Ausschnitte aus einer öffentlichen Diskussion mit Jean Paul Sartre in Berlin über seine Philosophie des Existentialismus anläßlich der Aufführung seines Stücks "Die Fliegen" im Hebbel-Theater
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Abt. Hauptstaatsarchiv Stuttgart, R 5/001 D451058/002
Landesarchiv Baden-Württemberg, Abt. Hauptstaatsarchiv Stuttgart, R 5/001 Tondokumente der SDR-Wortdokumentation aus den Jahren 1945 bis 1949
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Mittwoch, 11. Februar 1948
Lebhafte Diskussion mit viel Zwischenapplaus, Diskussionsleiter ist Günther Weisenborn. Überleitungen durch den REP. Zum Teil schlechte technische Qualität. ab 00'00: REP Einführung: Zu kontroversen Reaktionen auf die Aufführung der "Fliegen" durch Jürgen Fehling. Bei dieser Veranstaltung wurde zum ersten Mal in Deutschland persönlich mit Sartre über seine Ideen gesprochen. Vorstellung der Diskussionsteilnehmer (2'20) ab 02'20: (O-Ton) Prof. Peter Alfons Steininger, Universität Berlin: Wie will Sartre dieses Stück und seine Botschaft dem deutschen Volk gegenüber verantworten? Sartres Kampf gegen die Reue in den "Fliegen" ist eine Gefahr für die moralische Erneuerung des deutschen Volkes (0'26)/ab 02'54: (O-Ton, frz, danach und dazwischen dt Übersetzung vom französischen Kulturattaché Licet bzw. einem zweiten Dolmetscher N.N.) Jean Paul Sartre: Stück muß aus den französischen Umständen von 1941 bis 1943 erklärt werden - Franzosen waren feige, unterlegene Menschen geworden, Volksfront hatte den Krieg verloren. Stück hat 1948 nicht mehr den gleichen Wert wie 1943 (3'00) ab 06'03: (O-Ton) Günther Weisenborn, Herausgeber der Zeitschrift "Ulenspiegel": Zusammenfassung von Sartres Antwort (0'28) ab 06'32: (O-Ton) Steininger: Begrüßt die produktive Diskussion. Ist als soziologisch denkender Mensch sehr befriedigt darüber, daß Sartre die Bedeutung der Zeitgebundenheit seines Stückes erkannt hat. Muß deshalb auch verstehen, daß das Stück heute in Deutschland die Haltung der alten Nazis bekräftigt, die Reue unterdrücken wollen (1'20) ab 07'59: (O-Ton) Gert H. Theunissen, Schriftsteller: Frage nach Sartres Bild des Menschen. Figuren der "Fliegen" sind gewissenlos, Fehlen der Wertziele. Seiner Ansicht nach geht "dem Existieren das Wesen voraus, von Platon bis heute" - und nicht umgekehrt wie bei Sartre. Deutsche Jugend ist verwirrt. "Herr Sartre, ich bitte Sie, was ist Ihre Freiheit?" (2'32) ab 11'07: (O-Ton, frz, danach und dazwischen dt Übersetzung) Sartre: Zum Freiheitsbegriff des Existentialismus - dem Menschen muß unbegrenzte Freiheit und Verantwortlichkeit gegeben werden/Ziel, den Weg zu einer freien Gesellschaft zu finden. Befreiung des Menschen durch 1) metaphysische, 2) künstlerische und 3) politische und soziale Befreiung (5'45) ab 17'02: (O-Ton) Jürgen Fehling, Regisseur: Kritik an den vorbereiteten Reden der Diskussionsteilnehmer: "Also Kinder, um Gottes Willen, sprecht nur nicht so fürchterlich 'tiefschürflich', sondern sprecht ganz natürlich und improvisierend". Hat dauernd das Gefühl "Prophete Theunissen rechts, Prophete 'Steinhoff' links, das Weltkind Sartre in der Mitten" ... Bewunderung für Sartre (4'22) ab 21'39: (O-Ton dt Übersetzung der Antworten Sartres auf Fragen aus dem Publikum, dazwischen O-Ton Sartre): Entscheidung des Orest für die Freiheit. Hat nie beabsichtigt, Christus und Orest zu vergleichen. Erläuterungen zum Atheismus: heutiger Atheismus muß auch das ganze christliche Erbe übernehmen (7'20) ab 29'08: (O-Ton) Günther Weisenborn, Schlußwort: der Sartre-Rummel in Deutschland hat, wie bei dieser Begegnung zu sehen war, nichts mit Sartre zu tun. "Sartre hat uns das bewiesen in seiner wundervoll klaren, eleganten Art (begeisterter Applaus), in der Art, in der er mit uns diskutiert hat ... Wir danken nicht nur dem Dichter, Philosophen und Widerstandskämpfer, sondern wir danken ihm als Deutsche, daß er als Franzose hierhin gekommen ist, um sich mit uns auseinanderzusetzen." (Applaus) (0'58)
0:29:35
Audio-Visuelle Medien
Fehling, Jürgen; Theaterregisseur, Schauspieler, 1885-1968
Licet, ?
Steininger, Peter Alfons; Schriftsteller, Jurist, Hochschullehrer, Verfassungsrechtler, 1904-1980
Öffentliche Veranstaltung
Philosophie
Information on confiscated assets
Additional information
BZK no.
The Bundeszentralkartei (BZK) is the central register of the federal government and federal states for completed compensation proceedings. When a claim is entered into the BZK, a number is assigned for unique identification. This BZK number refers to a compensation claim, not to a person. If a person has made several claims (e.g. for themselves and for relatives), each claim generally has its own BZK number. Often, the file number of the respective compensation authority is used as the BZK number.
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Delict according to Nazi judicial system
Conduct that was first criminalized under National Socialism (e.g. the Treachery Act, ‘Judenbegünstigung’) or which the Nazi judiciary prosecuted more severely (e.g. high treason).
Reason for persecution
The reasons provided here are based on the wording in the reasons for persecution stated in the sources.
Role in the proceeding
‘Verfolgt’ refers to a person or organization that was persecuted under National Socialism. They could file a claim for compensation or restitution as part of the Wiedergutmachung policy. If the application was submitted by another person or organization than the persecutee (for example, their son or daughter), this other person or organization is designated as ‘antragstellend’ and their relationship to the persecutee is noted, if known. In the sources, the persecutee is sometimes referred to as ‘Geschädigter’ (aggrieved party) and the applicant as ‘Anspruchsberechtigter’(claimant).
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