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Zentralarchiv für deutsche und internationale Kunstmarktforschung
Teil
A077_V_003_0001
A077 Galerien Thannhauser
Galerien Thannhauser >> Korrespondenz u. Dokumente zu Stiftungen Guggenheim und Kunstmuseum Bern
"Ansprache bei der Eröffnung der Ausstellung der Sammlung Justin Thannhauser im Kunstmuseum
Bern - 7. Juni 1978
Es muss im Jahre 1965 gewesen sein, als der schweizerische Generalkonsul in New York meiner Frau und mir während einer Tagung der Konferenz für Welthandel und Entwicklung in den Vereinten Nationen, die Anregung, machte, die Privatsammlung Justin Thannhausers zu besuchen; denn trotz; der soeben erfolgten bedeutenden Schenkung an das neue Guggenheim-Museum seien in seinem Haus an der 67. Strasse zwischen der 5th Avenue und Madison Meisterwerke der europäischen Kunst verblieben, die in europäischen Museen nicht zu sehen seien. Besucher aus der Schweiz würden bei Thannhausers immer bereitwillig empfangen. In der Tat bestand dieses fünfstöckige Haus nicht aus feierlichen Schauräumen, in denen
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die auserlesenen Bilder im ehrfürchtigen Flüsterton zU bestaunen waren, sondern war ein anregender Treffpunkt für Kunstfreunde, wo das Gespräch gedieh und häufig auch musiziert wurde; denn Justin Thannhauser spielte Violine und Klavier, war eng befreundet mit Rudolf Serkin und Adolf, Fritz und Hermann Busch. Wir erinnern uns: Sogar der Pudel von Frau Thannhauser liebte es, auf den Klavierstuhl zu springen und mit der Pfote auf die Tasten zu drücken. Vladimir Horowitz, Pablo Casals und George Szell waren Besucher in diesem Haus, in dem die Gründung der Marlborough-School in Vermont beschlossen wurde, um die Pflege der Kammermusik in den Vereinigten Staaten au verbreiten. Hier wehte mitten im geschäftigen Manhattan der Geist des umfassenden Kulturempfindens
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der alten Welt; das europäische Kunstverständnis, verkörpert und ausgestrahlt von Justin Thannhauser, seinem Lebensstil und seiner Bildersammlung.
Was hat diesen aussergewöhnlichen Menschen, den harte Schicksalsschläge nicht zu brechen, verbittern und entmutigen vermochten, der bis an sein Lebensende durch seine intensive Befassung mit Kunst heiter, froh und geläutert geblieben ist, befähigt, diese Rolle zu spielen und Wegbereiter zu sein für die moderne Kunst? Das Sensorium des Musikers, seine humanistische Bildung und Einfühlungsgabe haben ihm geholfen, den Zugang zu schwierigen Künstlerpersönlichkeiten zu finden; gleichzeitig hatte er das Glück - und manchmal auch den Zwang - in denjenigen Metropolen zu weilen, in denen das kulturelle Leben am reichhaltigsten war - sozusagen Augenzeuge der neuesten Entwicklungen und Durchbrüche in der
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modernen Malerei zu sein. Die anekdotenhafte Zeichnung Pascins vom vorweihnachtlichen Pokerspiel zwischen Justin Thannhauser und Kurt Lévy im Café du Dôme 1911 in Paris ist eine Momentaufnahme, die zeigt, wie spontan der junge Thannhauser in den Kreis der Künstler integriert wurde, weil seine Sensibilität offenbar der ihrigen entsprach.
So war es denn in Paris, wo Justin Thannhauser während seines Studienaufenthaltes vor dem ersten Weltkrieg seine ersten Eindrücke von der zeitgenössischen Kunstszene empfing und den Blick für neue Gestaltungsformen erwarb. Im Hause des deutschen Kunstschriftstellers Wilhelm Uhde. in dessen Begleitung er nach Henri Rousseaus Tod die bei Conciergen und Lebensmittelgeschäften des Quartiers verstreuten Bilder dieses Malers zusammengesucht und
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für die Nachwelt erhalten hatte, kam der junge Thannhauser erstmals mit dem Werk Picassos in Berührung. Er schilderte die entscheidende Entdeckung mit folgenden Worten: "Die kubisti-schen Porträts sagten mir nichts, und Uhde versuchte nicht, sie mir zu erklären. Eines Abends, als das Licht über der Seine verblasste, überlief es mich wie ein Schauer, als diese Bilder vor meinem Blick plötzlich lebendig wurden. Von da an besuchte ich Picasso fast täglich im Bateau-Lavoir."
Auch er hat dann, wie Uhde, keineswegs versucht, den Stil der neuen Kunst mit penetrantem Besserwissen dem Publikum beizubringen, sondern hat sich stets damit begnügt, Gelegenheiten zur Begegnung mit diesen unbewohnten Ausdrucksformen zu schaffen und dem Betrachter die Frische der eigenen Entdeckung und Einsicht zu überlassen. Die Aufforderung beschränkte sich
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darauf, das Neue ernsthaft zur Kenntnis zu nehmen. So ist im kurzen Vorwort des Katalogs der Picasso-Ausstellung von 1913 der Satz zu lesen: "Wenn manch einer, der sich nicht mit oberflächlicher Betrachtung zu begnügen pflegt, die Ausstellung mit der Überzeugung verlässt, hier den Ausfluss eines ernsten künstlerischen Wollens, eines einheitlichen künstlerischen Charakters und eines ganzen Mannes vor sich zu haben, so hat sie ihren Zweck nicht verfehlt. "
Diese Aufforderung, das Ungewohnte nicht einfach abzulehnen, sondern unvoreingenommen zu erproben, hat zu jeder Zeit volle Gültigkeit. Soll doch Picasso in späteren Jahren auf Thannhausers Frage, wen er als die bedeutendsten Nachwuchskünstler der neuen Generation betrachte, geantwortet haben: "Ils sont ici, là et là; mais nous
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n'avons pas encore les yeux pour les voir.“
Die Freundschaft mit Picasso wurde zur engen Verbundenheit, die sich während eines Menschenalters, dessen Spanne sich schicksalshaft mit derjenigen des grossen Künstlers deckte, fortsetzte und vertiefte. 1937 war Justin Thannhauser einer der ersten, die im Atelier der Avenue Clichy das Bild "Guernica" zu sehen bekamen, und, überwältigt von diesem Meisterwerk, sorgte er dafür, dass es anfangs August 1939 in die Ausstellung für das Museum of Modern Art in New York eingeschlossen, sofort abgeholt und dadurch noch rechtzeitig vor dem Krieg in Sicherheit gebracht wurde. Thannhauser war es, der 1947 Picasso in Golf Juan wieder ausfindig machte, wo er mit Françoise Gilot lebte, und in den sechziger Jahren in Cannes regelmässig, manchmal drei-
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bis viermal pro Woche besuchte. In jene Zeit fällt die Widmung des grossen Oelbildes "Le Homard et le Chat'. Die spontane Zuneigung der beiden Freunde findet einen weiteren Ausdruck in der humorvollen Filzstiftskizze „Pour Justin Thannhauser“ auf der Umschlagsseite des Graphikkatalogs von 1968.
Justin Thannhauser hat weltweit dauerhafte Spuren hinterlassen, denn es gibt kaum ein wichtiges Museum, das nicht das eine oder andere Meisterwerk durch ihn erworben hat. Aber diese Spuren verdichten sich zur kunsthistorisch bedeutsamen Aussage in den umfassenden Sammlungen, die er selber zusammengestellt und dann der Oeffentlichkeit zugänglich gemacht hat. Selbst für ein reiches Kunsthaus wie das Guggenheim-Museum in New York stellen die 75 von Thannhauser geschenkten Bilder das Fundament dar, auf dem die Ausstellungstätigkeit
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über die neuen Kunstrichtungen des 20. Jahrhunderts aufgebaut wird. Der Sammlung Thannhauser wurde daher ein besonderer Flügel gewidmet. Natürlich gilt das gleiche für das Berner Kunstmuseum, und es war die Absicht von Justin Thannhauser und ist die Absicht von Frau Hilde Thannhauser, durch grosszügige Zuwendungen aus ihrer Sammlung dazu beizutragen, die Bedeutung Berns als Kunstzentrum von Internationaler Ausstrahlung noch wesentlich zu verstärken. Diesem Ziel dient die heute eröffnete Ausstellung, die dem Publikum einen Begriff davon geben wird, weiche grossartigen Kunstwerke nunmehr in Bern ihre Heimat gefunden haben. Diesem Ziel - so darf ich mit Kenntnis und mit Billigung von Frau Thannhauser mitteilen - hofft sie weiterhin erkennbaren Ausdruck geben zu können und eines Tages in höchst prägnanter und greifbarer Weise zur Vollendung
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zu verhelfen.
Die Direktion des Kunstmuseums hat mich beauftragt, Ihnen, liebe Frau Thannhauser, öffentlich den Dank und die Hochschätzung für dieses Engagement für Bern zum Ausdruck zu bringen."
Dokument / Faksimile
Korrespondenz u. Dokumente zu Stiftungen Guggenheim und Kunstmuseum Bern
Angaben zum entzogenen Vermögen
Sonstige Angaben
BZK-Nr.
Die Bundeszentralkartei (BZK) ist das zentrale Register des Bundes und der Länder zu den durchgeführten Entschädigungsverfahren. Bei der Aufnahme eines Verfahrens in die BZK wurde zur eindeutigen Identifizierung eine Nummer vergeben. Diese BZK-Nummer bezieht sich nicht auf eine Person, sondern auf ein Entschädigungsverfahren: Hat eine Person mehrere Ansprüche geltend gemacht (z.B. für sich selbst und für Angehörige), liegt im Normalfall für jedes Verfahren eine eigene BZK-Nummer vor. Häufig wurde als BZK-Nr. schlicht das Aktenzeichen der jeweiligen Entschädigungsbehörde übernommen.
Diese Nummer ist für eine Anfrage im entsprechenden Archiv wichtig.
Delikt nach NS-Justiz
Handlungen, die im Nationalsozialismus überhaupt erst kriminalisiert wurden (z.B. Heimtückegesetz, "Judenbegünstigung") oder die die NS-Justiz in verschärftem Maß verfolgte (z.B. Hochverrat).
Verfolgungsgrund
Die hier angegebenen Gründe orientieren sich am Wortlaut der in den Quellen genannten Verfolgungsgründe.
Rolle im Verfahren
„Verfolgte Person“ meint eine Person, die einen Entschädigungsanspruch für einen Schaden durch NS-Verfolgung geltend machte. Wenn der Antrag nicht von der verfolgten Person selbst, sondern von einer anderen Person gestellt wurde, so wird diese als „antragstellend“ angegeben und ihre Beziehung zur verfolgten Person, soweit vorhanden, vermerkt. In den Quellen wird die verfolgte Person mitunter als „Geschädigter“, die antragstellende Person als „Anspruchsberechtigter“ bezeichnet.
Suche im Archivportal-D
Weitere Archivalien zu dieser Person über die Wiedergutmachung hinaus können Sie eventuell im Archivportal-D finden.
Nähere Angaben zum Verfolgungsgrund
Ergänzende oder spezifischere Angaben zu Mitgliedschaft, Gruppenzugehörigkeit bzw. Gruppenzuschreibung, die Anlass für die Verfolgung war.