des Bundes und der Länder zu den durchgeführten Entschädigungsverfahren. Bei der Aufnahme eines Verfahrens in die BZK wurde zur eindeutigen Identifizierung eine Nummer vergeben. Diese BZK-Nummer bezieht sich nicht auf eine Person, sondern auf ein Entschädigungsverfahren: Hat eine Person mehrere Ansprüche geltend gemacht (z.B. für sich selbst und für Angehörige), liegt im Normalfall für jedes Verfahren eine eigene BZK-Nummer vor. Häufig wurde als BZK-Nr. schlicht das Aktenzeichen der jeweiligen Entschädigungsbehörde übernommen.
Diese Nummer ist für eine Anfrage im entsprechenden Archiv wichtig.
Diese Nummer ist für eine Anfrage im entsprechenden Archiv wichtig.
Delikt nach NS-Justiz
Handlungen, die im Nationalsozialismus überhaupt erst kriminalisiert wurden (z.B. Heimtückegesetz, "Judenbegünstigung") oder die die NS-Justiz in verschärftem Maß verfolgte (z.B. Hochverrat).
Verfolgungsgrund
Die hier angegebenen Gründe orientieren sich am Wortlaut der in den Quellen genannten Verfolgungsgründe.
Rolle im Verfahren
„Verfolgt“ meint eine Person oder Organisation, die im Nationalsozialismus verfolgt wurde. Sie konnte im Rahmen der Wiedergutmachung Entschädigung oder Rückerstattung beantragen. Wenn der Antrag nicht von dem oder der Verfolgten selbst, sondern von einer anderen Person (zum Beispiel dem Sohn oder der Tochter) oder einer Organisation gestellt wurde, so wird diese als „antragstellend“ bezeichnet und ihre Beziehung zu dem oder der Verfolgten soweit bekannt vermerkt. In den Quellen wird für die Verfolgten auch der Begriff „Geschädigte“ und für die Antragstellenden der Begriff „Anspruchsberechtigte“ verwendet.
Suche im Archivportal-D
Weitere Archivalien zu dieser Person oder Organisation über die Wiedergutmachung hinaus können Sie eventuell im Archivportal-D finden.
Nähere Angaben zum Verfolgungsgrund
Ergänzende oder spezifischere Angaben zu Mitgliedschaft, Gruppenzugehörigkeit bzw. Gruppenzuschreibung, die Anlass für die Verfolgung war.
03.04.2025, 11:04 MESZ